Es ist so. Chef ruft an. Der, der vor Kurzem ankündigte, mich nachts zu überfahren, sollte ich mich woanders hinbewerben wollen. Der mit dem Rippunterhemd. Wir mögen uns. Manchmal sind wir vielleicht befreundet.
Vor Kurzem kam er uns besuchen, traf im Treppenhaus Zwack und seinen Freund. Zwack und Chef unterhielten sich kurz, scherzten. Außer Hörweite fragte Zwacks Freund erschrocken, woher Zwack denn solche Leute kenne.

Wie auch immer, er ruft an, Er wisse nicht, ob er das jetzt dürfe, aber er wolle nur sagen, also, das sei alles ganz bewundernswert und dann sei ich auch noch nett zu meinen Kindern. Und ob ich nächste Woche Zeit habe, er sei vielleicht in München. Wir müssten reden. Weil, er müsse mich jetzt weiterentwickeln und er sei schon über vierzig und die letzte innovative Phase seines Lebens stehe an. Klingt ein bisschen nach Rock’n’Roll. (Also, keinesfalls Rock’n’Roll. Wenn sie mich mal in Frankfurt in einem Auto mit Bassantrieb sehen, dann fährt Chef.)

Chef hat Ideen. Oft gute. Oft unverständliche. Immer große. Also, sehr große. Das klassische „Think big!“ ein Wimpernschlag. Am Ende mindestens Weltherrschaft. Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, ihn für unsere Organisation zu übersetzen. Glitzer, ich habe mit Chef telefoniert, ich habe nichts kapiert, sag mir, was er meinen könnte. Meistens funktioniert das ganz gut, manchmal erfinde ich was und keiner merkt es. Den Großteil meiner Zeit arbeite ich ganz gern.

Jedenfalls, ich solle Teil seiner letzten innovativen Phase werden. Das macht mir ein bissl Angst. In der Folge spricht er über Unternehmensgründungen (ja, Plural), Investitionen und Investoren, Netzwerke. Der letzten Gründung habe ich mich recht erfolgreich entzogen. Diesmal wird es sehr persönlich. Ich würde meine Kompetenzen zu klein denken und ich könne mich nur weiterentwickeln, wenn ich unsere Organisation verließe. Kurz werde ich hellhörig. Aber dann bleibe ich unbesorgt. Ich gehe nachts nicht raus, also kann er mich nächste Woche nicht überfahren. Wäre auch ein seltsames Geschäftsmodell.

Es ist so. Der Sonntag hängt zwischen allen Zeiten. Morgens füttere ich Otto. Das möchte sie manchmal, weil sie sich dann besonders bekümmert fühlt und das mag sie. Ich bin ein Baby, Mama! Später füttere ich meine Mama. Die möchte das eigentlich nicht, weil man ihr nicht helfen muss. Aber ehrlich gesagt, schafft sie es an diesem Tag nicht, selbst zu essen. Wahrscheinlich weiß sie auch nicht genau wozu.

Obwohl immer noch Pandemie ist, drängt alles in die nächste Woche. Die meisten Kinder kommen wieder in den Kindergarten. Zwack hat zweimal zweieinhalb Stunden Schule. Tim fährt nach Frankfurt.
Puh. Die letzten zwölf Wochen haben uns sehr auf uns zurückgeworfen und zugegeben, wir sind relativ gut durchgekommen. Gemessen an der Ausgangslage. Scheinbare Normalität, Ich packs dann, gute Woche. Alles, was zu heilen bereit war, reißt auf. Ich weiß nicht genau, wie ich diese Woche packen soll. Weil aber weder ärgern hilft noch verzweifeln oder sonstiges, lasse ich es einfach. Hebe mir meine Energie auf für die nächsten Tage. Die nächsten Dinge. Wird bestimmt gebraucht.
Dann höre ich auf zu denken, weil dann ist wieder JETZT. Und jetzt jubelt Otto hinter mir, Mama, schau! sie habe sich die Haare geschnitten! Strizzi verdreht die Augen, Zwack mosert, Das sei seine Bastelschere! Otto verteilt ihre Haare großzügig in der Wohnung und fragt, Mama, wie eigentlich ein Schabernack aussehe. Vielleicht wie sie? Vielleicht.
Dann fangen wir gemeinsam Hubi, das Schlossgespenst.

 

Es ist so. Ich habe Zwack versprochen, pünktlich zu seinem Geburtstag zurück im Urlaub zu sein. Alles wird zu knapp, die Zeit in Niederbayern drückt aufs Gemüt. Ein seltsames Abschiednehmen von Haus und Hund. Ein Besuch bei Mama, ich bringe Erdbeeren und Fotos, wir haben eine Stunde, bevor ich den nächsten Besuch verabrede.

Dann fahre ich das Auto zurück, hole Post, pflücke Erdbeeren, setze mich in den Zug. Am nächsten Tag ein gemütlich verregneter Geburtstag. Ein Akkordeon-Ständchen, ein Bulldog-Ausflug in den Wald. Strizzi erkennt Bäume, Otto sammelt Zapfen und Zweige, Zwack grinst, sagt mit seiner neuen Uhr regelmäßig die Zeit an. Mich beruhigt die Natur. Ich gehe abends lang spazieren, joggen scheint zu schnell. Eine Katze begleitet mich, mehr Ruhe.

Ich bleibe tagelang müde, organisiere die Zeit nach den Ferien. Zwack will auf keinen Fall in die Mittagsbetreuung. Strizzi will im September in die Schule. Die allerdings ist von seiner Existenz noch nicht überzeugt. Ich schreibe die dritte Nachricht, dass es ihn wirklich gibt, Impfbestätigung und Geburtsurkunde noch einmal anbei. Er wünscht sich eine Pandabär-Schultüte.

Wir wandern an Bächen entlang und je mehr ich mit den Kindern Pflanzen, Tiere und Wasser entdecke, umso mehr holt mich ein, was sich regelmäßig meldet: draußen sein zu wollen. Mehr. MehrDraußen. Ich suche mir eine nächste Fortbildung – ohne terrific Americans, mit Wildnis – und nehme mir fest vor, mit einer Berufscoach mal meine Fähigkeiten zusammenzupuzzlen. Das Wetter spült uns in Ausstellungen und Museen und ich freue mich, dass es so viele so gute für Kinder gibt. Schafwolle, Bärenkrallen, Flüsse aufstauen. Ich verabrede uns mit Freunden, die auch in der Gegend urlauben, freue mich auf noch einen Grillabend, gehe viel spazieren, treffe die immer gleiche Katze.

Die Träume werden von Nacht zu Nacht wirrer, bleiben tagsüber dumpf als Gefühl hängen. Noch ein bisschen Luft holen, noch ein paar Schritte voreinander setzen, bevor es wieder losgeht.

Es ist so. Ich bekomme trotz Reservierung nochmal kein Auto geliehen, maximaler Stress. Ich rufe Tim an, emotional null hilfreich, aber dann findet er es okay, seine Eltern zu fragen. Kurz darauf fällt mir mein Carsharing ein und ich ärgere mich, dass ich nicht früher drauf gekommen bin. Ich frage nicht gern, Sie wissen schon. Ein zweites Mal durch die Stadt. Mein Schwiegervater hat mir fünf auf vier Zentimeter ein Inhaltsverzeichnis des Autos dokumentiert, alphabetisch geordnet!, und verliert netterweise wenige Worte.

Als ich in Niederbayern ankomme, los, raten Sie! Genau, mein Papa war Polizist, der Schlüssel steckt von innen. Kurz, bevor ich mich ins Auto bette, bekomme ich Mama doch wachgeläutet. Sie freut sich, fragt viel, aber ich solle nicht antworten, weil oben alle schliefen, psssst. Dann löffelt sie ein bisschen Marmelade, bevor sie wieder schlafen geht.
Nachts die Mückenstiche und auch sonst wenig Schlaf. Der Morgen verläuft erstaunlich harmonisch, auch, als ich versuche, einen Koffer zu packen. Das stellen Sie sich leicht vor, gell, aber seien Sie ehrlich: wissen Sie, welches die Lieblingsshirts ihrer Mutter sind?

Ich gehe dazu über, Dinge direkt vom Wäscheständer in den Koffer zu packen, scheint mir als Garantie, dass Mama sie anziehen würde. Dann mache ich den Fehler, den Tipp meines Schwagers zu testen. Wir führen auf Kur. Oh! Keinesfalls! Nie stiege sie zu mir ins Auto! Ich packe rasch fertig, bringe den Koffer außer Sichtweite. Dann besorge ich alles neu, was ich auf die Schnelle nicht finden konnte.

Anschließend fahren wir zum Bäcker, zur Kirche, auf den Friedhof und einfach weiter auf die Autobahn. Mama merkt, dass ich nicht nach Hause fahre, geht davon aus, wir führen essen. Sie erkennt erstaunlich viel und fragt, ob wir mal in den Bayerischen Wald fahren könnten, für länger.

Am Klinikum immer noch gute Laune, bis ich mit einer Schwester rede. Und dann. Es ist immer noch Corona, Mama müsse zum Test und dann für vierundzwanzig Stunden in ein Einzelzimmer, ich könne jetzt aber nicht mit. Ich sei gemein!, ruft Mama und was das alles solle und sie habe im OP gearbeitet und alles sei in Ordnung und dann schließt sich die Tür und ich heule.

Es ist so. Otto wacht als Baby-Zucchini auf. Das ist neu, ziemlich unpraktisch und bringt ihr nicht sonderlich viele Sympathien bei ihren Brüdern ein. Sie überlegt, sie könne auch ein Hund sein, aber nur, wenn ich ein Einhorn sei. Klar. Warum ich ein Einhorn sei, Mama, aber die Antwort wartet sie nicht ab, endlich ist Mama mal was Tolles. Strizzi verdreht die Augen, schnappt sich ein paar Karotten, das Kaninchen füttern.

Wir haben frei. Ich bin ein bisschen traurig, dass die Berge soweit weg sind, meine Magengrube meldet sich, als wir durch Deine Fotos von damals fahren. Dennoch. In die Antworten leben.

Ich versuche, meine Leichtigkeit auf Tim zu übertragen, es klappt nur halb. Ich werde schwerer, fühle mich schnell belehrt und mit der Verantwortung für Stimmung, Programm, Essen, Wetter, Streichhölzer und Mücken ziemlich allein. Trotzdem: ich grille, spiele gleichzeitig mit Zwack und Strizzi Fußball, Frisbee und Federball, während Otto ein Sandeis nach dem anderen serviert. Für vierzighundertachtzig Euro die Kugel. Ich schmelze.

Dann klingelt das Telefon. Mein Chef, irgendwas und am Ende, Glitzer, diese Fortbildung, falls ich mich heimlich vom Acker machen wolle, alle oder keiner, er würde mich nachts überfahren kommen, haha, schönen Urlaub.

Dann klingelt das Telefon. Meine Kollegin, sie würde kündigen, nur, damit ich es früh genug wisse und nicht am ersten Tag nach dem Urlaub und überhaupt, sie ginge zurück nach Berlin. Dann macht sie diese Pausen, in denen ich betteln soll oder ohnmächtig werden und ich sage Schade und dass sie ihren Urlaub noch nehmen müsse.

Dann klingelt das Telefon. Ein Arzt. Ob die Überweisung meiner Mama ins Klinikum noch aktuell sei, ja, dann gerne morgen Vormittag.

Irgendwie bekomme ich kein Auto geliehen, setze mich in den Zug, um woanders ein Auto zu leihen. Vor der Abfahrt kaufe ich einen Malblock für Zwack, an den er sich panisch klammert, ebenso panisch schreit er Otto an, als sie mit dem Fuß über den weißen Strich am Bahnsteig tippt. Am liebsten würde ich ihn unter mein T-Shirt stecken und dauerkuscheln. Aber gleich werde ich ohne ihn einsteigen und er wird ein Bild malen und dann Bulldog fahren gehen. Es sind schließlich Ferien.

 

Es ist so. Der Mittwoch kann schon auch was. Er bringt einen Gummibaum. Einen Ableger von Wallys Gummibaum. Also, Wally bringt den Gummibaum. Für mein Zimmer. Sie hat mir auch schon eine Monstera für mein Zimmer abgelegt, nun der Gummibaum. Er kommt im Halbeglas, das in einem Gefrierbeutel steckt, quasi Gewächshaus. Und ich hätte nun Pflanzen mit GESCHICHTE! Das sei doch super! Das finde ich auch großartig, ich habe nur immer Angst, weil auch Pflanzen mit GESCHICHTE! eingehen, wenn man sie nicht gießt. Und was ist dann mit der Geschichte. Ich habe hier noch eine Orchidee stehen, vor lauter Geschichte, weil Hanni sie nicht wegwerfen wollte, weil von der Schwiegermutter. Aber Orchideen, bitte, auf keinen Fall. Ob ich nicht auf sie aufpassen könne. Bis zum nächsten Schwiegermutterbesuch jedenfalls.
Also, in meinem Zimmer stehen Pflanzen mit GESCHICHTE!  Immer, wenn ich sie anschaue, sehe ich Wally begeistert schmachten. Und höre ihren Mann ätzen, was man eigentlich tue, wenn die Dinge eine GESCHICHTE hätten, aber vielleicht trotzdem hässlich seien. Nun, der Gummibaum ist nicht hässlich, er ist ein Gummibaum im Halbeglas.

Außerdem am Mittwoch schließe ich eine Online-Ausbildung ab. Vielleicht sollte ich künftig mehr mit Amerikanern lernen. Immer so inspiring und engaging und terrific. Das alles hebt meine Laune und ich radele grinsend durch die Stadt.

Dann ist nicht mehr Mittwoch, sondern Freitag und ich fahre frühmorgens auf einen Berg, dessen Blühen ich dieses Jahr nicht schon wieder versäumen möchte. Richtige Pflanzen, draußen, Natur. Ostern war noch Schnee, jetzt sind Kühe. Die ersten Blumen und ich nehme mir vor, in zwei Wochen nochmal nach der Blühwiese zu gucken. Schneller Berg, windiger Ausblick, langer Hatscher am Ende. Ich friere, habe Anna Mabo im Ohr und bin’s froh.

Um mich herum wächst und gedeiht und blüht es, Strizzi und ich ernten Erdbeeren. Eigentlich ist mir wurscht, ob gerade Dienstag ist. Ich hab mich wieder die ganze Woche selbst dabei. Zeit wird’s.

 

 

Die GESCHICHTE! zu Anna Mabo ist schnell erzählt. Auf der Rückfahrt von meiner Mama kürzlich habe ich Radio gehört und jemand hat ein Lied von ihr gespielt. Und ich bin anfällig für Ohrwürmer. Und ja, meine Mama hat einen Hund.
Aber hören Sie gerne auch Vielleicht ist das Radio einfach hin und Wagner (das war das Lied aus dem Radio. Aber die anderen beiden sind die in meinem Kopf.).

Es ist so. Strizzi und Otto gehen wieder in den Kindergarten. Strizzi, weil er ein Vorschulkind ist und Otto,  weil Strizzi ein Vorschulkind ist und sie seine Schwester.
Glücksis, murmelt Zwack mit vorgeschobener Unterlippe, er darf nämlich nix. Kindergarten sei eh doof, mault Strizzi, Ja, gut, da seien Freunde, aber die Gruppe sei geteilt in Mädchen und Jungs und man dürfe auch bei strömendem Regen nicht in den Garten und nicht in die Turnhalle, wann man wolle, überhaupt dürfe man viel weniger, was man wolle. Aber es sei okay. Otto lächelt, wenn man sie nach dem Kindergarten fragt, ich glaube, sie freut sich einfach über andere Mädchen. Und darüber, die neue Struktur zu verstehen. Selig fragt sie mich beim Einschlafen, ob ich wisse, was blitzeblank sei und das sei aufgeräumt. Dann erzählt Strizzi einen Witz, bei dem er die Hälfte vergisst und alle schlafen kichernd ein.

Strizzi schläft so lange wie noch nie. Bis acht. Das macht aber nix, den zweiten Tag Kindergarten schenken wir uns gleich wieder. Das beschließe ich, als mein Chef montags im Rippunterhemd im Videocall auftaucht. Ich beschließe, dass Dienstag ein guter Tag wäre, raus zu sein. Ich habe seit Mitte März einige Dienstage ohne Arbeit mit Draußen verbracht und merke, ich kann mich gut daran gewöhnen.

Frühstück, anziehen, Freunde ins Auto, ab an den See. Wir fahren in die falsche Richtung, nach Süden, dabei ist im Norden das Wetter länger besser und wärmer. Aber mei, der Münchner Norden.
Am See großes Picknick, Fische erschrecken, Enten bekreischen, den Steg belagern. Nach zwei Stunden Gerenne ziehen sich alle Kinder aus. Alle. Ich hätte schwören können, dass Zwack nichtmal eine nasse große Zehe bekommt, jetzt schwimmt er und prustet und schreit, Wie kalt es sei, wie kalt, wie toll, so kalt! Otto läuft kreischend und sprudelnd und juchzend durchs Wasser, Strizzi spritzt wenigstens alle anderen und die Enten nass, kommt dann aber lieber wieder essen. Zum Aufwärmen auf das warme Holz legen.

Wir kaufen Erdbeeren am Straßenrand und besorgen noch ein paar Sommer-Dinge. Ich schicke Geburtstagsnachrichten an einen lieben Freund und abends sind wir alle müde und spüren die Sonne, die eigentlich gar nicht da war. Und wenn mein Horoskop behauptet, Mittwoch sei mein Tag, da muss sich der ordentlich was einfallen lassen. Ich stehe gerade sehr auf Dienstage.

 

 

 

 

Es ist so. Otto mag Tiere. Im Moment beschäftigt sie sich mit Stichtieren. Mücken, Bienen, Wespen. Igel seien auch Stichtiere, Mama! Oder! Und Einhörner? fragt Zwack. NEIN! Einhörner seien kein Stichtier, NIEMALS, protestiert Otto. Strizzi verdreht die Augen. Einhörner seien ohnehin Fa-bel-we-sen, tsss. Aber bei Igel falle ihm ein Witz ein! Später fällt ihm bei Stacheltier auch ein Witz ein. Nur bei Einhorn nicht.

Zum Geburtstag will Otto mir ein Einhorn malen. Sie beginnt mit vielen Punkten. Das seien die Schritte. Dann bezirzt sie ihren Bruder und instruiert ihn, ihr ein Einhorn zu den Schritten zu malen. Zwack malt ihr ein Einhorn. Mit Flügeln! So sähen die nämlich aus, die Einhörner. Zwack kichert, Ja, alle, die er gesehen habe, sähen so aus. Strizzi schnaubt, FA-BEL-WE-SEN, das seien FA-BEL-WE-SEN! Das sei doch nicht so schwer zu verstehen. Aber die Schritte seien ganz schön. Aber ob ein Einhorn mit diesen Libellenflügeln fliegen könne, naja. Sei ja für ein FABELWESEN nicht so wichtig. Otto ignoriert ihn und malt fleißig ihr Einhorn aus. Das habe der Zwack aber schön gemalt und jetzt müsse es bunt werden. Wieso wir so wenig Glitzer hätten.

Strizzi malt in der Zwischenzeit ein Wohnmobil auf einem Hänger. Zwack malt Kuchen. Mama, sie habe mir was gemalt! Ja, aber das dürfe sie nicht verraten, sagt Zwack schnell. Genau! pflichtet ihm Otto bei, Ein Einhorn und ein Pferd! Aber ohne Glitzer. Strizzi verdreht die Augen, Zwack kichert.

Dann geht es weiter über Tiere. Dass Einhörner keine Stichtiere seien und nachts im Regenbogen wohnten. Ich weiß nicht genau, woher sie das hat. Sie würde gerne mal eins sehen, vielleicht im Zoo. FA-BEL-WE-SEN, also jetzt mal wirklich! Otto schmollt. Sie will aber weiter über Tiere reden. Mama, MAMA! HÜHNER! Hühner übrigens, Mama, Hühner seien aus Hühnerfleisch. Und da hat sie auch ihren Strizzi wieder eingefangen. Der verdreht nicht die Augen, sie leuchten. Weil, genau, das stimme! sagt Strizzi. Und EINHÖRNER, die seien aus EINHORNFLEISCH! Und wann es mal wieder Schnitzel gäbe. Da leuchten mich sechs Augen erwartungsvoll an.

Es ist so. Ich wache auf, räkele mich und blinzele gemütlich in die Berge. Halb zehn. Aus der Küche duftet es nach Kaffee.
Okay, das war leicht, das war gelogen. Es ist halb sieben und Otto, die mich die Hälfte der Nacht getreten hat, ruft in mein Ohr, dass sie DRINGEND! MÜSSE! Sie müsse! dringend! gekrault werden! Das geht eigentlich noch.

Vier Marmeladenbrote später ist Strizzi zum ersten Mal furchtbar gelangweilt, Zwack will lieber nach Hause laufen als das hier alles und Otto haut ihre Brüder. So sind diese idyllischen Tage. Aber wir alle kriegen die Kurve.

Später sogar raus, balancieren, Tiere besuchen, Steinchen versenken. Auf Höhe der Ziegen verschwindet Otto. Das ist ein bissl Ding. Zum einen die Kreuzung aus drei Wegen, einer Bahnunterführung und einer Brücke. Zum anderen hat sie ein Laufrad und ist schnell, wenn sie mag. Außerdem ist sie die Kleinste und verschwindet allein deswegen aus dem Blick. Der Rest meiner Befürchtungen besteht aus: fremder Ort und schnelle Autos. Nun.
Am Ende natürlich ein Klassiker. Sie sei halt schonmal vorgefahren und wo wir so lange gewesen seien und voll unfair, dass sie die Ziegen nicht gesehen habe! UNFAIR! Ich schaffe es tatsächlich, sie erstmal zu loben, als wir außer Atem auf die Terrasse stolpern. Dass sie toll alleine nach Hause gefahren sei! Schön! Danach gibt es Kekse für alle. Das tröstet auch Strizzi, der die Kekse bei den Ziegen essen wollte, aber dann seine kleine Schwester suchen musste. UNFAIR! Überhaupt, UNFAIR (Zwacksche Variante), dass überhaupt jemand auf die Idee komme, man könne draußen rumlaufen.

Nach dem Mittagessen wieder alles doof, Der Parkplatz sei sicherlich nicht direkt am See, ob wir schon wieder laufen müssten, immer müssten wir laufen, da könne man gleich zurück nach München laufen, vielleicht habe der Parkplatz wegen Corona zu, ich würde schon sehen! Unfair! Das Fluchen nimmt ab, von Kletterfelsen zu Kletterfelsen, von Schneeblick zu Schneeblick, von Seeblau zu Seegrün. Wir werfen mehr Steinchen, spritzen, bauen, juchzen, Mama! Unbedingt hier der Umweg!, und am Ende müssen alle ein Eis essen, drei Stocksammlungen landen im Kofferraum. Wann fahren wir wieder hierher, eigentlich. An der Straße kaufen wir Erdbeeren.

Dieses Mal kriege ich den Grill schneller an, das Stockbrot dauert trotzdem ewig, der Heimweg auch. Strizzi muss ständig DRINGEND aufs Klo, aber dann doch nicht und dann gerade so doch schnell! Die letzten Kilometer erzählt er befreit einen Witz nach dem anderen, ich liebe Kinderwitze und die Art, auf die sie erzählt und geprustet und gekichert und verraten werden müssen. Leicht und sonnig rollen wir in die Stadt.

Luxus. Und Mangos.

Mai 18, 2020

Es ist so. Mein Kalender: Mai. Und weil ich mir nicht länger vorwerfen lassen will, ich nähme meine Arbeit zu ernst, stehen da außerdem eineinhalb Tage Kinder. Wir teilen die Tage gerade in Arbeit und Kinder. Einkaufen, Sport, Freihaben – das kommt da nicht vor. Aber! Eineinhalb Tage Kinder! Im Mai! Ein Traum.

Ich frage Tim gar nicht, weil ich mich noch so ärgere. Stattdessen sage ich den Kindern, sie sollen irgendwas einpacken. Zwack packt lange Klamotten und Comics. Strizzi packt Kekse, Taschenmesser und Thermoskanne. Otto packt Einhörner – praktischerweise also Klamotten und Spielzeug. Ich packe einfach alle ins Auto. Zuerst fahren wir zu den Kolleginnen, Mangos holen. Kurzer Sinn: ratschen, Espresso und zwei Kisten Mangos aus Burkina Faso. Allein der Duft!

Dann stellen wir uns durch die Baustellen der Stadt und kommen trotzdem irgendwann raus. Die Berge sehen aus wie eine gemalte Theaterkulisse. In den Mangoduft mischt sich Frühsommer.

Zum ersten Mal in meinem Leben werfe ich einen Grill an, die Kinder radeln durch die Gegend. Das Nachbarskind fragt durch die Rauchschwaden, wann unsere Mutter käme. Als ich ihm aus Begeisterung ein Würschtl anbiete, lehnt er ab, es sei schließlich Pandemie. Aber cool, dass wir ohne Eltern Feuer machen dürften.

Nach dem Essen wässert Strizzi den Garten, Otto wässert ihre Brüder und Zwack wässert den Grill. Alle kreischen. Mein Wunsch, die Schafe zu besuchen, wird begeistert niedergekrischen, wir bleiben zu Hause.

Als irgendwann alle schlafen, schaukele ich auf dem Balkon mit Mango und Bier, lausche dem Fluss, schaue auf den letzten Schnee in den Felsen. Es ist so schön, dass ich nicht schlafen gehen mag. Wenn ich morgen aufwache, sind da draußen immer noch Berge. Und weil ich den Vorhang offen lasse, muss ich nichtmal aufstehen, um sie zu sehen. Eineinhalb Tage Luxus. So kann Mai.