Schere im Kopf. Erster Sonntag der Fastenzeit.

Februar 21, 2010

„Sieben Wochen ohne Scheu“ – das Motto der Fastenzeit nimmt er sich wohl zu Herzen, mein Banknachbar, als er sich mir vorstellt. Ich kann leider nicht sprechen. Das geht mir seit Donnerstag Abend so. Möchte ich etwas sagen, knödelt allein ein Schluchzen aus meinem Hals. Ich weiß nicht genau, wo es herkommt, wann es aufhört und was es soll. Es ist einfach da. Ich akzeptiere es als meine Form von Reinigung. Andere kriegen Schnupfen oder legen Katheter. Ich heule.

Meine Schwester schickt mich an die frische Luft. Das helfe gegen Depression, gerade bei Sonne. Gut, ich mag einigermaßen unglaubwürdig klingen, als ich versuche, ihr klarzuknödeln, dass es mir gut ginge. Wenigstens vermeidet sie den Ausdruck „bei dem Wetter“ und sagt „bei Sonne“. „Bei dem Wetter“ ist ein Ausdruck unserer Mutter. „Fernsehen?! Bei DEM Wetter?!“ DAS Wetter ist übrigens immer, wenn es gerade kein anderes hat. Meine Emanzipation findet seit fünfzehn Jahren dergestalt statt, dass ich konsequent NICHT rausgehe, bei welchem Wetter auch immer. Aber heute schon, wegen der Sonne

Vor Kurzem ein Gespräch mit zwei Improvisationstheaterspielerinnen. Kurz zuvor inszenieren sie im Sturm der Spontaneität einen Gruselfilm. Auf die Frage, ob sie manchmal erschreckten, welche Sätze aus ihrem Kopf sprudelten, nicken beide vehement. Ja, meint die eine, sehr, vor allem, wenn sie ihre Mutter reden höre. Aber das sei das Gute – gleichzeitig das Schwerste – an Improvisationstheater: man schalte alle Scheren im Kopf aus.

Ich habe viele Scheren im Kopf. Eine politisch korrekte Schere, eine tolerante, eine Stockimarschschere, eine Frauenbewegungsschere, eine Schere der Aufklärung, eine Dassindsätzemeinermutterschere. Vor lauter Scheren muss ich manchmal zu Hause Sätze üben, damit ich sie kann, wenn ich sie brauche. „Ich möchte nicht.“ Das ist mein Lieblingssatz, samt der Erweiterung: „Entschuldigung, ich möchte mich nicht unterhalten.“ Das ist nicht einmal unhöflich, aber spontan könnte ich ihn nicht.

Vielleicht sollte ich ohne Scheu Scheren fasten. Einfach sieben Wochen alle Sätze sagen, die mir einfallen. Ich sehe meinen Banknachbar an und knödele: „Glitzer. Aber jetzt gehe ich raus. Ich möchte mich nicht unterhalten. Bei dem Wetter.“

Draußen atme ich ein wenig Sonne und überlege weitere Ausprägungen glitzernder Scheu und wie ich ihnen bis Ostern beikommen kann. Als mich auf dem Weg zur Pinakothek ein Herr anspricht, wieso ich so traurig schaue, antworte ich – Moment, schnippschnapp, ach nein, gerade nicht, Moment, zurück, äh – „Das geht Sie nichts an.“ Naja, nicht sonderlich originell. Aber für meine Verhältnisse hochrevolutionär. Es muss ja nicht sofort zum Tourette werden. Und: ich habe noch sieben Wochen.

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