Mikrokosmos Krankenhaus. Eine Verwirrung.

Februar 26, 2010

Ich merke, ich bin nervös. Bisher war ich relativ unbeteiligt. Aha, Krankenhaus, Diagnose steht noch aus, aber eine Operation sei nötig. In wenigen Minuten allerdings werde ich ein Bild zur Situation haben. Klein sei er geworden, hat sie erzählt. Also stelle ich mir vor, dass er in riesiger Krankenhausbettwäsche liegt und es den Anschein hat, dass man einen Lawinensensor benötige, ihn wiederzufinden. Bei alledem guckt er hoch verschmitzt und zufrieden.

In seinem Zimmer bin ich zunächst meiner alten Flötenlehrerin ausgesetzt. Mei, wunderschön, immer wenn sie eine Sternschnuppe sehe, frage sie sich, wo ich gerade rumspringe. Sie schließt zwei weitere wirre Sätze an und geht dann ganz schnell. Fieber messen. „Tschüs“, kann ich stammeln. Ein seltsames erstes Wort für einen Besuch. Ich blicke mich um und finde ihn überraschenderweise gleich. So klein ist er gar nicht, außerdem liegt er nicht in, sondern sitzt er auf seinem Bett. Das beruhigt mich. Er sieht nur kurz hoch, um dann weiter hochkonzentriert ein Bonbon auszuwickeln. „Glitzer, schön.“

Ja, schön. Unsicher frage ich eine bescheuerte Krankenhausfrage: „Und, wie geht’s?“ Er schimpft auf sein Doppelzimmer, zeigt mir aber stolz Radio und Fernseher und fragt, ob ich ihm was zu lesen mitgebracht hätte. Ach ja, das sei recht ärgerlich, mitten in der Nacht werde man geweckt, zum Blutdruckmessen, wer habe da schon Blutdruck. Seit Neuestem aber habe er Fieber und einen Gichtzehen. Ich muss fast lachen. Alle rätseln über die Bedeutung von „Geschwür“ und er spricht von der alten Bekannten Gicht.

Gicht ist seine Form von Stressreaktion. Was bei mir Ausschlag, Flechte oder Gürtelrose wird, wird bei ihm Gicht. Trotz allem wirkt er recht aufgeräumt, vielleicht ein wenig froh, dass was passiert. Dass er aus den eingefahrenen Rollen ausbrechen kann, endlich ein klarer Gegner auszumachen ist. Wir diskutieren Fischfang und Olympia, Bohrmaschinen und ob Schwesternschülerinnen grüne Kittel tragen oder ganz andere. Dann erklärt er mir das Krankenhaus.

Auf dem Gang treffe ich eine Nachbarin. Sie erzählt von Nasenbluten und wie man es richtig stoppt und was man auf keinen Fall tun darf. Außerdem sollte sie schon längst zu Hause sein, schließlich sei sie mit Kehrwoche dran. Was denn die Leute denken müssten!
Im Treppenhaus ein Bekannter, der schon lange nicht mehr in der Gegend wohnt, er spricht von Erholungsaufenthalt. Auf dem Weg zum Parkplatz eine Mitschülerin, sie sei zu dünn geworden, versucht sie zu scherzen. Und ob ich die F besucht habe, die sei auch hier – wegen des Valiums. Nein, es ginge ihr gut, nur, dass C nun hier Arzt sei, fände sie komisch. Für den wäre sie gern ein wenig hübscher.

Ich steige ins Auto und atme durch. Ich mag Krankenhäuser von außen schon nicht, aber die Struktur dieses Mikrokosmos’ potenziert das. Wenn man jeden Menschen auf der Welt über sieben Ecken kennt, dann sind es in einem Krankenhaus vielleicht nur zwei. Wie soll man jemals gesund werden, wenn man nicht mal in Ruhe krank sein kann?

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2 Antworten to “Mikrokosmos Krankenhaus. Eine Verwirrung.”

  1. Ich hab noch nicht ganz durchgeblickt, wer gerade wo und wiseo… Aber sie schreiben schön und ich komm nochmal vorbei und suche die Antworten auf die Fragen!

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