„Im Internet initiierte Kunstaktion, die sich spontan im öffentlichen Raum manifestiert.“

März 2, 2010

Heute habe ich ein Blatt Papier im Fach, das mir sagt, dass ich ein Jahr lang nicht mehr arbeiten muss. Gut, das steht da nicht. Nicht so direkt. Aber wenn man will, kann man das durchaus so lesen und ja, das möchte ich.
Das Papier schlüsselt auf, welche Gelder ich in 2009 einwerben konnte, um meine Stelle, meine Arbeit und mein Büro zu finanzieren. Ich lese, dass ich in 2009 meine Stelle gleich für 2010 mitfinanziert habe. Für mein Büro bliebe dann sogar noch was übrig.

Statt sofort nach Hause zu fahren, besuche ich – wohlerzogen, wie ich leider bin – unsere Dienstbesprechung. Wir stellen uns gegenseitig unsere Projektplanungen für 2011 vor.

„Gesundheit – Krankheit – Lebensqualität“ erscheint als vermeintlich attraktiver Titel. Ich merke an, dass dieser sich steigernde Dreiklang bei mir die Assoziation „morbide“ auslöst. Ich werde verlacht, ich sei ja noch jung. Kurz überschlagen: meine Kollegen sind im Schnitt 30 Jahre älter als ich. Dann halte ich den Mund, das gebührt der Jugend.

Bis ich dran bin. Alle nicken, freuen sich und lächeln. Als ich aus Versehen „Flashmob“ sage, nicken immer noch alle ganz angetan. Ich hatte mir fest vorgenommen, „im Internet initiierte Kunstaktion, die sich spontan im öffentlichen Raum manifestiert “ zu sagen. Nein, in einem unbedachten Moment: „Flashmob“. Als ich mit der Vorstellung aufhöre, herrscht Schweigen. Langes, freundliches, nickendes Schweigen.

„Ja“, räuspert sich mein Chef, „Sie sind ja für die junge Generation zuständig. Was ist das für ein Mob?“ Mein Sitznachbar kichert nervös. In letzter Zeit erkläre ich meinen Kollegen häufig das Internet. Dass man wikipedia nicht anrufen kann, wenn eine Information unvollständig oder gar inkorrekt ist. Was Twitter kann und wer Facebook ist. Wozu ich eine Blogoption möchte.

Ich sage „im Internet initiierte Kunstaktion, die sich spontan im öffentlichen Raum manifestiert“. Nicken. Das klingt soziologisch unterfüttert und nach Jugendforschung. „Aneignung“ lasse ich noch fallen, „Kunst, Politik, Demokratie“, „junge Menschen“. HA! Endlich! Diese Kategorien kennt man. Spürbare Entspannung breitet sich im Raum aus. Visuelles Schulterklopfen.

„Ja“, räuspert sich mein Chef, „Sie sind ja für die junge Generation zuständig.“

Ich überlege, doch lieber gleich nach Hause zu fahren und die junge Generation noch ein Jahr lang in Ruhe zu lassen. In diesem einen Jahr mache ich eine generationenübergreifende Fortbildung. Ich telefoniere ein Jahr lang Twitter hinterher und drucke jede neue Version von wikipedia aus, um sie abzuheften. Und bei Facebook baue ich meinen Schrebergarten nach. Mob? Den brauche ich nur zum Wischen. Privat, ohne Netz, ohne Kunst. Das würde uns allen helfen.

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