Tante Emmas Gurkenfass. Eine Einschlafgeschichte.

März 4, 2010

Heute wecken mich die letzten Töne des Nachtkonzerts. Das ist definitiv zu früh, aber es ist Donnerstag. Donnerstag beginnt immer kurz vor fünf.
An Donnerstagen versuche ich stets, das System Schule zu verstehen. Ich fungiere als externe Partnerin für ein Projekt im Q11. Das Projekt wird betreut von zwei Lehrerinnen und mir und von der Schulleitung augapfelsgleich gehütet. Letzteres ist ein Vorteil, bringt aber manchmal unberechenbare Dynamiken mit sich. Anrufe. „Frau Kugel, morgen sind wir doch nicht mit zehn Schülern bei Ihnen. Wir bringen 150 mit, ja?“
Der zuständige Herr aus dem Direktorat ist ein hoch motivierter Alt-68er, dem die Jugend von heute natürlich zu unpolitisch ist und der mindestens den Dalai Lama ins Projekt einbinden will. Wahrscheinlich mit 150 Tibetern. Aber darüber machen wir uns erst am Nachmittag vorher Gedanken.

Dann die beiden Lehrerinnen. Eine benotet die Schülerinnen und Schüler nach Schuhmarke und Frisur. „Findst nicht, glitzer, des sieht doch nicht ausreichend aus, oder? Und wie die dasteht.“ Die andere ist einer der höflichsten Menschen die ich kenne, mit der zurückhaltendsten Art und Weise zu sprechen, die ich je erlebt habe. Dazu gehört, dass sie beim Sprechen zur Klasse rückwärts in der Tafel verschwindet. Selten von Vorteil.

Wir reden viel über das Projekt und stimmen uns gefühlt ständig ab. Die Hälfte davon gilt ungefähr so lange, wie die Sprechblase dazu in der Luft hängt. Der viel größere und anstrengendere Rest ist aber der, der nicht kommuniziert wird. Die beiden Damen zum Beispiel reden nicht miteinander. Wie denn auch, wenn eine immer in der Tafel steht. Geschweige denn mit mir. Liegt vielleicht an den Schuhen.

Heute der Kurs. Er besteht aus verzweifelten Schülerinnen und Schülern, denen das G8 die Pubertät geklaut hat. Jetzt sollen sie klar denken, bräuchten aber Zeit für Hormone. „Ja“, sagt einer. „Schön, dass sie da sind. Weil alle anderen kommen nicht.“ Alle anderen sind die beiden Damen, deren Kurs das ist.
Dafür schwingt der Herr aus dem Direktorat herein. Er hat sich überlegt, über nachhaltigen Konsum zu reden. Das hat wenig mit dem Projekt zu tun, aber gut. Wenn wir schonmal hier sind. Er spricht darüber, wie schön und verpackungsarm es damals war, als die Essiggurken noch bei Tante Emma im Riesenholzfass schwammen. Ich denke an Ursuppe. Dann denke ich an „Stoana hat’s grengt und Stoana hamma gessn.“ Ich muss grinsen. Ein großes Problem: ich kann meine Mimik schwer kontrollieren. Ein anderes Problem: ich verfalle in alte schulische Verhaltensweisen: ich bekomme Hunger und werde müde. Irgendwann aber ist es rum. Ich grinse noch immer, aber um einiges müder. Mein Unterrichtskonsum war wenig nachhaltig, bestimmt. Tante Emma hin oder her.

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