„Isch ‚abe gar kein‘ Fortbildung.“ Von Zielgruppen und Verfehlungen.

März 17, 2010

Es gibt ein Lied von GUZ, in dem er sich über leserbriefschreibende Lehrer mokiert. Ich stehe vor so einem Exemplar. Nein, sie steht vor mir. Schwer atmend und wild gestikulierend pflügt sie sich über den Hof, um mir den Weg abzuschneiden. Sie schreibt keinen Leserbrief, wählt lieber die direkte Beschwerde.
„Frau Kugel“, hyperventiliert sie, was das bitteschön sei, das habe die Welt ja noch nicht gesehen, was mir einfalle! Eine Fortbildung für Lehrer anzubieten, auf der Kinder – SCHÜLER! – seien. Bei so einem Thema! Wo sie sich bitteschön beschweren könne. Und wie ich mit diesen Räumen umgehe, da hingen ja Kronleuchter und die Kinder könnten einfach mit den Straßenschuhen!
Beschwerdeadresse: meine Visitenkarte. Falls sie doch noch einen Brief schreiben möchte. Ansonsten: das Programm. „Kinderakademie“ steht da und „richtet sich an zehn- bis 12jährige Schülerinnen und Schüler“.
„Isch ’abe gar kein’ Fortbildung“ würde ich gerne sagen, doch dazu komme ich nicht mehr: ich werde überwältigt. Schockstarre. Die „Kinder“, die gerade anreisen, sehen aus wie 17. Notorisch unbeteiligt schleifen sie sich an die Anmeldung und können vor lauter Kaugummiblase kein einziges Wort sprechen. Ich habe Angst. Sie werden sich langweilen, schrecklich langweilen sogar und alles doof finden, mit Papierkugeln und Kaffeetassen werfen, Ritalin schlucken und das ganze Haus mit schlechten Möchtegernbeats beschallen. Auf der Liste sehe ich, dass sie 14 sind. Schlimm genug. In Gedanken ziehe ich das Ritalin ab.

Tatsächlich aber gibt es Teilnehmende, die das Programm wohl gelesen haben und Zielgruppe sind. Der Rest der Belegschaft ist begeistert. „Toll, Frau Kugel, dass sie hier mit diesen Würmern arbeiten! Herzzerreißend! Goldkinder! Wirklich!“ Kurz darauf fragt mich eines dieser herzzerreißenden 10jährigen Goldkinder mit großen Augen und noch größerer Unschuldsmine leise: „Glitzer, sag mal, der Referent, der hat doch ne Latte, oder? Liegt des an Dir?“

Im weiteren Verlauf notiere ich: Jonglage unter Kronleuchtern kann gelingen. Lehrerfortbildungen sollten Lesemodule beinhalten. 17jährige sind vielleicht erst 12 oder zehn, reden aber 17jährige Sätze. Spätzle mit Tomatensauce sehen seltsam aus, werden aber gemocht. Kinder sind begeistert, wenn sie unter dem Bett keine Staubflusen finden. Sie gucken auch wirklich nach. (Wahrscheinlich auf der Suche nach Chips.) Dann fahre ich nach Hause und finde, genug gelernt zu haben. Dabei war ich gar nicht Zielgruppe.

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2 Antworten to “„Isch ‚abe gar kein‘ Fortbildung.“ Von Zielgruppen und Verfehlungen.”

  1. Die 12-Jährigen mit dern 17-Jährigen-Sätzen gruseln mich auch immer wieder in der Bahn oder freien Wildbahn, ansonsten liest es sich doch wie: Alles richtig gemacht!

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