„Liebe Landsleute Auslandsdeutsche.“ Erste Eindrücke in Einigkeit und Recht und Sicherheit.

Oktober 5, 2010

Früher saßen in diesem Büro die Praktikanten. Die gibt es nun nicht mehr, wegen der Sicherheit. Nicht des Büros, des Landes. Dabei ist es nicht unsicher, das Land. Gut, das Nachbarland und die ehemalige Kolonialmacht fliegen Luftangriffe – aber über 1000 Kilometer entfernt und gegen Al Quaida, bitteschön, das ist doch nicht „das Land“. Land ist, durch die Strassen zum Supermarkt zu laufen. Alleine. Als Frau. Und nichts passiert.
Das würde ich auch tun, wenn Polen und Russland Al Quaida aus Görlitz hinausbombardierten, in München zum Supermarkt laufen. Wahrscheinlich.

Wobei. Das würde ich nicht. Erstens hinkt der Vergleich und überhaupt wird es nie eine Ortsgruppe Görlitz geben, von Al Quaida, denn dort gibt es blühende Landschaften und hier gibt es Wüste. Blühende Landschaften. Ich sage das ohne Ironie, schließlich bin ich eingeladen, auslandsdeutsch den Tag der deutschen Einheit zu feiern.

Ja, auslandsdeutsch. Das bin ich seit heute offiziell. Als auslandsdeutsch registriert man sich für den Krisenfall, der hier nicht eintreten wird, aber wenn, dann wird man angerufen. Falls ich möchte, dass mich im französischen Krisenfall auch die Franzosen anrufen, kann ich das ebenfalls angeben. Allerdings bezweifle ich, dass mich überhaupt irgendwann irgendwer anrufen würde, denn in der Rubrik „besondere Fähigkeiten im Krisenfall“ kann ich leider nichts angeben: keine außergewöhnlichen Sprachkenntnisse, das Dasein als Krankenschwestertochter zählt nicht zu Erste Hilfe und ob man schon mal jemanden aus einer Lawine gegraben hat, interessiert in der Wüste nicht. Und selbst das könnte ich nicht vorweisen. Diese umfassende Nichtbefähigung fühlt sich ein bisschen an, als habe man nicht gedient. Aber gut, es wird keinen Krisenfall geben und heute feiern wir sicherheitshalber den Tag der Deutschen Einheit.

Zu diesem Zweck bin ich nicht nur auslandsdeutsch, sondern auch „liebe Landsleute“. Das war ich noch nie. „Liebe Landsleute Auslandsdeutsche“. Das sagt zwar kein Mensch, auch der hauptberuflich auslandsdeutsche Botschafter nicht, aber so fühlt sich das an. Eingeschworen wie ein gallisches Dorf. Was ist die deutsche Entsprechung zu Gallien? Niederbayern?
Als die Hymne erklingt, salutiert die – im Gegensatz zu mir – dienende Bundeswehr. Die Soldaten können bestimmt alle was angeben in der Rubrik besondere Fähigkeiten. Wahrscheinlich aber ruft sie dennoch niemand an, weil sie ja ohnehin schon immer mitten drin sind, im Krisenfall. Den es nicht geben wird. Langsam arbeiten sich beständig Einigkeit und Recht und Freiheit durch die Reihen. Manche Augen der lieben Landsleute Auslandsdeutschen glänzen fast weihnachtlich.

Feierlich werden wir noch einmal begrüßt und ebenso die Honoratioren Kenias. Wir befinden uns überhaupt nicht in Kenia und außer der Frau des Botschafters sind auch keine Kenianer oder Kenianerinnen anwesend. Aber wen interessiert schon, wo genau man weg ist, wenn man nicht zu Hause ist. Ich hole mir noch ein Bier und versuche, mich wohlzufühlen.

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