Im Zeichen des Regenbogens. Eine zukunftsfähige Verzweiflung.

Oktober 12, 2010

Wie halten Sie es mit Ihrem Aszendenten? Nein, das ist durchaus keine lächerliche Frage. Vor Kurzem fragte man nach meinem Aszendenten. Mein Sternzeichen war aus meinem Verhalten wohl klar abzulesen, der Aszendent aber gab Rätsel auf. Auch mir. Ich musste nachschlagen, was das überhaupt sein sollte und wurde überrascht: mein Aszendent macht aus mir eine durchaus liebenswerte Persönlichkeit. Gerade in Kombination mit dem Mond. Gemeinsam kämpfen sie um meine Zukunft.

Leider halte ich Horoskope für ebensolchen Humbug wie Zukunft. Das Schicksal wollte aber, dass ich mich – wenn ich mich schon meinem Aszendenten verweigerte – anderweitig mit meinem Morgen befasste: In einem Gewinnspiel des flotten Mundwerks (eine zweifelhafte Gabe meines Sternzeichens) ereilte mich ein regenbogenfarbenes Tarot-Buch.  Zunächst im Fach für unzustellbare Post gestrandet (ich bekomme selten unzustellbare Post und sehe umso seltener in dieses Fach), trug mir unser Hausmeister die Sendung nach. Diese Hilfsbereitschaft verdankt er nach eigener Aussage seinem chinesischen Horoskop.

Es war Neumond, das weiß ich zufällig, da zu solchen Zeitpunkten Neuanfänge empfohlen sind (ganz im Gegensatz zum Warzenbesprechen) und so befragte ich das Buch samt Karten nach meiner Situation, der Liebe und den neuen Perspektiven der Welt. Allerdings erteilten die Karten Ratschläge, die meinem Aszendenten so gar nicht in den Kram passten und mein Wesen sehr beunruhigten, ja, gar aus dem kosmischen Einklang warfen. Selbst ein traditioneller Zimbeltanz mit Räucherstäbcheneinsatz und Pendelbeschwörung (leider habe ich Angst vor Schlangen) konnte mir das prophezeite Omen nicht aus dem Kopf vertreiben.

Was tun? Ich musste das Unheil bringende Buch loswerden. Unbedingt. Aber man kann ein Schicksalsbuch der Kartenlesekunst ja schlecht einfach im Altpapier entsorgen. Das brächte bestimmt Unglück und bei meinem Baumhoroskop würde ich dabei noch das Salz umwerfen. Also stellte ich das Buch vorübergehend in das Regal, in der Überzeugung, es habe seinen Weg zu mir gesucht und würde ihn auch von mir weg finden – wenn es an der Zeit sei. Dafür ist schließlich das Universum zuständig.
Da ich das Zeitmanagement des Universums ein wenig unterstützen wollte, baute ich nach, was ich auf einer Reise schätzen gelernt hatte: ein Fuchsorakel. Es sollte mir zunächst sagen, wie ich das Buch loswerden konnte und dann, wohin mich eine Zukunft jenseits des Tarots führen würde.

Ach, Sie kennen das Fuchsorakel gar nicht? Lassen Sie mich das Prinzip kurz erklären. Ein Fuchsorakel besteht aus einem ein auf circa drei Meter abgestecktem Feld. Diesem Feld stellt man in der Abenddämmerung eine Frage, die man mit Stöckchen, Kerben und Furchen klarer definiert. Des Nachts läuft der Fuchs über das Feld und aus seinen Spuren bleibt die Antwort abzulesen.
Sie haben das Manko erkannt: ich verfügte über keinen zuverlässigen Fuchs und wagte nicht zu hoffen – Hoffnung, ich bitte Sie! –, dass im vierten Stock zufällig einer vorbeispaziert käme. Aber ich hatte schon an einigen Abenden eine Maus auf meinem Balkon beobachtet. Ich schüttete also ein orakelwürdiges Feld aus Blumenerde auf meinen Betonbalkon (er ist bombensicher vor Wasseradern) und stellte dem Balkon – pardon, dem Orakel – meine Frage nach der Entsorgung des Buches.

In dieser Nacht schlief ich aufgeregt schlecht und träumte unheilbringende Symbole. Bei Sonnenaufgang stürzte ich auf den Balkon und fand: nichts. Keine einzige Spur. Sollte ich das Buch etwa behalten? War das mein Schicksal? „Guten Morgen!“ hörte ich meinen Nachbarn. „Sehen Sie – endlich erwischt.“ Er hielt mir mein Medium entgegen – tot in einer Schnappfalle. Ich ließ mir meine Erschütterung nicht anmerken und fragte ihn, ob ich sie haben könne, um wenigstens aus ihren Eingeweiden zu lesen. Er sah mich an, als sei ich verrückt geworden. Ob ich es schon mit Yoga versucht habe. Gegen die Anspannung. Oder ob ich lieber einen Schnaps wolle.

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