Bitte fahren Sie weiter. Hier gibt es nichts zu sehen.

Dezember 2, 2010

Ja, ich habe lange nichts geschrieben. Ich könnte behaupten, ich sei viel unterwegs. Das stimmt allerdings nicht. Selbst, wenn ich unterwegs wäre, würde ich vor allem rumstehen. Ich bin mit Abdoulaye unterwegs. Da ist insofern hilfreich, als er die Stadt kennt und sich in ihr bewegen kann, wenn man nicht gerade rumsteht.

Es ist so: durch diese Stadt fliesst ein Fluss, über diesen führen zwei Brücken. Über diese beiden Brücken fahren morgens alle mehr oder weniger motorisierten Fahrzeuge in die Stadt und abends wieder aus der Stadt. Zu diesen Hauptverkehrszeiten ist jeweils eine Brücke nur in eine Richtung geöffnet, die andere bedient die weniger frequentierte Richtung auch nur mit einer Spur. Lebensmüde Verkehrspolizisten (für diesen Beruf muss man hier lebensmüde sein, ebenso wie für das Fahren von Zweirädern) regeln das, indem sie sich pfeifend vor Autos werfen, die in die falsche Richtung zu fahren versuchen.

Abdoulaye und ich sind also gestern Abend in Richtung der alten Brücke unterwegs, das ist: wir stehen im Stau. Nein, richtig: wir stehen im Verkehrsknoten. Um genau zu sein: wir sind der Verkehrsknoten. Eines der vielen Herzen des Verkehrsknoten. In unserer direkten Nachbarschaft befinden sich drei Taxis, vier Pick-ups, ein liegengebliebener LKW, neun Mopeds, ein Esels- und ein Handkarren, ein halbes Fahrrad, zwei Sammelbusse. (Für eine profunde Verkehrsanalyse rechnen Sie das einfach in einen Quadratkilometer um.)  Diese Gefährte (und die circa  93 dazugehörigen Personen plus Esel) stauen sich wenig synchron in unterschiedlicher Fahrtrichtung, folgen aber einem ähnlichen Huprhythmus. („Lane discipline! They don’t have any lane discipline!“, höre ich in solchen Situationen einen britischen Freund rufen. Das allerdings auf Malta.)

Abdoulaye zum Beispiel hupt regelmässig einen der Pick-ups vor uns an, da der keine Ahnung vom Autofahren habe. (In meiner laienhaften Wahrnehmung würde ich behaupten, er k ö n n  e überhaupt nicht fahren, weil nämlich Stau ist, aber Abdoulaye sieht das anders.) Er seinerseits schliesst jeden Zentimeter Lücke, was uns das Hupen der Mopeds, die Flüche der Taxis und das wütende Fuchteln des Vordermannes einbringt, der unseren Kuhfänger bedrohlich nah empfindet. Nach einer halben Stunde und zwei Metern treffen wir im Verkehrsknoten einen Bekannten, der uns eine Spur blockiert. „On est ensemble.“ Das freudige Hupen von Abdoulaye und Oumar vermischt sich mit dem aufgeregten Hupen aller anderen Verkehrsknotenpunkte und der Trillerpfeife des Verkehrspolizisten.
Wir aber bilden einen wilden Zweierkonvoi.

Noch lange.

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