Sprechen Sie mit mir auf A1. Und grüssen Sie Ihre Familie.

Dezember 7, 2010

Es ist so. Ich habe ein Telefon. Wer nicht vorbeikommen kann, ruft an. Ich telefoniere nicht sonderlich gerne, noch weniger in einer Sprache, die nicht meine ist. Trotzdem hebe ich manchmal ab, wenn es klingelt. Heute zum Beispiel.

Manchmal habe ich den Verdacht, dass ich vielleicht gar nicht weiss, wie man hier telefoniert. Dabei scheint es zunächst nicht weiter ungewöhnlich. Es klingelt. So weit, so normal. (Über hiesige Klingeltöne berichte ein ander Mal. Mit Hörproben, versprochen.) Ich hebe – je nach Tagesform – ab.

– Glitzer, bonjour.
Am anderen Ende der Leitung: nichts. Ein neuer Versuch.

– Bonjour?
Oui, bonjour.
Ich bin erleichtert, es hat tatsächlich jemand angerufen.
– Bonjour, hier spricht Glitzer.
Madame Glitzer? Ja?
– Ja, Glitzer.
Ah, Madame Glitzer!
Der erstaunte Tonfall lässt mich kurz überlegen, ob vielleicht i c h das andere Ende der Leitung angerufen habe, dann aber werden meine Gedanken unterbrochen.

Madame Glitzer! Hoch erfreut! Ça va ? Et la famille ?
Das kennen Sie ja bereits. Ich gebe also Auskunft darüber, wie es mir geht, wie es meiner Familie geht, ob ich gut geschlafen habe, was die Arbeit so macht und erfahre das auch vom anderen Ende der Leitung. Manchmal legt das andere Ende der Leitung danach auf, schönen Tag, Grüsse an die Familie, bleiben Sie gesund. Ich aber bleibe hilflos, fragend, ob es mir nicht richtig ginge, ob ich nicht richtig verstanden habe, vielleicht, zu wenig Anteilnahme an der Floskelei zeigte. Dann fällt mir ein, dass ich noch gar nicht weiss, wer dran ist. Beziehungsweise war. Geschweige denn den Grund des Anrufs.
Heute legt das andere Ende der Leitung nicht auf.

– Alors, Sie haben angerufen.
Pardon? Ach so? Ja. Madame Glitzer, sind Sie Madame Glitzer? Madame Glitzer, sprechen Sie mit mir auf A1.
Jetzt ist das Erstaunen ganz auf meiner Seite.
– Entschuldigen Sie bitte, ich…
Nein, nein, nein, auf Deutsch. Sprechen Sie mit mir auf A1. Auf Deutsch.
Ich kombiniere, dass das andere Ende der Leitung, das im Übrigen ausgezeichnet geschlafen hat, testen möchte, ob es für irgend etwas ausreichende Sprachkenntnisse besitzt. Ich spreche auf Deutsch in einfachen Sätzen wirres Zeug im Präsens. Ich halte das für A1.

D’accord. Und jetzt: B1.
Ich spreche auf Deutsch schwierigere, längere Sätze mit Vergangenheitsformen, bis ich gebeten werde aufzuhören und zu erklären, was denn bitteschön B2 sei. Habe ich erwähnt, dass ich so gut wie nichts mit Sprachenlernen oder –lehren zu tun habe, abseits meiner persönlichen Anstrengungen? Ich stammele eloquent, was ich für B2 halte.
Interessant. Sind Sie Madame Glitzer? Oui? Ich rufe Sie wieder an. Ich möchte B2 üben. Klick.

Interessant. Ich staune und überlege, auf welchem Sprachniveau man zu telefonieren lernt. Oder ob ich extra Stunden nehmen sollte. Grüssen Sie in jedem Fall Ihre Familie.

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