Augen auf, Ohren auf. Ein Lob auf den Tunnelblick.

Dezember 17, 2010

Seit vorgestern also zähle ich zu den aktiven Teilnehmern am Straßenverkehr. Wie es sich für eine gute Verkehrsteilnehmerin gehört, versuche ich, verschiedene Regeln zu beherzigen.

Erstens: nie den Eindruck erwecken, man würde nicht fahren. Ich halte also drauf. Immer. Wer bremst, verliert. Das kenne ich noch aus meiner niederbayerischen Fahrschule. „Sei koa Verkehrshindernis, Glitzer.“ Tatsächlich, hier wie in Niederbayern gilt das Recht der Stärkeren oder Schnelleren. Wer stehen bleibt, wird vom Verkehr verschluckt und wird die Kreuzung NIE verlassen können. Man muss sich das vorstellen wie eines dieser Wimmelbilder in den Bilderbüchern. Nur, dass eine hiesige Kreuzung bewegt wimmelt, wohingegen eine niederbayerische Kreuzung selten wimmelt.

Um das Gewimmel zu strukturieren, hat sich eine Hackordnung evolutioniert: Rollstühle, Fußgänger, Eselskarren (zu Fuß begleitet), Fahrräder, Esel, Pferde, Mopeds aus China, Mopeds aus Japan, andere Mopeds und Roller, Motorräder, Sammeltaxis, Autos, Taxis, Geländewagen. Je nach Zustand der Vehikel kann sich das etwas verschieben, weshalb ich Busse und Lastwagen einfach gar nicht aufzähle, ebenso variiert die Hackordnung nach Provenienz der Fahrerinnen oder Fahrer. Stadtneulinge wie ich hüten sich also vor Taxis, aber wenn möglich, hefte ich mich an die Anhängerkupplung eines Geländewagens.

Regel Nummer zwei nämlich besagt aus dem Wimmelbild logisch gefolgert: keinen Zentimeter vor der Stoßstange bzw. auch keinen Zentimeter Stoßstange verschenken. Gut, ich gebe zu, im Stau bergauf mache ich das von der Qualität des vor mir stehenden Wagens abhängig. Alle anderen Zentimeter rund ums Auto kann man ohnehin nicht kontrollieren.

Hilfreich bei allem: der Tunnelblick. Damit meine ich nicht, dass man grundsätzlich betrunken fahren sollte. Vielmehr aber würde man Regel eins nicht einhalten können, würde man sich auf jede rutschende Dachladung konzentrieren, jedes flatternde Huhn an einem Motorradlenker oder auf jeden Blinker, der einfach blinkt. (Blinker ignoriere ich grundsätzlich. Ihnen folgt in den meisten Fällen keine Aktion. Wer wirklich abbiegen möchte, weiß, wohin und blinkt deshalb ohnehin nicht.)

Die anderen Regeln sind einfach. Immer mit allem rechnen, an umgekippten Tanklastern schnell vorbeifahren, über Land nie alleine und nicht bei Dunkelheit, angefahrene Schafe, Esel und Rinder kosten unterschiedlich viel und am besten: nicht auffallen.

Nicht auffallen ist schwierig. Das Auto, das mir zur Verfügung steht, ist mit einem Kooperations-Aufkleber geschmückt, es ist sofort klar, woher ich komme. Das ist grundsätzlich gefährlich, vor allem, weil Leute wie ich gerne mal aufgehalten werden. Wenn man an Stopschildern hält, beispielsweise. Bonjour, ça va. Die Frage nach der Familie entfällt. Auch will der Gendarm nicht wissen, wie ich geschlafen habe.
Ich hätte nicht ordnungsgemäß gehalten. Ich schaue fragend, ich stünde doch im Moment v o r dem Stopschild. Ja, aber doch wohl nur, weil er mich aufgehalten habe. Ich verstehe nicht, wieso er mich aufgehalten habe, damit ich vor dem Stopschild stehenbliebe, wenn er gar nicht wissen konnte, ob ich nicht vielleicht von selbst stehen geblieben wäre. Non, Madame, so gehe das nicht und außerdem wolle er, nein, nicht die Papiere, sondern Geld. Während wir diskutieren, ob ich stehengeblieben wäre, Madame, das könne ja jeder behaupten, nicht wahr, brettern neben uns die Autos über das Stopschild, ohne zu halten. Ich frage ihn mutig, was das denn sei. Madame, ich wisse so gut wie er, dass diese Leute die Verkehrsregeln nie gelernt hätten im Gegensatz zu mir. Das könne ich nicht leugnen.

Er nennt eine Summe. Ich zucke die Schultern, er wisse so gut wie ich, dass das Humbug sei. Ich wisse so gut wie er, wer hier die Polizei sei. Er wisse so gut wie ich, dass in diesem Land alles verhandelt würde, Preise grundsätzlich. Wir feilschen um den Preis meines Verkehrsverstoßes, vor dem Stopschild angehalten worden zu sein. Am Ende zahle ich ihm ein Drittel seines Monatslohns und stürze mich ins Gewimmel. Mit dem festen Vorsatz, nächstes Mal auch die Polizisten in meinen Tunnelblick zu integrieren. Das konnte ich schon in Niederbayern recht gut.

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