Ein pertinenter Text von Qualität. Wie ich fast ins Fernsehen kam.

Dezember 31, 2010

Es ist so. Fast wäre ich ins Fernsehen gekommen. Das ist hier groß, alle hätten es gesehen, Madame, es gibt nur einen einzigen Sender, den man ohne Satellit empfangen kann. Dieser Sender wird überall dort von allen geguckt, wo ein Fernseher steht. Den ganzen Tag. Wenn niemand guckt, läuft das Programm trotzdem, schließlich handelt es sich um einen Fernseher und es könnte ja jemand gucken wollen.

Ich war zur Eröffnungszeremonie einer Veranstaltung eingeladen. Dazu bestellt man das Fernsehen, denn bei einer Eröffnung reden wichtige Menschen (in Ermangelung derer manchmal auch ich), die Veranstalter werden ständig genannt, die pertinente Wichtigkeit des Themas von Qualität wird betont, alle werden bedankt und beglückwünscht. Dabei sitzt man unter einer Banderole, die Ort, Datum, Veranstalter und Veranstaltung nennt und blickt bedeutungsvoll.
Es gibt Tage, da flackern stundenlang nur Eröffnungszeremonien über die Röhre, eins zu eins abgefilmt, ohne Zoom ohne Schnitt, ohne Schwenk, dafür aber manchmal mit Rückkopplung und wenig Unterscheidungsmarkanz. Wenn man mehr als den auch zu verhandelnden Standard zahlt, gibt es vielleicht Interviews.
Sie haben sich nicht verlesen, jaja, in den staatlichen Fernsehsender kann man sich einkaufen.

Ich saß also bedeutungsvoll blickend unter der Banderole, die die Vollversammlung des Netzwerkes zur Stärkung der Kapazitäten im Bereich der Wertschöpfungskette der Wassermelone drei Tage lang im Versammlungszentrum in Hauptstadt verkündete. Der Zeremonienmeister, der Moderator und der Vorsitzende meinten abwechselnd, man müsse sich leider noch etwas gedulden, das Fernsehen. Ich blickte weiter bedeutungsvoll und sortierte im Kopf meine Begrüßungsreihenfolge, um ja niemanden zu vergessen oder falsch wichtig zu nehmen. Das wäre durchaus fatal. Nach einer dreiviertel Stunde bedeutungsvollen Blickens konnte ich auch den Rest meiner Reizworte und Pertinenzphrasen von Qualität dreifach auswendig.

Wir begannen. Ohne Fernsehen. Dennoch nicht weniger wichtig oder pertinent. Auch ich sprach, begrüßte, bedankte und beglückwünschte zu dieser pertinenten Initiative von Qualität und blickte weiter bedeutungsvoll.
Irgendwann, großer Aufruhr vor der Tür, Verstummen, Aufruhr, Händeklatschen, Jubel, psssst. Das Fernsehen war gerade angekommen und man hatte sich auch auf einen Preis geeinigt.

Doch nun: ein Teil der Grußworte war gesprochen, ein Teil der wichtigen Menschen wollte zur nächsten pertinenten Eröffnungszeremonie von Qualität. Man konnte die Grußworte weder wiederholen noch nur eine Hälfte im Fernsehen bringen. Das hätte der Qualität und der Pertinenz der Veranstaltung nicht zu ihrer Wichtigkeit gereicht.

Nach einigem Hin und Her einigte man sich darauf, die Abschlusszeremonie im Fernsehen übertragen zu lassen. Diese fand dann – aus terminlichen Gründen der wichtigen Menschen – zwei Tage nach dem eigentlichen Ende der Vollversammlung des Netzwerkes zur Stärkung der Kapazitäten im Bereich der Wertschöpfungskette der Wassermelone statt und wurde in ihrer pertinenten Qualität vollständig bedeutungsvoll übertragen. Dass im Hintergrund keine Teilnehmenden mehr saßen, merkt man bei andauernden Frontalaufnahmen nicht. Dafür hatte man daran gedacht, eine neue Banderole mit aktuellem Datum anfertigen zu lassen. Eine Veranstaltung von Qualität lässt sich schließlich nicht lumpen, wenn das Fernsehen kommt. Die Wassermelone wird es zu würdigen wissen.

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