Bon voyage. Heimweh hinter Glas.

Januar 30, 2011

Ein Mann sieht mir über die Schulter in meinen Visumsantrag. Das sei ja wunderbar, dass ich sie besuchen komme, sogar mehrere Male in den nächsten Monaten. Hoch erfreut, gute Reise, grüßen Sie mein Land und Grüße an die Familie. Mein blasses „Merci Monsieur“ stammele ich erst, als er schon im Treppenhaus verschwunden ist.

Der Botschafter, erklärt die traurige Frau hinter der Glaswand. Ob ich schon einmal in ihrem Land gewesen sei. Sie vermisse ihr Land. Deutsche, aha. Ob ich hier arbeitete. Ob ich Arbeit für ihre Kinder hätte. Die Tochter sei Juristin und ihr Sohn gebe vielleicht einen guten Gärtner ab. Hier sei alles so schwierig. Ebenso wie zu Hause. Dennoch sei man lieber zu Hause. Ja, stimmt, wenigstens sei die Familie zusammen, aber so, ohne Arbeit. Und ohne Zuhause.

Sie beäugt meinen Visumsantrag, streicht darin herum und betrachtet lange die beiden Fotos. Ob ich sie gerade eben hätte machen lassen, hier an der Ecke. Ich bejahe, jede Polaroidpassbildkamera wird hier eine Art Fotostudio. Manchmal mit Bettlaken als Hintergrund, manchmal mit bollywoodreifer Fototapete.
Ob ich noch eines übrig hätte, nein, nein, nicht für den Antrag. Sie würde es gerne für sich nehmen. Sie sammle die Gesichter zu den Anträgen. Und manchmal, wenn das Heimweh zu stark würde, dann stelle sie sich die Straßen ihrer Stadt vor und wie die Gesichter darin herumliefen, alle mit ihrem Stempel im Pass. Das helfe gegen Heimweh, hier, hinter der Glasscheibe, während man auf die Leute wartete, die in ihr Land wollten.

Sie stempelt meinen Pass, schreibt mir ihre Telefonnummer auf, falls ich einen Gärtner oder eine Juristin bräuchte und seufzt mir „Gute Reise“ zu, bevor sie ihr Mikrofon ausschaltet und hinter der Scheibe groß verstummt. Mein übriges Foto klebt sie zu den anderen in ein altes Schulheft.

Ich trete in den Hof und von oben ruft mir der Botschafter ein weiteres Mal Gute Reise! zu und wie auf Kommando echot es aus verschiedenen Ecken „Gute Reise, Madame!“, „Grüßen Sie unser Land, Madame!“
Es ist, als würde ich sie alle mitnehmen. Vielleicht hätte ich sie nach einem Foto fragen sollen, um es in die Straßen ihres Landes zu streuen.

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Eine Antwort to “Bon voyage. Heimweh hinter Glas.”

  1. Elke said

    *seufz*

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