Haarige Wolkenkratzer. Eine gepflegte Paranoia.

Februar 17, 2011

Die Ökonomie der Hexerei und die Ökonomie des Neides, heißt es, trügen die Verantwortung dafür, dass es in Westafrika keine Wolkenkratzer gebe. Ich interessiere mich nicht sonderlich für Wolkenkratzer, aber seit ich in diesem Land wohne, ich gebe zu: alles, was mehr als ein Erdgeschoss besitzt, flößt mir Respekt ein. Momentan, wie Sie wissen, befinde ich mich allerdings in einem anderen Land – dem Ursprung des Sklavenhandels und dem Ursprung der Hexerei, nein, falsch, sogar des Voodoo.

Voodoo – ja, der Strohpuppenzauber aus James Bond. Voodoo. Stecknadeln, ungeklärte Todesfälle. Das verhindert bestimmt Wolkenkratzer, ja, ich wage zu behaupten, es verhindert alles bis auf eine ausgeprägte Paranoia. Zugegeben, ich weiß nicht sonderlich viel von Voodoo, ich weiß nur, dass man beim Friseur seine Haare mitnehmen muss, damit einem keiner einen Zauber anhängt, man dann Gift und Galle spuckt oder sich aber verliebt. Oder stirbt. Oder einfach Nierensteine bekommt.

Nein, Sie haben Recht, ich gehe hier nicht zum Friseur. Um genau zu sein, meine Produktivität sinkt auf Null, denn ich traue mich keinen Schritt aus dem Haus. Wer weiß, wo hier wer gegen welche Weißnasen irgendwelche Fetische, Gebeine oder Getier vergraben hat? Was hat der Portier vorhin gemurmelt – „Bonjour“ oder doch ein kurzer Fluch? Hoffentlich sagt er nichts über meine Familie! Ob es etwas zu bedeuten hat (und falls ja: WAS?), dass die Zimmerdame den Aschenbecher verkehrt herum auf das Neue Testament gelegt hat? Habe ich meine Bürste in den Koffer gesperrt? Die Spinne im Obstsalat – mangelnde Hygiene oder fauler Zauber? Bringen Geckos hier auch soviel Unglück wie in dem Land, in dem ich wohne? Und der tote Gecko zwischen Tür und Rahmen: Zufall? Absicht? Wohin ist eigentlich die Visitenkarte des Kollegen verschwunden? Und wieso habe ich mich schon wieder mit Pizza bekleckert? Das neue Loch in der Hose, ja, am Stuhl hängen geblieben, aber grundlos? Ständig ist bei meiner Schwester das Telefon besetzt – da hat doch wer was gedreht. Wieso ist die Lampe nicht eingesteckt und was passiert, wenn ich den Kleiderständer verrutsche?

Wieso gucken Sie so? Sie halten mich für verrückt? Dann helfen Sie mir! Gehen Sie zu einem Marabou Ihres Vertrauens und fragen Sie ihn nach einem Fetisch für mich. Ich kann Ihnen zu diesem Zwecke auch gerne ein paar Haare faxen. Ihnen kann ich doch vertrauen, oder? Wobei. Wem kann man eigentlich… Wieso sollte ich Ihnen Haare faxen? Nein, ich möchte keinen Wolkenkratzer kaufen! Wer sind Sie überhaupt? Lassen Sie mich in Ruhe! Verschwinden Sie aus meinem Text! SOFORT!

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