Die Aura des Inspektors.

März 2, 2011

Es ist so. Ich bin Polizistentochter. Das schleppt man ein Leben lang mit. So wenig, wie Polizisten nicht Polizisten sein können, sei es beim Abendessen, sei es während des Sommerurlaubs, so wenig kann ich aufhören, Poilzistentochter zu sein. Nein, es ist nicht sonderlich manisch, nur eben so – präsent.

Radarkontrollen. Kugel, wo stehn s‘ denn heute, die Blitzer, aha, danke, ganz lieb, kömma des von letzter Woche noch äh regeln, meinst, super, weil es hat halt einfach pressiert, des müssen die doch verstehn.
Oder Personenkontrollen. So, aha, Grüss Gott schön, wo woll mer denn hin, Personenkontrolle, gell, wo komma denn her Sie her, Sie haben einen Rucksack dabei, aha, Hamma an Ausweis, gell, Wir werden dann gleich mal den Rucksack – ah, jetzt, Kugel, ah haha, haha, schönen Tag noch und Grüsse an den Herrn Papa, gell, nix für ungut.
Oder Fahrzeugkontrollen. Aha, Fahrzeugkontrolle, Ihre Papiere, Aha, soso, Kugel, vom Kugel Franz de Tochter, aha und er, vom Hintereder Manni der Bua, aha, soso, na dann: sofort. alle. aussteigen.

Kurz: von wegen Inspektor gibt’s kan, immer und überall bin ich Polizistentochter und von Polizisten umgeben, in Kletterkursen, im Urlaub, in der Kneipe, selbst hier lerne ich als erstes die Kollegen aus Südbayern kennen (wenn auch etwas peinlich, diese Anekdote ein ander Mal) – ich fürchte, es ist eine Aura.

Und heute habe ich eine rote Ampel überfahren. Ich war so konzentriert darauf, in der Verkehrswolke wild gewordener Mopedfahrer mitzuschwimmen ohne einen oder sieben unbemerkt zu überfahren, dass ich der Ampel keinerlei Beachtung schenkte und sie wohl bei rot überfuhr. Dass es rot gewesen sein musste, bemerkte ich erst, als der einzige Zug auf dem einzigen Gleis in diesem Land mich knapp nicht erwischte und ein Polizist mich wild aus der Mopedwolke fuchtelte. Hätte ich jemanden überfahren, hätte das niemanden interessiert.

Schockstarre.

Papiere? Hoffentlich im Handschuhfach. Geld? Hoffentlich genug. Führerschein? Hoffentlich nicht im Büro vergessen.

Schockstarre halten Sie für übertrieben? Na gut. So oder so, der streng blickende Herr, der sich nun in mein Fenster beugt, hat im Schnitt circa drei Frauen und sieben Kinder, verdient im Monat rund fünfundvierzig Euro und findet, er müsse schauen, wo er bleibt. Und ich – ich bin nicht von hier. Madame, Sie haben, erstmal ça va, gut geschlafen, nein, er nicht so, Oumar heiße er und ich, aha, glitzer, angenehm, ich sei Deutsche, ja, die Deutschen, die hätten auch gute Polizisten. Und Fußballer. Wie es Völler gehe, soso.

Wir diskutieren ein bisschen über Bamako, die graue Karte, über Mopeds, ob mir aufgefallen sei, dass ich eine Ampel überfahren hätte, et la famille, ob ich zufällig rauchte, schade, sonst hätte er gerne die ein oder andere Zigarette genommen, gerade angesichts der grauen Karte und ob das alle Papiere seien, die ich dabei hätte.

Hinter ihm hupt ein Polizistenkollege, ça va, und die Madame, aha die Ampel, so so, ob ich rauchte, schade, aber jetzt gebe es Tee. Oumar schaut mich an. Er wolle nicht so sein, Madame, heute, schließlich mache man immer einen guten Preis für den ersten Kunden, er habe auch nicht soviel Zeit, der Tee und überhaupt, man könne keine Frauen ausnehmen. Schließlich, on est ensemble, oder, Madame.

Ich frage mich, wie sie wohl aussieht, diese Polizistentochteraura, winke, gebe Gas, fahre knapp niemanden über den Haufen und kaufe bei der nächsten Möglichkeit wenigstens Zigaretten.

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