Null Komma Zwei Zwei Fünf Zentimeter. Aber eigentlich ist „Schredder“ ein schönes Wort.

April 5, 2011

Die Firma schickt eine Hausmitteilung. Ab sofort gelten neue Schreddervorschriften. Arbeitsbezogene Dokumente, die dem Altpapier zugedacht seien, müssen in Zukunft geschreddert werden, wobei der Schreddervorgang der Schreddernorm gemäß Aktenvernichtungsverordnung vom 05. Juli 2009 entsprechen müsse, gerne auch durch Beauftragung einer Spezialfirma, dies betreffe nicht allein personenbezogene oder sensible Akten, sondern auch strategische oder aber institutionelle Überlegungen, auf unbedingte Einhaltung sei zu achten, mit freundlichen Grüssen, die Hierarchie.

Ich schlage die Schreddernorm laut Aktenvernichtungsverordnung vom 05. Juli 2009 nach und informiere mich über die gängigen Anforderungen an den Schredder, der laut Verordnung mindestens eine Seite in einem Durchlauf schreddern können müsse, wobei das Dokument in Streifen (nicht: in Fetzen) zu schneiden (nicht: zu reißen) sei, diese aber wiederum nicht die Breite von 0,225 (in Worten Null Komma Zwei Zwei Fünf) Zentimeter überschreiten dürften. Die Entsorgung der so entstandenen Streifen müsse getrennt von anderem Müll (auch anderem Papier) in eigens dafür bereitgestellten Säcken erfolgen (keine Weiterverwendung als Verpackungsmaterial!).

Die Bearbeitung sensibler Akten fällt nicht unbedingt in meinen Zuständigkeitsbereich, strategische Überlegungen schon eher. Bisher schreddere ich nichts, bedrucke Papier doppelseitig, zerfetze es anschließend, werfe es in einen Korb, dieser wird ausgeleert und nach Feierabend brennt sein Inhalt neben dem Inhalt der anderen Körbe friedlich im Hof vor sich hin.

Aufgrund der dringenden Anordnung der Firma wird eine Sitzung einberufen, zur Zukunft der Altpapierhandhabung. Mein Plädoyer für die Beibehaltung des jetzigen Verfahrens wird abgeschmettert, die gängige Praxis stimme nicht mit der Verordnung überein und falls der Minister käme, gebe es bestimmt Ärger, wo komme man denn da hin, wenn man sich nicht an die Vorschriften halte. Ich denke, dass es hoffentlich nicht allein wegen des Altpapiers Ärger gebe, käme der Minister, beiße mir aber auf die Zunge.
Nach zwei Stunden und sieben Flipchartbögen hält man das Ergebnis fest: für den Zeitraum, den man benötigen wird, um einen Schredder entsprechend der Schreddernorm zu bestellen, wird eine Spezialfirma mit der Vernichtung des Papiers beauftragt.

Es gibt hier keine Spezialfirmen. Für nichts. Vielleicht stellt man sich Schredderfirmen hier so ähnlich vor, wie die Spamfilter: Leute schneiden mit der Bastelschere (oder besser: der Machete!) die Dokumente in nullkommazweizweifünf breite Streifen.

Zurück im Büro sehe ich, wie die Kinder von nebenan unsere strategisch frisch beschriebenen Flipchartbögen aus der Mülltonne ziehen. Bestimmt verkaufen sie nun die sensiblen Daten unserer künftigen Schredderpolitik an den Feind. Wobei, wahrscheinlich können sie sie ohnehin nicht lesen. Ob ich ihnen meine Schere in die Hand drücken und sie ermutigen soll, eine Spezialfirma zu gründen? Dann könnte sich der Minister beim nächsten Besuch die Erfolge im Bereich Wirtschaftsförderung ansehen. Aber gut, wieso sollte ich meine Zeit nicht auch mit Schreddern verbringen. Ich muss nur noch herausfinden, ob man Flipchartbögen vor dem Schreddern auf exakte DinA4-Norm zuschneiden muss.

Was? Sie fragen, was mit den Papierstreifen in den Säcken geschehen soll? Habe ich ebenfalls gefragt, es ist einfach: man wird sie verbrennen.

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