Touuuuuuhbaaaaahbouuuuuuh. Eine Verblüffung in Schwarzweiß.

Mai 11, 2011

Es ist so. Ich bin weiß. Mit Sonne werde ich braun. Schnell, anhaltend und mit Sommersprossen. So schnell, langanhaltend und sommersprossig, dass es einen Sommer gab, in dem ich Tim peinlich war beziehungsweise er sich wegen mir. Man könne meinen, er habe mich von einer seiner Dienstreisen aus dem wilden Kurdistan mitgebracht, seufzte er.
Meine Mutter ist der Überzeugung, ich habe das von ihrem Vater, bei uns in der Familie sehe schließlich sonst niemand so aus, alle würden rotbraun, nur ich würde erst gelb und dann schwarz. Und überhaupt, schwarz, haha, wie ich denn nun in Afrika aussehe.

Aber: hier werde ich gar nicht braun. Ich bleibe weiß. Das liegt daran, dass die Sonne immer direkt von oben kommt, dazwischen aber eine Staubschicht liegt. Ohnehin verbringe ich den Hauptteil meiner Zeit drin. Man beginnt kurz nach der Morgendämmerung zu arbeiten und hört kurz vor der Abenddämmerung auf oder aber wenn es schon dunkel ist. Wegen der Mücken, die in der Dämmerung Malaria stechen.

Was die Leute hier an mir manchmal für Farbe halten, ist wahrscheinlich Staub. Und egal, wieviel Staub oder Farbe ich ansetzte, ich bliebe weiß. Denn: ich bin ein Toubab. Toubabou – wahlweise ausgeflüstert wie Touuuuuuhbaaaaahbouuuuuuh im Sinne eines Kindergruselfilms: Duweisstschonwer. Oder aber Tou!ba!bou! TOU!BA!BOU! TOU!!BA!!BOU!! gerne crescendo im Chor, solange man das Fussballfeld kreuzt. Toubabou – umstritten ob Arzt, Weißkittel oder einfach Weißnase.
Für manche heißt es auch nicht Toubabou sondern Donnemoilecadeau oder aber Madamebonbon. Ein Kind lief kürzlich „Madamebonbon! Madamebonbon! Madamebonbon!“ brüllend auf Tim zu, alle Weißnasen waren in seiner kleinen Welt Madamebonbon. Ein Traum in Zucker.

Allerdings – ich verteile nie Bonbons, habe selten Geld übrig und möchte nie bei irgendwelchen freundlichen Mofafahrern aufsteigen. Eine langweilige Weißnase. Ich lasse mich lieber in alten Mercedes rumfahren.
„Vois! La petite blanche!“ ruft der Taxifahrer auf einmal, „Vois! Tu vois? Si petite, si mignonne! Ils sont mignons, les petits blancs.“
Ich sitze in einem Taxi und werde ohne Rücksicht auf Verluste über die Bodenwellen Bamakos geschreddert, während der Taxifahrer vor Entzückung die Tochter einer Kollegin anhupt. Weil sie so unglaublich blond und weiß ist. Er winkt, sie schaut verdutzt und winkt dann mir zurück. Tu la connais? Elle est mignonne, la petite blanche!

Kinder anderer Hautfarbe sind also überall süß. Ich aber bin schon groß und verblüfft. Vielleicht war ich noch nie so hautfarbenverblüfft wie in diesem Moment. Ich wurde noch nie auf ein Kind hingewiesen, weil es so weiß ist. Seither streife ich durch die Straßen und fühle mich völlig normal, völlig unweiß. Weil ich nicht mehr klein und süß, sondern nur noch Toubab bin.

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