Was uns der Autor damit sagen will. Zwischen den Zeilen von Ouverture und Clôture.

Oktober 3, 2011

Es ist so. Form sei der höchste Inhalt, vermittelte uns unsere Deutschlehrerin. Damals ging es um Lyrik. Dieser Satz hilft mir oft weiter und vielleicht verstehen Sie nun, wieso die Ouverture und die Clôture einer Veranstaltung viel wichtiger sind als deren Inhalt. (Die Banderole lassen wir mal außen vor.) Nein, es ist Ihnen noch nicht klar? Gut, ich teile gerne Anschaulichkeiten, nehmen wir das Beispiel einer einfachen Ouverture, ohne Minister, ohne allzu viel Aufhebens.

Heute erhalte ich die Einladung [URGENT!] zu einer Veranstaltung mit beigefügtem Programm, 10.00 Uhr bis 14.00 Uhr. Ouverture 10.00 Uhr, Clôture 12.00 Uhr. Aus dem Einladungsschreiben geht hervor, dass ich NUR zu Ouverture und Clôture eingeladen bin, nicht zum Arbeiten zwischendrin.

Ein Blick aufs Programm verschafft Klarheit:
Neun Uhr dreißig bis neun Uhr fünfzig: Installation der Teilnehmer.
Neun Uhr fünfzig bis neun Uhr achtundfünfzig: Installation der Päsidiumsmitglieder.
Dann folgen zwei Minuten voller Nichts (das Fernsehen verlegt die Kabel, Namensschilder werden vor die richtige Person gerutscht.)

Zehn Uhr: Ouverture. Der Zeremonienmeister, der unbedingt jemand anderes sein muss als der Einladende oder die Moderatoren, verliest das Programm. Das Programm der Ouverture, wohlgemerkt, denn die geht um zehn Uhr fünf erst so richtig los. Fünfzehn Minuten Ansprache des Generaldirektors für Öffentliche Aufträge, zehn Minuten Intervention des Geberchefs, fünfzehn Minuten Ansprache des Generalsekretärs der einladenden Initiative – es ist geschafft. Die Ouverture vorbei, zehn Uhr fünfundvierzig, es gibt Kaffee und der nicht arbeitende Teil der Anwesenden kann sich bequem zurückziehen. Danach, bis elf Uhr, Aufheben der Kaffeepause, elf Uhr, Fortsetzung (!) der Arbeit.

Für diese sind genau dreißig Minuten veranschlagt.

Um elf Uhr dreißig beginnt die Installation der Teilnehmer zur Clôture, anschließend, bis elf Uhr achtundfünfzig die der Präsidiumsmitglieder, um elf Uhr neunundfünfzig, offizieller Beginn der Clôture, zwölf Uhr Präsentation des Programmes (genau, der Clôture) durch den Zeremonienmeister (der gleiche wie vorhin), fünf Minuten später jeweils fünf Minuten des Dankes der beiden Arbeitsgruppen, fünfzehn Minuten Schlussansprache des Generalsekretärs, Übergabe der Zertifikate, zwölf Uhr dreißig: Schluss.

Fast. Eingeladen bis vierzehn Uhr, also: Installation der Teilnehmer am Mittagstisch. Ohne große Worte.

Ich rechne kurz, dass ich bisher noch vor jeder Ouverture mindestens 30 Minuten auf das Fernsehen warten musste und beschließe, einfach im Büro Kaffee zu trinken und zu Hause zu Mittag zu essen, jegliche Form völlig ignorierend. Urgence, Pertinence hin oder her.

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