Geh halt. Über Stunden und über Geld.

Oktober 6, 2011

Es ist so. Mein Kollege hat gekündigt. Wahrscheinlich hatte er Recht. Er war zuständig für die Administration der Projekte, die ich hier unter diverse Banderolen zaubere. Nun arbeitet er für einen katholischen belgischen Kinderschutzbund.

La Directrice, die eigentlich nicht mehr La Directrice ist, weil in NeueFirma jemand anderes La Directrice wurde, war zu dem Zeitpunkt der Kündigung nicht zugegen, deshalb kam mein Kollege einfach irgendwann nicht mehr ins Büro und alle sind der Meinung, Frau Skypeverbot würde ihn nun ersetzen. Frau Skypeverbot sieht das anders. Immerhin aber, das rechne ich ihr hoch an, hat sie es mit ihrem unvergleichlichen Charme geschafft, ihn zu einer Übergabe zu bewegen. Seither rauft sie sich die Haare und klingelt regelmäßig bei mir im Erdgeschoss an.

Meist, um mir mitzuteilen, dass sie ihn gerne noch im Nachhinein auf den Mond schösse oder dass man meine Abteilung samt meiner Projekte nie hätte zulassen dürfen. Und Geld für meine Projekte habe sie im Übrigen auch keines und Schecks unterschreibe sie ebenfalls keine mehr.

Das ist schlimm, weil ich richtig viel Geld ausgeben muss. Andererseits ist es nicht so schlimm, weil unser Scheckheft zu Ende ist. Alle. Finito. Hat in der ganzen Aufregung wohl keiner gemerkt und deswegen hat niemand ein neues beantragt. Das wiederum ist dann so schlimm auch wieder nicht, weil wir derzeit ohnehin kein Geld mehr auf dem Konto haben, über das wir Schecks ausstellen könnten. Auch meine letzten beiden Gehälter fallen dieser Tragik bisher zum Opfer.

Ich plane sie großzügig in die die Übersicht der Gelder, die ich bis Ende des Jahres noch auszugeben gedenke. Nicht, dass diese Übersicht mein Job wäre, aber diejenigen, die außer mir nicht zuständig sind, sind nicht zugegen, haben gekündigt, sind in Überstundenabbau oder Homeoffice. (Nichts gegen Homeoffice, nur etwas gegen Homeoffice à la „Da kann ich nicht telefonieren oder antworten, da hab ich Homeoffice!“)
Ich beuge mich also dem rein physischen Nachteil meiner Anwesenheit und erstelle die übersicht für eine Abteilung in der Zentrale. Diese Abteilung existiert aufgrund der endgültigen Umstrukturierung von NeueFirma nicht mehr. Aber Dienst ist Dienst und Verfahren ist bei Frau Skypeverbot Verfahren.

Für nächste Woche nehme ich mir zwei Tage frei. Tsss, macht Frau Skypeverbot, wenn sie alle Tage freinähme, die ihr noch zustünden, dann wäre sie sofort für den Rest des Jahres weg, ob ich die neue Generation sei, tsss. Ich erwidere, dass kein Überstundenabbau UND kein Gehalt eine selten motivierende Konstellation seien.

Ah, ich solle mich nicht so anstellen, ich könne ja wohl nicht einfach zu Hause bleiben, nur weil ich Überstunden habe, wenn ich nicht arbeiten wolle, solle ich kündigen. Es sei ja wohl normal, wenn man mal ein Gehalt ein bisschen später kriege. Oder eben zwei. Das sei jetzt in, Insolvenz, ob ich keine Nachrichten lese.
Meine Entgegnung, dass gerade Griechenland noch viele Gehälter zahle, nimmt sie grinsend entgegen. Meinen Hinweis allerdings, dass ihre Abteilung sich im hiesigen Kontext eigentlich aus der Organisationsberatung zurückziehen müsse, schließlich zahle man auch hier regelmäßig die Gehälter, prallt an der zugeworfenen Tür ab.

Ich gehe nach Hause und falte Kraniche für die Geduld. Aus meinem privaten Scheckheft.

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