Alles im Lot. Über Prioritäten und Effizienz.

Oktober 6, 2011

Es ist so. Neue Firma ist vor geraumer Zeit umgezogen. Mein Büro im Erdgeschoss befindet sich neben der Rezeption. Mittlerweile kenne ich alle Klingeltöne aller Leute und weiß immer, wer gerade im Haus ist. Ich mag das. Einst hatte ich ein Büro neben der Kaffeeküche. Noch praktischer, weil man dann weiß, wer im Haus ist UND worüber getratscht wird.

Vor Kurzem findet sich vor meinem Büro eine laute Menschentraube. Ein Bild wird aufgehängt. Die Traube diskutiert, wie das zu bewerkstelligen ist. Vraiment, ein veritabler Diskussionsgegenstand, etwas von pertinenter Arbetitsurgence murmelnd verziehe ich mich, höre aber trotzdem, wie die elfköpfige Traube das Bild an der Wand heraufherunterlinksrechtseinbisschenSTOOOP! kommandiert.

Ein Bild, mögen Sie lachen, ausmessen, bohren, dübeln, hängen.

Beim Ausmessen fängt es an. Jenseits des Einflusses des DIN wird es schwierig. Wozu genau soll das rechteckige Bild nun parallel hängen? Einbisschenmehrlinksja!ja!ja!STOOOP!
Und in welcher Höhe? RunterrunterrunterEinbisschennochNein!Zuviel!Hoch!Ja!STOOOOP!
Parallel zum Oberlicht (aus in sich schiefen Glasbausteinen. Glasbausteine!)? LinkslinkslinkslinkslinksSTOOOP!
Zum Türdurchbruch? RechtsrunterJa!STOOOP!
Zum Wandschrank? GeradegeradegeradeGERADE!Herrgott!STOOOP!
Zum Rezeptionstisch? HöherhöherLinkLinks!ANDERESLINKS!STOOOP!
Und in welchem Winkel zur Wand soll dieser dann stehen? Oder einfach der allgemeinen Ästhetik entsprechend?

Ob wa denn – Halten!STOOOP!HALTEN! – keine Wasserwaage hätten, lästert Frau Skypeverbot, tatsächlich aber gibt es eine, deren Ergebnis jedoch gegen das Geradheitsempfinden der Anwesenden verstößt. Nach fünfzehn Minuten ziehen sich die ersten Kollegen rückwärts in mein Büro hinter den Schrank zurück, Augen verdrehend mir bedeutend, ich dürfe sie nicht verraten.

Nach fünfundzwanzig Minuten die Einigung, das Bild sei vielleicht an anderer Stelle im Haus besser aufgehoben. Nach einer Stunde Ortsbegehung die Frage, ob man das Bild denn zurückgeben könne. Schließlich sei es blau. Nach drei weiteren Stunden gehe ich nach Hause.

Am nächsten Morgen hängt das Bild hinter dem Rezeptionstisch. Einfach so. Er habe es jetzt aufgehängt, sagt Mathieu. Sehr gut, erwidere ich, sehr mutig. Zwei Wochen hängt es vor sich hin und stört niemanden.

Dann kommt La Directrice aus dem Urlaub zurück. Was hier passiert sei!, dieses Bild!, so blau, so kalt!, ob es vielleicht sogar schief!!! hänge, wer das bestellt habe, also bitte! und überhaupt, sie könne nicht jeden Morgen von so einem blauen Bild empfangen werden, da kriege sie ja sofort, sofort!, Kopfweh. Und wie es den Katzen ginge.

Entschwebend, trommelt sie die Traube zusammen, versammelt sie vor dem Bild, dem Kopfweh und dem Blau, wer dafür verantwortlich sei, außerdem sei es schief.
Nach fünfzehn Minuten die Einigung, das Bild müsse weg. La Directrice ordert die Traube in die Bar nebenan, zeigt auf die dortigen Bilder. So müsse das aussehen, in dieser Bar bekäme man nie Kopfweh, höchstens am nächsten Tag, aber das liege nicht an den Bildern. Sie würde sich nun persönlich darum kümmern.

Dann geht sie die Katzen füttern.

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