Es geht los. Knödel essen Fernweh auf.

Oktober 24, 2011

Es ist so. Tim bekommt eine Bestätigung seiner Personalabteilung, seinem Antrag auf Verlängerung seiner Stelle bis SanktNimmerlein oder um ein weiteres Jahr sei hiermit stattgegeben, hocherfreut der Abteilungsleiter. Und Frau Halloooo. Frau Halloooo arbeitet in der Personalabteilung und schreibt Mails mit ebenjener Anrede.

Wir wollten hier nicht bleiben, nicht noch ein Jahr voll Malaria, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, Schimmel, wildgewordenen Hefepilzen, Typhus, Hitze, Staub, falschen Polizisten, Cholera und NeueFirma. Nicht noch ein Jahr ohne Familie, Freunde, Schnee, Berge, Schokolade, Alltag, Strom, Wasser, Schnitzel, Cafés, frischer Luft. München. Europa. Infrastruktur! Freiheit! Essen! Wetter! Öffentlicher Nahverkehr! Klettern! In Seen baden! Fahrradfahren! Biergärten! Strand! Unfreundliche Busfahrer! Allerhöchstens noch die Schweiz, vielleicht Italien. Abgemacht.

Tims Anruf und das Verlesen der ungefragten Bestätigung machen mich irr kichern. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier nun niemals wegkommen. Wie der Mann, der in dem Film den Flughafen nicht mehr verlassen darf.
Tims Firma ist eine deutsche Maschine. Geprüft seit 1948 entkommt dem System so leicht keiner mehr. Die Verträge gehen bis zum exakten Datum des Renteneintrittsalters. Mittagessen und Sozialprogramm sind penibel geplant, die Mitarbeitenden sind ihr eigenes Hochglanzabbild.

Tim schreibt der Frau Halloooo eine Nachricht, es liege wohl ein Irrtum vor. Ein „Halloooo Herr Tim! Schade. : ((( “ später taucht Tims Stelle dann tatsächlich in der Liste der neu zu besetzenden Posten auf. Erleichtert (aber ich noch nicht zu hundert Prozent überzeugt) ein Blick auf die anderen Vakanzen.

Afghanistan, Pakistan, Ruanda, Südsudan. Ägypten. Kongo. Nee. München.
Armenien, ah, zu viele Rohstoffe. Indien, hm. Marokko, war schon mal im Gespräch. Kirgistan – haben wir nicht kürzlich erst darüber gesprochen? Georgien, naja, nun, aber – die Küste! Wollten wir nicht eh noch mit dem Auto nach Tiflis, äh, wenn das Militär wieder weg ist?

Glitzer, strahlt mich Tim auf einmal an, Glitzer – Ulaanbaator. Ich denke an den Kamelfilm und Berge und Schnee. Wir beugen uns über den Atlas, Irkutsk ist quasi ums Eck und Tim lacht mich aus, als ich sage, ich könne dann endlich die Chinesische Mauer sehen.

Später lese ich, dass man Milch zum Trocknen aufhängt und dass beschädigte und kleinere Geldscheine beim Wechseln einen schlechteren Kurs erzielen. Das Land fühlt sich nach tollen Geschichten an, auch wenn dort niemand wohnt, in der Mongolei. Außer ein paar Pestflöhen. Dafür aber gibt es keine Malaria. Wir schmunzeln die Flause ein bisschen durch den Nachmittag.

Dann machen wir uns an unseren kulinarischen Heimwehabend und knödeln dreierlei Knödel, die nach zu Hause schmecken. Der Abschied geht los.

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.