Tod in Mopti.

November 17, 2011

Erst Brechdurchfall oft mit Schleimflocken, dann Flüssigkeits- und Mineralmangel. Gesicht: spitze Nase, eingefallene Wangen, stehende Falten. Wichtig: Salz- und Glucoselösung geben. Antibiotikum vom Fluorchinolone-Typ bei schweren Verlaufen.
„17 Tote bisher.“

Ob wir lieber als Vorspeise Salat und zum Hauptgang Ente wollten oder Fisch und vorher eine Gurkensuppe. Diese einfache Auswahl täte Ihnen leid, aber sie hätten uns nicht erwartet, die Reservierung für eine Reservierung im Dezember gehalten. Es sei gerade nicht Saison und wir wüssten ja bestimmt, dass draußen.
Die kleine Dame führt uns ein wenig aufgeregt in unser Zimmer, es raschelt und huscht, die letzte Kakerlake zertritt sie flink, gleich würde sie jemand wegräumen. Ob wir vielleicht einen Aperitif auf der Terrasse wollten? Im Garten? Im marokkanischen Salon? Die Stadt könnten wir uns ja morgen noch ansehen. Wenn.

Wir trinken Pastis und Gin Tonic im Salon. Wie ein schweigendes Kloster, ruhig verrichten alle ihre Arbeit um uns herum. Ob er sich dazu setzen dürfe, fragt der Besitzer, woher wir kämen, ob wir Nachrichten von draußen hätten. Lange hätten sie keine Touristen gesehen, wahrscheinlich seien wir gerade die beiden einzigen in der Gegend. Dazu noch die Entführungen. Er hustet schwer und entschuldigt sich. „25“ piepst die SMS.

Das Hotel mitten im Sumpfgebiet, abends beginnt es zu regnen, irgendwann fällt der Strom aus. Wir essen unseren Fisch im Schein einer Petroleumlampe, leider gebe es nun keine Musik zum Essen, aber noch sei der Weißwein kühl. Vor dem Einschlafen ein Piepsen: „37. Kommt da raus.“

Nach einer steinschweren Nacht wollen wir abreisen, doch niemand kommt uns abzuholen, wir überlegen, durch den Sumpf zu stapfen. Neinnein, sagt die kleine Dame, auf keinen Fall, wenn es wieder ginge, kämen sie bestimmt. Das sei es nicht wert, lieber sollten wir bleiben, gerne. Es gebe auch Kuchen zum Frühstück, leider aber noch immer keine Musik.
Wir bleiben, sehen in den Regen. Ob für abends die Ente in Ordnung sei?

Der Tag bleibt grau, wir wechseln vom Salon auf die Terrasse, in den Garten, ins Zimmer, schlafen, ziehen uns um. Die kleine Dame ist sichtlich froh ob unserer Gegenwart, der Besitzer bleibt nur durch fernes Husten zu erahnen, die Angestellten sind nicht zu sehen. Ein ausgestorbenes Kloster.
„Wo seid ihr? 42.“ piepst die letzte SMS zwei Stunden bevor das Netz zusammenbricht.

Ob wir noch ein Buch bräuchten oder gar Lust hätten, etwas zu spielen? Ein Gläschen Nachmittagssekt? Bei Sektlaune raten wir Personen, auf dem Zettel auf meiner Stirn steht „Gustav von Aschenbach“, ein Einfall der kleinen Dame, über den sie irr kichert. „Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode“, zitiert sie als ich auflöse.

Später essen wir Ente, die kleine Dame besteht darauf, uns zu bedienen, schließlich seien wir Gäste, ihre ganz persönlichen Gäste, wie zu Hause sollen wir uns fühlen, draußen sei draußen, hier seien wir Gäste. Weil es noch immer keinen Strom, keine Musik gibt, singen wir bei der zweiten Flasche Wein Lagerfeuerlieder, die kleine Dame wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln. Ob wir wirklich morgen abreisen wollten, naja, das würde man sehen. Gute Nacht. Sie hustet schwer, als sie durch den dunklen Kreuzgang zu ihrem Zimmer schlurft.

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