Unruhige Tage. Und Freunde und Helfer.

November 26, 2011

Es ist so. Wer hier eine Uniform an hat, zählt was. Jedenfalls in seinen eigenen Augen. Außerdem eröffnet eine Uniform – je nach Farbe und Einsatzgebiet – die Möglichkeit einfacher Zuverdienste. Sammeltaxifahrer gehören zu gern gesehenen Opfern, überladene Motos. Aufgrund dieser komfortablen Situation versuchen viele Polizistenväter, ihre Kinder auch zu Polizisten zu machen. Die eine oder andere Gunst ist schließlich käuflich. Man kennt sich ja. Und natürlich sind nicht alle so.

Aber immerhin sind so viele so, dass man hier in den Straßen wieder angefangen hat, Diebe, die man sofort erwischt, bei lebendigem Leib zu verbrennen. Dieses Gesetz nennt sich „430“ – 400 Franc für das Benzin, 30 für die Streichhölzer.

Wenn man die Diebe nicht selbst erledige, seien sie in drei Tagen wieder auf freiem Fuß, das finden viele deprimierend. Auf freiem Fuß entweder, weil sie gute Polizeikontakte hätten oder weil sie jemanden hätten, der sie aus dem Gefängnis kauft. Das geht innerhalb von drei Tagen.

Diese drei Tage sind auch gerade das Damoklesschwert, das über uns hängt. Gestern haben sie unseren Gärtner und Tagwächter Renard abgeholt. Diese Nachricht braucht von der Gartenmauer bis zu mir geschlagene sechs Stunden. Obwohl man mich benachrichtigen müsste, obwohl die Polizei Wächter ersetzen müsste, obwohl man mir sagen müsste, wo sie ihn hinbringen. Ich erfahre gegen fünf, dass er nicht da sei, dass die Polizei ihn mitgenommen habe, sonst niemand etwas wisse, außer, was alle wissen: dass polizeiliche Willkür nichts Gutes ist.

Ich hänge mich ans Telefon, wir finden irgendwann das Polizeirevier heraus und natürlich auch, dass man Freitagabend nichts tun könne. Und Samstag und Sonntag auch nicht. Wir schicken Geld für Essen. Und warten.

Währenddessen der Anruf von Clara.

Ob sie nun gefahren seien, trotzdem. Und ob ich schon gehört habe, dass auch heute wieder. Meine seit sechs Wochen anhaltende Adventsruhe schockgefriert bei 30 Grad.

Analytisch betrachtet, klarer Fall, alle haben darauf gewartet. Donnerstag zwei Franzosen entführt, mitten in der Nacht aus ihrem Hotel. Freitag drei Touristen entführt, mitten in Timbuktu, mitten am Tag. Ein vierter konnte entkommen, der fünfte wehrte sich und wurde auf der Stelle erschossen. Vielleicht hängen die beiden Fälle nicht zusammen, vielleicht aber passiert morgen der nächste. Die Verfolgung am Donnerstag habe nicht gleich aufgenommen werden können, weil das einzige Polizeifahrzeug am Ort auf Mission gewesen sei.

Tim ist unterwegs mit Freunden, nicht dort, aber auch in einer Region, in der man nicht unbedingt sein sollte. Orange. Ginge es nach der Französischen Botschaft, sollte man grundsätzlich nicht mehr außerhalb der Hauptstadt sein. Vor einem Jahr amüsierte ich mich über die Elektronische Deutschenliste. Gestern und heute bin ich nicht so gelassen, als sie statt Weihnachtsmarktwerbung nun Sicherheitshinweise sprudelt. Die Sicherheitshinweise sagen, man solle seine Wächter zu erhöhter Vorsicht raten. Einer der unseren wurde heute von der Polizei geklaut.

Ich rufe Tim an, erst wegen Renard, dann wegen Timbuktu, verständige rundrum, dass wir nicht in Timbuktu sind. Weitere Telefonate wegen der Polizei, mittendrin eine Einladung zum Weißwurschtfrühstück, die wohl in einen anderen Film gehört.

Im anderen Film, spreche ich mit Neill. Und er bringt mich darauf, dass ich noch vor Kurzem bei den Leuten saß, die gestern entführt werden. Irgendwie gehört doch alles zu einem Drehbuch.

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