Ca va un peu. Von Schmetterlingen und anderen Krankheiten.

Januar 17, 2012

Es ist so. Wenn ich mich recht erinnere, erzählt Michael Obert in „Regenzauber“ von seinem Arzt, der ihn nach seinen Reisen sehr aufgeregt fragt, was er ihm denn diesmal Schönes mitgebracht habe, gerade so, als würde er seltsame tropische Krankheiten wie Schmetterlinge auf Nadeln spießen und ehrfürchtig sammeln.

Hier gibt es für gewöhnlich nur drei Krankheiten: le rhume, le palu, la fatigue.

La fatigue ist eigentlich immer. Wird man nach einer Reise krank, wegen zuviel Arbeit, wegen zu wenig, aufgrund des Klimas, ohne ersichtlichen Grund – c’est la fatigue. Die Erschöpfung scheint etwas zu sein, was nur Weißnasen befällt, wird aber nicht weniger ernst genommen. Man müsse sich nun gut erholen, nehmen Sie lieber mal zehn Kilo zu, Madame, so hielte ich ja nichts aus, hier sei schließlich Afrika.

Palu, paludisme klingt reizend, meint aber Malaria. Wird im Zweifelsfall immer entdeckt, wenn Fieber im Spiel ist – die Fatigue kennt kein Fieber oder aber, wer erschöpft ist, ist auch anfälliger für Palu und damit das Fieber. Ja, Madame, man wisse jetzt nicht so genau, auch der Test, la fatigue, hm, es könne schon sein, dass man die eine oder andere Plasmodie im Blut habe herumschwimmen sehen. Jedenfalls solle man was dagegen einnehmen. Dieser Rat ist meist tatsächlich ein guter, allein das Mückenvorkommen in den Warteräumen der Gesundheitsstationen überzeugt.

Momentan grassiert die Erkältung, le rhume, wie in jedem vernünftigen Winter auf dieser Welt. Seit es kalt und staubig wurde, sind alle erkältet. Übertragen wird die Erkältung laut eines Kollegen ebenfalls über den Staub. Schließlich husteten alle hinein, die Erreger klammerten sich an die Staubpartikel, die man wiederum arglos einatmete. Oh, es gibt viel Staub zurzeit, an manchen Tagen kann man vor lauter Staub das andere Ufer des Flusses nicht sehen. Allein die Vorstellung, wieviel Erkältung sich auf dieser kurzen Strecke tummelt, führt bei mir zur Fatigue.

Grundsätzlich bin ich als Tochter einer Krankenschwester nicht krank. Der Zusammenhang stellt sich weniger über einen anerzogenen Hygienefimmel her als über die Definition von „krank“. Allerdings habe ich mir diese Definition hier abgewöhnt. Heute bleibe ich aus Rücksicht auf andere mit einer Erkältung zu Hause, die ich früher bestimmt in die Schule getragen hätte. Ich will meine Viren nicht auch noch in den Staub rotzen. Zumal ich davon ausgehen muss, dass mein Immunsystem im hiesigen Vergleich einem Monster gleichkommt.

Aber Ihnen brennt eine andere Frage auf der Seele: gibt es denn wirklich keine anderen Krankheiten? Etwas Spannendes? Oder wenigstens Typhus, Cholera, Ruhr? Flussblindheit, Guinea-Wurm, Bilharziose? Etwas, das nur im Entferntesten an einen Schmetterling erinnert?

Natürlich gibt es die, sie scheinen aber aufgrund ihrer Normalität nicht zu zählen. Nur die Palu hat es trotz ihrer Omnipräsenz in die Top Drei geschafft. Mit allem anderen geht man ins Büro, meist auch, weil es dort ruhiger ist als zu Hause.
Bei afrikanischen Kollegen deutet manchmal wenigstens ein „Ca va un peu“ einen katastrophalen Zustand an. Allerdings muss es kein Typhus sein, auch andere Schicksalsschläge verstecken sich hinter dieser Zurückhaltung.
Meistens aber wird man mit Küsschen Küsschen begrüßt (ich finde ja Händegeben bisweilen schon arg!) und das ça va-Geplänkel beendet der Kollege mit einem beliebig seufzenden Er habe schon wieder Amöben. Oder Typhus. Oder sonstiges. Der Tonfall gleicht meist einem Gespräch über das Wetter.

In solch einer Situation erkenne ich mein eigentliches Problem: ich habe das falsche Hobby. Weder begeistere ich mich für wissenschaftliche Studien am lebenden Objekt noch fürs Schmetterlinge sammeln. Dabei könnte es ein Hobby sein wie jedes andere auch und würde mir einiges erleichtern. So aber taumele ich sofort in eine monströse, zornige Fatigue.

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