Meinungsfrei unter dem Riesendeckel. Über Presse.

Februar 9, 2012

Es ist so. Im Ranking der Reporter ohne Grenzen in Sachen Pressefreiheit landet das Land auf Platz 25. Viertbeste Wertung des Kontinents, gleichzeitig mit Ghana als „traditionelle Führung“ im Bereich betitelt.

Das klingt gut, verfehlt auch seine Wirkung nicht – ich bin kurzzeitig beeindruckt. Dann schlage ich eine Zeitung auf, den Unabhängigen, der nicht als der verlängerte Arm der Regierung gilt, sich aber bisweilen genauso liest, was sich gerade derzeit gut beobachten lässt. Es gibt hier keine Meinung. Und schon gar keine kritische. Deswegen muss man diese auch nicht einschränken.

Wenn ich zu Hause schlechte Laune habe, die ich schon beim Frühstückskaffee pflegen möchte, kralle ich mir eine Zeitung, an deren Aussagen ich mich abarbeiten kann, weil sie mir einfach gegen den Strich schreibt. An harmonischeren Tagen lese ich, was ich schon immer besser wusste und wenn ich Aufheiterung brauche, lese ich die Onlinekommentare auf den Seiten irgendwelcher Provinzblätter. Und dazu muss keine der Zeitungen an irgendeinem Rand stehen. Hier vermisse ich schon Meinung. (Und Frühstückskaffee.)

Zum einen mag die Abwesenheit von schierer Meinung (auch eine Art meinungsfrei) oder gar Kritik daran liegen, dass Zeitungsartikel vor allem dann gedruckt werden, wenn jemand dafür zahlt, irgendwie müssen sich die Zeitungen ja finanzieren. Ob das für alle Artikel gilt, möchte ich so nicht behaupten, aber für den Großteil.

Diese Nichtexistenz allerdings – zum anderen – scheint nicht allein ein mediales Phänomen, sondern ein allgegenwärtiges. Man spricht nicht. Jedenfalls nur sehr verhalten über das, was man denkt. „On est ensemble“, schließlich. Manchmal dann, selten, entlädt sich der Volkszorn auf privater Ebene in Lynchjustiz. Vorher aber sprechen die wenigsten über Korruption in Zusammenhang mit der Polizei.
Auch im politischen Geschehen spiegelt sich dies: im Parlament sitzen ungefähr drei Abgeordnete, die sich als Opposition begreifen.
Natürlich gibt es Parteien, aber ohne wirkliches Programm. Die Demokratie wird von allen beschworen, die nationale Einheit. Nun, im Wahlkampf treten ganze Parteien zu anderen Parteien über, als Grund fällt die Motivation, dass es dort mehr Posten zu verteilen gebe und ganz schlecht sei deren Spitzenkandidat nicht, man habe außerdem keinen eigenen.

Derzeit verzeichnet man den vierten Tuaregaufstand seit der Unabhängigkeit. Besser ausgestattet, militärisch strategischer, entschlossener als zuvor kämpfen die Stämme im Norden um die Region, nehmen Städte ein, greifen militärische Stellungen an. Man liest von Flüchtlingen, von Deserteuren, von Ermordungen. In der ausländischen Presse, anfangs auch verhalten in der hiesigen – dann aber von Journalisten, die nicht im Land leben.

Als die Frauen der Uniformierten in der Hauptstadt gegen den Präsidenten und die schlechte Ausstattung des Militärs protestieren, Tuareg aus den Städten vor Verfolgung fliehen, äußert sich der Präsident erstmals öffentlich, beschwört die nationale Einheit. Außerdem benennt er einen neuen Verteidigungsminister. Der macht kurz darauf Schlagzeilen in allen Zeitungen: Es gebe keine desertierten Soldaten. Und für die Kämpfe im Norden seien auch nicht die malischen Tuareg verantwortlich. Desweiteren habe das Militär alles unter Kontrolle.

Dass trotz mittlerweile nicht mehr aufrufbarer Internetseiten ganz andere Informationen in den Süden dringen, schreibt niemand. Alle reden von der nationalen Einheit. Und glauben daran.
So einfach, Punktlandung Platz 25. Und ich frage mich, wie groß der Deckel sein muss, unter dem diese Suppe langsam, aber stetig hochkocht.

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