Viren im Wind. Und eine Fahne.

Februar 23, 2012

Alltagewoche 2.

Le vent, c’est la maladie, sagt Renard morgens zum Kälteeinbruch. Und tatsächlich steht mein letzter Dienstag recht unspektakulär im Zeichen des Virus. Des hartnäckigen Virus, der – Tim wird nicht müde, es zu betonen – diesmal nur die Alten erwischt habe. Und mich, übrigens. Ü-bri-gens.

Morgens stehe ich trotz allem ein bisschen im Wind vorm Büro, weil alle Leute, die über einen Schlüssel verfügen, noch nicht da sind. Ich hingegen bin da, verfüge aber über keinen Schlüssel, weil ich ja zunächst entgegen meiner Telefonnummer im Erdgeschoss arbeitete, während alle anderen Leute mit der passenden Büro-Telefonnummer-Kombination einen Schlüssel erhielten.
Letzten Freitag nach der Mittagspause stand ich auch vor verschlossenen Türen. Ich beginne, Frau Skypeverbot zu vermissen. Dann wäre jetzt offen. Und sie wäre gesund, obwohl sie das richtige Alter hat. Aber sie wäre nicht bei dem Frühstück gewesen, bei dem wir uns alle ansteckten. Wir, die Alten und ich. Ü-bri-gens.

Während meiner Wartezeit rufe ich Ernst an, einen der Alten, die es erwischt hat. Seine Frau liegt seit einer Woche mit Fieber flach, er weigert sich, hinauszugehen, in den Staub, den Wind. Leider kann er deswegen nicht zu meinem Abschiedsessen kommen, hält mir aber eine rührende Rede, bevor wir über die spanische Grippe sprechen.

Sonst passiert an diesem letzten Dienstag unegfähr nichts weiter, doch, ich unterhalte mich über die hiesige Handwerkerausbildung, wie so oft in letzter Zeit.

Der Mittwoch – ach. Nach Feierabend backe ich ein seltsam Ding. Eine Deutschlandfahne. Ich backe eine Deutschlandfahne, da ich mich verabschieden soll, von Leuten, mit denen ich hier gearbeitet habe. Sie waren alle mehr oder weniger lang in Deutschland, wurden von mir eingesammelt und vernetzt et cetera p p. Als wir letztens zum Afrika-Cup „Das Wunder von Bern“ sahen, schwankten manche zwischen Tränen der Sentimentalität über die Sprache und der Entrüstung, dass jemand in einem deutschen Film sein Kind schlüge. Hier sei das ja mittlerweile in der Schule auch verboten. Überhaupt interessant, die Diskussion im Nachhinein. Für diese Leute und meinen letzten Abend mit ihnen also eine Deutschlandfahne.

Als ich das abends beim Essen erzähle schauen die beiden anwesenden Sozialisten betreten auf ihre Schuhspitzen. Mir egal. Die Fahne ist nicht ordentlich aufgegangen und statt den schwarzen Teil einfach verbrennen zu lassen, wähle ich schokobraun. Man könnte jetzt schreiben, dass es schließlich nur um das Symbol geht, aber selbst das kann man nicht schreiben. Schauen Sie einfach ein bisschen auf Ihre Schuhspitzen.

Ich sortiere in der Zwischenzeit meine Mails. Mein Favorit, ein Jobgesuch, das ich mehrmals erhielt: „Ich möchte neben Ihnen als Boot arbeiten.“ Eine Deutschlandfahne ist eigentlich viel zu wenig. Oder was sagen Ihre Schuhspitzen?

Ü-bri-gens bin ich fast wieder gesund.

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