Ein Fall für Cheick. Letztes Warten.

März 1, 2012

Es ist so. Ich kenne diesen Flughafen. Ich bin hier ein Dutzend Mal abgeflogen, weiß, was mich erwartet, im Prinzip. Über fünf Passkontrollen, drei Security-Checks und diverse Warteschlangen oder –Haufen. Dazwischen stehen überall Leute und packen ihr Gepäck um. Zwei erlaubte Gepäckstücke à 23 Kilo pro Fluggast scheinen schier nicht umzusetzen.

Diesmal sind es viele Leute, sehr viele. Ich stehe kurz nach der ersten Passkontrolle hinter dem Eingang, warte in der Check-In-Schlange eine Stunde während das sofortige Boarding aufgerufen wird, eine knappe weitere, bis ich in der Reihe vor irgendeinem Schalter stehe. Je näher ich an die Schalter komme, umso lauter werden die vertrauten „Cheick!“-Rufe. Cheick ist die Person, die sich mit allen Computern und ihren Fehlern auskennt. Heute ertönt eine Dauer-„Cheick!“-Schleife.

Dafür scheint heute auch ein zweiter Cheick im Einsatz, dessen Namen ich nicht kenne. Cheick Zwo bietet dem Herrn vor mir fünfhundert Euro bar, wenn er heute nicht fliegt oder aber einen Gutschein und eine Übernachtung im Hotel, falls er pokert, auf die Warteliste gesetzt zu werden. Es sind noch fünfundvierzig Minuten bis Abflug, ich habe online einen Sitzplatz gesichert und möchte nur noch mein Gepäck abgeben, bekomme also keine fünfhundert Euro geboten. Und bleibe relativ ruhig. C’est comme ça, chez nous.

Mein erstes Gepäckstück bereitet keine Probleme. Bis Paris, fragt die Dame, als der Koffer schon auf dem Förderband von dannen fährt. Frankfurt, sage ich und denke sofort, es könnte ein Fehler gewesen sein. Voilà, schon kann die Dame mein zweites Gepäckstück nicht mehr registrieren. Zum einen, weil das andere nach Paris geht, zum anderen, weil mein Flug nach Frankfurt annulliert wurde und nicht mehr im System erscheint. Bevor sie „Cheick!“ rufen kann, versichere ich ihr, dass sie auch alles nach Paris schicken könne, das sei mir egal. Nein, jetzt ginge mit meinen Daten im Moment gar nichts mehr. Ich solle warten.
Ich stehe neben meinem zweiten Koffer und warte, frage mehrmals nach, ob sie das Problem schon jemandem signalisiert habe, ernte genervte Blicke. Auch der Flughafenmann neben mir versichert mir, ich würde schon abheben, heute.

Cheick Zwo vertickt weiterhin Gutscheine wegen der Überbuchung. Cheick himself wirft immer nur einen kurzen Blick auf den Bildschirm, der aber in Ordnung ist, während die Dame munter andere Leute eincheckt.
Irgendwann erscheint Cheick Zwo, lässt sich das Problem erklären und findet heraus, was alle wissen: dass mein Flug annulliert wurde. Er würde mal nachsehen, schnappt meinen Pass und huscht weg, während ich noch versuche, ihm die neuen Flugdaten hinterherzurufen.

Zwanzig Minuten vor Abflug kommt er wieder, meint, der Flug sei annulliert, ich sei schon umgebucht, aber das Gepäck, das solle nun doch nur bis Paris gehen. Die Dame versucht, mein zweites Gepäckstück bis Paris zu buchen und erhält einen Gepäckanhänger bis Frankfurt. Den traut sie sich ohne Erlaubnis von Cheick Zwo nicht am Koffer zu befestigen. Ich solle warten. Cheick Zwo diskutiert die Hotelübernachtungen. Irgendwann stellt ein freundlicher Mann mein erstes, schon eingechecktes Gepäckstück neben mir ab, er habe es eben für mich aus dem Flieger herausgesucht.
Ich werde nervös. Fünf Minuten nach Abflug schickt man mich in Richtung Büro, um Cheick Zwo zu suchen, während fünf Leute in gelben Sicherheitsjacken um den Bildschirm und meine Koffer stehen. Beides – in abgeriegeltes Gebiet vorgelassen zu werden und dass so viele Leute sich nun des Problems annehmen – macht mich noch nervöser. Die Wartehalle liegt merklich leer.
Cheick Zwo folgt mir an den Schalter und macht alles noch einmal neu. Da er inzwischen wohl meinen Platz verkauft hat, sitze ich nun irgendwo anders, beide Gepäckstücke sollen nun nach Paris gehen.

Ich bedanke mich, fünfzehn Minuten nach Abflug stehe ich an der dritten Passkontrolle, dann die vierte, erster Security-Check. Dass ich spät sei, man müsse sich schon an die vorgegebenen Zeiten halten, ich sei doch Deutsche, oder?

In der Abflughalle eine Dame des Bodenpersonals, ah Madame, ob ich nun doch flöge, bis eben am Schalter habe ich den Eindruck erweckt, ich wolle meinen Aufenthalt hier verlängern. Trotz allem bin ich scheinbar zu Scherzen aufgelegt und erwidere irgendwas, was uns lachend auseinander gehen lässt. Passkontrolle Nummer fünf, aha, das sei nun aber knapp für den Flug, ob sonst alles in Ordnung sei und die Familie? Jedenfalls freue er sich, wenn er jetzt Feierabend machen könne.

Security Check Nummer zwei, huch, Madame, so knapp vor Abflug, wie es mir gefallen habe in Mali, wie lange ich da gewesen sei, ach, so lange, ob ich gearbeitet habe, ç’est bon ça, und wo der Herr Gemahl sei, guten Flug.

Security Nummer drei, ah, Jolie, so spät, ob es ein Mädchen oder ein Junge werde, so oder so, er wünsche mir einen Jungen und falls ich ihn nach ihm benennen wolle, er hieße Moussa.
Im Flieger angekommen, bleibt das Personal ganz Service. Kurz nachdem ich eingestiegen bin, die Ansage, dass das Boarding nun doch endlich abgeschlossen sei. Mein Sitznachbar sieht mich an und meint, in London würde es ohnehin regnen. Da könne man auch später ankommen. Und die Familie?

Ich fühle mich sehr zu Hause und in den Sessel versinkend vergesse ich für einen kurzen Moment, dass ich dieses Land vielleicht nie wieder betreten werde. Aber dieser Gedanke wird mich ohnehin erst in ein paar Tagen in München mit seiner Wucht einholen. Vielleicht zu dem Zeitpunkt, zu dem mein Gepäck ankommt. Falls.

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