Geranien mit Zähnen. Und von Aushängen.

Juni 23, 2012

Es ist so. Eigentlich wollte ich über das Wohnen in einem Backenzahn schreiben. Ein Backenzahn, dessen Nebenzahn vom Arzt bebohrt wird. Das beschreibt in etwa die Wohnsituation im Stahlbetonwunder, das von einer seltsamen Heimwerkerschwemme heimgesucht wurde. (Tatsächlich befand sich auch eine Zahnarztpraxis im Haus. Sollten die Geräusche von dort gekommen sein, kann ich Zahnarztphobien von nun an ganz anders nachvollziehen.)

Nun aber sind wir umgezogen. Nicht wegen des Bohrens, vielmehr, weil der Backenzahn etwas klein wurde. Ein blödes Bild, vielleicht, der Zahn.

In der neuen Wohnung ist alles anders. Während das alte Haus groß genug für zwei gutmütige Hausmeister war, herrscht hier der Hauswart. Genauer: Frau Hauswart. Wir hatten viel von ihr gehört, bevor wir das erste Mal mit ihr telefonierten. Und eigentlich ist sie auch eine gute Seele. Jedenfalls, wenn man dazugehört. Weil, Sie müssen wissen, es gibt hier auch Mieter, die gehören nicht zu richtig zu uns. Uns. Wir. So spricht Frau Hauswart.

Wir umfassen vier Häuser. In unserem Haus, da sei alles in Ordnung, fast nur Eigentümer. Also, jetzt. Seit die Dings unten ihre Mieter losgeworden sind. Aber es gebe natürlich auch ordentliche Mieter, gell, haha, nix für ungut. Und da haben wir auch gar nichts dagegen.

Alles in allem, ja, für den Umzug, da könne sie schon den Aufzug aufsperren. Nur, vielleicht sei sie nicht in ihrer Wohnung, sondern gerade im Haus unterwegs. (Zu diesem Zeitpunkt des Telefonats halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass Frau Hauswart immer im Haus unterwegs ist. Oder in der Tiefgarage. Oder dem Garten. Dem Müllkeller. Dem Trockenraum. Hinter den Briefkästen. In den Geranien.)
Und übrigens, eins noch. Weil, das müssen Sie wissen, wegen dem Schnapper. Wenn man aus dem Keller nach oben geht, zum Beispiel zum Müll, gell, bitte ordentlich trennen, da gibt es so einen Schnapper. Den müsse man immer zuschnappen lassen, sonst habe man Fremde im Haus. Fremde. Und Ausländer von gegenüber. (Oder gar Mieter!)

Frau Hauswart unbekümmert uns ihre Einstellungen und Regeln ins Telefon, gell, haha, drei Tage später können wir sie allerorten im Haus nachlesen. Aushänge. Aushänge, die entwender auf die Oberbaudirektion, die Stadtwerke die Eigentümer(!)versammlung oder sonstige verweisen, Datum, gezeichnet Frau Hauswart. Auf dem Aushang, man möge den Schnapper immer zuschnappen lassen – manch einer spiele sich wohl und dann bleibe alles offen, sperrangelweit! – lese ich am Ende „Wollen Sie Freunde im Haus?“ (Datum, gezeichnet Frau Hauswart). Es klingt drohend. Doch eigentlich steht da: „Wollen Sie Fremde im Haus?“ und soll drohend klingen. Insgeheim wünsche ich mir einen Zahnarzt im Haus.

Kurz darauf robbt Tim hektisch auf allen Vieren über unseren Balkon. Er suche einen Aushang, ob es denn nun erlaubt sei, dass wir hier ein Sonnensegel aufspannten. Oder ob die Oberbaudirektion etwas anderes erlassen habe, Datum, gezeichnet Frau Hauswart. Diese sitzt auf dem Nachbarbalkon und grinst gutmütig durch die Geranien. Gell, haha, ob wir denn jetzt dazugehören wollten.
Erschrocken wache ich auf und fürchte, dass es hier noch den ein oder anderen Zahn zu ziehen gilt. Bohren aber ist nur zu bestimmten Zeiten erlaubt. Wie in jedem ehrenwerten Haus, Datum, gezeichnet Frau Hauswart. Gell, haha.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: