Viel hilft viel. Und über Tollkirschen.

Juni 29, 2012

Hegen Sie eine ausgeprägte Überempfindlichkeit gegen Tollkirschen?

Keine Angst, ich frage das nicht als Polizistentochter. Ich frage als unbedarfte Anhängerin der Schulmedizin. Zum Beispiel gehe ich impfen. Ich nehme auch Antibiotika, wenn Quarkwickel das Fieber nicht senken. Ich verwende Kortisonsalben, sollten weder schwarzer Tee noch Zink nützen.

Nun hat man mir empfohlen, Medikamente jenseits des Wirksamkeitsnachweises zu verabreichen. Konkret: eine anthroposophische Arznei gegen Bauchkrämpfe und Blähungen gemäß der anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis. „Unter Anwendung rhythmischer Prozesse hergestellt.“

Es stellt sich die Frage, ob Mensch und Natur der Anthroposophie anderen Blähungen und Bauchkrämpfen unterliegen und wenn ja, welchen rhythmischen Prozessen diese wohl folgen. Ich frage mich außerdem, ob es beispielsweise auch Feng-Shui-Blähungen gibt oder ob das Chi, weil es ja fließt, das ausschließt. Und ob man Feng-Shui beziehungsweise das Chi auch als Zäpfchen kriegen kann. Als Anthroposoph. Oder Schulmedizinerin.

Inmitten des Weichspülertextes zu den Blähungen aus Rhythmus, Harmonie und Einklang bis hin zur Selbstheilung von Körper, Seele und Geist die Gegenanzeigen. Bei einer bekannten, ausgeprägten Überempfindlichkeit gegen Tollkirsche solle man das Medikament nicht nehmen.
Scheint spannend, diese anthroposophische Natur- und Menschenerkenntniserweiterung.

Jetzt frage ich Sie: wie stellt man denn eine Überempfindlichkeit gegen Tollkirsche fest? Wenn man schon mal den Giftnotruf wählte, obwohl man nur ein bisschen Rausch haben wollte? Und was ist ausgeprägt? Wenn man zu den zehn Prozent gehört, die genau das nicht überlebten? Ich lasse lieber die Finger davon.

Neben den Tollkirschen auch eine Empfehlung für bio-aktive Kompressen. Ich fange erst gar nicht an zu lesen. Deren Wirkstoffe vermute ich in ähnlicher Richtung, wobei „aktiv“ eher wie ein Pilz klingt. Ein Pilz, der anderes vollbringt als Kefir.

Ja, Sie lächeln. Nur, weil ich Spießerin die Inhaltsangaben der Schulmedizin nicht verstünde, als Neusprachlerin noch dazu, würde ich dieser arglos gegenüberstehen. Wenn ich nur wüsste! Ich könnte der Sache ja wenigstens eine Chance geben, bevor ich so blasiert urteilte.

Na gut. Ich gebe die Chance der Heilwolle, klebe mir ein halbes Schaf in Gesicht und Ausschnitt. Diesen seltsam riechenden Bart verspachtele ich mit anthroposophischer Ringelblume und hoffe, dass die Hitzepickelchen verschwinden. Nach drei Tagen meißele ich mich wieder frei. Die Pickelchen sind tatsächlich weg, na gut. Doch Moment – neben der Ringelblume wirkt aus dieser Tube vor allem Zinkoxid. Hätte ich mir gleich denken können.

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