Ich packe meinen Koffer und nehme mit… Rückwärts in die Fleischerei.

November 14, 2012

Es ist so. Für manches muss man alt werden. Ich meine nicht so banale Dinge wie Kinder kriegen oder Bausparer auflösen. Ich rede natürlich von Großem. Erkenntnisse. Erfahrungen. Weisheit. Oder in meinem Fall eben der Koffer.

Der Koffer versteckt sich im Keller meiner Eltern, also in Papas Keller. Seit jeher. Er – der Koffer – versprüht jene Faszination, die Dinge versprühen, denen man sich nicht nähern kann. Ich kannte alles in Papas Keller. Nachmittage verbrachte ich damit, in dieser schlecht beleuchteten Höhle eine Schraube neben die andere zu legen, Werkzeug zu sortieren, mir genau einzuprägen, welche Angel sich hinter welcher Tür befand oder zu überlegen, wozu man dieses ganze Zeug wohl eines Tages brauchen könne.

Nur der Koffer. Der war zu. Nicht verschlossen, aber ich wusste, dass ich ihn nicht öffnen sollte. Weil Paps Leben in diesem Koffer ruhte. Was malte ich mir aus! Fotos. Murmeln. Die Kostbarkeiten einer geklauten Jugend. Noch mehr Fotos. Briefe. Was so in einen Koffer passt.
Auch jenseits der kindlichen Neugier habe ich oft gefragt, ob er ihn nicht mal öffnen wolle, ein paar Fotos zeigen. Keine Chance. Der Koffer staubte in seiner respektvollen Aura ein.

Und vorgestern beim Abendessen war auf einmal alles ganz leicht. Wobei, vielleicht begann das Öffnen des Koffers auch schon, als ich die alten Super-8-Filme mitnehmen durfte. Behutsam drehte ich sie durch das kleine Vorschaugerät und sah mich durch einen Kindheitsurlaub hüpfen. Balsam auf die Seele, wenn man gerade dabei ist, das Bild seines Vaters zu verlieren. Da war er also doch. Der Mann hinter der Kamera, dessen lustigen Launen keine Verklärung waren, sondern tatsächlich Erinnerungen.

Jedenfalls, vielleicht beim Biss ins Salamibrot, fragte ich nach der Fleischerei. Damals, die Fleischerei. Ja, sagte Papa, mei, die Fleischerei. Ob ich vielleicht ein Foto sehen wolle. Im Film hätte ich mich in dieser Situation verschluckt und kein Wort mehr herausgebracht.Leider habe ich mich nicht verschluckt. Ich war sehr undramatisch überrascht.

Nach dem Essen barg Papa seinen Koffer. Naja – zunächst fischt er ein einzelnes Album heraus, müffelte es ins Wohnzimmer und zeigte mir: Hamburg. 1959. Zugegeben, ich war enttäuscht. Und ungeduldig. Hamburg? Ich wollte die Fleischerei!
Aber wir mussten uns der Fleischerei von der Neuzeit her annähern. Hamburg, Bamberg – alle Fotos verrieten ihren Teil über die Fleischerei.

Wir streiften rückwärts nach Westpreußen, vorbei an Konfirmationskursen und Schulklassen, Hochzeitfotos, meiner Oma (hinter einer anderen Fleischtheke). Foto nach Foto, vielleicht nur dreissig Stück, Anekdote an Anekdote. Erinnerungen. Familie. Freunde. Todesfälle.
Irgendwann ein Sippenfoto der Urgroßelterngeneration. Der Krieg. Der Sprung aus dem Zug auf dem Weg an die Front. Aber nirgendwo die Fleischerei.

Hm. Dann solle ich eben mitkommen. In den Keller.
Der Koffer. Wir klappten ihn auf und es drehten alles um. Fotos. Die Kostbarkeiten einer geklauten Jugend, Briefanfänge – „Liebes Mädel“ -, Freunde, Familie, ein Schachspiel, Verkehrswegepläne, Verdienstmedaillen, Bierzeitungen, Vierfarbkugelschreiber. Stunden.

Auf dem Foto der Fleischerei erkennt man nicht viel. Dafür ist es jetzt meins. Man will ja nicht umsonst so alt geworden sein.

p.s.
Wenn jemand einen guten, finanzierbaren Tipp für die Digitalisierung von Super-8-Filmen hat, freue ich mich.

Und wer sich für Koffer interessiert, sei dies ans Herz gelegt.

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3 Antworten to “Ich packe meinen Koffer und nehme mit… Rückwärts in die Fleischerei.”

  1. Lady. anchor die kühle blonde said

    Bamberg – welche Lebensstation war denn dort?

  2. Lady. anchor die kühle blonde said

    bin von dort… da ist es ganz nett.

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