Rohrnudeln und Macarena. Und übers Alter.

Februar 1, 2013

Es ist so. Der Abend, an dem der Hund kotzt, ist der Abend, an dem ich Macarena tanzend auf dem Flur im zweiten Stock ende. „Hausfasching“ heißt der Abend. Claudia wird mir später das Du anbieten und die Hilfe des gesamten Hauses. Frau Andersch wirft draußen Kracher in die Einfahrt der Tiefgarage. Frau Müllerova erzählt Geschichten von früher.

Frau Müllerova ist das Urgestein des Hauses. Eingezogen in den Rohbau, seither tief verwurzelt, steht sie immer noch im Ruf, zu laut zu sein. Jedenfalls bekommt sie regelmäßige Beschwerdeanrufe. Frau Müllerova ist steinalt. Vor Kurzem hat sie mir von ihrem ersten Lehrling erzählt, der seinen Achtzigsten gefeiert hat.

Samstags fährt sie mit ihrem Rolator durch die Häuser. Unsere Wohnanlage besteht aus mehreren Häusern, die über den Keller verbunden sind. Man kann also mit dem Aufzug in den Keller fahren und dann zum Aufzug des nächsten Hauses schieben und hochfahren. Solcherart verteilt Frau Müllerova zum Beispiel Rohrnudeln. Diese, erklärt sie mir, könne man schließlich süß wie herzhaft essen, Hauptsache, das Fett komme aus allen Poren, wenn man mit dem Finger auf die Nudel drücke. Und jetzt solle ich schnell zwei essen, sonst würden sie kalt und das wär schad. Morgen gibt es keine Rohrnudeln, morgen verteilt sie Brühe. Weil alle alten Leute sich eine Grippe eingefangen hätten.

Der Zwack ist anfangs die Sensation, endlich ein kleines Kind, wann er denn ein Geschwisterchen bekomme. Es seien ja alle ausgeflogen, alt geworden. Zwack schaut ernst unter seinen Haifischzähnen hervor, die ich ihm aus Versehen falsch herum an die Mütze genäht habe. Jetzt sieht er aus wie ein Hasenhai, was aber niemanden zu stören scheint. Schließlich ist er der Nachwuchs.

Frau Müllerova erklärt mir alle Anwesenden und malt wortreich ein Bild der Anlage. Wer sich wo wie beschwert, wer wo wie wohnt, lagert, wer wo wie welche Wohnung gekauft hat und wer nicht. Man merke, wirft Nicole ein, dass es eben eine Anlage sei, in der viele Eigentümer wohnten. Nicht nur Mieter. Sie ist keine dreissig und vor Kurzem von der Nummer sechs, wo sie aufwuchs, in die Nummer zwei gezogen. Weg von den Eltern.
Nicole ist eine der Jungen, die mir Frau Müllerova erklärt. Alle kenne sie, alle habe sie gekannt. In der Tat kenne sie sie alle noch als Kinderpopo. Aber da sähe ja einer aus wie der andere.

Irgendwann drängt Claudia, man möge doch jetzt die schrecklichen 90er Mallorca-Hits auflegen, es seien doch alle betrunken genug. Nicole sucht Macarena heraus und zwingt die Damen auf den Flur, wo sie in einer Art Aerobicstunde allen die Tanzuniform beibringt. Der uralte Hit begeistert dreimal. Frau Müllerova lehnt sich gegen den Türrahmen und wedelt mit ihren Armen einen Flamenco mit.
„De Plattn brauch i!“ ruft sie wiederholt und lacht unter ihrem Hut hervor.

Ob sie das erzählen dürfe, fragt sie später, als alle um Claudias Tisch und Whiskey sitzen. Von der Feier. Dass es so schön war. So schön wie früher. Das glaube zwar keiner, aber wenn es so sei. Das würde sie gerne erzählen, wenn sie morgen die Brühe ausfährt. Dann beisst sie gerührt in ihre Rohrnudel, das Fett quillt aus den Poren, wie es sein muss. Später schiebt sie langsam Richtung Aufzug und summt den Hit.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s