Späte Erkenntnis. Eine Reminiszenz an Frau Skypeverbot.

April 20, 2013

Es ist so. Seit wir einen Fernseher haben, denke ich oft an Frau Skypeverbot. Wir kauften unseren Fernseher nach jenem Abend, an dem wir meinten, Fußball zu gucken, aber eigentlich vor einem Rosamunde Pilcher-Film saßen. Fragen Sie jetzt nichts. Ja, der alte Fernseher war klein. Und undeutlich.

Im Fernsehfachgeschäft entschieden wir uns schnell. Die Strategie: alles zu ignorieren, was man nicht versteht oder für unnütz befindet. (Sie sehen, seit unserer Rückkehr sind wir ziemlich überfordert mit den hiesigen selbstverständlichen Konsumanforderungen.) Dann fragten wir den Verkäufer nach einer Wandhalterung und ignorierten seine übrigen Ratschläge. Er besah unsere Auswahl und empfahl Zubehör meist mit dem Nebensatz, dass man dies beim nächsten Fernseher auf alle Fälle gut gebrauchen könne.

Aber jetzt haben wir erst mal einen. Wir sehen seither, was wir sehen. Nur wurde das Programm dadurch überhaupt nicht besser. Im Nachhinein hätte ich doch lieber den Fernseher, der im Geschäft Ice Age 3 zeigte, das lief auf unserem noch immer nicht. Gut, der Ice Age 3-Fernseher hätte nicht an unsere Wohnzimmerwand gepasst, mit seinen zwei Metern Diagonale. Aber ich hätte Ice Age 3 gucken können. Kann ich nun aber nicht. Aus unserem lief Golf. Ich hätte sofort skeptisch werden sollen.

Unsere Sender pixeln. Fußball im ZDF pixelt immer. Oder man hört Olli Kahn kommentieren, hat aber noch das Standbild der ARD. Olli Kahn und nicht mal Bild! Da kann man gleich Rosamunde Pilcher gucken. Überhaupt: wenn interessante Dinge kämen, laufen sie bei uns nie.

Es muss so sein, wie Frau Skypeverbot das längst wusste: alle übrigen Parteien im Haus, jedenfalls die, die unter uns wohnen, ziehen durch ihre Programmauswahl das Signal ab. Fußball kann also gar nicht bei uns ankommen, weil es spätestens in der WG im ersten Stock rausgesogen wird. Bis das Fernsehsignal sich durch die Leitung bis zu uns hochgerackert hat, ist nur noch Rosamunde Pilcher übrig. Und GuidoKnoppTV.

Vor Kurzem blätterte ich durch die Bedienungsanleitung und entdeckte, dass unser Fernseher auch Skype kann. Theoretisch. Schlagartig wurde mir klar, dass unser Fernseher keine Chance hat gegen die Verbindung vom fetten Skype einerseits und der Signalsaugmafia der anderen Stockwerke andererseits. Nun frage ich mich, ob ich vielleicht einen Fernsehsklaven anstelle, der das Signal direkt hochbringt, ohne im ersten Stock anzuhalten.

Das letzte Mal, als Olli Kahn zum Standbild von Englands Küsten fabulierte, gingen wir in die Kneipe, um dort Fußball zu gucken. Ich war sehr irritiert, als ich die WG aus dem ersten Stock dort erblickte. Schon eine Unverschämtheit, ohnehin auswärts Fußball zu gucken und trotzdem zu Hause den Fernseher laufen zu haben. Anders kann ich mir nicht erklären, dass bei uns nichts mehr ankam. So sieht sie aus, die wahre Entsolidarisierung der Gesellschaft.

Ich jedenfalls werde Frau Skypeverbot schreiben. Einen Brief. Um mich zu entschuldigen, dass ich ihre revolutionären Gedanken so schmählich verachtete. Und dann besorge ich mir eine Ice Age-DVD-Box.

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