„Mir kannst nu a Weißbier bringa.“ Eine Idylle in apricot.

April 30, 2013

Die Mädchen von früher sind jetzt Mütter. Sie sind immer noch nett. Jahrgangsweise haben sie die Männer geheiratet, die sie seit ihrer Schulzeit kennen. Die Männer arbeiten mit den Kumpels von früher in den Banken der Region. Abends spielen sie Karten und trinken Weißbier.
„Glitzer, wenn Dir langweilig ist, mach uns doch mal ein Weißbier auf.“ Unterwegs zu diesem durchaus anerkennenden Satz treffe ich viele dieser Mädchen. Die, die noch nicht Mütter sind, sind Lehrerinnen und haben wenig Zeit, wegen der Baustelle. Sie bauen Häuser. Die meisten werden apricotfarben.

Ich sitze in einer apricotfarbenen Küche und trinke ebenfalls Weißbier. Ich bin kein Mann, aber von hier, und wer nicht schwanger ist, trinkt Weißbier. Später trinken wir Schnaps. Ich kenne alle Leute, von denen an diesem Abend die Rede ist. Ich kenne sie, ihre Partnerinnen und Partner, ihre Eltern, deren Affären und die tragischen Geschichten der Kleinstadtidylle.

Die Buchhändlerin kennt mich auch noch. Sie schenkt mir einen Reisebericht, den hier eh niemand mehr kaufen wird. „Zu wenig Drama “, seufzt sie. Dann geht sie in die Apotheke, um den Notizzettel einer Kundin zu holen. Sie hat ihn dort weggeworfen. Mit dem Buchtitel. „Mei, es geht um eine Frau und ihren jüngerer Mann. Ham Sie des ned da?“ Das Buch entpuppt sich als Groschenroman.

Sonntag Morgen gehe ich ins Schwimmbad, ich bin ohnehin Protestantin. Ich zahle einen Euro fünfzig. Die Dame an der Kasse liest aufmerksam meinen Studentenausweis: „Glitzer! Di hätt i iatz nimmer kennt. Du warst doch mit unserm Markus in der Schui!“ In der Grundschule. Ichwar auch oft in diesem Hallenbad, freitags von drei bis fünf. Seepferdchen, Kindergeburtstag, Grundschullieben, Chips und die Narbe auf meinem Oberschenkel. Außerdem habe ich dort eine Glastür zerworfen. Das war alles vor dem Umbau in gediegene Pastelltöne.
Als ich in Richtung Umkleide gehe, spüre ich den zweifelnden Blick der Frau im Rücken. Ich studiere also immer noch. Meine Mutter wird wochenlang beschäftigt sein, dieses Gerücht aus dem Ort zu tilgen. Und das alles für einen Euro.

Ich stelle mir vor, wie es sein wird, in Zukunft in diesen Ort zu kommen. Aus den apricotfarbenen Häusern strömen wohlbehütete Kinder und pubertieren in den Vorgärten zwischen den Rosenkugeln der Zukunft. Später werden sie ihre Schulfreunde aus derNachbarschaft heiraten und Häuser bauen. Hellblaue Häuser, komplementär zu ihren Eltern.
Diese haben bereits das generationeninterne Affärenkarussell in Gang gesetzt. Markus wird wie seine Eltern und Großeltern das Hallenbad leiten. Die Buchhandlung wird schließen, Bücher gibt es auch bei real. Männer, Mütter und Mädchen leben ihre Idylle weiter und sind immer noch nett.

Und erstaunt werde ich das Gefühl nicht los, Teil dieser Idylle zu sein. Und dass sich diese Idylle irgendwo in mir drin verkriecht. Obwohl ich weder Weißbier noch apricot ausstehen kann.

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2 Antworten to “„Mir kannst nu a Weißbier bringa.“ Eine Idylle in apricot.”

  1. Grrmpf said

    Toscanahaus, apricot-beige.

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