Da habt Ihr Euren Frust. Schließlich bin ich Mutter.

Juni 19, 2014

Es ist so. Man liest immer öfter, Mütter sollten mehr über Frust schreiben. Das sei wohltuender für andere Mütter, ehrlicher und diene der Katharsis. Voilà. Hier herrscht der Frust.

Strizzi zum Beispiel. Er ist noch kein halbes Jahr alt und am Tag unzählige Male gefrustet. Weil ich aufs Klo gehe, obwohl er trinken möchte. Weil er sich zwar mittlerweile auf den Bauch drehen kann, aber trotzdem nicht vom Fleck kommt. Weil er, wenn er es schafft, sich zurück auf den Rücken zu drehen, das nicht kontrollieren kann und mit dem Kopf aufklonkt. Oder so unterm Schrank zu liegen kommt, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Weil der Zwack ihm immer nur das öde Spielzeug in die Hand drückt und nicht den großen Bagger. Und auch nicht das Laufrad. Weil der Zwack es nicht ausstehen kann, dass der Strizzi ihm begeistert den Pulli vollsabbert. Weil er nichts zu essen bekommt, obwohl er sich mit aller Macht – manchmal schmerzlich – in meinen Teller wirft. Oder gegen meine Tasse. Weil man Licht nicht in den Mund nehmen kann. Weil er nicht weiß, wozu diese Füße eigentlich gut sein sollen und warum er da immer Socken anhat. Weil ihm sein Hut über die Augen rutscht. Weil Leben jeden Tag anstrengender wird.

Und der Zwack erst. Beim Aufwachen erster Frust: aufgewacht, noch nicht fertig mit schlafen, aber Wiedereinschlafen unmöglich, weil man sonst was vom Tag verpasst. Frust, weil Mama nicht gleich aufstehen will. Frust, weil er Strizzis Bett mit Strizzi drin nicht durch die Wohnung schieben soll. Frust, weil Erdbeeren im Müsli sind. Frust, weil keine Erdbeeren im Müsli sind. Frust, weil ihm „Müllverbrennungsanlage“ noch immer nicht ganz korrekt über die Lippen kommen will. Neue Windel: Frust. Keine neue Windel: Frust. Frust, weil unten kein Betonmischer vorbeifährt, wenn er aus dem Fenster schaut. Frust, weil der Strizzi ihm begeistert den Pulli vollsabbert. Anziehen, Zähne putzen, Schuhe aussuchen, Spielzeug einpacken, Losfahren – alles birgt großes Frustpotential. Am schlimmsten verwirrt den Zwack die eigene Entscheidungsfindung. „Hoch! Runter!“„Eiei! Nicht Eiei!“ „Essen! NEIN! NICHT ESSEN! EEESSEEEEEN!“ Fragen Sie erst gar nicht nach vom Spielplatz nach Hause fahren oder ins Bett gehen.

Und ich sowieso. Diese Tage, an denen das einzig Kreative ist, eine neue, unnötige Falte in ein Hemd zu bügeln. Dieses Baby in meinem Essen. Diese einzigen geraden Sätze mit einer erwachsenen Person: ein Gespräch über das Essverhalten des Zwacks in der Krippe. Diese Balkonpflanzen, die mich überzeugen, dass mein Daumen kein bisschen grün ist. Diese vollgesabberten Pullis. Dieser Strizzi. Dieser Zwack. Diese Stadt. Dieses Umfünfuhraufstehen. Dieser zynisch anmutende Satz der Ärztin in meinem Kopf: „Schlafen Sie, wenn das Kind schläft.“ Dieser koffeinfreie Kaffee.

Aber jetzt seien wir mal ehrlich: wer liest denn sowas bis zum Schluss?

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4 Antworten to “Da habt Ihr Euren Frust. Schließlich bin ich Mutter.”

  1. minulinu said

    ich!…jedes frustrierte Wort lese ich bis zum Schluss! Und warum? Weil ich froh bin um jede Mama, die ähnliches beschreibt, weil das nicht mich zur Deppen der Nation macht sondern die Nation zu einer Nation von Deppen, die ignorieren, was Mama-sein heißt!

    🙂
    Minusch

  2. Danke, Minusch. Mich tatsächlich beruhigt es auch immer, wenn ich von anderen ähnlich Erlebtes lese.

  3. wiycc said

    Solchen Mutterfrust zu lesen relativiert doch gleich den eigenen. Ich mag, wie Sie schreiben und außerdem tut es immer gut, seinen Frust wegzuschreiben.
    Schauen Sie mal bei Gelegenheit bei reasonsmysoniscrying.com rein.

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