Oma. Und Unwichtiges.

Juli 27, 2014

Es ist so. Dass sie von Besuch zu Besuch kleiner wurde, setzte ungefähr zu dem Zeitpunkt ein, zu dem sie uns die Absage zu unserer Hochzeit schickte. Sie könne leider nicht kommen, es sei nun wohl so, dass das Alter in den Vordergrund trete. Das war vor zwei Jahren und nun wird meine Oma dreiundneunzig.

In den letzten Monaten wird sie nicht mehr kleiner, sie sieht wieder besser aus, vor allem, seit sie im Altenheim wohnt. Das allerdings weiß sie nicht. Sie wohnt im Altenheim, nennt ihr Zimmer eine Garage, spricht von ihrem anstehenden Umzug, fragt sich, wo ihre Sachen sind und woher der Teil ihrer Sachen kommt, der in dieser Garage steht, in der sie schläft. Manchmal steht sie vor ihrer alten Wohnung und kramt nach dem Schlüssel. Manchmal fährt sie irgendwohin mit dem Zug.

Sie geht regelmäßig einkaufen, vor allem, um Kuchen zu backen. Ihr Zimmer hat keinen Backofen. Und eigentlich kocht sie auch nicht mehr selbst. Aber sie ging immer einkaufen. Die Lebensmittel stapeln sich im Schrank, bis meine Mutter sie mitnimmt. Sie erzählt von Nachbarinnen, neben denen sie vor 30 Jahren gewohnt hat, in einer anderen Stadt.

Manchmal aber ist sie ganz klar, sitzt im Wohnzimmer meiner Eltern, hört schlecht, weiß, wie der Hund heißt, welche Kinder hier herum springen, dass meine Schwester meine Schwester ist und dass ich ich bin. Fragt nach den Kindern, fragt, wie ich mit dem Haushalt zurecht käme, wie groß die Wohnung sei, die es in Schuss zu halten gelte. Ich werde kaum rot, erzähle aber auch nicht, dass ich bald wieder anfangen werde zu arbeiten. Und dass unsere Wohnung wohl nicht so sehr das ist, was sie als „in Schuss“ bezeichnen würde.

Sie freut sich, dass was los ist, dass Strizzi Zwacks Bauklötze ansabbert, während der den Hund am Schwanz zieht. Sie wiederum füttert den Hund konsequent verbotenerweise mit Keksen, die der gegen alle Gewohnheit auch frisst. Und öffnet dem Zwack, den sie „Puschel“ nennt, auch die dritte Packung Süßes, die er ihr unter die Nase hält – nur bei der ersten hatte sie fälschlicherweise angenommen, es handele sich um ein Geschenk, sie würde es später essen.
Sie war für uns Mädchen einkaufen, Schwester und ich schleppen Kekse, Schokolade und Obst nach Hause.

Zu Strizzis Taufe bekommen wir eine Karte zu einem anderen Anlass, außerdem Eier und Butter, um einen Kuchen zu backen. Das könne ich hoffentlich wohl. Bei meiner Schwester kommt irgendwann ein Kuchen an, den sie an unseren Onkel schicken wollte. Der wohnt da nicht. Aber sie hat unsere Adressen und der Kuchen kommt irgendwo an.
Das ist auch alles nicht wichtig.

Früher hat sie mich auch Puschel genannt.

 

 

Manchmal sagt der Opa Sachen,
über die wir heimlich lachen.
Er verwechselt, wie wir heißen,
möchte mit der Droschke reisen
und ruft: `Oma, komm mal her!´,
dabei lebt sie doch nicht mehr.

Abends zählt er dann alleine
seine schwer ersparten Scheine
und versteckt sie unterm Kissen,
weiß nicht, daß es alle wissen.
Plötzlich ruft er ganz erregt:
`Wo hab` ich mein Geld verlegt?´

Keinen Faden läßt er liegen.
Krumme Nägel will er biegen,
daß man sie noch mal verwendet.
Nicht ein Krümchen wird verschwendet,
weil er weiß, was Hunger ist
und die Not nie mehr vergißt.

Manchmal sagt der Opa Sachen,
die uns still und traurig machen,
sagt: `Bald muß ich von euch gehen,
hab` genug mich umgesehen.´
Und in solchen Augenblicken
möchten wir ihn an uns drücken.

[von: Gerhard Schöne, Album: Menschenskind, 1985]

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2 Antworten to “Oma. Und Unwichtiges.”

  1. Christian Kurzke said

    Nach jedem neuen Eintrag denke ich es, diesmal mag ich es schreiben: DANKE! Christian

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