Regale im Wind. Und über autogenes Training.

April 7, 2015

Es ist so. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern: vor Kurzem erzählte ich vom Luftholen. Vergessen Sie alles, den Spinat, die Nudeln.

Schließen Sie die Augen, holen Sie Luft. Atmen Sie ruhig und folgen Sie mir in eine gewöhnliche Familienwohnung. Ein Regal im Wohnzimmer, eine Couch, überall Lego und dazwischen Kochgeschirr.
Stellen Sie sich ein Kind vor. Das Kind stampft. Das Kind stampft auf seine Mutter zu. Es bleibt stehen. Es stampft wütend auf, dreht sich demonstrativ um und stampft wieder weg. Dann wirft es sich auf den Boden und strampelt. Strampelt gegen die Töpfe, gegen das Lego.

Holen Sie Luft. Malen Sie sich die Lautstärke aus. Nein, kein Rohrspatz, lauter, viel lauter und unartikuliert. Laute, brüllen, schluchzen, Rotz.
Strampelnder Rotz, großes Elend.

Und jetzt – was könnte der Grund dafür sein? Ein Schokoladenverbot. Die falsche Nudelform. Mittagsschlaf. Kein Mittagsschlaf. Ein roter Pulli. Eigentlich ist es egal. Wahrscheinlich hat die Mutter das Kind aus dem Regal gepflückt, als es gerade ganz oben angekommen war, von der Lehne des Sofas aus elegant hochgehangelt, wo es so lustig zu schwanken beginnt. Und dann kommt diese Frau und pflückt das Kind aus dem Schwanken. Da muss man doch mal stampfen dürfen.

Sie schrecken aus Ihrer entspannten Meditation hoch. Wieso wendet diese Mutter denn Gewalt an, indem sie das Kind einfach aus dem Regal pflückt! Wieso überzeugt sie ihn nicht mit Engelszungen, überredet ihn, doch herunterzusteigen, diskutiert mit ihm oder lockt ihn mit Schokolade – irgendetwas muss dieser Mutter doch einfallen, um den Zwack wieder aus dem Regal zu bezirzen! Dafür ist sie doch Mutter!

Sehen Sie – hier liegt Ihr Meditationsfehler. Der Zwack nämlich steht unten und juchzt, während Strizzi auf dem Regal schaukelt. „Mama! Der Strizzi!“, juchzt der Zwack. Und ich pflücke ihn aus dem Regal.
Es heißt also „Terrible Two“ habe ich gelesen und auch erfahren, dass sich der Trotz erst später Bahn bricht. Darüber denke ich nach, als Strizzi brüllend durch die Gegend stampft. Es ist nämlich so, dass andere Kinder in seinem Alter gerade üben, selbständig zu laufen. Der Strizzi aber stampft. Holt Luft, brüllt weiter.

Wenig später kocht er Legosteine, als wäre nichts gewesen und ich werde ihn an diesem Tag noch einige Male aus dem Regal pflücken, er wird noch öfter stampfen und ich male mir gar nicht erst aus, wie sich die Terrible Two anfühlen werden. Bis dahin ist ja auch noch Zeit. Ich werde sie mit autogenem Training verbringen.

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