Verweile doch, Du bist so schön! Über Augenblicke.

Mai 26, 2015

Es ist so. Wenn man Kinder hat, lernt man Augenblicke kennen. Jaja, Sie verdrehen jetzt die Augen und hören sofort auf zu lesen. Denn jetzt, befürchten Sie, folgen Schilderungen herzzereißender Szenen, in denen Zwack und Strizzi total harmonisch miteinander spielen, während ich Zeit habe, einen Kaffee zu genießen. Noch dazu einen, der noch heiß ist.
Aber diese Augenblicke meine ich nicht. Ich meine den NÄCHSTEN Augenblick. Zwack und Strizzi also spielen total harmonisch miteinander und im NÄCHSTEN Augenblick zieht der Strizzi dem Zwack die Pfanne über den Schädel. Ich verbrühe mir vor Schreck die Hand mit dem noch heißen Kaffee, den ich jetzt eh nicht mehr trinken kann. (Ich könnte ein ganzes Buch mit nicht getrunkenen Tassen von Kaffee füllen und den Orten, an denen ich sie Tage später wiederfinde.)

Kurz vorm Schlafengehen setzt mir der Zwack die Funktionsweise einer Bergbahn auseinander und im nächsten Augenblick, mitten im Wort, ist er eingeschlafen. Ein seltener nächster Augenblick. Meistens gefolgt von dem nächsten Augenblick, in dem Strizzi brüllend in seinem Bett steht.

Spielplätze sind auch voll von nächsten Augenblicken. Eben spielen noch alle im Sand und im nächsten Augenblick sind beide Kinder von oben bis unten nassgepritschelt und auch das Nachbarkind – das, das _immer so leicht_ Schnupfen kriegt – wurde gleich mitgeduscht.

Natürlich ein Klassiker: Alles ist entspannt und im nächsten Augenblick brüllt der Zwack vor Zorn und Strizzi wirft mit Legoautos um sich. Und – die Königsklasse – der Zwack brüllt vor Zorn und „Mama, geh weg!“ und Tränen und Rotz und im nächsten Augenblick: „Kuscheln!“ und die Welt ist wieder in Ordnung. Leider bin ich hierfür oft zu langsam.

Morgens gibt es einen besonderen nächsten Augenblick. Man verabschiedet sich von den Kindern und obwohl es nicht sein kann, hat man im nächsten Augenblick eine Rotzspur auf dem Kleid. Und natürlich keine Zeit, sich umzuziehen, weil man schon vor sieben Augenblicken losmusste.

Da gibt es den nächsten Augenblick, in dem sich der Oregano über die Balkonbrüstung verabschiedet. Den nächsten Augenblick, in dem Strizzi auf dem Tisch kniet, um Zwacks Essen aufzuessen. Den nächsten Augenblick, in dem er brüllend auf dem Boden liegt. Zum Glück läuft er im nächsten Augenblick schon wieder durch die Wohnung, bis der Zwack ihn im nächsten Augenblick umschubst. „Ich wollte nur, dass er schneller laufen kann!“ beteuert der noch Augenblicke später.

Sie sehen: es ist kurzweilig. Und voller Überraschungen. Und ich frage mich, ob ich mich je daran gewöhnen werde. Oder ob das hinfällig ist, denn rückwirkend betrachtet, zieht der Zwack wahrscheinlich im nächsten Augenblick schon aus. Aber jetzt spielt er erstmal Eisenbahn. Der nächste Augenblick kommt bestimmt.

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Eine Antwort to “Verweile doch, Du bist so schön! Über Augenblicke.”

  1. Christian Kurzke said

    Auch ich bin irgendwie in viel zu vielen Augenblicken viel zu langsam.

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