Uroma Sefa und die Jesus-Reparatur.

Oktober 29, 2015

Es ist so. Die großen Fragen lassen den Zwack nicht los. Pünktlich zum Herbst sprechen wir weiter über Tod und Sterben, darüber, dass tote Menschen nicht in den Müll kommen. Ich erkläre Beerdigung als Abschied, die Holzkiste, das Grab als Ort, den manche Menschen brauchen, um sich innig an die Toten zu erinnern. Dass die Toten in der Holzkiste aber – das hatten wir ja schon – weder laufen noch sprechen noch lachen könnten.

Wie Tote denn aussähen, fragt der Zwack, und, ob ich schonmal einen gesehen hätte. Ich verneine. Ob ich jemanden kennte, der tot sei. Natürlich, und dann erzähle ich von Uroma Sefa. Das erscheint mir passend, sie ist schon seit fünfzehn Jahren tot und seine andere „Uroma“ steht ihm nicht so nahe, dass er sich gleich Sorgen machte. (Anders übrigens meine Schwiegermutter, die berechtigterweise keine Ahnung hat, wie meine Omas mit Vornamen heißen und auf ein Zwacksches „Die Uroma Sefa ist schon tohot! TOHOT!“ mir und meiner guten Laune gegenüber recht irritiert reagierte.)

Aha aha aha – Uroma Sefa also. Warum die tot sei. Ob sie sterben wollte. Uroma Sefa wurde über neunzig. Sie war krank, hatte Schmerzen, hatte genug ge- und erlebt und war davon überzeugt, dass sie beim lieben Gott weiterleben würde. Es erscheint mir eine diplomatische und kindgerechte Antwort. Mh mh mh, ein paar kreisende Verständnisfragen, und dann, Aber, wenn die Uroma Sefa tot sei und in der Holzkiste und nix mehr könne, wie könne sie denn dann beim lieben Gott leben und vor allem, was täte sie dann da – so ohne nix zu können.

Ha, ich weiß, Sie denken jetzt, Klar, kein Problem, erst die Holzkiste und dann die Seele erklären, nichts leicht als das. Es war schwierig. Und es leuchtete dem Zwack auch nicht ein, dass andere Leute davon überzeugt seien, dass sie als Marienkäfer wieder geboren würden. Und dass vielleicht jedweder Glaube entscheidend für das Konzept von Tod und Sterben sei.

Er jedenfalls wolle nicht sterben, ob ich da aufpassen könne und ich, bitteschön, solle auch nicht sterben, wer das eigentlich entscheide und in diesem Zusammenhang mal ganz grundsätzlich, Mama – bist Du eigentlich alt?

Nach ein paar Tagen Pause, kurz vorm Einschlafen, Mama, sind alle Menschen irgendwann tot? Ja. Mh, der Jesus sei auch tot gewesen und dann aber konnte man den wieder reparieren. Sprach’s und kuschelte sich gemütlich in die Kissen.

Seit zwei Tagen nun kein Wort mehr über Tod und Sterben, auch kein hysterisches „NICHT DIE MAMA TOT MACHEN!“, wenn sich Strizzi mit Karacho auf mich wirft. Noch besser gar, heute weckte ich ein fasziniertes Glitzern im Zwack, diesen Ausdruck von Wissbegier, wenn er merkt, dass da etwas absolut Neues auf ihn wartet. Also, etwas absolut Neues, was man erstmal mit Kopf und Sprache bearbeiten kann, nichts Haptisches. Dieses absolut Neue war das Konzept All. Weltraum. Raumsonde. Zum Mond fliegen. Vor lauter Aufregung konnte der Zwack gar nicht einschlafen. Ob die – wie heißt das Ding nochmal? – Raumsonde! Raumsonde! oben oder unten flöge und wie sie wieder weg vom Mond käme und ob man das mal sehen könne, ob die Flügel habe, und dass ich ihm morgen eine aus Lego bauen müsse. Raumsonde, hauchte der Zwack mehrfach und schlief irgendwann lächelnd ein.

Was nach guter Ablenkung klingt, kann auch gefährlich werden, denn wo – bitteschön – wohnt dann die Uroma Sefa beim lieben Gott und kann man da mit der Raumsonde hinfliegen?  Ich hatte eben ein bisschen Zeit, mir Antworten zu überlegen und ich glaube, ich habe die ultimative Antwort gefunden. Sie nimmt die Angst vorm Sterben, sie verortet den lieben Gott und lässt Uroma Sefa in ganz neuem ehrwürdigem Licht aus ihrer Holzkiste steigen.

Vielleicht repariert Uroma Sefa Raumsonden mit dem lieben Gott. Oder bekocht zumindest die Besatzung. Schließlich war sie auch zu Lebzeiten eine Seele von Köchin.

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