Ameise im Kopfstand. Über die Präsenz imaginärer Brocken.

Januar 23, 2016

Es ist so. Ich darf mich eigentlich nicht beschweren. Wobei. Es ist Samstag und ich sitze im Taunus, es heißt Arbeit. Aber dieser Samstag hat gute Seiten: ich habe eine Nacht ohne Störung ganz allein in einem Bett verbracht. Luxus. Vor dem Frühstück gehe ich schwimmen. Doppelluxus. Ich muss das Frühstück nicht selbst machen. Unfassbar.

Und dann das. „Kollegiale Beratung“ heißt der Agendapunkt. Wie es uns gehe, fragt der Referent. Als allererstes. Ob es Anliegen aus der Gruppe gebe. Aha, Gewalt, das sei ein interessantes Thema. Finde ich auch und so: passend.
Als erstes müsse man natürlich das Anliegen klären, er bittet die Kollegin mit der Gewalt nach vorne und startet ein Interview. Irgendwann wird die Gruppe wieder einbezogen, dann wieder Wechsel und wieder zurück und so weiter. Ich wache auf, als in der Interviewsituation über einen Brocken gesprochen wird. Ein imaginärer Brocken, von etwa, Ja, wie groß der denn sei, ob die Kollegin das mal zeigen könne. Ahaha, er habe jetzt auch eine Farbe im Kopf – aber: ein eher weicher oder eher harter Brocken? Jaja, das habe er sich gedacht, ein harter Brocken, man sehe ihn förmlich in all seiner Präsenz hier liegen. Man könne ihn hier auch einfach liegen lassen. Ob die Kollegin denke, dass sich der Brocken wohl verändere, wenn man ihn liegen lasse. Und ob sie denke, dass sie einen Bandscheibenvorfall bekäme, wenn sie versuchte, den Brocken zu bewegen.

Dann sind wieder wir als Gruppe dran. Wir werden gebeten, mögliches Verhalten in Bezug auf den imaginären, höchst präsenten Brocken zu beleuchten. Und zwar entweder als Adler oder als Ameise oder als Löwe. Was also würde ein Löwe tun, angesichts des Brockens. Oder eine Ameise. Oder eben der Adler. Kopfstand aber könne man auch machen. Innerlich brülle ich ein bisschen und verkneife mir gleichzeitig die Frage, ob Ameisen eigentlich Bandscheiben haben oder ein Äquivalent zum Vorfall. Und ob sie Kopfstand drauf haben.
Dann hebe ich recht adlermäßig ab und schaue mir das Ganze mal aus der Distanz an. Ich muss leider gestehen, dass die Distanz die Sache nicht besser macht: eine Gruppe mehr oder minder fähiger Menschen beleuchtet Gewalt in Form eines imaginären, höchst präsenten Brockens mit emsiger Begeisterung per Kopfstand. Und das mitten im Taunus.
Der Adler in mir (mein Krafttier, vielleicht?) richtet den Blick nach vorne und überlegt, wo man nun besser hinflöge: Berge. Sonne. Schnee. Ruhe. In diesem Moment unterbricht der Referent meine geistige Thermik und nötigt mich auf den Boden neben den Brocken zurück. Was das mit mir gemacht habe, möchte er wissen. Dass ich ganz adlermäßig meinen Horizont geweitert habe, fort von hier, sage ich und er nickt verständnisvoll.

Jetzt könnte man sagen, ein kleiner Trost vielleicht, immerhin Arbeitszeit, dieser imaginärer Brocken. Das ist richtig. Und das Beste: diesen Samstag werde ich einfach ersetzen durch den nächsten Montag. Und den verbringe ich im Süden. Am Meer. Wo der Brocken dann liegt, ist mir wurscht. Der Adler sitzt auf dem Balkon und putzt seine Federn in der Sonne. Er hat Urlaub.

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2 Antworten to “Ameise im Kopfstand. Über die Präsenz imaginärer Brocken.”

  1. alterjetzt said

    ..meine Geistige Thermik..- schönes Bild

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