…der Woid is schee. Eine Versöhnung. (2/2)

September 21, 2016

Es ist so. Der Bauernhof ist ein schöner Ort. Einer dieser Bauernhöfe, die ihre Tiere (samt der damit verbundenen Arbeit) halten, obwohl alles ein einziges Verlustgeschäft ist. Aber ohne Tiere kein Bauernhof und ohne Bauernhof kein Bauernhofurlaub und keine Einnahmen. Nun sind unsere Kinder ja weniger tier- als traktoraffin, aber die gibt es immerhin auch. Der Rest ist recht urlaubsorientiert, der erste Hof, bei dem man sich vorstellen kann, auch mal einen Tag dort zu verbringen, nicht nur zum Schlafen nach Hause zu kommen.

Trotzdem machen wir Ausflüge. Es regnet nicht, was mich erstaunt, wahrscheinlich sind wir gar nicht im Bayerischen Wald, sondern zu weit davor. Aber ich sage nichts. Wir besuchen einen Ameisenpfad, eine Art Erlebnisspaziergang zum Thema Ameise durch den Wald. Erstellt von hiesigen Sozialpädagogen, ich denke an die Menschen, die mir hier früher begegnet sind und beiße mir schon wieder auf die Zunge. Zwack, der sonst nicht sonderlich naturverbunden scheint, klettert und springt und sucht Tannenzapfen, bis er sich an einer Station eine blutige Nase holt. Strizzi kaut auf einer harten Breze und findet alles doof. Insgesamt ein gelungener Ausflug, zum Mittagessen wollen wir in den nächsten Ort. Marktplatz, klingt gut, wir müssen schnell was essen, wegen der Stimmung.

Auf dem Marktplatz großes Spektakel, die Wahl der lokalen Weißwurstkönigin. Fangruppierungen finden sich und skandieren den Namen ihrer Favoritin, auf einer großen Bühne turnen die Alleinunterhalter das Programm von BayernPlus, alle umliegenden Wirtshäuser samt Marktplatz an sich platzen aus den Nähten. Das Publikum besteht ausnahmslos aus Rentnern. Alles in allem kein Platz für uns, Otto stellt angesichts der Geräuschkulisse sofort auf Schutzschlaf bzw. Scheintod. Wir finden einen Imbisswagen und kaufen, was es gibt: bayerischen Döner aus Pulled Pork und bayerische Burger aus gegrillter Weißwurst, wahlweise mit Honig-Senf-BBQ-Sauce oder Ketchup. Ich weiß nicht, ob das erlaubt ist. Aber es ist mir auch egal, die Herausforderung bleibt, die Jungs davon zu überzeugen, dass sie genau das jetzt essen wollen. 

Den Nachmittag verbringen wir am hofeigenen Pool, Strizzi fällt ins eiskalte Wasser und straft das Schwimmbecken für den Rest der Woche aus sicherem Abstand mit bösen Blicken. Zwack ringt mit sich und seiner Kindergartenkindehre und plumpst schließlich panisch ins Nass. Zwar ist September, aber heiß, er friert sich noch einige Mal blau im Wasser, es ist eine große Freude.

Überhaupt wirft ihn dieser Urlaub weit nach vorne. Während er vor dem Lagerfeuerabend in fünf Varianten herauszufinden sucht, ob der Rauch eines Lagerfeuers ebenso giftig sei wie der eines Zimmerbrands, grillt er dann froh sein Würschtl am geschnitzten Stock und wirft juchzend Tannenzapfen in die Flammen.

Wir fahren in den Ort meiner Oma, ich bin erstaunt, wie vertraut mir die Kurven sind, der Anblick des Waldes, die Felsen. Überraschenderweise steht das Haus noch, wie immer nordseitig eingepfercht zwischen dunklen Bäumen. Beim Kramer derselbe Geruch wie damals, nur BussiBär gibt es keinen. Alte Postkarten allerdings. Die Kirche, der Friedhof, die Glasbläserei. Wir verbringen den Tag damit, Wölfe zu suchen. Das Tier, das den beiden am Besten gefällt, ist der blinkende Bagger auf dem Spielplatz. Strizzi mampft Salzzöpfe („Fingersemmeln!“), Zwack löchert den Glasbläser mit Fragen, der froh scheint, endlich mal ein Kind in seiner Werkstatt zu haben. Wir schaffen es, nichts kaputt zu schlagen.

Das Tiermuseum, an dessen Eingang ein ausgestopfter Bär vor sich hin modert, jagt mir noch immer Grusel ein. Es scheint weiter die Sonne. Erleichtert fahren wir zurück, raus, zu den Kühen. Strizzi verbietet mir noch immer, in den Stall zu gehen, fängt aber gleichzeitig an, Kälber zu füttern. Am Ende der Woche schaufelt er den Kühen das Futter vor die Nase, Zwack bringt den Kälbern Milch und fällt nicht in Ohnmacht, als sie ihm das Ohr lecken. Er schnürt alleine zu Esel, Pony und Ziegen in den Stall. Jeden Abend sitzen wir in unserem Wintergarten und gucken Sterne. Zwack wünscht sich ein Himmelbett.

Es regnet, als wir abfahren. Und weil wir weder Kühe, Kälber, Sterne, Esel, Katzen oder Himmelbetten mitnehmen können, fließen auch ein paar Tränen. Der Bayerische Wald sei schön, seufzt der in dieser Woche unglaublich gewachsene Zwack und ich stimme ihm leise zu.

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4 Antworten to “…der Woid is schee. Eine Versöhnung. (2/2)”

  1. pitz said

    Der Zusammenhang von Futterpegel und Stimmung ist heftig, oder? Wir hatten früher immer Reiswaffeln und so dabei. Und selbst jetzt ist noch in neun von zehn Fällen fehlendes Essen an schlechter Laune schuld.

    • Unglaublich. Ich erinnere mich gut an meine Verwunderung, als eine Bekannte erzählte, sie würde ihrem Sohn nach dem Kindergarten noch auf dem Weg erstmal zwei Bananen kredenzen. Jetzt bin ich gar nicht mehr verwundert darob.

  2. pitz said

    Ich habe ja die These, dass Kinder in der letzten Stunde des Aufenthalts im Kindergarten/Hort in gewisser Weise formatiert werden. Deswegen auch der leere Blick wenn man fragt, was so los war, und ebenso der leere Magen.

    • Ja, irgendwas muss da passieren. Der Zwack würde jedenfalls danach am liebsten immer schlafen, der Arme. Erzählen tut er nix. (Außer, jemand hatte am Spielzeugtag einen selbstlaufenden, blinkenden, brüllenden Plastikdino dabei. :/ )

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