Als ich endgültig von Bamako Abschied weine, bin ich seit Monaten schon wieder in München.

Es ist der Tag, an dem Tim die letzten Dinge in die Koffer packt.
Ich stelle mir vor, wie er das letzte Mal durch den Pool schwimmt, denke an den Garten, höre die Vögel, gehe noch einmal durch alle Zimmer, atme die fette rauchige Luft.

Die unbekümmerte Hitze, der Müll, die unglaublich vielen Kinder, das ständige Hupen von Mopeds und Kleinbussen. Der Fluss. Der Weg zum Supermarkt. Die Telefonkartenverkäufer, Polizisten, Pate rouge, die Boutique ums Eck. Ca va.

Ich denke an Renards Grinsen, an Mamoudous lispelnde Bedächtigkeit, Christians Zurückhaltung, Bintous rauhe Stimme und ihre Schüchternheit.
Kolleginnen und Kollegen. Felsen und Wüste. Meine Lieblingsschreiner. Banderolen, Zeremonien, große Gefühle, Herzlichkeit, Gespräche, Schafe und ständiges Staunen. Tausende Eindrücke.

Ich bin nicht gut in Abschieden. Vielleicht musste ich nie, vielleicht habe ich mich immer davor gedrückt. Und nun so anders, als einfach von Berlin nach Frankfurt zu ziehen. Seltsam zu wissen, dass es das Land, aus dem ich wegging, nicht mehr gibt. Der Putsch, die Teilung. Das Lauern.

Wie man denn hierher zurückkomme, fragte jemand gestern. Langsam. Gar nicht. Vielleicht gemeinsam. Wenn wir alle die Erinnerungen aus ihren Kisten zaubern – wie alte Freunde.

Neben mir liegt der Zwack und brabbelt seine Hand an.

Advertisements

Es ist so. Ich kenne diesen Flughafen. Ich bin hier ein Dutzend Mal abgeflogen, weiß, was mich erwartet, im Prinzip. Über fünf Passkontrollen, drei Security-Checks und diverse Warteschlangen oder –Haufen. Dazwischen stehen überall Leute und packen ihr Gepäck um. Zwei erlaubte Gepäckstücke à 23 Kilo pro Fluggast scheinen schier nicht umzusetzen.

Diesmal sind es viele Leute, sehr viele. Ich stehe kurz nach der ersten Passkontrolle hinter dem Eingang, warte in der Check-In-Schlange eine Stunde während das sofortige Boarding aufgerufen wird, eine knappe weitere, bis ich in der Reihe vor irgendeinem Schalter stehe. Je näher ich an die Schalter komme, umso lauter werden die vertrauten „Cheick!“-Rufe. Cheick ist die Person, die sich mit allen Computern und ihren Fehlern auskennt. Heute ertönt eine Dauer-„Cheick!“-Schleife.

Dafür scheint heute auch ein zweiter Cheick im Einsatz, dessen Namen ich nicht kenne. Cheick Zwo bietet dem Herrn vor mir fünfhundert Euro bar, wenn er heute nicht fliegt oder aber einen Gutschein und eine Übernachtung im Hotel, falls er pokert, auf die Warteliste gesetzt zu werden. Es sind noch fünfundvierzig Minuten bis Abflug, ich habe online einen Sitzplatz gesichert und möchte nur noch mein Gepäck abgeben, bekomme also keine fünfhundert Euro geboten. Und bleibe relativ ruhig. C’est comme ça, chez nous.

Mein erstes Gepäckstück bereitet keine Probleme. Bis Paris, fragt die Dame, als der Koffer schon auf dem Förderband von dannen fährt. Frankfurt, sage ich und denke sofort, es könnte ein Fehler gewesen sein. Voilà, schon kann die Dame mein zweites Gepäckstück nicht mehr registrieren. Zum einen, weil das andere nach Paris geht, zum anderen, weil mein Flug nach Frankfurt annulliert wurde und nicht mehr im System erscheint. Bevor sie „Cheick!“ rufen kann, versichere ich ihr, dass sie auch alles nach Paris schicken könne, das sei mir egal. Nein, jetzt ginge mit meinen Daten im Moment gar nichts mehr. Ich solle warten.
Ich stehe neben meinem zweiten Koffer und warte, frage mehrmals nach, ob sie das Problem schon jemandem signalisiert habe, ernte genervte Blicke. Auch der Flughafenmann neben mir versichert mir, ich würde schon abheben, heute.

Cheick Zwo vertickt weiterhin Gutscheine wegen der Überbuchung. Cheick himself wirft immer nur einen kurzen Blick auf den Bildschirm, der aber in Ordnung ist, während die Dame munter andere Leute eincheckt.
Irgendwann erscheint Cheick Zwo, lässt sich das Problem erklären und findet heraus, was alle wissen: dass mein Flug annulliert wurde. Er würde mal nachsehen, schnappt meinen Pass und huscht weg, während ich noch versuche, ihm die neuen Flugdaten hinterherzurufen.

Zwanzig Minuten vor Abflug kommt er wieder, meint, der Flug sei annulliert, ich sei schon umgebucht, aber das Gepäck, das solle nun doch nur bis Paris gehen. Die Dame versucht, mein zweites Gepäckstück bis Paris zu buchen und erhält einen Gepäckanhänger bis Frankfurt. Den traut sie sich ohne Erlaubnis von Cheick Zwo nicht am Koffer zu befestigen. Ich solle warten. Cheick Zwo diskutiert die Hotelübernachtungen. Irgendwann stellt ein freundlicher Mann mein erstes, schon eingechecktes Gepäckstück neben mir ab, er habe es eben für mich aus dem Flieger herausgesucht.
Ich werde nervös. Fünf Minuten nach Abflug schickt man mich in Richtung Büro, um Cheick Zwo zu suchen, während fünf Leute in gelben Sicherheitsjacken um den Bildschirm und meine Koffer stehen. Beides – in abgeriegeltes Gebiet vorgelassen zu werden und dass so viele Leute sich nun des Problems annehmen – macht mich noch nervöser. Die Wartehalle liegt merklich leer.
Cheick Zwo folgt mir an den Schalter und macht alles noch einmal neu. Da er inzwischen wohl meinen Platz verkauft hat, sitze ich nun irgendwo anders, beide Gepäckstücke sollen nun nach Paris gehen.

Ich bedanke mich, fünfzehn Minuten nach Abflug stehe ich an der dritten Passkontrolle, dann die vierte, erster Security-Check. Dass ich spät sei, man müsse sich schon an die vorgegebenen Zeiten halten, ich sei doch Deutsche, oder?

In der Abflughalle eine Dame des Bodenpersonals, ah Madame, ob ich nun doch flöge, bis eben am Schalter habe ich den Eindruck erweckt, ich wolle meinen Aufenthalt hier verlängern. Trotz allem bin ich scheinbar zu Scherzen aufgelegt und erwidere irgendwas, was uns lachend auseinander gehen lässt. Passkontrolle Nummer fünf, aha, das sei nun aber knapp für den Flug, ob sonst alles in Ordnung sei und die Familie? Jedenfalls freue er sich, wenn er jetzt Feierabend machen könne.

Security Check Nummer zwei, huch, Madame, so knapp vor Abflug, wie es mir gefallen habe in Mali, wie lange ich da gewesen sei, ach, so lange, ob ich gearbeitet habe, ç’est bon ça, und wo der Herr Gemahl sei, guten Flug.

Security Nummer drei, ah, Jolie, so spät, ob es ein Mädchen oder ein Junge werde, so oder so, er wünsche mir einen Jungen und falls ich ihn nach ihm benennen wolle, er hieße Moussa.
Im Flieger angekommen, bleibt das Personal ganz Service. Kurz nachdem ich eingestiegen bin, die Ansage, dass das Boarding nun doch endlich abgeschlossen sei. Mein Sitznachbar sieht mich an und meint, in London würde es ohnehin regnen. Da könne man auch später ankommen. Und die Familie?

Ich fühle mich sehr zu Hause und in den Sessel versinkend vergesse ich für einen kurzen Moment, dass ich dieses Land vielleicht nie wieder betreten werde. Aber dieser Gedanke wird mich ohnehin erst in ein paar Tagen in München mit seiner Wucht einholen. Vielleicht zu dem Zeitpunkt, zu dem mein Gepäck ankommt. Falls.

Alltagewoche 1.

Ich schlafe schlecht, aber dafür zu wenig. Um fünf ist Schluss. Um Tim nicht aufzuwecken, versuche ich, weiter im Steinmodus zu verharren, lausche den Imamen und warte, bis Aufstehzeit ist. Tim schläft aber auch nicht. Seltsam. Nach einer Zeit kann man den Leuten anhören, ob sie schlafen oder nur regelmäßig atmen.

Ansonsten verläuft dieser Montag, wie so ein Montag verlaufen muss. Übergabe, Bericht, Augenringe, immer noch Genesungswünsche, der Versuch, mir ein beeindruckendes Zeugnis zu formulieren, Nachricht über Abfindung im Zuge meiner Vertragserfüllung. Später deshalb eine Diskussion mit Tim über den Club Med und Abfindungspolitiken.

Egal, alles, was an diesem Montag zählt sind: die Nilpferde. Es sind fünfundsiebzig und wir sollen sie abholen. Auf der Fahrt zum Markt berichtet mir Tim neu Grusliges aus dem Norden, nicht mal für die Nachrichten hatte ich heute Zeit.

Wir stolpern über den Markt, finden den Laden wieder, ohne uns vorher schon zu einem Kunsthandwerkkauf nötigen zu lassen. Ca va, klar erinnere er sich, er sei zwar nur der Bruder (und war letzte Woche gar nicht da), aber, kein Problem, er rufe Amadou an, ahahaha, ach, wir seien die, voilà, gut eingepackt, gute Arbeit, fünfzehn Familien Holznilpferde. Man rechnet in Familien. Überhaupt rechnet man Dinge lieber in Fünferschritten, weswegen Rechnen außerhalb der Fünf manchmal lange dauert.

Die Nilpferde sind der Hit. Alle unterschiedlich groß, dick und schief – einfach perfekt. Wir stellen sie auf den eineinhalb Quadratmetern Laden auf, der Verkäufer von gegenüber guckt ein wenig ungläubig. Vor allem später, als wir bei ihm wirklich keine Lederschachtel für unseren neuen Zoo erstehen wollen.

Fünfzehn Familien, ich fische das Post-it heraus, das unsere Anzahlung dokumentiert, zahle den Rest. Dann fragen wir nach noch zwei Nilpferden, grösser, anders, Amadous Bruder bringt gleichmal fünfzehn, pardon, drei Familien. Wir wollen nur zwei, eines hinkt, verhandeln nicht ganz gut, aber egal.

Tim will weg, ich noch eine Sonne für Mama kaufen, verschwinde einfach in einer Verkaufshöhle, das einzige Mittel, ihn aufzuhalten. Wir verhandeln die Sonne, bis der arme Verkäufer nicht mehr genau weiß, welche Zahl jetzt nach achtzehn kommt, wenn er uns einen Schritt entgegen kommen möchte, nein, wir wollen nicht auch noch den Bronzeskorpion, die zweite Maske oder die Bronzefischerstatue. Gute Laune. A la prochaine, les Allemands.

Deutsches Brot gleich gegenüber, wir versuchen, welches zu kaufen, aber die Leute in der Bäckerei sind so in ihre Diskussion vertieft, dass das gar nicht so leicht ist. Aber für hier so untypisch, dass ich lachen muss, bis auch die Diskutanten kichern.

Nach erfolgreichem Geshoppe und Feierabendverkehr bezwingen: Essen. Ich bin viel zu müde, aber letzte Woche, letztes Fonio, letztes Saka Saka, letzter Bissap. Wobei den gibt es jetzt auch als Energy Drink. Aus Deutschland. Bizz’Up. Vielleicht finde ich den ja in München. Die Liste lautet nun nicht mehr InDeutschlandUnbedingtKonsumieren, sondern: InDeutschlandVielleichtFinden.

Es ist so. Im Ranking der Reporter ohne Grenzen in Sachen Pressefreiheit landet das Land auf Platz 25. Viertbeste Wertung des Kontinents, gleichzeitig mit Ghana als „traditionelle Führung“ im Bereich betitelt.

Das klingt gut, verfehlt auch seine Wirkung nicht – ich bin kurzzeitig beeindruckt. Dann schlage ich eine Zeitung auf, den Unabhängigen, der nicht als der verlängerte Arm der Regierung gilt, sich aber bisweilen genauso liest, was sich gerade derzeit gut beobachten lässt. Es gibt hier keine Meinung. Und schon gar keine kritische. Deswegen muss man diese auch nicht einschränken.

Wenn ich zu Hause schlechte Laune habe, die ich schon beim Frühstückskaffee pflegen möchte, kralle ich mir eine Zeitung, an deren Aussagen ich mich abarbeiten kann, weil sie mir einfach gegen den Strich schreibt. An harmonischeren Tagen lese ich, was ich schon immer besser wusste und wenn ich Aufheiterung brauche, lese ich die Onlinekommentare auf den Seiten irgendwelcher Provinzblätter. Und dazu muss keine der Zeitungen an irgendeinem Rand stehen. Hier vermisse ich schon Meinung. (Und Frühstückskaffee.)

Zum einen mag die Abwesenheit von schierer Meinung (auch eine Art meinungsfrei) oder gar Kritik daran liegen, dass Zeitungsartikel vor allem dann gedruckt werden, wenn jemand dafür zahlt, irgendwie müssen sich die Zeitungen ja finanzieren. Ob das für alle Artikel gilt, möchte ich so nicht behaupten, aber für den Großteil.

Diese Nichtexistenz allerdings – zum anderen – scheint nicht allein ein mediales Phänomen, sondern ein allgegenwärtiges. Man spricht nicht. Jedenfalls nur sehr verhalten über das, was man denkt. „On est ensemble“, schließlich. Manchmal dann, selten, entlädt sich der Volkszorn auf privater Ebene in Lynchjustiz. Vorher aber sprechen die wenigsten über Korruption in Zusammenhang mit der Polizei.
Auch im politischen Geschehen spiegelt sich dies: im Parlament sitzen ungefähr drei Abgeordnete, die sich als Opposition begreifen.
Natürlich gibt es Parteien, aber ohne wirkliches Programm. Die Demokratie wird von allen beschworen, die nationale Einheit. Nun, im Wahlkampf treten ganze Parteien zu anderen Parteien über, als Grund fällt die Motivation, dass es dort mehr Posten zu verteilen gebe und ganz schlecht sei deren Spitzenkandidat nicht, man habe außerdem keinen eigenen.

Derzeit verzeichnet man den vierten Tuaregaufstand seit der Unabhängigkeit. Besser ausgestattet, militärisch strategischer, entschlossener als zuvor kämpfen die Stämme im Norden um die Region, nehmen Städte ein, greifen militärische Stellungen an. Man liest von Flüchtlingen, von Deserteuren, von Ermordungen. In der ausländischen Presse, anfangs auch verhalten in der hiesigen – dann aber von Journalisten, die nicht im Land leben.

Als die Frauen der Uniformierten in der Hauptstadt gegen den Präsidenten und die schlechte Ausstattung des Militärs protestieren, Tuareg aus den Städten vor Verfolgung fliehen, äußert sich der Präsident erstmals öffentlich, beschwört die nationale Einheit. Außerdem benennt er einen neuen Verteidigungsminister. Der macht kurz darauf Schlagzeilen in allen Zeitungen: Es gebe keine desertierten Soldaten. Und für die Kämpfe im Norden seien auch nicht die malischen Tuareg verantwortlich. Desweiteren habe das Militär alles unter Kontrolle.

Dass trotz mittlerweile nicht mehr aufrufbarer Internetseiten ganz andere Informationen in den Süden dringen, schreibt niemand. Alle reden von der nationalen Einheit. Und glauben daran.
So einfach, Punktlandung Platz 25. Und ich frage mich, wie groß der Deckel sein muss, unter dem diese Suppe langsam, aber stetig hochkocht.

Der Präsident spricht. Am dritten Abend der Unruhen in der Hauptstadt und über zwei Wochen nach den ersten Angriffen im Norden meldet er sich erstmals öffentlich zu Wort. Er spricht nicht viel über den Norden, kondoliert den Familien der gefallenen Soldaten und spricht löblich über die Armee. Weiterhin ruft er dazu auf, nun nicht die Tuareg, die mitten unter allen wohnten, die Sorgen, Nöte und Hoffnungen teilten, mit denen zu verwechseln, die im Norden die Waffen erhoben hätten gegen die Einheit der Nation.
Eine Zeitung schreibt ähnlich, man dürfe die Dinge nun nicht vermischen und die hiesigen „peaux rouges“ nicht mit den anderen verwechseln; die hier hießen schließlich auch Traoré oder Cissé.

Da aber nicht alle heißen, wie man hier zu heißen hat, hört man auch von vielen, die versuchen, das Land oder zumindest die Stadt zu verlassen und von solchen, die vom Militär dazu bewegt werden, sich lieber abzusetzen. Universitätsprofessoren, ehemalige Minister, Minister.
Man liest „Pogrom“ und die Entgegnung, diese Unterstellung sei nur eine weitere rassistische Unverschämtheit gegen die einheimische Bevölkerung, die weiße Presse würde die Tuareg eben für weiß halten.

Dazwischen die Nachricht, die Regierung verhandle mit den Tuareg-Rebellen in Algier. Allerdings seien die Rebellen nicht von allen kämpfenden Gruppen als Sprachrohr oder gar Verhandelnde anerkannt.

Der Tag schleppt sich zwischen Nachrichten und Gerüchten weiter. Zu den sichtbarer werdenden Zerstörungen des Vortages kommen neue Tränengasmeldungen, Polizeieinsätze, Polizeirückzüge, Plätze, die den Demonstranten gehörten, geschlossene Geschäfte, gesperrte Straßen und Brücken, Demonstrationen in anderen Städten, die Rückübernahme einer Stadt durch die Tuareg, fliegende Steine, Plünderungspläne, getötete Polizisten.
Hinweise, lieber auf dieser Seite des Flusses zu bleiben, die Stadt zu meiden, irgendwann, man solle lieber nach Hause gehen und den Abend dort zu verbringen.

Spekulationen über Putschabsichten verlaufen im Sande, der Militäroberste ist Katholik und gehört der falschen Ethnie an, ein etwas kernigerer Präsidentschaftskandidat ruft bei einer Wahlveranstaltung in Timbuktu ebenfalls zum Frieden auf und arbeitet wohl lieber auf die Wahlen hin.

Die islamischen Gemeinschaften rufen zum friedlichen Miteinander auf, ein Aufatmen scheint hörbar, vielleicht beruhigt sich die Lage nach dem Freitagsgebet und über das Wochenende, an dem die Geburt des Propheten gefeiert wird.

Andere gute Zeichen: das Tuareg Kulturzentrum in Bamako wurde bisher nicht angegriffen. Der Poolmann kommt und will sein Geld haben. Das Viertelfinale des CAN am Samstag bestimmt weiterhin die Schlagzeilen mit. So weit, so normal. Wir beschließen, es sei der richtige Zeitpunkt, unseren Christstollen anzuschneiden. Die Nacht bleibt ruhig.

Erinnerungen an 1990, als es losging – der Aufstand, später der Putsch. Anführer des Putsches war der jetzige Präsident – auch, wenn er nicht gleich Präsident wurde, sondern erst zwei Amtsperioden später. Nun soll er im April einem Nachfolger Platz machen.
Damals jedenfalls sei es losgegangen wie heute. Die beiden Frauen in meinem Büro erzählen verstört von den Massen auf den Straßen, Plünderungen, Verstümmelungen, brennenden Menschen, Chaos, Schutt, Asche. Wie heute.

Heute wird das Haus der Nachbarn von Frau Skypeverbot demoliert, aus einem einfachen Grund, dort wohnten berühmte Tuareg. Der Ort nahe der Hauptstadt sei unzugänglich, das Militär dorthin unterwegs.

Inmitten vieler Gerüchte und Spekulationen Neues aus dem Norden vom Tuareg-Aufstand, gleichzeitig von Tuareg-Flüchtlingen – vor dem Aufstand, vor anderen Rebellen und vor der Bevölkerung, die keine Tuareg sind. Sie fliehen weiter in den Norden und nach Mauritanien.

Andere, die Bevölkerung, die keine Tuareg sind, fliehen gen Süden, aus Angst vor dem Aufstand. Angehörige des Militärs fliehen nach Niger oder sonst wohin. Weil sie auf so eine Aufgabe nie vorbereitet worden seien, schreiben die Zeitungen, weil sie Soldaten geworden seien, um nicht arbeitslos zu sein, weil sie ohnehin noch die Muttermilch schmeckten. Überraschend kam der Aufstand im Norden nicht. Heißt es.

Die Mütter und Kinder der Uniformierten demonstrierten gestern, heute brennt es, Straßenblockaden, zerstörte Polizeistationen, Apotheken, Wohnhäuser. Für morgen rufen die Parteien zu Demonstrationen auf, die Polizei, die Soldatenmütter und alle, die gerade wenig zu tun haben – das sind viele: Schüler, Studentinnen, Arbeitslose.

Neu ist auch die grundsätzliche Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht. Seit Monaten äußert sie sich nicht nur in Lynchjustiz, an allen Ecken und Enden Gespräche über die Korruption der Polizei, der Gerichte, der Minister. Nun gegen den Präsidenten.

NeueFirma registriert meine Passnummer, aus dem Nachbarbüro bekomme ich den ersten Anruf über das Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt. Später kaufen wir tatsächlich Vorräte in Dosen. Und warten. Draußen kündigt Shakira das nächste Fußballspiel an. Was zählt, ist aufm Platz. Hoffentlich gewinnen sie wenigstens.

Es ist so. Unser Haus liegt seltsam still. Ca va, et la journée, Ja, selbst alles gut, ça va, jaja, die Familie und nun ja, es gebe keinen Strom. Sicherlich, alle anderen hätten Strom, aber wir, nun ja.

Diesmal heißt „kein Strom“, man habe ihn abgedreht. Jemand vom hiesigen Energieversorger sei gekommen und habe ihn abgedreht. Das Wasser ebenfalls. Auf der Avis de Coupure steht, wir seien im Zahlungsverzug.

Man erklärt uns, es gebe Ausstände aus Mai, die man seit November auf der Rechnung vermerke. Die Novemberrechnung darüber hinaus sei auch nicht gezahlt. Und ja, auf der bereits beglichenen Dezemberrechnung habe man die Ausstände auch vermerkt.
(Eine Rechnung begleichen geht so: man nimmt die Rechnung, fährt zur Zahlstelle des Energieversorgers und zahlt.) Nein, bei Begleichung der Rechnung von Dezember habe man nicht auf die Ausstände hingewiesen, sie seien ja vermerkt. Ein Teil Mai plus November, das gebe zwei Monate Ausstand, voilà, die Coupure und heute sei die Kasse leider schon geschlossen. Morgen vielleicht.

Wir schöpfen einen Eimer Wasser aus dem Pool für die Klospülung, kramen Stirnlampen und Kerzen hervor. Später sind wir ohnehin verabredet und verbringen den Abend bei Wein, Film und Pizza.

Tatsächlich ist es sehr wahrscheinlich, dass die Novemberrechnung nicht gezahlt wurde. Wir haben sie nicht erhalten. Ha, Postrechnung nicht bezahlt! ruft meine Schwester. Das Lustige ist, dass es gar keine Post gibt, der Energieversorger also normalerweise die Rechnungen selbst austragen lässt. Meistens kommen sie an. Nur Mahnungswesen gibt es keines.

Am nächsten Morgen fahren wir an die Kasse und zahlen. Einen Mairest und den November. Leider, es sei schon neun Uhr, es sei nicht sicher, ob derjenige, der dafür zuständig ist, die Hähne wieder aufzudrehen, heute noch vorbeikommen könne. Es sei Freitag und da arbeite man nachmittags nicht. Vorsichtshalber duschen wir im Büro.

Außerdem vorsichtshalber gehen wir nach Feierabend erstmal in die Kneipe ums Eck, schmieden Wochenendpläne. Orte, mit Duschen. Und Essen. Gleichzeitig läuft im Radio einer der wenigen Berichte über die Kämpfe im Norden. Bürgerkrieg, könnte man sagen. Und irgendwie scheinen Wasser und Strom beim nächsten Bier tatsächlich kein allzu großes Problem zu sein.

Es ist so. Das Land ist nicht nur der drittgrößte Goldexporteur des Kontinents sondern besitzt auch den drittgrößten Staudamm. Den allerdings nur zu einem Drittel, er beliefert drei Länder mit Strom. Und weil das Wochenende lang ist, fahren wir ihn besichtigen, in den wilden Westen.

Die Zahl der Touristen hält sich dieses Jahr in Grenzen – indirekt proportional zum Staub, interessanterweise, wenn auch zusammenhangslos – und die der Staudamminteressierten bleibt ohnehin zu vernachlässigen. Dementsprechend gestaltet sich die Herbergssuche, irgendwann quartiert man uns in den alten Häusern der deutschen Ingenieure von vor 30 Jahren ein, in den Teil, der dafür im Moment nicht vorgesehen ist.

Die verlassenen Häuser der Ingenieure sind überraschend viel sauberer als das Hotel, das wir beim Zwischenstopp vor drei Stunden und hundert Kilometern Piste für die Rückfahrt reservierten. Der Hausmeister wirkt auch weit weniger überrascht über die Übernachtungsanfrage als die Leute im Hotel. Essen könnten wir abends bestimmt in La Cantine, wir rufen vorsichtshalber den Koch an.

Aufgrund des Staubs scheint der Stausee uferlos, wir träumen uns ans Meer. Eher Ostsee, der Kälte wegen. Dann laufen wir durch die Gegend, stolpern über einen verlassenen Campingplatz, sitzen am Flussufer und der Verwalter erzählt von damals. Wie es war, als hier noch ein Fluss war, ohne den See, ohne die Pumpen, ohne den Damm. Wie es jetzt sei und dass alle Arbeit hätten. Dass die Deutschen den Damm gebaut hätten, ob wir deshalb hier seien. Die Deutschen. Ich erinnere mich an einen Prüfbericht über den Damm, der mir einst in die Finger geriet. Flora und Fauna könnten durch die Überflutung Veränderungen erfahren. Konjunktiv.

Abends, La Cantine. Tatsächlich die ehemalige Kantine, beziehungsweise auch die aktuelle. In der Cité gelegen, dem Ingenieurscamp. Sie sieht aus wie alle anderen Kantinen im Deutschland der Achtziger. Es gibt Hacksteak und Erbsen-Möhren-Gemüse aus der Dose. Als wir draußen am beleuchteten, gut unterhaltenen Tennisplatz vorbeifahren, werde ich vollends zeit- und ortlos und rede mir ein, dass das alles nur daran liegt, dass dieser Ort Strom hat.

Wir setzen uns vor unser Haus, trinken Wein, schauen in die Sterne und die Kinder der Achtziger erzählen einander von zu Hause.

Es ist so. Wenn ich mich recht erinnere, erzählt Michael Obert in „Regenzauber“ von seinem Arzt, der ihn nach seinen Reisen sehr aufgeregt fragt, was er ihm denn diesmal Schönes mitgebracht habe, gerade so, als würde er seltsame tropische Krankheiten wie Schmetterlinge auf Nadeln spießen und ehrfürchtig sammeln.

Hier gibt es für gewöhnlich nur drei Krankheiten: le rhume, le palu, la fatigue.

La fatigue ist eigentlich immer. Wird man nach einer Reise krank, wegen zuviel Arbeit, wegen zu wenig, aufgrund des Klimas, ohne ersichtlichen Grund – c’est la fatigue. Die Erschöpfung scheint etwas zu sein, was nur Weißnasen befällt, wird aber nicht weniger ernst genommen. Man müsse sich nun gut erholen, nehmen Sie lieber mal zehn Kilo zu, Madame, so hielte ich ja nichts aus, hier sei schließlich Afrika.

Palu, paludisme klingt reizend, meint aber Malaria. Wird im Zweifelsfall immer entdeckt, wenn Fieber im Spiel ist – die Fatigue kennt kein Fieber oder aber, wer erschöpft ist, ist auch anfälliger für Palu und damit das Fieber. Ja, Madame, man wisse jetzt nicht so genau, auch der Test, la fatigue, hm, es könne schon sein, dass man die eine oder andere Plasmodie im Blut habe herumschwimmen sehen. Jedenfalls solle man was dagegen einnehmen. Dieser Rat ist meist tatsächlich ein guter, allein das Mückenvorkommen in den Warteräumen der Gesundheitsstationen überzeugt.

Momentan grassiert die Erkältung, le rhume, wie in jedem vernünftigen Winter auf dieser Welt. Seit es kalt und staubig wurde, sind alle erkältet. Übertragen wird die Erkältung laut eines Kollegen ebenfalls über den Staub. Schließlich husteten alle hinein, die Erreger klammerten sich an die Staubpartikel, die man wiederum arglos einatmete. Oh, es gibt viel Staub zurzeit, an manchen Tagen kann man vor lauter Staub das andere Ufer des Flusses nicht sehen. Allein die Vorstellung, wieviel Erkältung sich auf dieser kurzen Strecke tummelt, führt bei mir zur Fatigue.

Grundsätzlich bin ich als Tochter einer Krankenschwester nicht krank. Der Zusammenhang stellt sich weniger über einen anerzogenen Hygienefimmel her als über die Definition von „krank“. Allerdings habe ich mir diese Definition hier abgewöhnt. Heute bleibe ich aus Rücksicht auf andere mit einer Erkältung zu Hause, die ich früher bestimmt in die Schule getragen hätte. Ich will meine Viren nicht auch noch in den Staub rotzen. Zumal ich davon ausgehen muss, dass mein Immunsystem im hiesigen Vergleich einem Monster gleichkommt.

Aber Ihnen brennt eine andere Frage auf der Seele: gibt es denn wirklich keine anderen Krankheiten? Etwas Spannendes? Oder wenigstens Typhus, Cholera, Ruhr? Flussblindheit, Guinea-Wurm, Bilharziose? Etwas, das nur im Entferntesten an einen Schmetterling erinnert?

Natürlich gibt es die, sie scheinen aber aufgrund ihrer Normalität nicht zu zählen. Nur die Palu hat es trotz ihrer Omnipräsenz in die Top Drei geschafft. Mit allem anderen geht man ins Büro, meist auch, weil es dort ruhiger ist als zu Hause.
Bei afrikanischen Kollegen deutet manchmal wenigstens ein „Ca va un peu“ einen katastrophalen Zustand an. Allerdings muss es kein Typhus sein, auch andere Schicksalsschläge verstecken sich hinter dieser Zurückhaltung.
Meistens aber wird man mit Küsschen Küsschen begrüßt (ich finde ja Händegeben bisweilen schon arg!) und das ça va-Geplänkel beendet der Kollege mit einem beliebig seufzenden Er habe schon wieder Amöben. Oder Typhus. Oder sonstiges. Der Tonfall gleicht meist einem Gespräch über das Wetter.

In solch einer Situation erkenne ich mein eigentliches Problem: ich habe das falsche Hobby. Weder begeistere ich mich für wissenschaftliche Studien am lebenden Objekt noch fürs Schmetterlinge sammeln. Dabei könnte es ein Hobby sein wie jedes andere auch und würde mir einiges erleichtern. So aber taumele ich sofort in eine monströse, zornige Fatigue.

Es ist so. Während wir in das letzte Jahr rutschten, saßen wir auf einer Dachterrasse in Ségou, unten wurde geböllert, oben wurde geguckt, irgendwann gingen wir früh ins Bett, es war warm. Dieses Jahr stehen wir in Haidhausen, gegenüber wird geböllert, drüben wird getrunken, irgendwann errate ich, dass ich Bugs Bunny bin, es regnet.

In Bamako atme ich zuerst diese Luft, diese fette, rauchige Luft. Wäre man nicht zum Arbeiten hier, röche es nach Frühling, Urlaub. Enge, Lachen, Chaos, Erinnerungen – mir dämmert, was ich in acht Wochen vermissen werde. Bonne heureuse année, Madame, ça va, taxi?

Unser Haus liegt seltsam im Dunkeln. Ca va, bonne heureuse année und die Alten und die Familie und Deutschland und die Gesundheit, es sei lange her, die Reise, die Gesundheit? Ja, selbst alles gut, ça va, jaja, die Familie und ja, das neue Jahr und das Fest und nun ja, es gebe keinen Strom. Sicherlich, alle anderen hätten Strom, aber wir, nun ja.

Während wir unser Vokabular um „Rakete“ erweitern, finden wir heraus, dass „kein Strom“ heißt, es habe gebrannt. Das Dach habe gebrannt, die Nachbarn und die Feuerwehr seien gekommen, jetzt hätten wir keinen Strom. Die Feuerwehr, bemerkenswert. Sie – wie auch die Polizei – kommt erst dann, wenn man ihnen das Benzin dafür zahlt. Diese Verhandlungen können dauern. Überhaupt, Feuerwehr: haben sie unser Dach mit unserem Gartenschlauch gelöscht? Alle Achtung. Ich erinnere mich nur entfernt an so etwas wie Wasserdruck.

Innen sieht man nichts, einerseits ist es dunkel, andererseits hat das Feuer nicht durchgeschlagen und die Stromkabel hingen schon vorher recht belanglos von der Decke. In weihnachtlicher Teelichtatmosphäre wird uns wieder klar, dass Alltag hier immer ein bisschen anstrengender war, das neue Jahr mit dem Elektriker beginnen wird, unsere mitgebrachten Käse- und Schokoladenvorräte bei 30 Grad schneller zu essen sind. Sofort.

Am nächsten Tag beginnen die Verschwörungstheorien. Wieso die Nachbarn so schnell da gewesen seien, ob es wohl ihr Querschläger war, der das Vordach schmolz, bevor sich die Strohauflage entzündete? Egal. Aber! Als man die Kinder das letzte Mal sah, bereiteten sie das Sankt Martins-Feuer vor, das sich in den Mangobaum schlug, während den Freunden mitgeteilt wurde, man sei bei diesem „German thing with the fire“. Auch egal. Sie haben unser Haus gelöscht. Quelle chance, freut sich Oumar, es hätte auch ganz abfackeln können! Wahrscheinlich hat er Recht. Und kein Strom ist ja auch eine alte Bekannte.

Frohes Neues und willkommen daheim. Ab morgen kühlen wir unseren Käse im Bürokühlschrank.