Es ist so. Es wird gebacken. Die Küchenmaschine rotiert, Herr Kugel rotiert um die Küchenmaschine, Zwack und Strizzi jonglieren die Zutaten und Otto zerrt an Herrn Kugels Hosenbein, weil sie von da unten nix sieht. Ein Geburtstagskuchen muss her, ich schmelze am nächsten Tag die Schokolade dafür. Und dann. Landen in liebevoller Kleinarbeit je ein Päckchen Gummibärchen und Smarties in der Schokolade. Und in die Mitte malt der Zwack mit Zuckerschrift „ganz viel Glück“. In bunt.
Strizzi sucht Blumen im Supermarkt aus, weil das auf dem Weg liegt. Und weil auch ein Freund vom Zwack auf dem Weg liegt und Eis verschenkt, essen wir Eis. Otto isst in der Zwischenzeit die Geburtstagsblumen und als wir ihr die Reste wegnehmen, lässt sie sich nur widerwillig mit türkischer Pizza trösten.

Wir decken den Geburtstagstisch, stecken Kerzen in den Kuchen, packen gemalte Bilder ein. Was ich mir eigentlich wünschte, fragt Strizzi. Ich rede wahrscheinlich irgendwas über Gesundheit und gesunde Kinder, er unterbricht mich, Nein, was Richtiges müsse man sich wünschen, Kochsachen oder sowas. KOCHSACHEN. Aber gut, er meint es lieb, das weiß ich. Tatsächlich wünscht sich ja der Zwack einen Grill. Für mich. Für sich. Für den Balkon jedenfalls. Und für Würschtl.

Welches Lied sie eigentlich singen sollten, überlegt er noch. Es fällt ihm aber kein Geburtstagslied mit Sirenen ein und tatsächlich lassen sie es am nächsten Morgen dann auch bleiben, das Singen. Es wäre auch ein wenig früh, aber für Kuchen genau richtig. Sie pusten die Kerzen aus und dann Gummibärchen und Smarties in Schokolade zum Frühstück. Auf den Bildern sind eine Feuerwehrwache und ein Traktor, der vor dem Einpacken noch ein Schneckenhaus war und am Nachmittag ein Vulkan werden wird.

Ich verbringe den Vormittag mit Wald und Berg und See, hole die Kinder ab, noch mehr Kuchen. Dann pflanzen wir Sonnenblumen auf dem Balkon, Strizzi duscht von oben Fußgänger. Zwack erfindet für mich eine Geschichte von Darth Vader und Prinzessin Lillifee auf einem Schleimplaneten. Otto isst Balkonblumen und Blätter, kriegt dann aber seltenen Ärger, als sie Strizzis Stocksammlung annagt.

Abends lassen wir uns Essen bringen, Gulasch und Schnitzel und Salat und Kaiserschmarrn, meine Schwester kommt und bringt Blumen vom Mittelstreifen mit. Wir trinken Wein und lesen den Kindern vor, bis sie ins Bett fallen. Strizzi wünscht sich vor dem Einschlafen noch, mit mir in Urlaub zu fahren. Alleine.
Mit Otto.
Und Zwack.
Und Papa.
Nur wir. Alleine!

Ein herrlich unaufgeregter, wunderschöner Tag. Endlich vorbei, findet der Zwack leise, denn der nächste Geburtstag ist seiner. Bald. Und er hat nun einen neuen Wunsch, doch keinen Grill, sondern ein Faxgerät.

Ja, der Zwack wünscht sich ein Faxgerät. Er sagt das auch so. Faxgerät. Es klingt ganz wunderbar und geheimnisvoll und wichtig und ich habe den Verdacht, dass ich hierzu mal eine Geschichte schreiben sollte. Die faxe ich Ihnen dann. Oder Prinzessin Lillifee.

Es ist so. Irgendwann hatte ich aufgehört, den Leuten von unseren Urlaubsplänen zu erzählen. Es gab zwei Reaktionen. Die eine in etwa, Wir seien ja wohl nicht ganz dicht, das sei kein Urlaub, ob wir uns sicher seien, mit drei Kindern, im Auto und dann Sizilien, bei aller Liebe, ihr habt sie doch nicht alle, vier Wochen hin oder her. Das war mir zu blöd und machte mich nervös. Dabei:  wofür gibt’s denn diese Familienkarren, von denen ich vor Kurzem eine – unsere – zielsicher gegen den Betonpfeiler in der Tiefgarage gesetzt habe. Mehr italientauglich geht ja wohl kaum.

Die andere Variante war skeptisch-interessiert, aber mit Details zu Unterkünften und Reiseroute konnte ich bis kurz vor Abfahrt nicht dienen.  Das machte mich auch nervös. Immerhin, wir wussten den Startzeitpunkt. Eine Hüttenübernachtung, bei der Freunde ihren Geburtstag feiern wollten.

Dann der Gardasee – logisch, schließlich sind wir aus München. Und dann, weil wir schon mal da waren, übernachteten wir bei Rom. Irgendwo zwischen zwei Betonwerken am Straßenstrich links im Pinienhain. Zwack spielte mit den Hunden, Strizzi sammelte Steinchen. Der erste Auffahrunfall, die ersten alten Steine, Rom, Berge, Rom, Pizza. Das Kolosseum enttäuschte den Zwack ein bissl, hatte er sich größer vorgestellt. Das Polizeiaufgebot (nach London und rund um das Jubiläum der Römischen Verträge) hingegen beeindruckte ihn sehr.

Während der Autofahrten dichtete Strizzi Unfalllieder („Der Notarzt kommt nicht/ er muss nach Hause/ Die Sirene geht/ DAUDAUDAUDAU!!!“) und reflektierte das Erlebte. „Ein Unfall! Ein Ijod ist auf unser Auto gefahren! IJOD IJOD IJOD! Aber wir haben eine echt gute Stoßstange! Ijoooood! DAUDAUDAU!“

Seit vorgestern sind wir in Sizilien. Auf Sizilien? Egal. Am Meer. Das war eines der beiden Unterkunftskriterien: Meer. Waschmaschine. Und jetzt sitze ich hier, blicke auf das Meer, das sich hinter unserem Wäscheständer heranrollt. Wir haben eine Art Panoramafenster vor dem Meer. Jeder außer mir ist schon dagegen geknallt und hat sich eine Beule geholt. Meine Beule ist von der Dunstabzugshaube. Strizzis Beulen sind außerdem vom Rollern, Ausdembettfallen, dem Treppengeländer, dem Tisch, dem Sideboard. (Tim besteht darauf, dass ich schreibe, wie und wieso er sich eine Beule zugezogen hat. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Meer ist ganz schön laut. Die ganze Nacht, den ganzen Tag. Aber das macht nichts, wir wohnen über der Strandbar. Sie ist – im Gegensatz zum Strand – ab sechs Uhr morgens gut besucht und billig. Wir haben zwei Tage versucht, nicht durch die Gegend zu fahren. Ganz schön anstrengend. Heute war ich vor allem damit beschäftigt, aufzupassen, dass Otto nicht die Schnecken isst, die Strizzi aus dem Kaktusgarten pflückt, außerdem damit, dass sich Strizzi keine Beule beim Schneckensammeln im Kaktusgarten holt und damit, dass er dem Zwack keine Beule mit einem Kaktus verpasst. (Mit einer Schnecke wär‘s mir egal gewesen.) Da kommt einem eine Strandbar gerade recht.

Morgen fahren wir endlich wieder durch die Gegend. Wenn niemand unser Auto klaut. Oder unsere Autoreifen aufsticht. Oder sonstwas. Aber das wird nicht passieren. Und selbst wenn es mir einmal so vorkommen sollte, als sähe unser Auto irgendwie seltsam aus, morgens um fünf, dann sag ich nix. Sonst holt sich Tim noch eine Beule vor lauter Dings.

Schön isses, soweit.

 

Hausmitteilung.

März 6, 2014

Es ist so. Der Bebi ist da. Seit vier Wochen ein neues Wunder, eine neue Welt. Wir nennen ihn Strizzi, der Zwack sagt „der Bebi“ und zählt jeden Tag nach, ob noch alles dran ist.

Wie wunderbar.

Es ist so. Seit wir einen Fernseher haben, denke ich oft an Frau Skypeverbot. Wir kauften unseren Fernseher nach jenem Abend, an dem wir meinten, Fußball zu gucken, aber eigentlich vor einem Rosamunde Pilcher-Film saßen. Fragen Sie jetzt nichts. Ja, der alte Fernseher war klein. Und undeutlich.

Im Fernsehfachgeschäft entschieden wir uns schnell. Die Strategie: alles zu ignorieren, was man nicht versteht oder für unnütz befindet. (Sie sehen, seit unserer Rückkehr sind wir ziemlich überfordert mit den hiesigen selbstverständlichen Konsumanforderungen.) Dann fragten wir den Verkäufer nach einer Wandhalterung und ignorierten seine übrigen Ratschläge. Er besah unsere Auswahl und empfahl Zubehör meist mit dem Nebensatz, dass man dies beim nächsten Fernseher auf alle Fälle gut gebrauchen könne.

Aber jetzt haben wir erst mal einen. Wir sehen seither, was wir sehen. Nur wurde das Programm dadurch überhaupt nicht besser. Im Nachhinein hätte ich doch lieber den Fernseher, der im Geschäft Ice Age 3 zeigte, das lief auf unserem noch immer nicht. Gut, der Ice Age 3-Fernseher hätte nicht an unsere Wohnzimmerwand gepasst, mit seinen zwei Metern Diagonale. Aber ich hätte Ice Age 3 gucken können. Kann ich nun aber nicht. Aus unserem lief Golf. Ich hätte sofort skeptisch werden sollen.

Unsere Sender pixeln. Fußball im ZDF pixelt immer. Oder man hört Olli Kahn kommentieren, hat aber noch das Standbild der ARD. Olli Kahn und nicht mal Bild! Da kann man gleich Rosamunde Pilcher gucken. Überhaupt: wenn interessante Dinge kämen, laufen sie bei uns nie.

Es muss so sein, wie Frau Skypeverbot das längst wusste: alle übrigen Parteien im Haus, jedenfalls die, die unter uns wohnen, ziehen durch ihre Programmauswahl das Signal ab. Fußball kann also gar nicht bei uns ankommen, weil es spätestens in der WG im ersten Stock rausgesogen wird. Bis das Fernsehsignal sich durch die Leitung bis zu uns hochgerackert hat, ist nur noch Rosamunde Pilcher übrig. Und GuidoKnoppTV.

Vor Kurzem blätterte ich durch die Bedienungsanleitung und entdeckte, dass unser Fernseher auch Skype kann. Theoretisch. Schlagartig wurde mir klar, dass unser Fernseher keine Chance hat gegen die Verbindung vom fetten Skype einerseits und der Signalsaugmafia der anderen Stockwerke andererseits. Nun frage ich mich, ob ich vielleicht einen Fernsehsklaven anstelle, der das Signal direkt hochbringt, ohne im ersten Stock anzuhalten.

Das letzte Mal, als Olli Kahn zum Standbild von Englands Küsten fabulierte, gingen wir in die Kneipe, um dort Fußball zu gucken. Ich war sehr irritiert, als ich die WG aus dem ersten Stock dort erblickte. Schon eine Unverschämtheit, ohnehin auswärts Fußball zu gucken und trotzdem zu Hause den Fernseher laufen zu haben. Anders kann ich mir nicht erklären, dass bei uns nichts mehr ankam. So sieht sie aus, die wahre Entsolidarisierung der Gesellschaft.

Ich jedenfalls werde Frau Skypeverbot schreiben. Einen Brief. Um mich zu entschuldigen, dass ich ihre revolutionären Gedanken so schmählich verachtete. Und dann besorge ich mir eine Ice Age-DVD-Box.

Es ist so. Ich kapiere nichts mehr. Und erschreckenderweise handelt es sich meist um ganz banale Dinge. Essen zum Beispiel.

Vor Kurzem sitze ich in einer Pizzeria. Ja, ganz recht, kein Italiener, eine Pizzeria, auf der Karte gibt es vorwiegend Pizza. Auf der Tageskarte bisweilen Pasta. Ich warte auf meine Nudeln und einer der Herren am Nebentisch möchte von der Bedienung wissen, welcher Art die Pasta sei. Stehe da doch, meint sie, mit Salsiccia, Fenchel und Tomate. Nein nein, er könne durchaus lesen, lächelt er milde, um welche Art von Pasta es sich handele. Penne wohl kaum, wegen der Salsiccia, mutmaßt er. Spaghetti? Linguine? Makkaroni? Orechiette? Er blickt ernst. Pasta, erwidert die Bedienung ähnlich ernst. Er bestellt daraufhin eine Pizza Margherita. Damit könne man vielleicht nichts falsch machen, zwinkert er seiner Begleitung zu.

Die Pasta schmeckt gut.

Ich komme zu diesem wenig differenzierten Urteil, während man am Nebentisch diskutiert, dass man Pasta eigentlich nicht nur Pasta nennen dürfe, weil es ja durchaus Unterschiede gebe. Wegen der Sauce. Und ob die hier überhaupt selbst gemacht werde? Vom Pastalatein gehen die beiden zum Dekantieren über. Ob der hiesige Hauswein wohl irgendwann geatmet habe. Es gebe Weine, die müsse man quasi einen ganzen Tag atmen lassen. Wobei man darauf achten müsse, welche weiteren Aromen im Wein-Zimmer freigesetzt würden.

Ich zahle, als es um Aqua Panna geht und darum, dass man hier zum Espresso das gleiche Leitungswasser bekäme wie zum Wein. Wo man doch wisse, dass gerade das Münchner Leitungswasser jegliche Geschmacksempfindungen unsäglich verfälsche, ja geradezu verboten gehöre. Und Gerolsteiner würde ausgeschenkt. Gerolsteiner! Nicht mal San Pe! SAN PE.

Ein weiteres Beispiel? Ich hätte gerne einen neuen Fernseher. Der jetzige hat weniger Bildschirmdiagonale als der Laptop, vor dem ich gerade sitze, dafür hinten dran noch ein gutes Stück Röhre. In der kleinen Wohnung störte das nicht weiter, hier aber kann man keinerlei Einblendungen mehr lesen und Flugbahnen des Fußballes nur erahnen.

Wieso ich bisher keinen neuen Fernseher habe, hat einen einfachen Grund: ich möchte einen Fernseher. Nicht sieben verschiedene Receiver, Decoder und Fernbedienungen. Außerdem verstehe ich die Artikelbeschreibungen nur zur Hälfte.

Ich frage einen Freund um Rat. Der meint, mindestens siebenundvierzig Zoll solle er schon haben. Das sei der gängige Mindeststandard. Ich rechne nach. Siebenundvierzig Zoll? Ich staune noch, da hat er seine Empfehlungen fertig heruntergerattert und empfiehlt mir ein Cloud-Abo.

Seither stelle ich mir vor, dass da draußen Leute bei Aqua Panna vor Ihrem Heimkino sitzen, womöglich Kochsendungen sehen, und darauf warten, bis der Wein fertig geatmet hat. Dabei bemühen Sie sich redlich, keinerlei störende Aromen freizusetzen.

Diese Vorstellung deprimiert mich. Sagen Sie mir, dass es anders ist. Sagen Sie mir, dass Sie zum Beispiel einfach nur einen Fernseher haben. Oder Nudeln essen. Oder Chips. Einfach nur so.

[Ein chaotisches Büro, es türmen sich Zettel über Zettel auf mehr oder weniger geordneten Stapeln. Dazwischen versucht ein gestresster Weihnachtsmann in Trainingshose und Rippunterhemd, weitere Zettel auf Stapel zu ordnen. Der Bart zersaust, aus dem Radio tönt „Das bisschen Haushalt“, ab und an summt der Weihnachtsmann mit. Irgendwo klingelt ein Handy.]

Weihnachtsmann (schaut sich genervt um): „…sagt mein Mann. Verdammt. Wer ruft denn jetzt an. Und wo hab ich das Scheißding! Ah, bestimmt unter dem Wunschzettelhaufen der Applejünger.“ (geht, kramt, der riesige Berg kommt gefährlich ins Rutschen. Das Telefon zwischen Kinn und Schulter eingeklemmt, stapelt er die Zettel erneut, die immer wieder abzurutschen drohen)

Weihnachtsmann: „Christkind! Du störst. Hast Du nix zu tun? Allüberall ist Weihnachtsstress.“ (versucht die abrutschende Zettelmasse aufzuhalten, scheitert, der Berg fällt zusammen)

Christkind (genervt): „Jaja. Fresse. Ich hab nen Wunsch.“
Weihnachtsmann (rollt mit den Augen): „Dann schreib dem lieben, guten Weihnachtsmann einen Brief. Und wenn Du brav warst…“

Christkind (genervter und ein wenig laut): „Hör auf mit dem Scheiß. Es ist dringend.“
Weihnachtsmann: „Dann schick ein Fax. Oder…“ (gluckst amüsiert) „…hast Du Dir wieder aus Versehen die Haare schwarz gefärbt, wie letztes Jahr und kriegst jetzt keinen Friseurtermin mehr? Haste Angst, dass Dich niemand erkennt… Stand Dir gar nicht schlecht.“ (kichert wild)

Christkind (eisern): „Ach. Hör zu. Ich will frei.“
Weihnachtsmann (immer noch amüsiert): „Kein Problem. Be my guest. Ab dem 25. …“

Christkind: „Ich hab gebucht. Ab 22. D E Z E M B E R. Indien. Da wartet niemand auf mich.“
Weihnachtsmann (seufzt): „Bist Du mittlerweile nicht zu alt für diese Aussteigerszenarien? Außerdem kannst Du das ganze Jahr nach Indien. Sei so lieb, nerv mich nicht und mach Deine Arbeit. Apropos – hast Du noch so Applezeugs übrig? Hier wird’s eng.“

Christkind: „Ich brauche kein Applezeugs. Ich. Hab. Frei.“ (äfft): „Das wünsch ich mir vom Weihnachtsmann.“
Weihnachtsmann (holt tief Luft, versucht ruhig zu bleiben): „Ich bin überhaupt nicht zuständig für Dein Gebiet. Überall, wo Du die Bescherung bist, verstehe ich die Leute überhaupt nicht.“

Christkind: „Dein ‚HouHouHou‘ geht auch im Bayerischen Wald. Und Wunschzettel kommen ja nicht als Voicemail. Oder.“
Weihnachtsmann (leicht gereizt): „Kindl, hättste halt den Hasen gefragt, letzten April, ob er Dich nicht vertritt und Du ihn, aber Du musst ja immer alles auf den letzten Drücker…“

Christkind (dogmatisch): „Ich liefere keine Eier aus. Tierschutz. Deswegen habe i c h auch keinen Schlitten. Überhaupt, meine Energiebilanz…“
Weihnachtsmann: „Ha! Energiebilanz! Dann lieber ab nach Indien, oder wie?“ (schlägt einen zarten Küchenpsychologieton an): „Hör zu. Wir haben alle mal einen schlechten Tag. Mach ne Pause, trink einen Tee, lass Dir die Locken neu legen und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders…“

Christinkind (leiert): „Lieber guter Weihnachtsmann/ hör Dir meine Wünsche an/ behalt den Ratschlag doch für Dich/und nerv! Mich! Nich! Notier Dir einfach, dass ich dieses Jahr frei habe.“
Weihnachtsmann (genervt): „Jetzt ists gut. Ich hab keine Lust mehr auf Deinen Quatsch. Geh arbeiten.“ (fängt wieder an, erstaunlich behände zwischen den Papierhaufen durchzuwuseln.)

Christkind (schluchzt und rotzt auf einmal herzzerreißend): „Ich dachte wir sind ein Team. Ein Teaheam…“
Weihnachtsmann (murmelt): „Jaja, Team: Toll! Ein Andrer macht‘s.“ (sortiert stoisch weiter Briefe und Zettel)

Christkind (schluchzt weiter): „Ach Weihnachtsmänni… Weihni… Es ist so schrecklich. Diese Wunschzettel kommen hier rein, (schluchzt) einer nach dem anderen (schneuzt) – und ich habe Angst vor Ihnen. Applezeugs, Kitchenaid, Haustiere… Ich schaue die Zettel schon gar nicht mehr an. Ich bin so überarbei…“
Weihnachtsmann (bleibt abrupt stehen, unterbricht das Christkind harsch): „Nein. Neinneinnein! Auch dieses Jahr bringe ich Dir keine Burnouttherapie. In Indien, vielleicht? Und hör mir auf mit der Hypochondernummer! Wehe, Du rufst wieder am 23. an, Du hättest einen Tennisarm und könntest weder fliegen noch – ach was weiß ich. Ruf besser überhaupt nicht mehr an.
Ich muss noch die Spezialwünsche bearbeiten. Dinosaurier, Weltfrieden, Claudia Roth als Spitzenkandidatin, Dortmund soll Meister werden –“ (versöhnlich) „Aber wem sag ich das. Kannst am ersten Feiertag gern zum Essen vorbeikommen, ja?“ (geheimnisvoll) „Mit Bescherung!… Machs gut.“ (legt auf)

Weihnachtsmann (murmelt): „Indien. Jedes Jahr das Gleiche mit dem Kindl. Ich hätte gerne andere Kollegen. Oder wenigstens mehr. So, weiter geht’s.“

[Er stapelt den Appleberg neu, holt einen weiteren Schwung Briefe und sortiert sie auf die verschiedenen Haufen. Aus dem Radio tönt „Er gehört zu mir…“ Draußen wird es dunkel.]

Dieser Text ist Teil des jetzt.de-Adventskalenders. Alle weiteren Texte finden sich hier.

Ich finde den Aushang zu unserem Sonnensegel im Briefkasten. Eine Kurzmitteilung an Tim zur Kenntnisnahme und Erledigung. Anbei die Beschlüsse, Datum, gezeichnet Frau Hauswart.

1978 wurde beschlossen, unifarbene und/ oder gestreifte Markisen zuzulassen, ebenfalls jeweils passende Seitenblenden. Allerdings nur in den drei Farben gelb, orange und braun. In der Abstimunmung abgeschlagen moosgrün und/ oder blau, die 70er Klassiker orange und/ oder grün sowie die Tarnkombi moosgrün und/ oder braun.
Dem Geschmack der Zeit folgend (!) im Jahr 2000 eine Erweiterung um beige.

Eigentlich hatten wir es gewusst.

Ich pflücke das Schreiben aus dem Briefkasten.
Vor dem Haus eine alte Frau in Begleitung. Ach, ruft die Frau über ihren Rolator mir zu, das habe sie schon gehört, dass beim Bertl (wohl ihr Begleiter) wer Neues eingezogen, sie wohne ja gar nicht hier, aber das habe sie schon gehört. Bertl schüttelt den Kopf, davon wisse er nix. Doch, begeistert sich die Frau, das habe die Anni erzählt, die es von ihrer Putzfrau wisse. Bertl schüttelt weiter den Kopf. Wer ich denn nun sei. Das sei ich, meint die Frau, außerdem käme ich ja grade vom Briefkasten, ich wohne ja hier. Bestimmt die Mitteilung zu unserem Balkon, jaja, das sei hier so geregelt. AH! Bertls Augen leuchten. Balkon! Dann sei ich die aus dem Dritten, die Wimmerwohnung, ja freilich, wo vorher der Grieche war. Aha aha, ich sei das also. Ob da nicht auch noch ein Mann…

Ich nicke, drücke mich nach draußen, schönen Tag noch und überlege, wieso sonst nichts passiert, mitten in München. Vielleicht das Sommerloch, möge es das Sommerloch sein.

Es ist so. Eigentlich wollte ich über das Wohnen in einem Backenzahn schreiben. Ein Backenzahn, dessen Nebenzahn vom Arzt bebohrt wird. Das beschreibt in etwa die Wohnsituation im Stahlbetonwunder, das von einer seltsamen Heimwerkerschwemme heimgesucht wurde. (Tatsächlich befand sich auch eine Zahnarztpraxis im Haus. Sollten die Geräusche von dort gekommen sein, kann ich Zahnarztphobien von nun an ganz anders nachvollziehen.)

Nun aber sind wir umgezogen. Nicht wegen des Bohrens, vielmehr, weil der Backenzahn etwas klein wurde. Ein blödes Bild, vielleicht, der Zahn.

In der neuen Wohnung ist alles anders. Während das alte Haus groß genug für zwei gutmütige Hausmeister war, herrscht hier der Hauswart. Genauer: Frau Hauswart. Wir hatten viel von ihr gehört, bevor wir das erste Mal mit ihr telefonierten. Und eigentlich ist sie auch eine gute Seele. Jedenfalls, wenn man dazugehört. Weil, Sie müssen wissen, es gibt hier auch Mieter, die gehören nicht zu richtig zu uns. Uns. Wir. So spricht Frau Hauswart.

Wir umfassen vier Häuser. In unserem Haus, da sei alles in Ordnung, fast nur Eigentümer. Also, jetzt. Seit die Dings unten ihre Mieter losgeworden sind. Aber es gebe natürlich auch ordentliche Mieter, gell, haha, nix für ungut. Und da haben wir auch gar nichts dagegen.

Alles in allem, ja, für den Umzug, da könne sie schon den Aufzug aufsperren. Nur, vielleicht sei sie nicht in ihrer Wohnung, sondern gerade im Haus unterwegs. (Zu diesem Zeitpunkt des Telefonats halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass Frau Hauswart immer im Haus unterwegs ist. Oder in der Tiefgarage. Oder dem Garten. Dem Müllkeller. Dem Trockenraum. Hinter den Briefkästen. In den Geranien.)
Und übrigens, eins noch. Weil, das müssen Sie wissen, wegen dem Schnapper. Wenn man aus dem Keller nach oben geht, zum Beispiel zum Müll, gell, bitte ordentlich trennen, da gibt es so einen Schnapper. Den müsse man immer zuschnappen lassen, sonst habe man Fremde im Haus. Fremde. Und Ausländer von gegenüber. (Oder gar Mieter!)

Frau Hauswart unbekümmert uns ihre Einstellungen und Regeln ins Telefon, gell, haha, drei Tage später können wir sie allerorten im Haus nachlesen. Aushänge. Aushänge, die entwender auf die Oberbaudirektion, die Stadtwerke die Eigentümer(!)versammlung oder sonstige verweisen, Datum, gezeichnet Frau Hauswart. Auf dem Aushang, man möge den Schnapper immer zuschnappen lassen – manch einer spiele sich wohl und dann bleibe alles offen, sperrangelweit! – lese ich am Ende „Wollen Sie Freunde im Haus?“ (Datum, gezeichnet Frau Hauswart). Es klingt drohend. Doch eigentlich steht da: „Wollen Sie Fremde im Haus?“ und soll drohend klingen. Insgeheim wünsche ich mir einen Zahnarzt im Haus.

Kurz darauf robbt Tim hektisch auf allen Vieren über unseren Balkon. Er suche einen Aushang, ob es denn nun erlaubt sei, dass wir hier ein Sonnensegel aufspannten. Oder ob die Oberbaudirektion etwas anderes erlassen habe, Datum, gezeichnet Frau Hauswart. Diese sitzt auf dem Nachbarbalkon und grinst gutmütig durch die Geranien. Gell, haha, ob wir denn jetzt dazugehören wollten.
Erschrocken wache ich auf und fürchte, dass es hier noch den ein oder anderen Zahn zu ziehen gilt. Bohren aber ist nur zu bestimmten Zeiten erlaubt. Wie in jedem ehrenwerten Haus, Datum, gezeichnet Frau Hauswart. Gell, haha.

Es ist so. Die Meldung ist alt. Aber ich bin fasziniert. Es gibt also eine Hustenhotline. Dort kann man anrufen, anhusten, ein Sprach-, besser: Hustencomputer erkennt, unter welcher Art Husten man leidet und empfiehlt ein Hustenmittel. Eventuell aus den Reihen der finanzierenden Firma, was natürlich dahingestellt sei und hier auch nicht weiter von Relevanz.

Das erste Mal, dass ich mit einer Automatik telefonierte, handelte es sich um die gute, alte Zeitansage. Gibt es sie noch? Wie spät ist es eigentlich beim nächsten Ton? Danach telefonierte ich mit unterschiedlichen Hotlines, drückte nach Aufforderung die Zwei oder die Sieben, oder versuchte, eine Fahrplanauskunft zu erhalten.
Diese Erfahrungen tönen mir noch im Ohr, als ich – nach einem unbedachten Räuspern – die Husten-Hotline anrufe. Nach einer Eingangsfloskel samt Jingle werde ich aufgefordert zu husten.

Bitte husten Sie nach dem Tonsignal.
– *hust*
Verzeihung. Ich habe Sie nicht verstanden. Bitte husten Sie noch einmal.
– *hust*
Tut mir leid. Ich kann Ihre Eingabe nicht deuten. Bitte husten Sie deutlicher.
– *HUST*
Vielen Dank. Bitte husten Sie nun mehr aus dem Hals.
– *HUST*
Vielen Dank. Um Ihren Husten genauer zu bestimmen, benötige ich Angaben zur Konsistenz. Wenn Sie beim Husten gelben Auswurf haben, drücken Sie bitte die Eins. Bei grünem Auswurf drücken Sie bitte die Zwei. Bei Verschleimung ohne Auswurf…
Schnell drücke ich die Drei.
Bitte husten Sie den Schleim deutlich hörbar nach dem Signalton.
– ?
Bitte husten Sie den Schleim deutlich hörbar nach dem Signalton.
– *HUST*
Sind Sie sicher, dass Sie nicht nur verschnupft sind?
– *HUST* *HUST*
Vielen Dank. Sie wollen also nach Paderborn fahren.

Von einem plötzlichen Hustenreiz geschüttelt lege ich auf. Wie lange es wohl dauert, bis diese Hotline in eine App übersetzt wird? In der Folge wird bestimmt jemand einen Logarithmus entwickeln: „Kunden, die wie Sie husten/ in Paderborn husten/ grün auswerfend husten kauften im Anschluss/ riefen auch bei folgender Hotline an…“ Die Möglichkeiten schier unbegrenzt.
Ich lutsche schnell irgendwas aus Salbei, trinke Tee mit Honig und vergesse die Nummer der Hotline. Mein Hals gehört schließlich mir.

Falls Sie die Hotline anrufen möchten, erreichen Sie sie bis Ende März unter 0800 H-U-S-T-E-N. (Nein, unter 0800 0 007178. Gute Besserung.)

Es ist so. Heute lese ich einen Artikel in der Zeitung über bedrohte Wurstarten. Gut, das stimmt so nicht, aber das bleibt in meinem Kopf. Genauer: in meinem Kopf entsteht die Vorstellung einer Roten Liste mit vom Aussterben bedrohter Wurstarten.

Die gute alte Currywurst vom Imbiss. Mit der Schere geschnitten! Zwiebelwurst. Die fette Rote. Bratwürste außerhalb des Reservates Nürnberger Altstadt. Wer kennt heut noch Blaue Zipfel? Auch die Weißwürscht, die ich vor Kurzem aß, schmeckten ein wenig seltsam. Die Lyoner muss sich als Salat prostituieren, ihre schweinerne Seele verkaufen, um noch konsumiert zu werden!

Sie alle sterben, während sich die Chorizo auf der Pizza ausbreitet wie Springkraut am Straßenrand. (Zum direkt proportionalen Zusammenhang vom Wurstimbissbudensterben am Straßenrand und der Ausbreitung des Springkrauts ein ander Mal.)

Im Laufe des Artikels wird mir schlagartig bewusst, dass auch ich gedankenlos meinen Beitrag zum Wurststerben leiste. Manchmal esse ich Fisch. Oder Schnitzel. Ich bekenne: Sogar am Standl bestelle ich eher Leberkas als eine beliebige Wurst.
Was ich bisher als lächerlichen Spleen weißbemützter Scharlatane oder Resteverwertung abtat, sind letzte Rettungsversuche: Weißwurschtcarpaccio. Bratwursthascheenockerl. Knackerschaumsüppchen. Grützwurst Hawaii.

Gepackt vom wütend bürgerlichen Aktivismus dieser Tage, rufe ich sofort die Unterstützer des synergetischen Netzwerks zur Rettung des Wurschtwertschöpfungsprozesses an. (Sie erinnern sich doch wohl, oder?) Schon vor Monaten war uns das Wurststerben ein Anliegen, allein die weltweiten, menschengemachten Ausmaße des Wurstwandels blieben uns verschlossen.

Als erstes planen wir die Verhinderung irgendeines Bauprojektes, indem wir mit der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Wurstarten wedeln. Eine Brücke. Ein Bahnhof. Eine Innenstadtsanierung. Irgendetwas wird an der Wurscht scheitern.

Im Geiste sehe ich schon die Transparente vor mir: „Wenn die letzte Wurst gegessen ist, werdet ihr merken, dass man Curry nicht tanken kann!“ – „Die Wurst geht weiter.“ – „Alte Würste braucht das Land!“ – „Alle wollen zurück zur Wurst, aber keiner ohne Darm!“ – „In dubio pro Wurst!“ – „Alles hat ein Ende!“
Die Planungen bringen mich in Ekstase und ich weiß: solange es in meinem Bekanntenkreis noch mindestens zwei Wurschtmaschinen gibt, ist noch nichts verloren. Und Sie? Kämpfen Sie mit. Essen und spenden Sie jetzt. Kaufen Sie sich heute Mittag eine Wurst beim abgeranztesten Standl, das sie kennen. Tun Sie es für die Sache. Die Wurscht wird es Ihnen danken.

Ach so. Den ausschlaggebenden Artikel finden Sie hier.