Es ist so. Der Zwack interessiert sich für Nachrichten. Das ist, für die Teile, die er versteht, den Rest muss ich ihm erklären. „Wieso ‚Polizei‘, Mama?“ fragt er also und Strizzi, der sich die Technik abgeschaut hat: „Wieso ‚Menschen getötet‘, Mama?“  – „Und wieso ‚Lastwagen‘?“ Ich stehe also in der Küche und erkläre einem Viereinhalbjährigen und einem Knappdreijährigen, was in Berlin passiert ist.

Zwack interessiert sich erstmal für den Lastwagenfahrer und dann vor allem für den Diebstahl. Strizzi interessiert sich recht schnell wieder für LEGO. Dann die unvermeidliche Frage nach dem Warum. Mein Nichtwissen hilft nicht weiter. Aber warum. Warum. Warum. Ich mutmaße vorsichtig, dass der Fahrer vielleicht Deutschland doof fände. Leuchtet dem Zwack nicht ein, lachend sagt er: „Aber dann wäre er doch nicht hier!“

Oft passt die mühsam erlernte Kinderlogik nicht zur Welt. Wieso man in Syrien nicht einfach streiten könne, wer der Bestimmer sei. Da müsse man doch nicht gleich schießen.
Und dann, als ich ihm – Dank anderer Nachrichten – das Prinzip „Demokratie“ erkläre, fragt er, wieso man das in Syrien nicht auch haben könne. Sei doch einfacher und besser als zu schießen.

Die Nachrichten arbeiten im Zwack. Syrien kommt oft zur Sprache. Einmal sagt er zu einem Freund, dass in Syrien Krieg sei. Der guckt recht desinteressiert und die Mutter ein bisschen vorwurfsvoll. Es seien doch Kinder. Der Zwack spielt jetzt viel mit Lastwagen, baut welche und erfindet Dieb-Geschichten. Zwei Tage später erzählt er Strizzi noch einmal, was passiert ist. Unterbrochen von erbostem „Ich weiß, ICH WEISS, WEISS ICH! ICH WEISS!!!“ In Berlin! Der Lastwagen sollte eigentlich Stahl abladen. Ich bin überrascht, wie viele Details in diesem Kopf stecken und ein wenig besorgt. Aber anders als der Krieg in Syrien flößt ihm Berlin keine Angst ein. (Eher beschäftigt ihn die Frage, ob es in Syrien Weihnachten gäbe und ob jemand, der schießt, Geschenke vom Christkind bekäme.)

Und deswegen gehen wir kurz später auf den Christkindlmarkt. Fahren Karussell, kaufen einen Stern für Otto und gebrannte Mandeln.  Frohe Weihnachten Euch.

 

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Es ist so. Der Bauernhof ist ein schöner Ort. Einer dieser Bauernhöfe, die ihre Tiere (samt der damit verbundenen Arbeit) halten, obwohl alles ein einziges Verlustgeschäft ist. Aber ohne Tiere kein Bauernhof und ohne Bauernhof kein Bauernhofurlaub und keine Einnahmen. Nun sind unsere Kinder ja weniger tier- als traktoraffin, aber die gibt es immerhin auch. Der Rest ist recht urlaubsorientiert, der erste Hof, bei dem man sich vorstellen kann, auch mal einen Tag dort zu verbringen, nicht nur zum Schlafen nach Hause zu kommen.

Trotzdem machen wir Ausflüge. Es regnet nicht, was mich erstaunt, wahrscheinlich sind wir gar nicht im Bayerischen Wald, sondern zu weit davor. Aber ich sage nichts. Wir besuchen einen Ameisenpfad, eine Art Erlebnisspaziergang zum Thema Ameise durch den Wald. Erstellt von hiesigen Sozialpädagogen, ich denke an die Menschen, die mir hier früher begegnet sind und beiße mir schon wieder auf die Zunge. Zwack, der sonst nicht sonderlich naturverbunden scheint, klettert und springt und sucht Tannenzapfen, bis er sich an einer Station eine blutige Nase holt. Strizzi kaut auf einer harten Breze und findet alles doof. Insgesamt ein gelungener Ausflug, zum Mittagessen wollen wir in den nächsten Ort. Marktplatz, klingt gut, wir müssen schnell was essen, wegen der Stimmung.

Auf dem Marktplatz großes Spektakel, die Wahl der lokalen Weißwurstkönigin. Fangruppierungen finden sich und skandieren den Namen ihrer Favoritin, auf einer großen Bühne turnen die Alleinunterhalter das Programm von BayernPlus, alle umliegenden Wirtshäuser samt Marktplatz an sich platzen aus den Nähten. Das Publikum besteht ausnahmslos aus Rentnern. Alles in allem kein Platz für uns, Otto stellt angesichts der Geräuschkulisse sofort auf Schutzschlaf bzw. Scheintod. Wir finden einen Imbisswagen und kaufen, was es gibt: bayerischen Döner aus Pulled Pork und bayerische Burger aus gegrillter Weißwurst, wahlweise mit Honig-Senf-BBQ-Sauce oder Ketchup. Ich weiß nicht, ob das erlaubt ist. Aber es ist mir auch egal, die Herausforderung bleibt, die Jungs davon zu überzeugen, dass sie genau das jetzt essen wollen. 

Den Nachmittag verbringen wir am hofeigenen Pool, Strizzi fällt ins eiskalte Wasser und straft das Schwimmbecken für den Rest der Woche aus sicherem Abstand mit bösen Blicken. Zwack ringt mit sich und seiner Kindergartenkindehre und plumpst schließlich panisch ins Nass. Zwar ist September, aber heiß, er friert sich noch einige Mal blau im Wasser, es ist eine große Freude.

Überhaupt wirft ihn dieser Urlaub weit nach vorne. Während er vor dem Lagerfeuerabend in fünf Varianten herauszufinden sucht, ob der Rauch eines Lagerfeuers ebenso giftig sei wie der eines Zimmerbrands, grillt er dann froh sein Würschtl am geschnitzten Stock und wirft juchzend Tannenzapfen in die Flammen.

Wir fahren in den Ort meiner Oma, ich bin erstaunt, wie vertraut mir die Kurven sind, der Anblick des Waldes, die Felsen. Überraschenderweise steht das Haus noch, wie immer nordseitig eingepfercht zwischen dunklen Bäumen. Beim Kramer derselbe Geruch wie damals, nur BussiBär gibt es keinen. Alte Postkarten allerdings. Die Kirche, der Friedhof, die Glasbläserei. Wir verbringen den Tag damit, Wölfe zu suchen. Das Tier, das den beiden am Besten gefällt, ist der blinkende Bagger auf dem Spielplatz. Strizzi mampft Salzzöpfe („Fingersemmeln!“), Zwack löchert den Glasbläser mit Fragen, der froh scheint, endlich mal ein Kind in seiner Werkstatt zu haben. Wir schaffen es, nichts kaputt zu schlagen.

Das Tiermuseum, an dessen Eingang ein ausgestopfter Bär vor sich hin modert, jagt mir noch immer Grusel ein. Es scheint weiter die Sonne. Erleichtert fahren wir zurück, raus, zu den Kühen. Strizzi verbietet mir noch immer, in den Stall zu gehen, fängt aber gleichzeitig an, Kälber zu füttern. Am Ende der Woche schaufelt er den Kühen das Futter vor die Nase, Zwack bringt den Kälbern Milch und fällt nicht in Ohnmacht, als sie ihm das Ohr lecken. Er schnürt alleine zu Esel, Pony und Ziegen in den Stall. Jeden Abend sitzen wir in unserem Wintergarten und gucken Sterne. Zwack wünscht sich ein Himmelbett.

Es regnet, als wir abfahren. Und weil wir weder Kühe, Kälber, Sterne, Esel, Katzen oder Himmelbetten mitnehmen können, fließen auch ein paar Tränen. Der Bayerische Wald sei schön, seufzt der in dieser Woche unglaublich gewachsene Zwack und ich stimme ihm leise zu.

Es ist so. Ich mag keine Mittelgebirge. Sie sind dunkel. Sie sind langweilig. Sie sind völlig unstrukturiert. Man fährt durch Mittelgebirge und sieht nichts, immer das gleiche Nichts. In den meisten Fällen regnet es dabei oder es hat Nebel. Immer riecht es nach LKW- Abgasen und altem Auto.

So jedenfalls holen mich die Fahrten zu meiner Oma in jedem Mittelgebirge ein. So ist es, in den Bayerischen Wald zu fahren. Im Bayerischen Wald selbst dann ist es finster, das Glitzerkind hat Mühe, die Leute auf Anhieb zu verstehen und macht einige Fehler im Sinne des Gesellschaftsgefüges. In der Kirche umdrehen, zum Beispiel. Irgendwann darf man nicht mal mehr die Blaubeeren essen, die man im Wald kiloweise für Pfannkuchen brockt, weil es über Nacht den Fuchsbandwurm gibt. Ohnehin aber bin ich davon überzeugt, dass mir sofort nach Betreten des Waldes – des Bayerischen Waldes, der gleich neben dem Haus meiner Oma beginnt – Wölfe auflauern. Auch wenn ich nicht genau weiß, wie sie aussehen.

Die Wohnung meiner Oma, das gesamte Wohnhaus eigentlich, modert, der Holzofen vermag das Klamme nicht zu vertreiben, auch im Sommer ist es kalt. An schönen Tagen finde ich Glassteine in der Zufahrt zum Haus, alle anderen Tage schmecken nach Diätlimo und seelenlosen Salzzöpfeln. Über dem Bett hängt ein furchteinflößendes Marienbild in einem goldenen Plastikrahmen, das Schlafzimmer ist immer dunkel. Nur der Schrank riecht verheißungsvoll nach Schokolade, die ich nie finde. Aber ich suche auch nicht richtig, weil Maria mich schmerzverzerrt beobachtet, wie ich nicht Mittagsschlaf halte, sondern Omas Schrank durchwühle. Überhaupt, viel Maria.
Meistens schleiche ich heimlich in den Kohlenschuppen, in dem auch Werkzeug und andere interessante Dinge vor sich hin modern. Dort fürchte ich mich ein bisschen, bin aber sicher. Wovor auch immer. Vor dem Draußen.

Es gibt keinen Fußgängerweg, deshalb laufen wir an der Straße entlang zum Bäcker, eigentlich ein Kramerladen, um die Salzzöpfel und ab und zu einen BussiBär zu erstehen. Ich rieche abgestandene Verlockungen.

Und jetzt machen wir Urlaub. Im Bayerischen Wald. Weil wir ja diesmal keine richtigen Berge brauchen. Ein Bauernhof sollte es sein, ich bestehe darauf, dass er wenigstens im Internet ein wenig Weite aufweist, nicht zu nah an zu Hause ist und nicht so weit hinten drin liegt wie der Heimatort meiner Oma.
Wir buchen uns in die Nähe eines Ortes, der früher nur aus Stau bestand. Und am Morgen der Abfahrt überlege ich, ob das eine gute Idee war. Ob es schon Gäste- oder nur Fremdenzimmer gibt. Hinter Deggendorf holen mich alle Gerüche und alles Finstere wieder ein. Ich nehme mir fest vor, dem Wald und dem Kinderurlaub im Wald eine Chance zu geben. Klischees gibt es ohnehin genug und wer weiß, vielleicht sind meine Kindheitserinnerungen gar nicht real.

Abschied.

Februar 29, 2016

Ich weiß nicht warum, aber ich habe ein Bild vor Augen. Wir gehen gemeinsam die Straße runter, um Milch zu holen. Ich weiß gar nicht, ob das in meinem Kinderhirn richtig gespeichert ist, mit der Milch. Ich wühle weiter und schmecke Hefeknödel zu Braten. Und die Überraschung, dass diese Touareg-Hefeknödel genauso schmeckten. Frisch gepresster Orangensaft. Unvergleichliche Lebkuchen. Windpocken. Ich rolle Butterkugeln zu ihrem 85. Geburtstag. Lachen. Ein Geruch. Die abgedeckten Schüsseln mit den Körnern. Wir fahren gemeinsam Zug. Ihr Garten. Das unmögliche Paket mit Kuchen und Tischdecken und seltsamen Unterhosen. Selbst gestrickte Socken. Genähtes. Ihr Nudelholz in meiner Küche. Oje – sie nannte mich Puschel. Das Schweigen über ihren Mann. Die Metzgerei. Die Flucht mit zwei kleinen Kindern und Mutter in die Dresdner Bombennächte. Der Brief. Bergeweise Weihnachtsplätzchen bis Ostern. Ihre Aktivität. Noch mehr Butter.

Wie sie immer schwerer hörte. Wie sie immer kleiner wurde. Wie sie immer weniger wusste. Die Freude an den Urenkeln. Wie sie immer weniger wurde.

Vielleicht Verklärung, aber Omas sind Kindheitsgefühl. Und dann stirbt ein Stückchen Kindheit einfach mit.

Strizzi knetet das Erinnerungsbildchen. „Storben“, sagt er bedeutungsvoll und knetet weiter. Ob man der Uroma nicht einfach auch einen Osterhasen und ein Ei fürs Grab basteln solle, fragt der Zwack, Das ginge doch, oder. Ich nicke und mache mich daran, Hefeknödel zuzubereiten. Der Zwack bastelt ein Ei mit langen Haaren und vielen Zähnen. Strizzi juchzt.

Es ist so. Die großen Fragen lassen den Zwack nicht los. Pünktlich zum Herbst sprechen wir weiter über Tod und Sterben, darüber, dass tote Menschen nicht in den Müll kommen. Ich erkläre Beerdigung als Abschied, die Holzkiste, das Grab als Ort, den manche Menschen brauchen, um sich innig an die Toten zu erinnern. Dass die Toten in der Holzkiste aber – das hatten wir ja schon – weder laufen noch sprechen noch lachen könnten.

Wie Tote denn aussähen, fragt der Zwack, und, ob ich schonmal einen gesehen hätte. Ich verneine. Ob ich jemanden kennte, der tot sei. Natürlich, und dann erzähle ich von Uroma Sefa. Das erscheint mir passend, sie ist schon seit fünfzehn Jahren tot und seine andere „Uroma“ steht ihm nicht so nahe, dass er sich gleich Sorgen machte. (Anders übrigens meine Schwiegermutter, die berechtigterweise keine Ahnung hat, wie meine Omas mit Vornamen heißen und auf ein Zwacksches „Die Uroma Sefa ist schon tohot! TOHOT!“ mir und meiner guten Laune gegenüber recht irritiert reagierte.)

Aha aha aha – Uroma Sefa also. Warum die tot sei. Ob sie sterben wollte. Uroma Sefa wurde über neunzig. Sie war krank, hatte Schmerzen, hatte genug ge- und erlebt und war davon überzeugt, dass sie beim lieben Gott weiterleben würde. Es erscheint mir eine diplomatische und kindgerechte Antwort. Mh mh mh, ein paar kreisende Verständnisfragen, und dann, Aber, wenn die Uroma Sefa tot sei und in der Holzkiste und nix mehr könne, wie könne sie denn dann beim lieben Gott leben und vor allem, was täte sie dann da – so ohne nix zu können.

Ha, ich weiß, Sie denken jetzt, Klar, kein Problem, erst die Holzkiste und dann die Seele erklären, nichts leicht als das. Es war schwierig. Und es leuchtete dem Zwack auch nicht ein, dass andere Leute davon überzeugt seien, dass sie als Marienkäfer wieder geboren würden. Und dass vielleicht jedweder Glaube entscheidend für das Konzept von Tod und Sterben sei.

Er jedenfalls wolle nicht sterben, ob ich da aufpassen könne und ich, bitteschön, solle auch nicht sterben, wer das eigentlich entscheide und in diesem Zusammenhang mal ganz grundsätzlich, Mama – bist Du eigentlich alt?

Nach ein paar Tagen Pause, kurz vorm Einschlafen, Mama, sind alle Menschen irgendwann tot? Ja. Mh, der Jesus sei auch tot gewesen und dann aber konnte man den wieder reparieren. Sprach’s und kuschelte sich gemütlich in die Kissen.

Seit zwei Tagen nun kein Wort mehr über Tod und Sterben, auch kein hysterisches „NICHT DIE MAMA TOT MACHEN!“, wenn sich Strizzi mit Karacho auf mich wirft. Noch besser gar, heute weckte ich ein fasziniertes Glitzern im Zwack, diesen Ausdruck von Wissbegier, wenn er merkt, dass da etwas absolut Neues auf ihn wartet. Also, etwas absolut Neues, was man erstmal mit Kopf und Sprache bearbeiten kann, nichts Haptisches. Dieses absolut Neue war das Konzept All. Weltraum. Raumsonde. Zum Mond fliegen. Vor lauter Aufregung konnte der Zwack gar nicht einschlafen. Ob die – wie heißt das Ding nochmal? – Raumsonde! Raumsonde! oben oder unten flöge und wie sie wieder weg vom Mond käme und ob man das mal sehen könne, ob die Flügel habe, und dass ich ihm morgen eine aus Lego bauen müsse. Raumsonde, hauchte der Zwack mehrfach und schlief irgendwann lächelnd ein.

Was nach guter Ablenkung klingt, kann auch gefährlich werden, denn wo – bitteschön – wohnt dann die Uroma Sefa beim lieben Gott und kann man da mit der Raumsonde hinfliegen?  Ich hatte eben ein bisschen Zeit, mir Antworten zu überlegen und ich glaube, ich habe die ultimative Antwort gefunden. Sie nimmt die Angst vorm Sterben, sie verortet den lieben Gott und lässt Uroma Sefa in ganz neuem ehrwürdigem Licht aus ihrer Holzkiste steigen.

Vielleicht repariert Uroma Sefa Raumsonden mit dem lieben Gott. Oder bekocht zumindest die Besatzung. Schließlich war sie auch zu Lebzeiten eine Seele von Köchin.

Oma. Und Unwichtiges.

Juli 27, 2014

Es ist so. Dass sie von Besuch zu Besuch kleiner wurde, setzte ungefähr zu dem Zeitpunkt ein, zu dem sie uns die Absage zu unserer Hochzeit schickte. Sie könne leider nicht kommen, es sei nun wohl so, dass das Alter in den Vordergrund trete. Das war vor zwei Jahren und nun wird meine Oma dreiundneunzig.

In den letzten Monaten wird sie nicht mehr kleiner, sie sieht wieder besser aus, vor allem, seit sie im Altenheim wohnt. Das allerdings weiß sie nicht. Sie wohnt im Altenheim, nennt ihr Zimmer eine Garage, spricht von ihrem anstehenden Umzug, fragt sich, wo ihre Sachen sind und woher der Teil ihrer Sachen kommt, der in dieser Garage steht, in der sie schläft. Manchmal steht sie vor ihrer alten Wohnung und kramt nach dem Schlüssel. Manchmal fährt sie irgendwohin mit dem Zug.

Sie geht regelmäßig einkaufen, vor allem, um Kuchen zu backen. Ihr Zimmer hat keinen Backofen. Und eigentlich kocht sie auch nicht mehr selbst. Aber sie ging immer einkaufen. Die Lebensmittel stapeln sich im Schrank, bis meine Mutter sie mitnimmt. Sie erzählt von Nachbarinnen, neben denen sie vor 30 Jahren gewohnt hat, in einer anderen Stadt.

Manchmal aber ist sie ganz klar, sitzt im Wohnzimmer meiner Eltern, hört schlecht, weiß, wie der Hund heißt, welche Kinder hier herum springen, dass meine Schwester meine Schwester ist und dass ich ich bin. Fragt nach den Kindern, fragt, wie ich mit dem Haushalt zurecht käme, wie groß die Wohnung sei, die es in Schuss zu halten gelte. Ich werde kaum rot, erzähle aber auch nicht, dass ich bald wieder anfangen werde zu arbeiten. Und dass unsere Wohnung wohl nicht so sehr das ist, was sie als „in Schuss“ bezeichnen würde.

Sie freut sich, dass was los ist, dass Strizzi Zwacks Bauklötze ansabbert, während der den Hund am Schwanz zieht. Sie wiederum füttert den Hund konsequent verbotenerweise mit Keksen, die der gegen alle Gewohnheit auch frisst. Und öffnet dem Zwack, den sie „Puschel“ nennt, auch die dritte Packung Süßes, die er ihr unter die Nase hält – nur bei der ersten hatte sie fälschlicherweise angenommen, es handele sich um ein Geschenk, sie würde es später essen.
Sie war für uns Mädchen einkaufen, Schwester und ich schleppen Kekse, Schokolade und Obst nach Hause.

Zu Strizzis Taufe bekommen wir eine Karte zu einem anderen Anlass, außerdem Eier und Butter, um einen Kuchen zu backen. Das könne ich hoffentlich wohl. Bei meiner Schwester kommt irgendwann ein Kuchen an, den sie an unseren Onkel schicken wollte. Der wohnt da nicht. Aber sie hat unsere Adressen und der Kuchen kommt irgendwo an.
Das ist auch alles nicht wichtig.

Früher hat sie mich auch Puschel genannt.

 

 

Manchmal sagt der Opa Sachen,
über die wir heimlich lachen.
Er verwechselt, wie wir heißen,
möchte mit der Droschke reisen
und ruft: `Oma, komm mal her!´,
dabei lebt sie doch nicht mehr.

Abends zählt er dann alleine
seine schwer ersparten Scheine
und versteckt sie unterm Kissen,
weiß nicht, daß es alle wissen.
Plötzlich ruft er ganz erregt:
`Wo hab` ich mein Geld verlegt?´

Keinen Faden läßt er liegen.
Krumme Nägel will er biegen,
daß man sie noch mal verwendet.
Nicht ein Krümchen wird verschwendet,
weil er weiß, was Hunger ist
und die Not nie mehr vergißt.

Manchmal sagt der Opa Sachen,
die uns still und traurig machen,
sagt: `Bald muß ich von euch gehen,
hab` genug mich umgesehen.´
Und in solchen Augenblicken
möchten wir ihn an uns drücken.

[von: Gerhard Schöne, Album: Menschenskind, 1985]

Es ist so. Man liest immer öfter, Mütter sollten mehr über Frust schreiben. Das sei wohltuender für andere Mütter, ehrlicher und diene der Katharsis. Voilà. Hier herrscht der Frust.

Strizzi zum Beispiel. Er ist noch kein halbes Jahr alt und am Tag unzählige Male gefrustet. Weil ich aufs Klo gehe, obwohl er trinken möchte. Weil er sich zwar mittlerweile auf den Bauch drehen kann, aber trotzdem nicht vom Fleck kommt. Weil er, wenn er es schafft, sich zurück auf den Rücken zu drehen, das nicht kontrollieren kann und mit dem Kopf aufklonkt. Oder so unterm Schrank zu liegen kommt, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Weil der Zwack ihm immer nur das öde Spielzeug in die Hand drückt und nicht den großen Bagger. Und auch nicht das Laufrad. Weil der Zwack es nicht ausstehen kann, dass der Strizzi ihm begeistert den Pulli vollsabbert. Weil er nichts zu essen bekommt, obwohl er sich mit aller Macht – manchmal schmerzlich – in meinen Teller wirft. Oder gegen meine Tasse. Weil man Licht nicht in den Mund nehmen kann. Weil er nicht weiß, wozu diese Füße eigentlich gut sein sollen und warum er da immer Socken anhat. Weil ihm sein Hut über die Augen rutscht. Weil Leben jeden Tag anstrengender wird.

Und der Zwack erst. Beim Aufwachen erster Frust: aufgewacht, noch nicht fertig mit schlafen, aber Wiedereinschlafen unmöglich, weil man sonst was vom Tag verpasst. Frust, weil Mama nicht gleich aufstehen will. Frust, weil er Strizzis Bett mit Strizzi drin nicht durch die Wohnung schieben soll. Frust, weil Erdbeeren im Müsli sind. Frust, weil keine Erdbeeren im Müsli sind. Frust, weil ihm „Müllverbrennungsanlage“ noch immer nicht ganz korrekt über die Lippen kommen will. Neue Windel: Frust. Keine neue Windel: Frust. Frust, weil unten kein Betonmischer vorbeifährt, wenn er aus dem Fenster schaut. Frust, weil der Strizzi ihm begeistert den Pulli vollsabbert. Anziehen, Zähne putzen, Schuhe aussuchen, Spielzeug einpacken, Losfahren – alles birgt großes Frustpotential. Am schlimmsten verwirrt den Zwack die eigene Entscheidungsfindung. „Hoch! Runter!“„Eiei! Nicht Eiei!“ „Essen! NEIN! NICHT ESSEN! EEESSEEEEEN!“ Fragen Sie erst gar nicht nach vom Spielplatz nach Hause fahren oder ins Bett gehen.

Und ich sowieso. Diese Tage, an denen das einzig Kreative ist, eine neue, unnötige Falte in ein Hemd zu bügeln. Dieses Baby in meinem Essen. Diese einzigen geraden Sätze mit einer erwachsenen Person: ein Gespräch über das Essverhalten des Zwacks in der Krippe. Diese Balkonpflanzen, die mich überzeugen, dass mein Daumen kein bisschen grün ist. Diese vollgesabberten Pullis. Dieser Strizzi. Dieser Zwack. Diese Stadt. Dieses Umfünfuhraufstehen. Dieser zynisch anmutende Satz der Ärztin in meinem Kopf: „Schlafen Sie, wenn das Kind schläft.“ Dieser koffeinfreie Kaffee.

Aber jetzt seien wir mal ehrlich: wer liest denn sowas bis zum Schluss?

Die Mädchen von früher sind jetzt Mütter. Sie sind immer noch nett. Jahrgangsweise haben sie die Männer geheiratet, die sie seit ihrer Schulzeit kennen. Die Männer arbeiten mit den Kumpels von früher in den Banken der Region. Abends spielen sie Karten und trinken Weißbier.
„Glitzer, wenn Dir langweilig ist, mach uns doch mal ein Weißbier auf.“ Unterwegs zu diesem durchaus anerkennenden Satz treffe ich viele dieser Mädchen. Die, die noch nicht Mütter sind, sind Lehrerinnen und haben wenig Zeit, wegen der Baustelle. Sie bauen Häuser. Die meisten werden apricotfarben.

Ich sitze in einer apricotfarbenen Küche und trinke ebenfalls Weißbier. Ich bin kein Mann, aber von hier, und wer nicht schwanger ist, trinkt Weißbier. Später trinken wir Schnaps. Ich kenne alle Leute, von denen an diesem Abend die Rede ist. Ich kenne sie, ihre Partnerinnen und Partner, ihre Eltern, deren Affären und die tragischen Geschichten der Kleinstadtidylle.

Die Buchhändlerin kennt mich auch noch. Sie schenkt mir einen Reisebericht, den hier eh niemand mehr kaufen wird. „Zu wenig Drama “, seufzt sie. Dann geht sie in die Apotheke, um den Notizzettel einer Kundin zu holen. Sie hat ihn dort weggeworfen. Mit dem Buchtitel. „Mei, es geht um eine Frau und ihren jüngerer Mann. Ham Sie des ned da?“ Das Buch entpuppt sich als Groschenroman.

Sonntag Morgen gehe ich ins Schwimmbad, ich bin ohnehin Protestantin. Ich zahle einen Euro fünfzig. Die Dame an der Kasse liest aufmerksam meinen Studentenausweis: „Glitzer! Di hätt i iatz nimmer kennt. Du warst doch mit unserm Markus in der Schui!“ In der Grundschule. Ichwar auch oft in diesem Hallenbad, freitags von drei bis fünf. Seepferdchen, Kindergeburtstag, Grundschullieben, Chips und die Narbe auf meinem Oberschenkel. Außerdem habe ich dort eine Glastür zerworfen. Das war alles vor dem Umbau in gediegene Pastelltöne.
Als ich in Richtung Umkleide gehe, spüre ich den zweifelnden Blick der Frau im Rücken. Ich studiere also immer noch. Meine Mutter wird wochenlang beschäftigt sein, dieses Gerücht aus dem Ort zu tilgen. Und das alles für einen Euro.

Ich stelle mir vor, wie es sein wird, in Zukunft in diesen Ort zu kommen. Aus den apricotfarbenen Häusern strömen wohlbehütete Kinder und pubertieren in den Vorgärten zwischen den Rosenkugeln der Zukunft. Später werden sie ihre Schulfreunde aus derNachbarschaft heiraten und Häuser bauen. Hellblaue Häuser, komplementär zu ihren Eltern.
Diese haben bereits das generationeninterne Affärenkarussell in Gang gesetzt. Markus wird wie seine Eltern und Großeltern das Hallenbad leiten. Die Buchhandlung wird schließen, Bücher gibt es auch bei real. Männer, Mütter und Mädchen leben ihre Idylle weiter und sind immer noch nett.

Und erstaunt werde ich das Gefühl nicht los, Teil dieser Idylle zu sein. Und dass sich diese Idylle irgendwo in mir drin verkriecht. Obwohl ich weder Weißbier noch apricot ausstehen kann.

Es ist so. Der Abend, an dem der Hund kotzt, ist der Abend, an dem ich Macarena tanzend auf dem Flur im zweiten Stock ende. „Hausfasching“ heißt der Abend. Claudia wird mir später das Du anbieten und die Hilfe des gesamten Hauses. Frau Andersch wirft draußen Kracher in die Einfahrt der Tiefgarage. Frau Müllerova erzählt Geschichten von früher.

Frau Müllerova ist das Urgestein des Hauses. Eingezogen in den Rohbau, seither tief verwurzelt, steht sie immer noch im Ruf, zu laut zu sein. Jedenfalls bekommt sie regelmäßige Beschwerdeanrufe. Frau Müllerova ist steinalt. Vor Kurzem hat sie mir von ihrem ersten Lehrling erzählt, der seinen Achtzigsten gefeiert hat.

Samstags fährt sie mit ihrem Rolator durch die Häuser. Unsere Wohnanlage besteht aus mehreren Häusern, die über den Keller verbunden sind. Man kann also mit dem Aufzug in den Keller fahren und dann zum Aufzug des nächsten Hauses schieben und hochfahren. Solcherart verteilt Frau Müllerova zum Beispiel Rohrnudeln. Diese, erklärt sie mir, könne man schließlich süß wie herzhaft essen, Hauptsache, das Fett komme aus allen Poren, wenn man mit dem Finger auf die Nudel drücke. Und jetzt solle ich schnell zwei essen, sonst würden sie kalt und das wär schad. Morgen gibt es keine Rohrnudeln, morgen verteilt sie Brühe. Weil alle alten Leute sich eine Grippe eingefangen hätten.

Der Zwack ist anfangs die Sensation, endlich ein kleines Kind, wann er denn ein Geschwisterchen bekomme. Es seien ja alle ausgeflogen, alt geworden. Zwack schaut ernst unter seinen Haifischzähnen hervor, die ich ihm aus Versehen falsch herum an die Mütze genäht habe. Jetzt sieht er aus wie ein Hasenhai, was aber niemanden zu stören scheint. Schließlich ist er der Nachwuchs.

Frau Müllerova erklärt mir alle Anwesenden und malt wortreich ein Bild der Anlage. Wer sich wo wie beschwert, wer wo wie wohnt, lagert, wer wo wie welche Wohnung gekauft hat und wer nicht. Man merke, wirft Nicole ein, dass es eben eine Anlage sei, in der viele Eigentümer wohnten. Nicht nur Mieter. Sie ist keine dreissig und vor Kurzem von der Nummer sechs, wo sie aufwuchs, in die Nummer zwei gezogen. Weg von den Eltern.
Nicole ist eine der Jungen, die mir Frau Müllerova erklärt. Alle kenne sie, alle habe sie gekannt. In der Tat kenne sie sie alle noch als Kinderpopo. Aber da sähe ja einer aus wie der andere.

Irgendwann drängt Claudia, man möge doch jetzt die schrecklichen 90er Mallorca-Hits auflegen, es seien doch alle betrunken genug. Nicole sucht Macarena heraus und zwingt die Damen auf den Flur, wo sie in einer Art Aerobicstunde allen die Tanzuniform beibringt. Der uralte Hit begeistert dreimal. Frau Müllerova lehnt sich gegen den Türrahmen und wedelt mit ihren Armen einen Flamenco mit.
„De Plattn brauch i!“ ruft sie wiederholt und lacht unter ihrem Hut hervor.

Ob sie das erzählen dürfe, fragt sie später, als alle um Claudias Tisch und Whiskey sitzen. Von der Feier. Dass es so schön war. So schön wie früher. Das glaube zwar keiner, aber wenn es so sei. Das würde sie gerne erzählen, wenn sie morgen die Brühe ausfährt. Dann beisst sie gerührt in ihre Rohrnudel, das Fett quillt aus den Poren, wie es sein muss. Später schiebt sie langsam Richtung Aufzug und summt den Hit.

Es ist so. Für manches muss man alt werden. Ich meine nicht so banale Dinge wie Kinder kriegen oder Bausparer auflösen. Ich rede natürlich von Großem. Erkenntnisse. Erfahrungen. Weisheit. Oder in meinem Fall eben der Koffer.

Der Koffer versteckt sich im Keller meiner Eltern, also in Papas Keller. Seit jeher. Er – der Koffer – versprüht jene Faszination, die Dinge versprühen, denen man sich nicht nähern kann. Ich kannte alles in Papas Keller. Nachmittage verbrachte ich damit, in dieser schlecht beleuchteten Höhle eine Schraube neben die andere zu legen, Werkzeug zu sortieren, mir genau einzuprägen, welche Angel sich hinter welcher Tür befand oder zu überlegen, wozu man dieses ganze Zeug wohl eines Tages brauchen könne.

Nur der Koffer. Der war zu. Nicht verschlossen, aber ich wusste, dass ich ihn nicht öffnen sollte. Weil Paps Leben in diesem Koffer ruhte. Was malte ich mir aus! Fotos. Murmeln. Die Kostbarkeiten einer geklauten Jugend. Noch mehr Fotos. Briefe. Was so in einen Koffer passt.
Auch jenseits der kindlichen Neugier habe ich oft gefragt, ob er ihn nicht mal öffnen wolle, ein paar Fotos zeigen. Keine Chance. Der Koffer staubte in seiner respektvollen Aura ein.

Und vorgestern beim Abendessen war auf einmal alles ganz leicht. Wobei, vielleicht begann das Öffnen des Koffers auch schon, als ich die alten Super-8-Filme mitnehmen durfte. Behutsam drehte ich sie durch das kleine Vorschaugerät und sah mich durch einen Kindheitsurlaub hüpfen. Balsam auf die Seele, wenn man gerade dabei ist, das Bild seines Vaters zu verlieren. Da war er also doch. Der Mann hinter der Kamera, dessen lustigen Launen keine Verklärung waren, sondern tatsächlich Erinnerungen.

Jedenfalls, vielleicht beim Biss ins Salamibrot, fragte ich nach der Fleischerei. Damals, die Fleischerei. Ja, sagte Papa, mei, die Fleischerei. Ob ich vielleicht ein Foto sehen wolle. Im Film hätte ich mich in dieser Situation verschluckt und kein Wort mehr herausgebracht.Leider habe ich mich nicht verschluckt. Ich war sehr undramatisch überrascht.

Nach dem Essen barg Papa seinen Koffer. Naja – zunächst fischt er ein einzelnes Album heraus, müffelte es ins Wohnzimmer und zeigte mir: Hamburg. 1959. Zugegeben, ich war enttäuscht. Und ungeduldig. Hamburg? Ich wollte die Fleischerei!
Aber wir mussten uns der Fleischerei von der Neuzeit her annähern. Hamburg, Bamberg – alle Fotos verrieten ihren Teil über die Fleischerei.

Wir streiften rückwärts nach Westpreußen, vorbei an Konfirmationskursen und Schulklassen, Hochzeitfotos, meiner Oma (hinter einer anderen Fleischtheke). Foto nach Foto, vielleicht nur dreissig Stück, Anekdote an Anekdote. Erinnerungen. Familie. Freunde. Todesfälle.
Irgendwann ein Sippenfoto der Urgroßelterngeneration. Der Krieg. Der Sprung aus dem Zug auf dem Weg an die Front. Aber nirgendwo die Fleischerei.

Hm. Dann solle ich eben mitkommen. In den Keller.
Der Koffer. Wir klappten ihn auf und es drehten alles um. Fotos. Die Kostbarkeiten einer geklauten Jugend, Briefanfänge – „Liebes Mädel“ -, Freunde, Familie, ein Schachspiel, Verkehrswegepläne, Verdienstmedaillen, Bierzeitungen, Vierfarbkugelschreiber. Stunden.

Auf dem Foto der Fleischerei erkennt man nicht viel. Dafür ist es jetzt meins. Man will ja nicht umsonst so alt geworden sein.

p.s.
Wenn jemand einen guten, finanzierbaren Tipp für die Digitalisierung von Super-8-Filmen hat, freue ich mich.

Und wer sich für Koffer interessiert, sei dies ans Herz gelegt.