Es ist so. Der Zwack liebt Skifahren. Ich weiß nicht genau, woran es liegt – ob am Essen in der Hütte oder am Schnee, an der frischen Luft, an der Brotzeitbox. Oder an der Skischule. Er war nun zum zweiten Mal in einem Zwergerlkurs einer hiesigen Skischule: die Kinder werden am Kindergarten abgeholt, fahren mit dem großen Bus zum Skihügel, kommen nachmittags wieder. Fünf Tage die Woche. Ganz ehrlich: ich war mir anfangs nicht sicher, ob der Zwack überhaupt in diesen Bus steigen würde. Er stieg ein. Jeden Tag. Und kam mit den besten Skilehrersprüchen und schlimmsten Kinderohrwürmern zurück. Jeden Tag glücklich, jeden Tag motiviert. Zufrieden, ausgeglichen, müde. Und mit Spaß am Skifahren. Das Abschlussrennen verbringt er damit, mir zu winken. Und am Ende bekommen alle eine Medaille.

Der letzte Kurs endete Freitag. Am Samstag stand ein missmutiger Zwack im Zimmer, wieso heute kein Skikurs sei. Und am Sonntag SCHON WIEDER KEIN SKIKURS. Am Montag war dann leider auch nur Kindergarten. Ich meldete den Zwack also für den Folgekurs an. Und als in der Whatsappgruppe gefragt wurde, ob jemand den Folgekurs buchen wolle, antwortete ich: Zwack. Oje. Wie naiv.

Das ginge nicht! Am Freitag des Folgekurses sei doch Wilhelms Geburtstag! (Den hatte ich tatsächlich nicht auf dem Schirm.) Und man habe schon alles mit dem Kindergarten besprochen, die Kinder würden pünktlich zum Essen geschickt, damit man sie dann pünktlich abholen könne, damit man pünktlich im Zoo sei, wo es eine Führung mit Tierbesuch geben solle. In der Tat eine nette Idee. (Ich habe mal mit meiner Mama fauchende Riesenschildkröten gefüttert.)
Ich bin der Überzeugung, dass man das wird schaffen können und dass es ein bisschen unser Problem ist, diesen Skikurs mit diesem Geburtstag zu vereinbaren. Und dass es nur ein Skikurs und nur ein Kindergeburtstag ist. Ich schrieb also nix.
Also rief Julia an – eine Mutter, die ihren Sohn auch gerne in den Folgekurs schicken möchte, aber deren Sohn auch zu Wilhelms Geburtstag eingeladen ist. Ich bot an, dass ich die Kinder gerne vom Abschlussrennen in den Zoo bringen könne, das sei mehr als machbar.  Sie war meiner Meinung. Die Frage sei natürlich, ob es genügend Schnee für den Folgekurs gebe. Diese Entscheidung wollte ich gerne der Skischule überlassen. Und die Siegerehrung? Könne man mit den Skilehrern besprechen. Natürlich, natürlich, am Besten, sie riefe jetzt Henni, also Wilhelms Mutter und die Skischule an. Vielleicht in der umgekehrten Reihenfolge, was ich denke. Ich dachte: bloß nicht. Und sagte: Mei.

In den nächsten 35 WhatsApp Nachrichten versuchte Henni, Wilhelms Geburtstag zu verschieben, das sei entspannter für alle. Aber sie könne erst in drei Minuten im Zoo anrufen. Ob aber überhaupt alle wann anders könnten? Der Zoo jedenfalls könne leider wahrscheinlich nicht, aber vielleicht doch, das wisse man erst in zwei Tagen. Erst in zwei Tagen, wie die sich das vorstellten. Julia antwortete, man könne die Siegerehrung zu anderen Zeitpunkten nachholen, außerdem könne man auch Wilhelm einpacken und vorher sein Rennen filmen und ihn dann pünktlich zu seinem eigenen Geburtstag fahren. Falls Henni bei dieser Vorstellung nicht in Ohnmacht falle. (Tat sie bestimmt.) Ich schrieb irgendwas von „von der Piste zur Party und Après Ski“, kam jedenfalls nicht so gut an. Auch nicht, dass Wilhelm dann ja mit Krone statt Helm fahren könne.

Ob die Kinder wieder am Kindergarten eingesammelt würden, ob sich hierfür genügend Kinder angemeldet hätten, ob der Skikurs wirklich stattfände. Und dass sie das alles jetzt mit der Skischule habe klären wollen, die Dame aber leider so unmöglich gewesen sei, dass sie das Telefonat habe unterbrechen müssen. Die arme Dame! Da ruft erst Julia an und fragt, ob genügend Schnee für die Siegerehrung liege, dann ruft Henni an und fragt, ob alles auch ganz pünktlich geplant stattfinden könne, trotz Geburtstag.

Ich habe beschlossen, dass mir das alles wurscht ist. Zur Not bringe ich den Zwack jeden Tag selbst an den Skihügel, mache Stüberl- statt Homeoffice und verbringe dafür noch eine Woche mit einem unglaublich glücklichen, zufriedenen Zwack. Wenn Henni und Julia nicht vorher die Skischule und Frau Holle in den apokalyptischen Wahnsinn treiben. Drückt uns die Daumen!

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Es ist so. Seit wir Strizzi Strizzi nennen, werden wir gefragt, wieso. Man könne doch ein Baby oder Kleinkind nicht Strizzi nennen. STRIZZI. Jetzt verstehe ich vielleicht unter Strizzi ein bisschen was anderes, als die, die das fragen. Für mich sind Strizzis nicht zwingend zuhälterische Kleinkriminelle. Unser Strizzi ist ein Strizzi im Sinne von Zenetti-Kid. Halbstarker Möchtegern. Liebenswert. Strizzi halt. (Tja, da staunen Sie jetzt, gell, was Google so ausspuckt. Dass es den Leitmayr mal ganz anders gab.)

Und vielleicht war das eine Ahnung, der Strizzi ein Strizzi. Manche Leute sehen das auch, da erschrickt der Strizzi, wenn fremde Leute sagen, Ah, schau her, so ein Strizzi.
Das ist alles nicht weiter wichtig, für mich zentral ist: ich rechne beim Strizzi vor allem mit einem: dass wir ihn ab seinem 13. Lebensjahr ungefähr regelmäßig entweder in der Notaufnahme oder dem Direktorat werden abholen müssen. Nicht, weil er als Erster doofe Sachen macht. Eher, weil er als Zweiter doofe Sachen noch doofer macht. Vielleicht ist er auch Strizzi genug, sich nicht erwischen zu lassen. Vielleicht hat er aber auch manchmal ein bissl Pech. Oder dann doch strizzitypisches Glück.

Neulich, zum Beispiel, als wir nach vier Wochen Italien auf dem Weg zurück nach München waren. Auf dem Brenner, logisch. Vier Wochen war nichts Bemerkenswertes passiert und dann, Mama, er kriege den Knopf nicht mehr raus. Ich dachte mir nix dabei, Das sei doch nicht so schlimm, so ein Knopf, jetzt im Auto und wo der Knopf denn nun sei. In der Nase. IN DER NASE? In der Nase. Ich bat – so ruhig wie möglich, Strizzi möge doch bitte Luft durch die Nase ausschnauben. Und prompt – nehmen wir es ihm nicht krumm, es ist schon eine Weile her – zog Strizzi geräuschvoll die Nase hoch. Ruhig atmen, erneuter Versuch, erneutes Hochziehen, ein Parkplatz, eine Pinzette, nochmaliges gemeinsames Ausschnauben, ah, jetzt, fast, Luft raus. Irgendwann war der Knopf raus aus der Nase.

Oder auch, letzte Woche, wieder im Auto, wir stehen im Stau nach Ismaning, ein langer Stau, eine schmale Straße, auf der Rückbank startet eine von Strizzis Jammertiraden und irgendwann der Satz, der Gurt kratze so am Hals. Ich bitte ihn, den Gurt in Ruhe zu lassen, sich bitte auch nicht abzuschnallen und so weiter und so weiter, ein Gurt sei halt manchmal ein bisschen unbequem. Ha, unbequem. Ich drehe mich um, um dem Kind aufmunternd zuzulächeln und merke, dass es nicht die Dunkelheit ist, die hier komisch aussieht. Fragen Sie mich nicht wie, Strizzi hatte es durch gelangweilte Gurtanaus-Spiele geschafft, sich eine Schlinge um den Hals zu legen. Eine Schlinge aus Sicherheitsgurt. Ob er noch Luft bekäme. Ja, haucht das Kind, aber dann würde es enger. Keine Chance, irgendwo ran zu fahren, nur nicht bremsen, Kind, nur nicht atmen, nicht bewegen. Es kratze, beschwert sich Strizzi. Und er dachte wirklich, Kratzen sei sein Problem.

Sie sehen, das ist die emotionale Ruhe eines Strizzi, derzeit noch überdeckt durch die emotionalen Eskapaden der Dreijährigkeit. Aber meistens paart sich diese Ruhe mit der Dreistigkeit eines beißenden Flohes und dass der Bub so selten eine mitkriegt, liegt wahrscheinlich daran, dass alle anderen Kinder so gut erzogen sind.

Alle, bis auf seine kleine Schwester. Ihre Versuche, Strizzi zu bzw. von irgendetwas zu bewegen, zum Beispiel von meinem Schoß, quittiert der große Bruder zwar noch mit Lachen. Da steht Otto und zupft ihn am Pulli und schreit wüste Laute – und er bleibt lachend auf meinem Schoß sitzen. Aber auch – sie ist eine gelehrige Schülerin. Da kommt was auf uns zu.

Es ist so. Ich komme überhaupt nicht mehr dazu, irgendwelche Texte zu schreiben. Genauer gesagt: ich komme überhaupt nicht mehr dazu, auch nur einen texttauglichen Gedanken zu fassen. Aber ich kann Ihnen sagen, wieso. Nehmen wir heute. Heute ist also ein Tag, an dem ein Kind krank ist. Der Zwack ist krank, der Strizzi hormongebeutelt und deswegen noch grantiger als sonst und da ist Otto. Otto findet ab fünf Uhr morgens, sie müsse auf mir schlafen. Und brüllend erwachen, wenn ich versuche, mich unter ihr davon zu stehlen. Um beispielsweise duschen zu gehen.
Ich versuche dennoch duschen zu gehen. Strizzi wird damit beauftragt, Otto nicht zu wecken und Bescheid zu geben, falls sie brülle. SCHNELL Bescheid zu geben, also idealerweise, BEVOR Otto aus dem Bett fällt. Ich gehe duschen, Strizzi stürzt ins Badezimmer. ER HABE NUN GEGUCKT, OB OTTO NOCH SCHLAFE, MAMAAAA!!!! SIE SCHLAFE!! ABER GANZ QUER IM BETT!!! Brüllt’s und nebenan fängt Otto lautstark an aufzuwachen. Nun denn. Fast fertig geduscht. Zwack murmelt irgendetwas aus seinem Bett, schlendriant aus selbigem und verkriecht sich in der LEGO-Kiste. Strizzi sucht seine Socken, findet und zieht verschiedene irgendwie an.

Ich jongliere Otto, Geschirr und Müsli. Otto scheint wach, aber nicht so wach, als dass man sie irgendwo hinsetzen könnte. Irgendwann Frühstück. Ich träume von besseren Zeiten, Zeiten, in denen ich ohne Kind auf dem Schoß beziehungsweise ohne Kind in meiner Müslischüssel mal frühstücken könne. Ja, in der Schüssel. Damit meine ich nicht den Löffel. Otto schafft es im Laufe des Frühstücks zweimal, sich eine Müslischüssel aufzusetzen. Dafür bringt sie sie anschließend auch in die Küche. Wo sie ihr ein drittes Mal auf den Kopf kippt, weil Otto einfach zu kurz ist, um die Schüssel auf die Arbeitsfläche zu stellen. Frust.
In der Zwischenzeit auch bei Strizzi Frust, wahrscheinlich lag die Zahnbürste schief. Zwack schlendriant immer noch rum, wirkt erstaunlich ausgeglichen und meditiert LEGOsteine zu einem Boot.

Oma kommt, bleibt bei Zwack, Strizzi, Otto und ich stolpern in den Schneeregen. Schneeregen und ein Kind, das nix anziehen möchte ergibt auch eine Lautstärke. Kindergarten, Kita, Tram, U-Bahn, Büro. Im Büro ist auch irgendwas, dann einkaufen, dann rückwärts die Kinder einsammeln. Zwack hat Opa einen Wunschzettel schreiben lassen und führt aus, dass das Christkind praktischerweise in seinem Kopf wohnt. Strizzi findet es unfair, dass er einen eigenen Wunschzettel basteln solle, er könne doch einfach den vom Zwack nehmen, der wolle den aber nicht hergeben. Der Doofmann sei immer so gemein. (Hören Sie einen Dreijährigen „DU DOOFMANN!!!“ brüllen und versuchen Sie, nicht zu lachen.)

Otto findet es unfair, dass ihre Brüder schneller Buchstabenkekse essen können als sie, bunkert welche mit mäßigem Erfolg, den Rest bröselt sie sich in die Haare, bevor sie selbst rücklinks in die Legokiste kippt. Schadenjuchzende Hilfeschreie aus dem Kinderzimmer. Otto rächt sich später, indem sie einige Uno-Karten verschlingt. Dies wiederum frustriert Strizzi, der sich auf den Boden wirft, statt Streicheleinheiten wird er zum Schlagzeug umfunktioniert. Und jetzt weiß er nicht, ob er das lustig finden soll, weil Otto juchzend trommelt oder ob er noch beleidigt ist wegen der Karten. Abendessen ist auch noch und Zähneputzen und Telefon und mehr Geschichten vom Christkind, der Zwack hat wohl vor Kurzem mit ihm gesprochen und noch mehr Weihnachtswünsche und gute Nacht und noch mehr von allem und am Ende hat auch Otto Fieber und findet, sie schläft nur auf mir ein.

Und weil das ein ganz normaler Tag ist und ich immer vergesse, Ohropax zu kaufen, lesen Sie hier halt leider nix.

Es ist so. Otto ist ein erstaunliches Kind. Natürlich, alle Kinder sind erstaunlich. Auf ihre Art und Weise und in ihrer Art und Weise. Und dann sind zwei Kinder schon so erstaunlich verschieden und dann kommt das dritte und ist nochmal ganz erstaunlich anders. Eigen, im besten Wortsinne.

Wobei – das ist natürlich entweder Quatsch oder banal. Manches ist freilich recht ähnlich: die frühe Liebe zu Besteck, beispielsweise. Zwack liebte Besteck, weil er sich noch nie gerne die Finger schmutzig machte, Strizzi, weil er alles so machen wollte wie Zwack und Otto liebt Besteck, weil selbermachen. Mit Ottos Essen könnte man derzeit auch Fenster setzen, weil die Konsistenz so sein muss, dass das Essen gegen alle Gesetze der Schwerkraft am Besteck kleben bleibt. Nicht Selbermachen wird mit einem majestätischen Kopfschütteln quittiert und ausgesessen. Manchmal darf man ihr ein bisschen Bauschaum auflöffeln und den Löffel an den Tellerrand legen. Manchmal. Ein bisschen.

Selbermachen ist so eine Sache, die mit zunehmendem Alter abnimmt. Otto ist noch sehr jung. Alles selbermachen. Hilflose Versuche, sich die Schuhe und Socken anzuziehen, Pullis auszuziehen. Dinge auf- und weg- und herräumen. Den Brüdern und mir morgens Schuhe, Mützen und Jacken an die unmöglichsten Orte hinterhertragen. Wehe, die Mützen werden dann nicht aufgesetzt. Beziehungsweise – die Mützen werden aufgesetzt. Weil Otto unermüdlich Mützen durch die Wohnung schleift. „Allo! Da!“ Strizzische Wutanfälle ob des Nichtfunktionieren der Welt bleiben aus. Vorgestern verbrachte Otto eine halbe Stunde vergnügt konzentriert mit dem erfolglosen Versuch, meine Schuhe anzuziehen. Ein Fuß, anderer Fuß, beide Füße in einen Schuh, stolpern, umfallen, versuchenversuchenversuchen, Schuhe in die Badewanne werfen.
Überhaupt – Dinge ordnen. Bisweilen landet zwar das Telefon wie gewohnt in der Waschmaschine, viel öfter aber finde ich dort bereits gebügelte Wäsche, die ich zu lange nicht weggeräumt habe. Wäsche Waschmaschine. Logisch. Andere unauffindbare Wäsche knüllt sich meist aufgeräumt im Badezimmerregal zwischen die Handtücher. „Da! Ja!“
(„JA!“ halte ich für eines der seltsamsten Kinderwörter, tatsächlich.)

Was wirklich neu ist: ein Kind, das Tiere mag. Nicht im Zwackschen Sinne, dass hinter jeder Schafherde ein Traktor lauern könnte. Und auch nicht im Strizzischen Sinne, der sich schon als Baby darauf verstand, den friedlichen Kater der Nachbarn bis zur fauchenden Weißglut zu bringen und dann unschuldig wegzukrabbeln. Nein – Otto böht und mäht und waut und maut, gluckst Fische an, streichelt Tierbücher (die alle recht unbenutzt scheinen) und sitzt eine geschlagene Stunde Nachbars Kater gegenüber und grinst ihn an. „DA! Böh!“ (Die Zuordnung verschiedener Laute zu verschiedenen Tieren wurde noch nicht vom Ordnungssystem erfasst, mit Ausnahme von Schafen, Mäh. Und manchmal böh. „Böh“ ist der Universallaut für Tiere.)

Und, natürlich, das erste Wort. Alle, die bei „Wäsche“ und „Waschmaschine“ schon gezuckt haben, liegen jetzt weiter richtig. Ich habe ja schon erzählt, das Mädchen in der Familie formulierte nicht „A[u]to“ oder „[Ba]Nane“, nein, ein Verb: „DABEN!“
So wackelt sie frühmorgens in ihrem Kleinkindseemannsgang in die Küche, Schublade auf, Müslischachtel raus, raschelraschel. „ALLO! DABEN!“ (Guten Morgen, ich hätte gerne Frühstück, bitte.)
Man sollte sich dann sputen, sonst landet das Müsli in der Waschmaschine. Denn ein bisschen was hat sie von Strizzi durchaus schon gelernt. Sie sitzt dann vor der Waschmaschine, guckt so unschuldig wie Strizzi bei Nachbars Kater (dem er übrigens nun immer Leckerli kaufen will, wahrscheinlich hat er was gut zu machen) und singt. „Häbebe tuju!“
Ich tippe auf „Happy birthday to you“. Sie wissen ja, singen und Wortschatzentwicklung. Aber das ist mir in diesem Moment dann egal.

Es ist so. MONATELANG ist hier nix passiert, das stimmmt. Und zwar weniger, weil hier nix passiert, sondern eher, weil soviel passiert. Und weil wir soviel Zeit mit Urlaub verbringen.

In kurz: Zwack ist nun ein Vorschulkind. Im April waren wir bei einer vorgezogenen Schuleingangsuntersuchung, die ich ihm als ich weiß nicht mehr genau, aber als irgendwas anderes verkauft habe. Zwack wollte nämlich nicht zur Schuleingangsuntersuchung, weil er gehört hatte, dass man da ein besonders schönes Bild malen müsse. Und darauf hatte er keine Lust. Aber dann saßen wir in diesem Zimmer und Zwack musste kein Bild malen. Sondern Dinge sprechen und zählen und sowas. Nach einer halben Stunde war seine gute gelaunte Nervosität dann erschöpft und er begann wahllos zu raten. Deswegen solle ich ihn jetzt Unterhosen und Socken sortieren lassen, damit er sich auf Unterschiede konzentriert. Was soll ich sagen: bisher zieht er seine Socken immer da an, wo sie hingehören.

Unser Kinderarzt hingegen findet, Zwack müsse zur Logopädie. Damit er nicht gehänselt würde. Weil er lispele. Zwar habe er, der Kinderarzt, auch fünfmal sehr genau hinhören müssen, aber dann, doch, ein Lispeln. Ich vertage die Entscheidung darüber, weil ich mir nicht sicher bin, ob zu Hänseleien geneigte künftige Mitschüler auch fünfmal segr genau hinhören oder einfach beim ersten Mal gleich einen anderen Schwachpunkt erfinden. Was bin ich froh, noch ein Jahr zu haben, in dem nicht ständig fremde Leute mein Kind beurteilen – da bin ich ganz klassische Mutter.
Egal. Der Zwack also ist groß und die Hormone scheinen ein wenig Pause zu machen, er wirkt schier ausgeglichen. Er schnitzt gerne.

Strizzi rutscht logisch nach und ist nun Kindergartenkind. Er hängt viel bei Zwack und dessen Freunden rum, weil er die in seiner Gruppe leider langweilig findet. Leider langweilig – das sagt er so. Vielleicht müssen wir warten, bis Zwack in die Schule kommt, damit Strizzi sich eigene Freunde sucht, die er durchaus auch gerne hätte. Aber eben keine langweiligen. Sein bester Freund ist in einem anderen Kindergarten und tatsächlich alles andere als langweilig. Ich kenne wenige Kinder in diesem Alter, die so aus sich heraus witzig sind wie er.
Strizzis Hormone machen keine Pause, es schüttelt ihn regelmäßig in stampfende Wutausbrüche und wenn Zwack dann mit Argumenten kommt, muss er ihn einfach beißen. Oder treten. Dann wiederum kuschelt er stundenlang und spricht unglaubliche Dinge, die nur Dreijährige sagen können. Die Sonne zum Beispiel sei gar keine Sonne, sondern ein Propellerflugzeug, doch. Was will man da entgegnen?
Ansonsten steht er auf schnelle Fahrzeuge und will mal Motorradmann werden, eine Yacht und einen Aston Martin besitzen. (Ja, wir sind im letzten Urlaub mal durch St. Tropez gefahren.)

(Haha – ich komme mir gerade vor, wie in einem dieser Jahresrundbriefe, Sie auch? Macht nichts, ich schreibe trotzdem weiter. Bald gibts dann wieder anlassbezogene Geschichten. Toitoitoi.)

Otto wurde von Strizzi in der Kita eingewöhnt, er hat wohl recht genau kontrolliert, was in der anderen Gruppe da mit ihr gemacht wird. Die Erzieherinnen wiederum sind in erster Linie damit beschäftigt, sie einzufangen. Sie schaut sich ihre Gruppe wohl am liebsten von außen an. Ansonsten scheint ihr erstes Wort ihr Lieblingswort zu bleiben: „DABEN!“ So ist das mit den Mädchen, von Natur aus so sozial, dass das erste Wort ein Verb ist. „DABEN“ meint vor allem „ESSEN HABEN“ und während bei Zwack alle andächtig von „gut im Futter“, „stark“ und „das braucht man auch als Kleiner“ sprachen, ertönen bei Otto verhaltene Fragen, Was denn der Kinderarzt „dazu“ sage. Und man fragt sich, wieso Mädchen so schnell körperliche Komplexe entwickeln.
Otto steht auf Schafe und Hunde, böht und bellt gerne aus dem Kinderwagen heraus und kann leider mittlerweile aufs Zwacksche Stockbett klettern. Dort werden dann die Kuschels gekuschelt und von oben juchzend auf Legohäuser gepfeffert. Ihre regelmäßigen Godzilla-Besuche in Lego-City werden mit „OTTO-ALAAARM!“ abzuwenden versucht. Aber eigentlich haben sich die drei ganz gern. Was sollten sie auch ohne einander tun.

So sieht es aus bei uns und ich gelobe neue Geschichten. Wir haben uns neu eingependelt zwischen Arbeit und Kindergarten und Kita und neuer Arbeitsform von Tim und und und. Und es ist immer noch oft lustig.

Es ist so. Zwei Fragen. Sind sie beeindruckt, wenn Dreijährige schwierige Sätze sagen, zum Beispiel „Er bleibt ruhig und konzentriert“? Ja? Finden Sie es rührend bis entzückend, wenn Dreijährige Faxgeräte kennen? Ja? Lassen Sie mich raten: Sie haben keine Kinder, die sich sonderlich für Feuerwehr interessieren.

Der Zwack wollte gerne ein Faxgerät zum Geburtstag. Grund war der Held, der „ruhig und konzentriert“ bleibt. [Einschub: als ich das das erste Mal hörte, vermutete ich den armseligen Versuch, Jungs mittels eines Liedes ruhigstellen zu wollen. Wäre es nur sowas gewesen!]
Der Held. Feuerwehrmann Sam. Gegen ihn ist Conni eine Revoluzzerin. Sam, Held von nebenan, Retter in der Not. Ich weiß, er wurde erfunden von Feuerwehrmännern. Brandprävention für Kinder. Kinder, wenn es brennt, wählt den Notruf! In der Serie wählt niemand den Notruf, alle rufen Feuerwehrmann Sam. Dann piepst es in der Feuerwache, Hauptfeuerwehrmann Steele trottet zum Faxgerät (!), der Alarm geht los und ab zum Einsatz.
Ehrenwerte Idee hin oder her, Feuerwehrmann Sam nervt.

Jetzt aber. Zwack und Strizzi sind große Fans von Feuerwehrmann Sam. Der nervt überhaupt nicht. Er bleibt ruhig und konzentriert. Er löscht jeden Brand! Dafür ist er bekannt! Was immer Dich bedroht, Sam hilft Dir in der Not! Noch besser als Sam findet Zwack Tom. Den mit dem Hubschrauber. Strizzi steht auf Penny. Vor Kurzem habe ich mich breitschlagen lassen und erstand eine CD. Vier Folgen Feuerwehrmann Sam. Zwack und Strizzi saßen eine Stunde in trauter Zweisamkeit im Kinderzimmer vor dem CD-Player.
Zwack hörte den ganzen Nachmittag die CD. Strizzi fing an, mit dem Rutschauto diverse Notfälle in unserer Wohnung zu bearbeiten. Derer gibt es genug! Ich lege Wäsche zusammen, auf einmal raunt mir Strizzi beruhigend ins Ohr. „Komm, kleines Kätzchen, komm, ich bring Dich wieder runter. Du musst keine Angst haben. Komm zu mir.“ Kinderarme schlingen sich um mich, es folgen ein paar technische Geräusche. „So, hier bist Du wieder unten. Ich hab Dich gerettet. Tschüs, kleines Kätzchen!“ Iuuuiuuuiuuu. Wäre Feuerwehrmann Sam SO, ich wäre auch verliebt. Aber so ist nur Feuerwehrmann Strizzi.

Als Strizzi sogar nachts im Schlaf noch Notrufe absetzte, kassierten wir  die CD. Strizzi hat uns eine geschlagene Stunde angebrüllt. Als es klingelte, hatte ich Angst, jemand habe einen Notruf gewählt und Feuerwehrmann Sam stehe vor der Tür, um mir großväterlich zu erklären, wie ich meine Kinder zu erziehen habe. Und fragen Sie nicht, wie viele Diskussionen Zwack beim Lagerfeuer letztes Wochenende erstmal führen musste, bevor er anfing, drin rumzustochern.

Aber tatsächlich. Besserwisser Sam hat gut Seiten. Otto tanzt grinsend zum Titellied, Zwack und Strizzi spielen einen Einsatz nach dem anderen. „Notfall am silbernen Luftballon! Zwack, wir brauchen den Hubschrauber!“ – „Feuerwehrmann Strizzi! Einsatz unter der Heizung! Bitte kommen!“ Iuuuiuuu! Ich werde nur manchmal als Otto-Räum-Kommando benötigt. In der Zwischenzeit kann ich Texte schreiben. Diesen hier zum Beispiel. Ruhig und konzentriert.

 

 

[Der Zwack bekam kein Faxgerät zum Geburtstag. Aber WalkieTalkies. Die gibt’s nämlich auch immer noch. Und sehen sehr wichtig nach Notruf aus. Ende.]

 

 

Es ist so. Quality Time. Haben Sie bestimmt schon gehört, es geistert irgendwo zwischen Vereinbarkeit und Helikoptern durch die Feuilletons und über die Spielplätze. Spielplätze – ein Hort der Quality Time. Quality Time, so die These: nicht die Menge der Zeit ist entscheidend, die man mit den eigenen Kindern verbringt, sondern die Intensität, die Qualität also. Quality, verstehn S‘.

Jetzt ist die Frage von Qualität ja auch immer eine Frage der Möglichkeit, Window of Opportunity for Quality, quasi. Also: wann kann denn diese Quality Time überhaupt stattfinden. Und ich fürchte, hier haben meine Kinder und ich unterschiedliche Auffassungen. Strizzi läutet derzeit das Window of Opportunity for Quality morgens um fünf ein. „MAAAAMAAAA! MAAAAAAAAAAAAMAAAAAAAAAAAAAA!“ tönt es aus dem Kinderzimmer. Wenn der Zwack nicht auch wach werden soll, tue ich gut daran, zu Strizzi ins Bett zu kriechen. „Ich mag Frühstück!“ Ja, eigentlich sprechen unsere Kinder mit „bitte“ und „danke“. Aber morgens um fünf ein „Wie heißt das?“ erzieherisch zu entgegnen, bringt mir nix. Außer einem hörbar verständnislos dreinschauenden Strizzi, der auf „Wie heißt das?“ lauthals und schlecht gelaunt „FRÜHSTÜCK! Oh Mann! FRÜÜÜHSTÜÜÜCK!“ antwortet.
Beim Abendessen finde ich sowas lustig. Morgens weniger. Aber weil ich bisher versäumt habe, ihm sein Frühstück so vorzuportionieren, dass er es selbst zusammenschütten kann, mache ich also Frühstück. Mit gestreiftem Löffel, eh klar. Außerdem sitzt er eh nicht gern alleine am Frühstückstisch. Sondern unterhält sich mehr oder weniger gut gelaunt. Quality Time. Wenigstens quatscht er weniger als der Zwack, der morgens gerne mal erörtert, ob man ein Feuer jetzt auspieseln kann oder nicht und wenn ja, wie. Und ob es auf dem Mars U-Boote gibt. Wenn Strizzi sich lustig unterhalten will, rülpst er erstmal kichernd. Oder weist mich darauf hin, dass draußen eine Pupsmöhre vorbeiflöge. Hihihihihi.

Egal. Sie fragen sich, wieso ich mich nicht einfach wieder ins Bett lege, spätestens, wenn der Zwack auch Frühstück hat. Habe ich versucht. Es ist aber nicht erholsam. Alle 10 Minuten brüllt es von irgendwoher oder einer kommt „ICH SAAAGS!“ angesockt. Dann lieber aufstehen. Vorlesen. LEGO bauen. U-Boote und Pupsmöhren auf dem Mars erörtern. Quality halt.
Gestern wachte Strizzi schon um viertel nach vier auf, wollte zwingend aufstehen, frühstücken und auf seine Gäste warten. Kindergeburtstagsfeier. Um sechs waren die Gäste noch immer nicht da. Meine Qualität bestand darin, Strizzi ab und zu mit einem Saftbärchen ruhig zu stellen, damit er nicht seinen Geburtstagskuchen EBEN JETZT! ALLEINE!! AUF!!!aß.

Ob natürlich eine morgenmuffelige, müde Mama überhaupt als Quality zählt oder aber Saftbärchen, weiß ich nicht. Zeit genug jedenfalls haben wir morgens und ich habe mir angewöhnt, mit den Kindern aufzustehen. Einmal haben wir morgens sogar was gebastelt. Es muss ja nicht immer Nachmittag sein.

Abends haben wir weniger Zeit. Mindestens einmal in der Woche schläft mindestens Zwack beim Abendessen ein. Will heißen, er mümmelt im Schlaf sein Käsebrot. Wir haben einen Film, in dem ich die schlafenden Kinder abwechselnd von ihren Broten abbeißen lasse. Der Film hat auch Qualität, anders. Auf dem Film sieht man übrigens auch Otto, die ausgeschlafen auf meinem Schoß sitzt und jedesmal juchzt, wenn Strizzi seinen Kopf zurückhält, kurz, bevor er in seinen Teller knallt.
Ich weiß jetzt auch nicht genau. Am Besten gehe ich jetzt schlafen. Ohne Schluss, ohne Moral, ohne Qualität, ohne nix. Wenn Sie morgens mal was basteln wollen, kommen Sie gern vorbei.

Es ist so. Der Zwack interessiert sich für Nachrichten. Das ist, für die Teile, die er versteht, den Rest muss ich ihm erklären. „Wieso ‚Polizei‘, Mama?“ fragt er also und Strizzi, der sich die Technik abgeschaut hat: „Wieso ‚Menschen getötet‘, Mama?“  – „Und wieso ‚Lastwagen‘?“ Ich stehe also in der Küche und erkläre einem Viereinhalbjährigen und einem Knappdreijährigen, was in Berlin passiert ist.

Zwack interessiert sich erstmal für den Lastwagenfahrer und dann vor allem für den Diebstahl. Strizzi interessiert sich recht schnell wieder für LEGO. Dann die unvermeidliche Frage nach dem Warum. Mein Nichtwissen hilft nicht weiter. Aber warum. Warum. Warum. Ich mutmaße vorsichtig, dass der Fahrer vielleicht Deutschland doof fände. Leuchtet dem Zwack nicht ein, lachend sagt er: „Aber dann wäre er doch nicht hier!“

Oft passt die mühsam erlernte Kinderlogik nicht zur Welt. Wieso man in Syrien nicht einfach streiten könne, wer der Bestimmer sei. Da müsse man doch nicht gleich schießen.
Und dann, als ich ihm – Dank anderer Nachrichten – das Prinzip „Demokratie“ erkläre, fragt er, wieso man das in Syrien nicht auch haben könne. Sei doch einfacher und besser als zu schießen.

Die Nachrichten arbeiten im Zwack. Syrien kommt oft zur Sprache. Einmal sagt er zu einem Freund, dass in Syrien Krieg sei. Der guckt recht desinteressiert und die Mutter ein bisschen vorwurfsvoll. Es seien doch Kinder. Der Zwack spielt jetzt viel mit Lastwagen, baut welche und erfindet Dieb-Geschichten. Zwei Tage später erzählt er Strizzi noch einmal, was passiert ist. Unterbrochen von erbostem „Ich weiß, ICH WEISS, WEISS ICH! ICH WEISS!!!“ In Berlin! Der Lastwagen sollte eigentlich Stahl abladen. Ich bin überrascht, wie viele Details in diesem Kopf stecken und ein wenig besorgt. Aber anders als der Krieg in Syrien flößt ihm Berlin keine Angst ein. (Eher beschäftigt ihn die Frage, ob es in Syrien Weihnachten gäbe und ob jemand, der schießt, Geschenke vom Christkind bekäme.)

Und deswegen gehen wir kurz später auf den Christkindlmarkt. Fahren Karussell, kaufen einen Stern für Otto und gebrannte Mandeln.  Frohe Weihnachten Euch.

 

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Es ist so. Ich habe schonmal über Wut geschrieben. Und Autonomie, es ist ja Autonomie, nicht Trotz. Ich verstehe Autonomie also als Eigengesetzlichkeit und wenn man diese Eigengesetze annimmt, dann wird es auch ein wenig leichter. Der Strizzi also.

Morgens auf keinen Fall das Wasser in einen anderen Becher schütten als den, den der Zwack gerade hat. Überhaupt, das Wasser auf keinen Fall in einen falschen Becher schütten. Oder in ein Glas. Und Tee nur in die Eulentasse, aber die orange. Das ist ja einfach. Wobei: „falsch“ ist schwierig. Das ändert sich nämlich gerne spontan. Im Zweifelsfall ist alles falsch.

Müsli nur mit genügend Schokostücken, die Beliebtheitsreihenfolge der Schüsseln: erst Rennautos, dann Schafe, dann Schildkröten. Und immer immer immer den gestreiften Löffel. (Er ist von Ikea und wir haben trotzdem noch nur einen einzigen davon.) Und seit letzter Woche auf keinen Fall den Joghurt mit dem Müsli mischen, höchstens auf das Müsli draufsetzen und wenn Milch dran kommt, dann ist das Frühstück gelaufen. Bitte nicht die Serviette vergessen, ja nicht die Stühle verwechseln. Und beim Frühstück lieber nicht hingucken. „Der Swack hat mich anschaut! DAS SOLL ER NICHT!“ Zum Glück scheint derzeit keine Morgensonne in das strizzische Antlitz. DIE SOLL WEGGEHEN!

Bloß nicht versuchen, dem Strizzi das T-Shirt mit den Giraffen anzuziehen oder gar den grauen Pulli. Weil der doof ist. Und gut erspüren, ob man jetzt helfen soll beim Anziehen oder aber nicht. Abends dann andersrum und die Frage Decke oder Schlafsack immer in Richtung Decke auflösen, weil man mit dem Schlafsack nicht Rutschauto fahren kann. Auch wenn man das nachts eigentlich nicht soll.

Jetzt kann es aber vorkommen, dass der Strizzi nachts aufwacht, findet, es könnte jetzt Frühstück und Rutschauto geben und brüllt, weil niemand bereit ist, ihm den gestreiften Löffel und Schokomüsli in die Rennautoschüssel zu platzieren. Auch nicht nachts bin ich manchmal nicht dazu bereit, weil . Bisschen viel Eigengesetzlichkeit für halb sechs Uhr morgens, das alles.

Große böse Wutausbrüche. Weil die Mama nämlich doof ist. (Nur Otto kommt hier immer ganz gut weg.) Manchmal fährt Strizzi richtig große Geschütze auf. Wenn er zum Beispiel keinen weiteren allerletzten Schoko-irgendwas kriegt. Gefangen in den Eigengesetzlichkeiten des Daseins, wirft er wüst um sich: DANN GEHE ICH ALLEINE INS KINDERZIMMER! UND SPIELE NICHT! Auf meinen Hinweis, dass er im Moment ohnehin nicht in der Lage scheine zu spielen, greift er wutentbrannt irgendein herumliegendes Auto und fährt es demonstrativ zwei Zentimeter auf dem Sofakissen. DOCH!!! DOOOOCH!!! SCHOOOKOOOLADEEEE! Und natürlich: PAAAPAAA!

Irgendwann löst sich alles in Wohlgefallen und Käsebrot auf, abends haben auch die Wassergläser weniger Bedeutung. Ich glaube, Eigengesetzlichkeit macht den Strizzi müde. Und morgen ist ja ein neuer Tag, der wieder ganz eigene Gesetze hervorbringt. Aber nennen Sie es auf keinen Fall Trotz, gell!

 

Es ist so. Autofahren mit Kindern ist so eine Sache. Dabei könnte es so schön sein. Man plant die Autofahrt so, dass die Kinder spätestens auf der Autobahn einschlafen und fünf Minuten vor Ankunft wieder gut gelaunt aufwachen.

Als ich das erste Mal mit dem Zwack alleine Auto fuhr, kotzte er sofort, als ich die Rampe aus unserer Tiefgarage hochfuhr. Jetzt kommt was Lustiges: ich hielt an und ich glaube mich zu erinnern, dass ich ihn umzog. Seien Sie nachsichtig, erstes Kind, erste Autofahrt allein. Ach so – Sie finden das gar nicht lustig? Nun denn.
Es ist vieles leichter geworden, man kann mittlerweile mit Zwack und Strizzi kommunizieren. Bisweilen beschäftigen sie sich auch im Auto. Strizzi zum Beispiel baut mit Hingabe Spielzeugautostaus. Die zerfetzt es in jeder Kurve und bei jedem Anfahren, was zu großem, lautstarkem Entsetzen führt. Und dazu, dass ich vom Fahrersitz aus versuche, wenigstens das ein oder andere Auto wieder aus dem Fußraum zu angeln.

Zwack hört beim Autofahren gerne Hörspiele. Gerne öfter hintereinander das gleiche. Jetzt meine Frage: was war Ihr Negativrekord auf der Strecke München – Frankfurt? Meiner liegt bei sechseinhalb Stunden und 35 Grad. Rechnen Sie das selbst in Hörspiele um. Besser: in ein einziges Hörspiel.

Aber das ist jetzt unfair. Denn natürlich schlafen die Kinder auch beim Autofahren. Nur nie alle gleichzeitig. Zwack schläft erst jenseits der 70 km/h, aber nicht verlässlich (aber verlässlich bis zu dem Punkt, an dem er aufs Klo muss. SOFORT.). Natürlich schläft Strizzi im Stau, ist aber auf freier Strecke wach, völlig genervt von der Tatsache Kindersitz und will alle drei Minuten irgendwas, was mich zu waghalsigen Manövern verleitet. Ebenfalls selbstverständlich habe ich immer zu wenig, immer das falsche Essen dabei. Letztens habe ich sogar mein Notfall-Snickers geopfert – Strizzis Laune war ganz eindeutig ein Notfall. Es half. Bis er Snickersreste auf seiner Hand klebend bemerkte und mit dem Feuchttuch nicht abbekam. Der arme Bub.

Das einsetzende „MAMA! ES IST AUF MEINEM FINGER!“ rief Otto auf den Plan, die lautstark fand, sie habe sich jetzt lange genug rückwärts gelangweilt. (Ich stille. Ich wünschte manchmal, man könnte die Evolution ausschalten. Dann könnte ich mich nämlich trotz schreienden Babys auf etwas konzentrieren. Eine Straße zum Beispiel.)
Das wiederum nervte Strizzi, der von einem reizenden „Ruhig, Süßi-Baby“ (das hat er sich selbst ausgedacht) zu „RUUUHIIIG! ODER ICH SCHNALL MICH AB!!!“ überging, was den Zwack alarmiert aufweckte, der sich sodann mit mir über Tiefseelebewesen und Vulkane unterhalten wollte. Gleichzeitig rief die Stimme des Navis mir zu, ich hätte den sich vor mir auftürmenden Stau doch besser umfahren. (NAVIGATIONSGERÄTE! Eine ganze andere Geschichte.) Begleitmusik war nicht das Hörspiel – das hatte ich unbemerkt gekillt – sondern das sanfte *Pling* der Müdigkeitserkennung. Ich solle doch eine Pause machen. Im Stau. Scherzkeks.

Jajaja, das nächste Mal schicke ich dringend benötigtes Spielzeug und Gepäck per Kurier voraus und fahre Zug. Dann laufe ich mit den dreien die ganze Fahrzeit über durch den vollgepackten ICE und muss im Nachhinein nichtmal eine Geschichte schreiben. Das übernehmen dann alle anderen, von uns genervten Fahrgäste. Sie vielleicht. Packen Sie genug zu essen ein.

(Finden Sie es jetzt nicht auch überaus komisch, dass ich den Zwack wegen ein bisschen Kotzen auf der Rampe tatsächlich noch vor dem Mittleren Ring umzog? Nein? Immer noch nicht? Vielleicht wollen Sie mal mitfahren?)