Die Mädchen von früher sind jetzt Mütter. Sie sind immer noch nett. Jahrgangsweise haben sie die Männer geheiratet, die sie seit ihrer Schulzeit kennen. Die Männer arbeiten mit den Kumpels von früher in den Banken der Region. Abends spielen sie Karten und trinken Weißbier.
„Glitzer, wenn Dir langweilig ist, mach uns doch mal ein Weißbier auf.“ Unterwegs zu diesem durchaus anerkennenden Satz treffe ich viele dieser Mädchen. Die, die noch nicht Mütter sind, sind Lehrerinnen und haben wenig Zeit, wegen der Baustelle. Sie bauen Häuser. Die meisten werden apricotfarben.

Ich sitze in einer apricotfarbenen Küche und trinke ebenfalls Weißbier. Ich bin kein Mann, aber von hier, und wer nicht schwanger ist, trinkt Weißbier. Später trinken wir Schnaps. Ich kenne alle Leute, von denen an diesem Abend die Rede ist. Ich kenne sie, ihre Partnerinnen und Partner, ihre Eltern, deren Affären und die tragischen Geschichten der Kleinstadtidylle.

Die Buchhändlerin kennt mich auch noch. Sie schenkt mir einen Reisebericht, den hier eh niemand mehr kaufen wird. „Zu wenig Drama “, seufzt sie. Dann geht sie in die Apotheke, um den Notizzettel einer Kundin zu holen. Sie hat ihn dort weggeworfen. Mit dem Buchtitel. „Mei, es geht um eine Frau und ihren jüngerer Mann. Ham Sie des ned da?“ Das Buch entpuppt sich als Groschenroman.

Sonntag Morgen gehe ich ins Schwimmbad, ich bin ohnehin Protestantin. Ich zahle einen Euro fünfzig. Die Dame an der Kasse liest aufmerksam meinen Studentenausweis: „Glitzer! Di hätt i iatz nimmer kennt. Du warst doch mit unserm Markus in der Schui!“ In der Grundschule. Ichwar auch oft in diesem Hallenbad, freitags von drei bis fünf. Seepferdchen, Kindergeburtstag, Grundschullieben, Chips und die Narbe auf meinem Oberschenkel. Außerdem habe ich dort eine Glastür zerworfen. Das war alles vor dem Umbau in gediegene Pastelltöne.
Als ich in Richtung Umkleide gehe, spüre ich den zweifelnden Blick der Frau im Rücken. Ich studiere also immer noch. Meine Mutter wird wochenlang beschäftigt sein, dieses Gerücht aus dem Ort zu tilgen. Und das alles für einen Euro.

Ich stelle mir vor, wie es sein wird, in Zukunft in diesen Ort zu kommen. Aus den apricotfarbenen Häusern strömen wohlbehütete Kinder und pubertieren in den Vorgärten zwischen den Rosenkugeln der Zukunft. Später werden sie ihre Schulfreunde aus derNachbarschaft heiraten und Häuser bauen. Hellblaue Häuser, komplementär zu ihren Eltern.
Diese haben bereits das generationeninterne Affärenkarussell in Gang gesetzt. Markus wird wie seine Eltern und Großeltern das Hallenbad leiten. Die Buchhandlung wird schließen, Bücher gibt es auch bei real. Männer, Mütter und Mädchen leben ihre Idylle weiter und sind immer noch nett.

Und erstaunt werde ich das Gefühl nicht los, Teil dieser Idylle zu sein. Und dass sich diese Idylle irgendwo in mir drin verkriecht. Obwohl ich weder Weißbier noch apricot ausstehen kann.

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Omas Welt.

August 31, 2010

„Ich hab’ schon gemerkt, dass was nicht stimmt. Aber ich wollte nicht, dass es so auffällt“, wird sie nach dem Schlaganfall ihres Sohnes sagen. Jetzt aber spricht meine Oma über die Frisur meiner Schwester (das tut sie immer) und (das ist neu) über meine Figur. Mager sei ich geworden, das stehe mir nicht und mache mich darüber hinaus alt. Was meine Schüler dazu sagen würden. Sie wünscht sich so, dass ich Lehrerin geworden sein könnte, dass sie oft nach meiner Schule fragt. Und schüttelt den Kopf über meine Magerkeit.

Es ist Donnerstagmorgen, ich sehe alt aus und heirate. Der Standesbeamte lächelt angekokst und ich verliere eine Wette. Ich hatte auf Rilke gesetzt, meine Schwester auf Hesse. Er aber zitiert Heyse, der die Liebe mit der Morgenröte verglichen habe. „Morgenrot – schlecht’ Wetter Bot’“ fällt mir ein. Aber ich denke nicht in Omen. Ich denke an Omas preussisches „Geschieden wird nicht!“ und unterschreibe mit dem Namen, den man mir in Druckbuchstaben vorgeschrieben hat. Musik, Ring, Kuss, Sekt, Torte.

Vor den Säulen des Standesamtes eine gelbbemützte Kindergartentruppe. „Bist Du die Brahaut? Aber Du hast gar keine Blumen im Haar!“ Schon nun verkorkst, die Guten. Lächeln, Foto, Sonne, mehr Sekt, Brunch.

Die Zwillinge bewerfen Enten mit Brot und Steinen. Irgendwer fragt meinen Vater, wie es ihm gehe, jetzt, wo die Kleine aus dem Haus sei. Er strahlt. „Mahagor bil paka. Halder“, sagt er. Und „Finima kroa la.“ Meine Oma beißt in ihr Hörnchen und fragt, ob unser Hund vielleicht austreten müsse. Sein Penis sehe so komisch aus.

Ich stehe auf und rufe die Rettung. Genug Morgenrot, vielleicht.

Ich merke, ich bin nervös. Bisher war ich relativ unbeteiligt. Aha, Krankenhaus, Diagnose steht noch aus, aber eine Operation sei nötig. In wenigen Minuten allerdings werde ich ein Bild zur Situation haben. Klein sei er geworden, hat sie erzählt. Also stelle ich mir vor, dass er in riesiger Krankenhausbettwäsche liegt und es den Anschein hat, dass man einen Lawinensensor benötige, ihn wiederzufinden. Bei alledem guckt er hoch verschmitzt und zufrieden.

In seinem Zimmer bin ich zunächst meiner alten Flötenlehrerin ausgesetzt. Mei, wunderschön, immer wenn sie eine Sternschnuppe sehe, frage sie sich, wo ich gerade rumspringe. Sie schließt zwei weitere wirre Sätze an und geht dann ganz schnell. Fieber messen. „Tschüs“, kann ich stammeln. Ein seltsames erstes Wort für einen Besuch. Ich blicke mich um und finde ihn überraschenderweise gleich. So klein ist er gar nicht, außerdem liegt er nicht in, sondern sitzt er auf seinem Bett. Das beruhigt mich. Er sieht nur kurz hoch, um dann weiter hochkonzentriert ein Bonbon auszuwickeln. „Glitzer, schön.“

Ja, schön. Unsicher frage ich eine bescheuerte Krankenhausfrage: „Und, wie geht’s?“ Er schimpft auf sein Doppelzimmer, zeigt mir aber stolz Radio und Fernseher und fragt, ob ich ihm was zu lesen mitgebracht hätte. Ach ja, das sei recht ärgerlich, mitten in der Nacht werde man geweckt, zum Blutdruckmessen, wer habe da schon Blutdruck. Seit Neuestem aber habe er Fieber und einen Gichtzehen. Ich muss fast lachen. Alle rätseln über die Bedeutung von „Geschwür“ und er spricht von der alten Bekannten Gicht.

Gicht ist seine Form von Stressreaktion. Was bei mir Ausschlag, Flechte oder Gürtelrose wird, wird bei ihm Gicht. Trotz allem wirkt er recht aufgeräumt, vielleicht ein wenig froh, dass was passiert. Dass er aus den eingefahrenen Rollen ausbrechen kann, endlich ein klarer Gegner auszumachen ist. Wir diskutieren Fischfang und Olympia, Bohrmaschinen und ob Schwesternschülerinnen grüne Kittel tragen oder ganz andere. Dann erklärt er mir das Krankenhaus.

Auf dem Gang treffe ich eine Nachbarin. Sie erzählt von Nasenbluten und wie man es richtig stoppt und was man auf keinen Fall tun darf. Außerdem sollte sie schon längst zu Hause sein, schließlich sei sie mit Kehrwoche dran. Was denn die Leute denken müssten!
Im Treppenhaus ein Bekannter, der schon lange nicht mehr in der Gegend wohnt, er spricht von Erholungsaufenthalt. Auf dem Weg zum Parkplatz eine Mitschülerin, sie sei zu dünn geworden, versucht sie zu scherzen. Und ob ich die F besucht habe, die sei auch hier – wegen des Valiums. Nein, es ginge ihr gut, nur, dass C nun hier Arzt sei, fände sie komisch. Für den wäre sie gern ein wenig hübscher.

Ich steige ins Auto und atme durch. Ich mag Krankenhäuser von außen schon nicht, aber die Struktur dieses Mikrokosmos’ potenziert das. Wenn man jeden Menschen auf der Welt über sieben Ecken kennt, dann sind es in einem Krankenhaus vielleicht nur zwei. Wie soll man jemals gesund werden, wenn man nicht mal in Ruhe krank sein kann?

Heute Nachmittag auf der Bundesstraße fallen sie mir alle wieder ein. Die Situationen und Sätze von Mitschülern, Fahrlehrern und Freunden, die sich zum Thema „Autofahren“ in meinen Kopf gebrannt haben.
Ich denke an Bene. Bene, mein Schwarm, der mir immer versicherte, ich brauche mich nicht zu sorgen. Schließlich sei er bei der Feuerwehr. „Glitzer, i schneid di raus.“ Ihn hingegen konnte nach dem Feuerwehrfest keiner mehr rechtzeitig aus dem Auto befreien. Manchmal bringe ich ihm Blumen. Viele der Marterl im Umkreis kenne ich mit Namen und dem letzten Klassenfoto.

Das Mädchen ist wieder da, das mir auf der Bundesstraße durch einen Weiler selbstvergessen sein Dreirad vors Motorrad strampelte. Ich konnte ausweichen, der BMW hinter mir hatte Mühe. Er knallte in den Mähdrescher auf der Gegenfahrbahn.

„Da fahr i mit’m Mähdrescher nu durchi“, assoziiere ich. Der Lieblingssatz von Xaver, wenn es um Engstellen, Parkplätze oder Überholen ging. Die B12 hat keine Überholspuren. Trotzdem findet das Leben auf ihnen statt. Manchmal nur eine Jugend lang.

„Achtaneinzg? Sei koa Verkehrshindernis, glitzer, bitte.“ Die Stimme meines Fahrlehrer macht klar, dass er während der Fahrstunde nicht sagen darf, dass er hier auch 100 für zu langsam hält. Ein einziges Mal gesteht er mir 95 zu, als der Mais hoch steht. Man könne ja wirklich nicht abschätzen, ob hinter den Kurven ein Traktor oder ein Kurgast schleiche. Das gelte aber nur fürs Motorrad.

Ich sehe, dass ich links abbiegen muss. Statt der Abbiegespur befindet sich hinter der Kurve neuerdings keine Abbiegespur mehr. „Glernt is glernt“, scherzt Mike in meinem Kopf. Das nächste Bild vor meinem geistigen Auge zeigt den Sanka, der nachts in der Kurve überholt und dessen Gegenverkehr wir sind. „Is’ nu immer guat ganga, bis aufs letzte Mal“, höre ich tausend Resignationen.
Mein Abbiegen gerät schwungvoller als nötig. Ohnehin bin ich auf dem Weg ins Krankenhaus.

Ein Morgen in Niederbayern. Ich erwache irgendwo zwischen Altötting und Marktl. Diesmal ohne Weißbier, sondern in der Baustellenwohnung meiner Schwester. Heute soll die Küche werden. Über Küchen schreibe ich ein ander Mal. Küchendiskussionen kommen vor Kinderwagendiskussionen und sind ähnlich zehrend für alle Unbeteiligten.

Um beim Bäcker Unmengen an Butterbrezen kaufen zu können, muss ich zwei Dinge lösen: Geld abheben und einen Bäcker finden. Geld: ich entscheide mich für die Post. Erstens wegen Cashgroup, zweitens, weil ich sie von der Wohnung aus sehen kann und den Ort sonst nicht kenne. Ich kenne hier nur das Bahnhofsviertel. Ja, haha! Es gab einige Bedenken, als Schwester hierher zog, weil also bitte BAHNHOF. Aber machen wir uns nichts vor: hier kommt manchmal sogar ein Zug. Ansonsten werden hier nichtmal legale Drogen verkauft, geschweige denn Dienstleistungen.

So hat auch die Post vor neun Uhr weder offen noch einen Geldautomaten zu bieten. Ich quetsche mich mit den anderen in den Windfang, wobei klar ist, dass ich nicht von hier bin. Im schlimmsten Fall vermuten sie mich von der anderen Flussseite. Mir egal, sie rücken ein wenig ab und ich kann atmen.

Der Bäcker soll sich „in der Hauptstraße hinter dem Kino“ befinden. Es gibt nichts, was nach Hauptstraße aussieht, aber ich finde dennoch einen Bäcker, neben zwei Metzgereien mit den typisch beschlagenen Fenstern. In solche habe ich mich nie getraut, vor lauter Angst, in eine blutende halbe Sau zu laufen. Auf dem Rückweg entdecke ich das Kino, das ich für eine Boazn gehalten hatte. Nach dem Großeinkauf die Frage, wo man mir hier unter dem Ladentisch wohl eine Zeitung verkauft, die NICHT die Lokalpresse ist.

Der Lottoladen. Ja, wie, Süddeutsche, vielleicht sei da noch die eine von den beiden, Moment. Er bückt sich tatsächlich unter den Ladentisch. Und was? Die Zeit. Hm. Nach einigem Hin und Her und Absprachen mit der Mitarbeiterin findet er eine und nach einigen Schätzungen einigen wir uns auf den Preis, der vorne drauf gedruckt ist.

Ich weiß. Ich bin ein verwöhntes Großstadtgör ohne Einbauküche. Und wahrscheinlich bin ich es gerne. Und ebenso gerne bin ich in Niederbayern.