Es ist so. Ich werde alt. Ja, ich hatte bereits vor Kurzem – wahrscheinlich vor einem Jahr – etwas über Altern geschrieben. Vergessen Sie das. JETZT ist es soweit. Ich komme in das Alter, in dem man seine Haut vor eben jenem Alterungsprozess schützen muss, und zwar nicht mehr nur mit irgendwas, nein mit fortgeschrittener, ambitionierter Technologie.

Ich habe eine Creme geschenkt bekommen, zwar nicht gegen Falten, sondern gegen Hitze und Staub. Eine Feuchtigkeitscreme. Genauer: eine Aquasource.

Mikrofeine Textur, unter extremen Bedingungen getestet. Hinzu kommt eine isolierende Formel, für welche die entwickelnden Biologen die Kraft wie von 5000 Litern Thermalwasser konzentrierten. Gerechnet in Oligothermalwasserplanktonäquivalenten. (Ich bin im Bäderdreieck groß geworden, bei Plankton im Thermalwasser wird mir übel, außerdem denke ich an Kurschatten.)
So oder so, die ultraleichte, luftige Formel meiner Creme in polymerer Netzstruktur schützt gegen äußere klimatische Einflüsse, schafft ein optimales Feuchtigkeitsverhältnis, für Allergiker geeignet, mein täglicher Partner für eine intensiv mit Feuchtigkeit versorgte Haut.

Klingt jugendlich? Aha. Lesen Sie wie folgt und völlig zusammenhangslos die Beschreibung einer meiner Jacken:

Hypertechnische Material, unter extremen Bedingungen getestet. Hinzu kommt eine hervorragende Atmungsaktivität bei gleichzeitiger Wasser- und Winddichte durch Laminierung von Membran und Oberstoff. (Bei Membran denke ich an Biologie, dann denke ich sofort wieder an die Planktoncreme und an Kurschatten.)
In jedem Fall, durch textiles Stretchmaterial superelastische und genial leichte Zweilagenfunktionsjacke extraklassig verarbeitet, schützt, passt und stört bei keiner noch so heftigen Bewegung, schafft ein optimales Körperklima, ein dauerhafter Begleiter für alle ambitionierten Berg- und Bikesportler, wahrlich fortgeschritten!

Vielleicht sollte ich mir eine Outdoormaske kaufen oder einen Helm. Hätte den gleichen Effekt. Und mein Alter sähe mir dann auch keiner mehr an. Die Creme nehme ich dann zum Imprägnieren der Jacke.
Resigniert, aber in allen Lebenslagen optimal vor äußeren Einflüssen geschützt,

Ihre glitzer

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Mögen Sie Ihren Stadtbezirk oder wengistens Ihre Kommune? Bestimmt. Ich wohne ja in einer Stadt, die den Beinamen „La Belle“ trug. Die Schöne, ereifert sich meine Nachbarin gerne, pah, dass sie nicht lache, sie müsse selbst dafür sorgen, dass die Straße vor ihrem Haus sauber sei. Die Schöne, von wegen, eigentlich gebe es nur Staub. Staub und Dreck. Staub und Dreck und Menschen und staubdreckige Menschen. Ihre Straße trage jetzt keine Nummer mehr, sondern werde „rue Daniele“ genannt, nach ihr, auch wenn es streng genommen Drahamane sei, der die Straße sauber schaufele. Aber sie zahle ihn schließlich dafür.

„J’aime ma commune, je paye mes impôts“ hieß die Kampagne hier, aber was nach GEZ klingt, säubert noch lange keine Straßen und die Beamten, die aus den Steuern manchmal und leidlich bezahlt werden, kehren die Straßen ebenfalls nicht, sondern zocken als Zuverdienst die private Müllabfuhr ab. Das bringt nicht soviel ein, wie das Abzocken der Sammeltaxis, aber die werden von den Polizisten abgezockt, es hat schließlich alles seine Ordnung, den Beamten gehört die Müllabfuhr. Nicht, was sie schon wieder denken, keine orangenen Laster, nein, Eselskarren. „Eselchen, wie süß!“ rief eine Besucherin kürzlich bei jedem Müllkarren aus. Vielleicht passen die süßen Eselchen besser in die Idylle von La Belle und das Ganze hat Konzept. (Idylle: erzählte ich schon, wie ich vor Kurzem beim Rechtsabbiegen ein Kamel im toten Winkel übersah, weil ich noch vor der von links nahenden Rinderherde samt Kinderhirten auf der Hauptstraße sein wollte? Nein? Großes Kino, wirklich.)

Um die Stadt also sauber zu kriegen, vor allem die Abwasserkanäle kurz vor der Regenzeit, rollt nun eine neue Kampagne an: „J’éclaire ma commune.“ Die Wutbürger des Ländles würden sich umschauen, soviel Schaffeschaffe allerorten. Die Abwasserkanäle werden freigeschaufelt, was die Liebe zur Kommune hergibt, fein säuberlich wird der Unrat aufgehäuft.
Und bleibt dann am Straßenrand liegen. Denn es gibt keine Müllabfuhr, jedenfalls keine öffentlich organisierte. Die süßen Eselchen kommen nur zu Leuten wie Daniele, die dafür zahlen. Und wer zahlt schon für Müll. Der bleibt also solange liegen, bis ihn Wind oder Regen, Verkehr, süße Eselchen oder Rinder zurück in den Abwasserkanal treiben. Oder in den Nachbarbezirk, dann wäre der eigene entsprechend der Kampagne sauber.

Während die Leute aus Liebe zur Kommune schaufeln, wird ihre Regierung entlassen. Und irgendjemand wird einen Kreisverkehr oder eine Straße nach ihnen benennen. Dieser irgendjemand wird auch dafür bezahlt werden. Von wessen Geld auch immer.

Und irgendwann wächst Staub über die Sache, die Kreisverkehre, die Regierungen, die Müllhaufen, die Kanäle, die Schaufeln, die Eselchen, die Beamten, die Kampagnen und die Kommunen. Allein die rue Daniele erstrahlt weiter im aufrichtigen Glanz der Eigeninitiative.

Es ist so. Ich bin Polizistentochter. Das schleppt man ein Leben lang mit. So wenig, wie Polizisten nicht Polizisten sein können, sei es beim Abendessen, sei es während des Sommerurlaubs, so wenig kann ich aufhören, Poilzistentochter zu sein. Nein, es ist nicht sonderlich manisch, nur eben so – präsent.

Radarkontrollen. Kugel, wo stehn s‘ denn heute, die Blitzer, aha, danke, ganz lieb, kömma des von letzter Woche noch äh regeln, meinst, super, weil es hat halt einfach pressiert, des müssen die doch verstehn.
Oder Personenkontrollen. So, aha, Grüss Gott schön, wo woll mer denn hin, Personenkontrolle, gell, wo komma denn her Sie her, Sie haben einen Rucksack dabei, aha, Hamma an Ausweis, gell, Wir werden dann gleich mal den Rucksack – ah, jetzt, Kugel, ah haha, haha, schönen Tag noch und Grüsse an den Herrn Papa, gell, nix für ungut.
Oder Fahrzeugkontrollen. Aha, Fahrzeugkontrolle, Ihre Papiere, Aha, soso, Kugel, vom Kugel Franz de Tochter, aha und er, vom Hintereder Manni der Bua, aha, soso, na dann: sofort. alle. aussteigen.

Kurz: von wegen Inspektor gibt’s kan, immer und überall bin ich Polizistentochter und von Polizisten umgeben, in Kletterkursen, im Urlaub, in der Kneipe, selbst hier lerne ich als erstes die Kollegen aus Südbayern kennen (wenn auch etwas peinlich, diese Anekdote ein ander Mal) – ich fürchte, es ist eine Aura.

Und heute habe ich eine rote Ampel überfahren. Ich war so konzentriert darauf, in der Verkehrswolke wild gewordener Mopedfahrer mitzuschwimmen ohne einen oder sieben unbemerkt zu überfahren, dass ich der Ampel keinerlei Beachtung schenkte und sie wohl bei rot überfuhr. Dass es rot gewesen sein musste, bemerkte ich erst, als der einzige Zug auf dem einzigen Gleis in diesem Land mich knapp nicht erwischte und ein Polizist mich wild aus der Mopedwolke fuchtelte. Hätte ich jemanden überfahren, hätte das niemanden interessiert.

Schockstarre.

Papiere? Hoffentlich im Handschuhfach. Geld? Hoffentlich genug. Führerschein? Hoffentlich nicht im Büro vergessen.

Schockstarre halten Sie für übertrieben? Na gut. So oder so, der streng blickende Herr, der sich nun in mein Fenster beugt, hat im Schnitt circa drei Frauen und sieben Kinder, verdient im Monat rund fünfundvierzig Euro und findet, er müsse schauen, wo er bleibt. Und ich – ich bin nicht von hier. Madame, Sie haben, erstmal ça va, gut geschlafen, nein, er nicht so, Oumar heiße er und ich, aha, glitzer, angenehm, ich sei Deutsche, ja, die Deutschen, die hätten auch gute Polizisten. Und Fußballer. Wie es Völler gehe, soso.

Wir diskutieren ein bisschen über Bamako, die graue Karte, über Mopeds, ob mir aufgefallen sei, dass ich eine Ampel überfahren hätte, et la famille, ob ich zufällig rauchte, schade, sonst hätte er gerne die ein oder andere Zigarette genommen, gerade angesichts der grauen Karte und ob das alle Papiere seien, die ich dabei hätte.

Hinter ihm hupt ein Polizistenkollege, ça va, und die Madame, aha die Ampel, so so, ob ich rauchte, schade, aber jetzt gebe es Tee. Oumar schaut mich an. Er wolle nicht so sein, Madame, heute, schließlich mache man immer einen guten Preis für den ersten Kunden, er habe auch nicht soviel Zeit, der Tee und überhaupt, man könne keine Frauen ausnehmen. Schließlich, on est ensemble, oder, Madame.

Ich frage mich, wie sie wohl aussieht, diese Polizistentochteraura, winke, gebe Gas, fahre knapp niemanden über den Haufen und kaufe bei der nächsten Möglichkeit wenigstens Zigaretten.

Die Ökonomie der Hexerei und die Ökonomie des Neides, heißt es, trügen die Verantwortung dafür, dass es in Westafrika keine Wolkenkratzer gebe. Ich interessiere mich nicht sonderlich für Wolkenkratzer, aber seit ich in diesem Land wohne, ich gebe zu: alles, was mehr als ein Erdgeschoss besitzt, flößt mir Respekt ein. Momentan, wie Sie wissen, befinde ich mich allerdings in einem anderen Land – dem Ursprung des Sklavenhandels und dem Ursprung der Hexerei, nein, falsch, sogar des Voodoo.

Voodoo – ja, der Strohpuppenzauber aus James Bond. Voodoo. Stecknadeln, ungeklärte Todesfälle. Das verhindert bestimmt Wolkenkratzer, ja, ich wage zu behaupten, es verhindert alles bis auf eine ausgeprägte Paranoia. Zugegeben, ich weiß nicht sonderlich viel von Voodoo, ich weiß nur, dass man beim Friseur seine Haare mitnehmen muss, damit einem keiner einen Zauber anhängt, man dann Gift und Galle spuckt oder sich aber verliebt. Oder stirbt. Oder einfach Nierensteine bekommt.

Nein, Sie haben Recht, ich gehe hier nicht zum Friseur. Um genau zu sein, meine Produktivität sinkt auf Null, denn ich traue mich keinen Schritt aus dem Haus. Wer weiß, wo hier wer gegen welche Weißnasen irgendwelche Fetische, Gebeine oder Getier vergraben hat? Was hat der Portier vorhin gemurmelt – „Bonjour“ oder doch ein kurzer Fluch? Hoffentlich sagt er nichts über meine Familie! Ob es etwas zu bedeuten hat (und falls ja: WAS?), dass die Zimmerdame den Aschenbecher verkehrt herum auf das Neue Testament gelegt hat? Habe ich meine Bürste in den Koffer gesperrt? Die Spinne im Obstsalat – mangelnde Hygiene oder fauler Zauber? Bringen Geckos hier auch soviel Unglück wie in dem Land, in dem ich wohne? Und der tote Gecko zwischen Tür und Rahmen: Zufall? Absicht? Wohin ist eigentlich die Visitenkarte des Kollegen verschwunden? Und wieso habe ich mich schon wieder mit Pizza bekleckert? Das neue Loch in der Hose, ja, am Stuhl hängen geblieben, aber grundlos? Ständig ist bei meiner Schwester das Telefon besetzt – da hat doch wer was gedreht. Wieso ist die Lampe nicht eingesteckt und was passiert, wenn ich den Kleiderständer verrutsche?

Wieso gucken Sie so? Sie halten mich für verrückt? Dann helfen Sie mir! Gehen Sie zu einem Marabou Ihres Vertrauens und fragen Sie ihn nach einem Fetisch für mich. Ich kann Ihnen zu diesem Zwecke auch gerne ein paar Haare faxen. Ihnen kann ich doch vertrauen, oder? Wobei. Wem kann man eigentlich… Wieso sollte ich Ihnen Haare faxen? Nein, ich möchte keinen Wolkenkratzer kaufen! Wer sind Sie überhaupt? Lassen Sie mich in Ruhe! Verschwinden Sie aus meinem Text! SOFORT!

Es ist so, ich fliege. Es ist Valentinstag und ich fliege in den Süden, ans Meer. Das klingt romantisch und weil Valentinstag ist, schenkt mir meine Fluglinie eine Rose. Denkbar praktisches Fluggepäck. Nach Zielstadt, sage ich, Aber, aber das ginge nicht, sagt die Frau hinter dem Schalter so tonlos wie sie mir die Rose überreicht hat. Ja, ich habe ein Ticket, aber über Umsteigestadt und ab da von einer anderen Fluggesellschaft. Das ginge nicht. Ob sie wenigstens mein Gepäck bis Zielstadt markieren könne, frage ich. Das könne sie, würde sie mir aber nicht raten. Es wäre besser, ich würde es vom Gepäckband pflücken und neu einchecken, wie auch mich.

Ich gebe zu, ich habe Vorurteile. Sie speisen sich natürlich auch aus Erfahrungen blablabla, wie auch immer, sie sind da und ich tauche in sie ein, um zu überlegen, dass keine Boardkarte auf einem afrikanischen Flughafen vielleicht heisst, dass man aus dem Flughafen wieder raus muss. Das wiederum könnte bedeuten, dass die bierernsten, hochwichtigen Polizisten finden, ich bräuchte ein Visum. Oder viel Geld. Da ich beides nicht habe, aber wenig Umsteigezeit, entscheide ich mich gegen das Gepäck für volle Konzentration auf Umsteigen und Flug erwischen. Die Wette gilt, die Dame hinter dem Schalter schaut mich tonlos, aber ungläubig an. Wenn ich meinte.

Wieso ich so unvorbereitet bin? Nun ja, das liegt daran, dass am Freitag ein Treffen von Mittwoch auf Dienstag – egal, ich musste meinen Flug vorverlegen, kann nun nicht direkt nach Zielstadt fliegen, sondern eben nur über Umsteigestadt. Die Realsatire möchte, dass ich fünf Tage später ohnehin nach Umsteigestadt reise. Auf welchem Weg, das ist noch nicht geklärt und unterwegs muss sich das Visum auftreiben lassen. Es ist ja auch nur ein Katzensprung.
Eine Dame (ich stehe noch immer am Schalter, wieso auch nicht), bonjour, ça va, et la famille, ob das mein einziges Gepäckstück sei, nein, nicht die Rose, aha aha, sehr gut, ob ich auch ihres einchecken könne. Leider, sage ich, leider (und ich bin froh, nicht lügen zu müssen), würde mein Gepäck bis Zielstadt durchgestellt (toitoitoi). Sie sieht mich bedauernd an und ich bin mir nicht sicher ob ihrer Enttäuschung oder ob meines naiven Wagemuts. Wagemut, mein vierter innerafrikanischer Flug.

Aber, wie so oft. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich komme in Zielstadt an. Auch mein Gepäck, abgesehen von der Rose, die ich irgendwo vergesse. Am Flughafen warte ich auf meine Abholung. Als niemand kommt, gehe ich an die Hauptstraße, warte auf gut Glück, bis ein Auto meiner Organisation vorbeifährt und halte es an. Ah, bienvenue, soso, aha, ça va und der Flug und die Familie und interessant, dass ich jetzt hier sei. Der Kollege sei vorhin losgefahren, um mich in Umsteigestadt abzuholen. Aber das mache ja nichts, ich solle einsteigen.

Ob ich nicht noch bleiben möge, fragt der Polizist. Ich käme ja wieder, Samstag schon. Was, erst Samstag, wie Sie meinen, Madame, ob ich wisse, dass dieses Land stellenweise zur Zone rouge für Leute wie mich gehöre. Wie auch sein Land. Aber das müsse ich verstehen, schliesslich seien es arme Länder, oder. Naja, gutes Wiederkommen, ach, und ja, gute Reise.

Drei Stunden später stehe ich an einem anderen afrikanischen Flughafen am Gepäckband. Nein, es ist gar kein Band. Eine Bande. Eine Holzbande, auf die die Koffer gestapelt werden. Dann kann man sich einen aussuchen. Was, Sie wollen diesen? Viel Spass damit und herzlich willkommen.

Ich finde einen Taxifahrer, nein, er findet vielmehr mich, dann aber finde ich die Navette des Hotels, in das ich vielleicht sollte. Mein Name steht nicht auf dem Schild, aber ich sage dem Fahrer, dass ich gerne mitfahren möchte. Ah bon, gerne, herzlich willkommen, Sie sind wohl zum ersten Mal hier, Madame. Vom Flughafengebäude bis zum Parkplatz kaufe ich eine neue Telefonnummer, höre rührende Geschichten von einem Jugend-Kunstprojekt, einem Kinder-Musikprojekt, einer Waisen-Handwerkergruppe, einer Frauen-Schmuckbastelgruppe und einer Einäugigen-Tanzgruppe. Gut, die Tanzgruppe ist erfunden. Alle aber verkaufen genau das, was ich nicht suche, vorzugsweise aus Bronze, praktischerweise genau ums Eck und die ganze Woche und gerne auch im Hotel.

Gelernt ist gelernt, aber auch ich bin nicht von schlechten Eltern, ah bon, interessant, wirklich, was für eine äusserst unterstützenswerte Initiative, bonne continuation, Monsieur, gerade so eine Tanzgruppe braucht es hier ganz besonders, wenn ich nicht schon zu spät wäre, würde ich das gerne und auch meinen Kollegen, aber wer weiss, vielleicht, aha, im alten Viertel, sowas, tatsächlich gleich ums Eck und schon immer wollte ich kiloweise Bronze nach Hause schleppen, nein, danke keine Masken, die würde ich wohl besser im Nachbarland kaufen, aber hier sei man ja für die Bronze berühmt. Als wir loskommen, fragt mich der Fahrer der Navette, wo so höfliche Leute wie ich eigentlich herkommen, nein, ich solle ihn nicht auf den Arm nehmen, das könne nicht sein, ah so, Sie wohnen schon länger in der Gegend, er verstehe. Wieviel Bronzefiguren ich besässe?

Ich schreibe diese Zeilen in der ersten Junior Suite meines Lebens, ans Bett gelehnt. Wenn ich mich nicht fest anlehne, fällt der Nachttisch um, auf dem mein Bier steht (wenig später nach diesen Zeilen habe ich sie bereits vergessen und auch mein Bier gehört der Vergangenheit an). In andere Ecken des Zimmers sehe ich vorsorglich lieber nicht.
In der Hotellobby steht ein Bronzevogel, der es mir spontan angetan hat, aber ich kaufe lieber noch ein Bier, Madame, herzlich willkommen. Ich bemühe mich gar nicht erst, die Tür solide zuzusperren, sie lässt sich ohne weiteres aus dem Schloss drücken, ebenso die Balkontür. Dafür sind die Fenster dank Deckenfarbe undurchsichtig.

Allerdings bin ich gute Polizistentochter und nun höre ich natürlich ständig jemanden meinen Tür öffnen. Kurz vor der Paranoia gegen drei Uhr morgens stehe ich auf, gehe zur Rezeption und kaufe den Vogel. Dass der Rezeptionist komisch guckt, ist mir egal. Nur, als er mir erzählt, welche wirklich äusserst unterstützenswerte Selbsthilfegruppe junger aufstrebender höherer Töchter den Vogel hergestellt hat, winke ich ab und prüfe allein die Spitze des Schnabels.
Dann erstehe ich noch eine Schildkröte als Wurfgerät und zwei kleinere Schmuckanhänger, um den Nachttisch zu stabilisieren. Aus einem Glockenspiel bastle ich eine Frühwarnsystem und aus einer Armee ein Tretminenfeld. Endlich weiss ich, wozu man immer kiloweise Bronze zu Hause haben sollte. Bin ich eben meine eigene Zone rouge.

Lassen Sie uns übers Wetter reden. Ja, ich weiß, manchmal haben Sie es satt, den Schnee und das Tief, das diesen schrecklichen Namen trägt, weil eben nicht alles Glitzer ist, was schneit und friert und fröstelt und Eisblumen malt. Überhaupt, der Winter. Kalt, grau und immer so früh dunkel. Ein Schauer, der Föhn taut alles an, Matsch, Temperaturschwankung, schwupp, Blitzeis, Verkehrschaos, meine Güte. Und jetzt käme ich und wolle übers Wetter reden, wohl zuviel Romantik verschluckt. Als hätte man nicht genug davon. Wetter.

S i e mögen vielleicht genug davon haben. Aber versetzen Sie sich in meine Lage. Hier nämlich gibt es überhaupt kein Wetter. Über Monate bleibt jeder Tag gleich. Es wird gegen halb sieben hell, es wird über dreißig Grad warm es wird gegen sechs Uhr dunkel, es wird bis fünfzehn Grad – äh – kühl. Jaja, plus.
Letzteres, der nächtliche Temperatursturz, führt zu vermehrtem Mützen- und Daunenjackenaufkommen, schließlich hat man Winter, wie sich das für ein Land auf der Nordhalbkugel gehört. Der Winter hier allerdings ist wärmer als so mancher Sommer auf der Südhalbkugel, obwohl auch dort Afrika ist. Das mag nicht weiter überraschen, wenn man weiß, dass der für die Kälte verantwortliche Wind aus dem Norden kommt. Im Norden, von hier aus gesehen, liegt die Sahara. Nicht gerade eine Eiswüste, aber immerhin, auch dort, nachts, … Lassen wir das.
Ich habe Kindheitserinnerungen hiesiger Autoren gelesen, die beschwören, dass sie mindestens einmal wegen des kalten Windes schier zu erfrieren drohten. Bei zwölf Grad, jaja, plus, fällt hier die Schule aus. Kältefrei. Es würde mich interessieren, wo auf dieser Welt die Grenze zwischen kälte- und hitzefrei verläuft.

Aufgrund dieser völligen Abwesenheit von Wetter verliere ich jegliches Zeitgefühl. Fragen Sie mich nach dem Wochentag, ich habe keine Ahnung. Fragen Sie mich, ob es Dienstag oder Freitag war, als ich das Huhn überfuhr, ich werde Ihnen nicht antworten können. Hier gibt es keine Hilfe von wegen Montag musste ich durch den Graupel zur Arbeit, ein Glück, dass ich Dienstag frei hatte, als die Wintersonne schien! Mittwoch schneite es diese wunderbar fetten Flocken und so weiter und so weiter das Huhn und so weiter und so fort bis Sonntag und weitere zehn Tage zurück. Ob der Wind den Staub Montag oder Donnerstag bei sechsunddreißig Grad über die Straßen treibt, macht keinen Unterschied. Und dem Huhn ist es letztlich auch egal.

Im April, ja, da wird alles anders. Es wird einen Temperaturschub geben, es wird heißer, tagsüber und dafür wird es nachts nicht mehr kühl. Und manchmal wird ein außergewöhnlicher Regen fallen, nur, um die Mangos zur Reife zu treiben. Und dann wird es richtig turbulent: es bleibt heiß, der Mangoregen schwillt zur Regenzeit an, unberechenbar stürzt das Wasser aus dem Himmel, schlägt Staub und Land und Hitze auf die Haut und bleibt bis November bei über vierzig Grad und fünfundachtzig Prozent Luftfeuchtigkeit kleben.

Der Winter, wenngleich wohl angenehmste Jahreszeit, treibt mich mit seiner immergleichen Ödnis in den Wahnsinn. Erzählen Sie mir von Ihrem Wetter, bitte. Sonst suche ich mir zur Abwechslung ein neues Huhn oder es wird nie April.

[Dieser Text ist Teil einer Tagebuchaktion auf jetzt.de. Mehr davon hier.]

 

Geben Sie es zu. Sie verdrehen jetzt schon die Augen. Nur, weil ich in Afrika sitze und Ihnen jetzt im Advent einen Tag aus meinem Leben zum Thema MANGEL erzählen soll. Sie denken, dass Sie im besten Fall damit davon kommen, dass ich über Mangelware spreche. Stromausfälle und aus der Wand brechende Türen. Im schlimmsten Fall schildere ich ergreifend kindheitslose Kinder, die im Alter von sieben Jahren, ihre grossäugigen Geschwister auf dem Rücken, jeden Verkehrsteilnehmer anbetteln, wobei sie aufpassen müssen, nicht über ihr viel zu grosses, ausgewaschenes, aber löchriges Ballack-Trikot zu stolpern.

Leider aber ist es ein Tagebuch, und in diesem gehören bekanntlich die stärksten Eindrücke eines Tages geschildert. Meiner heute (und Sie haben Glück): das „Komm-nur-mal-schnell-mit-Abholen“ eines Paketes. Woran denken Sie, wenn Sie Paket hören? Wahrscheinlich an ein post-normiertes Paket, schliesslich befinden Sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem post-normierten Land.

Das Paket kam auch aus Deutschland, genauer gesagt, es waren dreiundzwanzig. Dreiundzwanzig Pakete als Teil einer Lieferung, die einen Container im Warenwert von mindestens 10 000 Euro umfassen muss, weil es sich sonst nicht rechnete. Dreiundzwanzig Pakete als Teil einer Lieferung von mindestens 10 000 Euro aus einer Versandmischung von Metro und Otto. Dreiundzwanzig Pakete von Hohes C, Odenwald-Schattenmorellen und Essiggurken über Meica-Würstchen und Becks (Becks! Ich bitte Sie! Wenn man schon fünftausend Kilometer weit Bier transportieren lässt, dann doch bitte kein Becks!) bis hin zur Tischtennisplatte und einem Rasenmäher. (Der Rasenmäher war auch noch für unsere Nachbarn bestimmt. Da hätte ich auch in der Reihenhaussiedlung bleiben können. Oder.) Das Abholen wurde begleitet von einem kontinuierlich schwäbisch-schrillen „Passen Sie auf meinen Petanque-Rasen auf!“ Beim „Nur-mal-schnell-Abholen“ von dreiundzwanzig Paketen wird glücklicherweise selbst das zu überhörbaren Monotonie.

Seit diesem Einblick in die deutsche Importwelt der kleinen Sehnsüchte frage ich mich, ob es vielleicht gar keine Seltenheit war, letzte Woche hier Spätzle kredenzt zu kriegen. Ob vielleicht tatsächlich alle hiesigen Küchenfees den Tag Teig schabend und Maultschen faltend verbringen, während Sie Hohes C und Becks kühlen.
Dann frage ich mich weiter, was ich vermisse. Im Advent. Was ich importieren würde, wenn ich Zugang zur exklusiven Welt der Container-Bestellungen hätte. Und nach längerem Überlegen komme ich zu der selbstlosen, überheblichen Überzeugung, dass kein Meica-Würstchen der Welt so schmecken kann, dass ich nicht Familie, Freunde, Wetter und Alpen vermisste. Kein dröhnender Rasenmäher kann mir vorspielen, dass ich in vertrauter Umgebung sei oder Privatsphäre hätte. Und der Geschmack von Becks machte bestimmt alles nur schlimmer.

Zu allem Überfluss werde ich hier also zur personifizierten Mastercard-Werbung.

Der kleine Ballack und sein grossäugiges Geschwister winken mir zu und obwohl man Kindheit nicht kaufen kann, versuche ich genau das heute doch. Schliesslich ist Advent. Und es ist Afrika. Verdrehen Sie ruhig die Augen.

Es ist so. Gestern habe ich wieder viele Leute zu Besuch in meinem Büro. Einen Militärberater zum Beispiel, wir unterhalten uns über den Norden. Und über Pontonbrücken, die Sicherheitslage, sowie die letzte Mail an die elektronische Deutschenliste.
Sie heisst tatsächlich so. „Liebe elektronische Deutschenliste, blablabla, bitten wir Sie, die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes nun ernst zu nehmen.“ Ich überlege kurz, was ich mit den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes bisher getan habe und fühle mich ertappt: ich habe sie ignoriert. Das werde ich weiterhin tun, sie nämlich sind irrelevant. Das Auswärtige Amt warnt mich vor dem Norden, in dem ich nicht bin und warnt mich hingegen nicht vor den reellen Gefahren um die Ecke: vor dem Typhus der Kollegin. Oder vor Mofas. Mofas. Mofas. Mofas. Oder vor der Batteriesäure in Gartenerde.

Der Militärberater lacht. Für die beschriebene Allgegenwart der Gefahren sähe ich noch relativ gut aus. Dennoch: im Moment bastele er eine Vitaminbombe für mich. Ich frage, ob er im Restaurant nebenan gegessen habe, vor dem Essen dort warne das Auswärtige Amt auch nicht. Ob ihm irgendwas nicht wohl bekommen habe?
Vitaminbomber? Rosinen? Mit Kanonen auf Glitzer schiessen?

Er zieht die Augenbraue hoch. Ob ich nichts von der Operation Sauerkraut gehört habe. Wieder fällt mir mein britischer Freund ein und ich denke, dass bei ihm „Operation“ und „Krauts“ wohl ähnliche Fragezeichen auslösen würden. Doch doch, die Operation Sauerkraut, ganz gross. Und dann, verschwörerisch, nur ein Wort: W e i h n a c h t s m a r k t.

Weihnachtsmarkt. Letztes Jahr habe man zum Weihnachtsmarkt Sauerkraut eingeflogen, zwanzig Kilo vielleicht. Allein, es schmeckte nicht. Deshalb, wir wollen nicht von der Vaterlandsehre sprechen, rein von Geschmack, würde dieses Jahr das Sauerkraut selbst gemacht. Weil Würschtl ohne Kraut gingen ja auch nicht. Und damit, mit diesem Vitamin-C-Schub, könne einen hier auch kein Typhus umhauen, versprochen, Glitzer.

Als er gegangen ist, zwanzig Kilo Sauerkraut wollen pfleglich behandelt werden, erwartet mich eine neue Mitteilung an die elektronische Deutschenliste. Vielleicht ist der Norden weiter nach Süden gerückt, oder im Nachbarland wurde mal wieder zur Festigung der Demokratie die Verfassung im Sinne des Präsidenten geändert. Ich tippe auf letzteres.
Aber da: „Liebe elektronische Deutschenliste, blablabla, möchten wir sie darauf hinweisen, dass für den Weihnachtsmarkt noch dringend Kuchenspenden  benötigt werden.“ Ich tue, was ich mit der elektronischen Deutschenliste immer tue und stürze mich waghalsig in den Feierabendverkehr.

Ja, ich habe lange nichts geschrieben. Ich könnte behaupten, ich sei viel unterwegs. Das stimmt allerdings nicht. Selbst, wenn ich unterwegs wäre, würde ich vor allem rumstehen. Ich bin mit Abdoulaye unterwegs. Da ist insofern hilfreich, als er die Stadt kennt und sich in ihr bewegen kann, wenn man nicht gerade rumsteht.

Es ist so: durch diese Stadt fliesst ein Fluss, über diesen führen zwei Brücken. Über diese beiden Brücken fahren morgens alle mehr oder weniger motorisierten Fahrzeuge in die Stadt und abends wieder aus der Stadt. Zu diesen Hauptverkehrszeiten ist jeweils eine Brücke nur in eine Richtung geöffnet, die andere bedient die weniger frequentierte Richtung auch nur mit einer Spur. Lebensmüde Verkehrspolizisten (für diesen Beruf muss man hier lebensmüde sein, ebenso wie für das Fahren von Zweirädern) regeln das, indem sie sich pfeifend vor Autos werfen, die in die falsche Richtung zu fahren versuchen.

Abdoulaye und ich sind also gestern Abend in Richtung der alten Brücke unterwegs, das ist: wir stehen im Stau. Nein, richtig: wir stehen im Verkehrsknoten. Um genau zu sein: wir sind der Verkehrsknoten. Eines der vielen Herzen des Verkehrsknoten. In unserer direkten Nachbarschaft befinden sich drei Taxis, vier Pick-ups, ein liegengebliebener LKW, neun Mopeds, ein Esels- und ein Handkarren, ein halbes Fahrrad, zwei Sammelbusse. (Für eine profunde Verkehrsanalyse rechnen Sie das einfach in einen Quadratkilometer um.)  Diese Gefährte (und die circa  93 dazugehörigen Personen plus Esel) stauen sich wenig synchron in unterschiedlicher Fahrtrichtung, folgen aber einem ähnlichen Huprhythmus. („Lane discipline! They don’t have any lane discipline!“, höre ich in solchen Situationen einen britischen Freund rufen. Das allerdings auf Malta.)

Abdoulaye zum Beispiel hupt regelmässig einen der Pick-ups vor uns an, da der keine Ahnung vom Autofahren habe. (In meiner laienhaften Wahrnehmung würde ich behaupten, er k ö n n  e überhaupt nicht fahren, weil nämlich Stau ist, aber Abdoulaye sieht das anders.) Er seinerseits schliesst jeden Zentimeter Lücke, was uns das Hupen der Mopeds, die Flüche der Taxis und das wütende Fuchteln des Vordermannes einbringt, der unseren Kuhfänger bedrohlich nah empfindet. Nach einer halben Stunde und zwei Metern treffen wir im Verkehrsknoten einen Bekannten, der uns eine Spur blockiert. „On est ensemble.“ Das freudige Hupen von Abdoulaye und Oumar vermischt sich mit dem aufgeregten Hupen aller anderen Verkehrsknotenpunkte und der Trillerpfeife des Verkehrspolizisten.
Wir aber bilden einen wilden Zweierkonvoi.

Noch lange.