Es ist so. Ich wollte schon lange mal wieder über Essen schreiben. Eigentlich natürlich irgendwas, wo Strizzi ganze gegrillte Knoblauch-Thunfische isst. Aber das geht jetzt nicht. Weil wegen Mara. Mara geht beim Zwack in den Kindergarten, ich habe vielleicht schon von ihr erzählt, die atheistische Elfe.
Jedenfalls, Mara kommt in allen zwackschen Essens-Fragen vor. Vokabeln wie „Essen vertragen“ und Dinge wie „darf kein xy essen/ trinken“ kennt Zwack von Mara. Und jetzt sitzt Zwack beim Essen, schaut seiner dritten Dampfnudel zu, wie sie gemütlich in der Vanillesauce schwimmt und fragt, ob es stimme, dass man stürbe, wenn man zuviel esse. Das sage Mara. So eine Frage bei irgendeinem waghalsigen Kirchererbseneintopf als kreative Ich-mag-nicht-Ausrede, okay. Aber bei Dampfnudeln? Ich frage den Zwack also, ob ihm die Dampfnudeln diesmal nicht schmeckten und dass er auch einfach aufhören könne zu essen, wenn er satt sei. Nein, sagt er, Mara sage, man stürbe, wenn man zuviel esse. Ich versuche, ihm zu erklären, dass der Körper Essen brauche, weil er sonst weder Muskeln noch Energie noch sonst irgendwas Brauchbares zustande brächte. Dass es aber natürlich Essen gebe, das mehr Energie liefere und Essen, dass weniger gut Energie liefern könne. (Jaja, ich weiß. Und nein, die Dampfnudeln sind nicht aus Vollkornmehl. Aber: es gibt immer Gemüsesuppe davor.) Der Zwack überlegt und denkt und senkt eine vierte Dampfnudel in die Vanillesauce.

Das Thema war dann längere Zeit nicht mehr interessant, es ging wieder mehr um Raumschiffe und Räuber und U-Boote und Vulkane. Zwack weigert sich, mit uns in Urlaub zu fahren, weil es auf Izilien einen Vulkan gibt und er sich außerdem nicht sicher ist, was passiert, wenn die Fähre auf der Überfahrt auf ein U-Boot trifft. Oder Mama.

Und dann kommt Bertl zu Besuch und bleibt zum Abendessen, weil es zu Hause einen kreativen Eintopf  aus Hülsenfrüchten gibt und bei uns Nudeln mit Hackfleischsauce. Die Dynamik will, dass auf einmal niemand Sauce essen mag, sondern nur Nudeln mit Käse. (Nein, keine Vollkornnudeln.) Die Dynamik will auch, dass der Zwack sich einen Riesenberg Nudeln in den Mund stopft, den er kaum zu kauen vermag. Das wiederum verleitet mich, zu sagen, dass sie wahrscheinlich gleich zu Ohren wieder rauskämen, woraufhin Bertl seinen Finger in sein Ohr bohrt, um zu verkünden, dass HIER das Ohr zu Ende sei und die Nudeln deswegen nicht rauskommen könnten. Als der Zwack wieder Platz im Mund hat, röhrt er, er würde so viele Nudeln essen, weil er dann stark werde. Komm, wir essen ganz viele Nudeln, Bertl, dann werden wir gaaaanz stark!!! Oder!!!
Da guckt Bertl auf seine zweite Nudelportion ohne irgendwas mit Käse und wird ein bissl traurig. Weil das gar nicht stimme, mit dem stark werden. Weil, wenn man zuviel esse, dann würde man dick. Nein! röhrt der Zwack, man würde stark, dann verstummt er wieder einige Minuten, um den nächsten Riesenberg Nudeln zu bändigen. In dieser Zeit schaffe ich es, Bertl davon zu überzeugen, dass – zum Glück hat er diesen Wikingerpulli an – bei dieser Wikinger-Serie die dicksten Wikinger doch auch besonders stark seien. Weil, der Bertl ist nämlich gar nicht dick. Der Bertl ist vier und spielt jeden Tag nach dem Kindergarten eine Stunde Fußball. Dann reden wir endlich einfach über Wikinger.

Nach dem Essen steht der Strizzi auf, streckt seinen Bauch raus, guckt stolz und ruft, Boah, was für ein dicker Bauch das sei, der sei bestimmt auch schon vier und nicht erst fast drei! Und dass keiner so einen dicken Bauch habe wie er! Tschaka!

Jetzt hoffe ich, dass mir die Geschichte vom gegrillten Thunfisch nicht flöten geht, nur weil die Jungs auf einmal Angst vor Essen haben. Vorsichtshalber sollte es am Wochenende wieder mal Dampfnudeln geben.

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Es ist so. Der Zwack interessiert sich für Nachrichten. Das ist, für die Teile, die er versteht, den Rest muss ich ihm erklären. „Wieso ‚Polizei‘, Mama?“ fragt er also und Strizzi, der sich die Technik abgeschaut hat: „Wieso ‚Menschen getötet‘, Mama?“  – „Und wieso ‚Lastwagen‘?“ Ich stehe also in der Küche und erkläre einem Viereinhalbjährigen und einem Knappdreijährigen, was in Berlin passiert ist.

Zwack interessiert sich erstmal für den Lastwagenfahrer und dann vor allem für den Diebstahl. Strizzi interessiert sich recht schnell wieder für LEGO. Dann die unvermeidliche Frage nach dem Warum. Mein Nichtwissen hilft nicht weiter. Aber warum. Warum. Warum. Ich mutmaße vorsichtig, dass der Fahrer vielleicht Deutschland doof fände. Leuchtet dem Zwack nicht ein, lachend sagt er: „Aber dann wäre er doch nicht hier!“

Oft passt die mühsam erlernte Kinderlogik nicht zur Welt. Wieso man in Syrien nicht einfach streiten könne, wer der Bestimmer sei. Da müsse man doch nicht gleich schießen.
Und dann, als ich ihm – Dank anderer Nachrichten – das Prinzip „Demokratie“ erkläre, fragt er, wieso man das in Syrien nicht auch haben könne. Sei doch einfacher und besser als zu schießen.

Die Nachrichten arbeiten im Zwack. Syrien kommt oft zur Sprache. Einmal sagt er zu einem Freund, dass in Syrien Krieg sei. Der guckt recht desinteressiert und die Mutter ein bisschen vorwurfsvoll. Es seien doch Kinder. Der Zwack spielt jetzt viel mit Lastwagen, baut welche und erfindet Dieb-Geschichten. Zwei Tage später erzählt er Strizzi noch einmal, was passiert ist. Unterbrochen von erbostem „Ich weiß, ICH WEISS, WEISS ICH! ICH WEISS!!!“ In Berlin! Der Lastwagen sollte eigentlich Stahl abladen. Ich bin überrascht, wie viele Details in diesem Kopf stecken und ein wenig besorgt. Aber anders als der Krieg in Syrien flößt ihm Berlin keine Angst ein. (Eher beschäftigt ihn die Frage, ob es in Syrien Weihnachten gäbe und ob jemand, der schießt, Geschenke vom Christkind bekäme.)

Und deswegen gehen wir kurz später auf den Christkindlmarkt. Fahren Karussell, kaufen einen Stern für Otto und gebrannte Mandeln.  Frohe Weihnachten Euch.

 

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Es ist so. Ich habe schonmal über Wut geschrieben. Und Autonomie, es ist ja Autonomie, nicht Trotz. Ich verstehe Autonomie also als Eigengesetzlichkeit und wenn man diese Eigengesetze annimmt, dann wird es auch ein wenig leichter. Der Strizzi also.

Morgens auf keinen Fall das Wasser in einen anderen Becher schütten als den, den der Zwack gerade hat. Überhaupt, das Wasser auf keinen Fall in einen falschen Becher schütten. Oder in ein Glas. Und Tee nur in die Eulentasse, aber die orange. Das ist ja einfach. Wobei: „falsch“ ist schwierig. Das ändert sich nämlich gerne spontan. Im Zweifelsfall ist alles falsch.

Müsli nur mit genügend Schokostücken, die Beliebtheitsreihenfolge der Schüsseln: erst Rennautos, dann Schafe, dann Schildkröten. Und immer immer immer den gestreiften Löffel. (Er ist von Ikea und wir haben trotzdem noch nur einen einzigen davon.) Und seit letzter Woche auf keinen Fall den Joghurt mit dem Müsli mischen, höchstens auf das Müsli draufsetzen und wenn Milch dran kommt, dann ist das Frühstück gelaufen. Bitte nicht die Serviette vergessen, ja nicht die Stühle verwechseln. Und beim Frühstück lieber nicht hingucken. „Der Swack hat mich anschaut! DAS SOLL ER NICHT!“ Zum Glück scheint derzeit keine Morgensonne in das strizzische Antlitz. DIE SOLL WEGGEHEN!

Bloß nicht versuchen, dem Strizzi das T-Shirt mit den Giraffen anzuziehen oder gar den grauen Pulli. Weil der doof ist. Und gut erspüren, ob man jetzt helfen soll beim Anziehen oder aber nicht. Abends dann andersrum und die Frage Decke oder Schlafsack immer in Richtung Decke auflösen, weil man mit dem Schlafsack nicht Rutschauto fahren kann. Auch wenn man das nachts eigentlich nicht soll.

Jetzt kann es aber vorkommen, dass der Strizzi nachts aufwacht, findet, es könnte jetzt Frühstück und Rutschauto geben und brüllt, weil niemand bereit ist, ihm den gestreiften Löffel und Schokomüsli in die Rennautoschüssel zu platzieren. Auch nicht nachts bin ich manchmal nicht dazu bereit, weil . Bisschen viel Eigengesetzlichkeit für halb sechs Uhr morgens, das alles.

Große böse Wutausbrüche. Weil die Mama nämlich doof ist. (Nur Otto kommt hier immer ganz gut weg.) Manchmal fährt Strizzi richtig große Geschütze auf. Wenn er zum Beispiel keinen weiteren allerletzten Schoko-irgendwas kriegt. Gefangen in den Eigengesetzlichkeiten des Daseins, wirft er wüst um sich: DANN GEHE ICH ALLEINE INS KINDERZIMMER! UND SPIELE NICHT! Auf meinen Hinweis, dass er im Moment ohnehin nicht in der Lage scheine zu spielen, greift er wutentbrannt irgendein herumliegendes Auto und fährt es demonstrativ zwei Zentimeter auf dem Sofakissen. DOCH!!! DOOOOCH!!! SCHOOOKOOOLADEEEE! Und natürlich: PAAAPAAA!

Irgendwann löst sich alles in Wohlgefallen und Käsebrot auf, abends haben auch die Wassergläser weniger Bedeutung. Ich glaube, Eigengesetzlichkeit macht den Strizzi müde. Und morgen ist ja ein neuer Tag, der wieder ganz eigene Gesetze hervorbringt. Aber nennen Sie es auf keinen Fall Trotz, gell!

 

Es ist so. Der Bauernhof ist ein schöner Ort. Einer dieser Bauernhöfe, die ihre Tiere (samt der damit verbundenen Arbeit) halten, obwohl alles ein einziges Verlustgeschäft ist. Aber ohne Tiere kein Bauernhof und ohne Bauernhof kein Bauernhofurlaub und keine Einnahmen. Nun sind unsere Kinder ja weniger tier- als traktoraffin, aber die gibt es immerhin auch. Der Rest ist recht urlaubsorientiert, der erste Hof, bei dem man sich vorstellen kann, auch mal einen Tag dort zu verbringen, nicht nur zum Schlafen nach Hause zu kommen.

Trotzdem machen wir Ausflüge. Es regnet nicht, was mich erstaunt, wahrscheinlich sind wir gar nicht im Bayerischen Wald, sondern zu weit davor. Aber ich sage nichts. Wir besuchen einen Ameisenpfad, eine Art Erlebnisspaziergang zum Thema Ameise durch den Wald. Erstellt von hiesigen Sozialpädagogen, ich denke an die Menschen, die mir hier früher begegnet sind und beiße mir schon wieder auf die Zunge. Zwack, der sonst nicht sonderlich naturverbunden scheint, klettert und springt und sucht Tannenzapfen, bis er sich an einer Station eine blutige Nase holt. Strizzi kaut auf einer harten Breze und findet alles doof. Insgesamt ein gelungener Ausflug, zum Mittagessen wollen wir in den nächsten Ort. Marktplatz, klingt gut, wir müssen schnell was essen, wegen der Stimmung.

Auf dem Marktplatz großes Spektakel, die Wahl der lokalen Weißwurstkönigin. Fangruppierungen finden sich und skandieren den Namen ihrer Favoritin, auf einer großen Bühne turnen die Alleinunterhalter das Programm von BayernPlus, alle umliegenden Wirtshäuser samt Marktplatz an sich platzen aus den Nähten. Das Publikum besteht ausnahmslos aus Rentnern. Alles in allem kein Platz für uns, Otto stellt angesichts der Geräuschkulisse sofort auf Schutzschlaf bzw. Scheintod. Wir finden einen Imbisswagen und kaufen, was es gibt: bayerischen Döner aus Pulled Pork und bayerische Burger aus gegrillter Weißwurst, wahlweise mit Honig-Senf-BBQ-Sauce oder Ketchup. Ich weiß nicht, ob das erlaubt ist. Aber es ist mir auch egal, die Herausforderung bleibt, die Jungs davon zu überzeugen, dass sie genau das jetzt essen wollen. 

Den Nachmittag verbringen wir am hofeigenen Pool, Strizzi fällt ins eiskalte Wasser und straft das Schwimmbecken für den Rest der Woche aus sicherem Abstand mit bösen Blicken. Zwack ringt mit sich und seiner Kindergartenkindehre und plumpst schließlich panisch ins Nass. Zwar ist September, aber heiß, er friert sich noch einige Mal blau im Wasser, es ist eine große Freude.

Überhaupt wirft ihn dieser Urlaub weit nach vorne. Während er vor dem Lagerfeuerabend in fünf Varianten herauszufinden sucht, ob der Rauch eines Lagerfeuers ebenso giftig sei wie der eines Zimmerbrands, grillt er dann froh sein Würschtl am geschnitzten Stock und wirft juchzend Tannenzapfen in die Flammen.

Wir fahren in den Ort meiner Oma, ich bin erstaunt, wie vertraut mir die Kurven sind, der Anblick des Waldes, die Felsen. Überraschenderweise steht das Haus noch, wie immer nordseitig eingepfercht zwischen dunklen Bäumen. Beim Kramer derselbe Geruch wie damals, nur BussiBär gibt es keinen. Alte Postkarten allerdings. Die Kirche, der Friedhof, die Glasbläserei. Wir verbringen den Tag damit, Wölfe zu suchen. Das Tier, das den beiden am Besten gefällt, ist der blinkende Bagger auf dem Spielplatz. Strizzi mampft Salzzöpfe („Fingersemmeln!“), Zwack löchert den Glasbläser mit Fragen, der froh scheint, endlich mal ein Kind in seiner Werkstatt zu haben. Wir schaffen es, nichts kaputt zu schlagen.

Das Tiermuseum, an dessen Eingang ein ausgestopfter Bär vor sich hin modert, jagt mir noch immer Grusel ein. Es scheint weiter die Sonne. Erleichtert fahren wir zurück, raus, zu den Kühen. Strizzi verbietet mir noch immer, in den Stall zu gehen, fängt aber gleichzeitig an, Kälber zu füttern. Am Ende der Woche schaufelt er den Kühen das Futter vor die Nase, Zwack bringt den Kälbern Milch und fällt nicht in Ohnmacht, als sie ihm das Ohr lecken. Er schnürt alleine zu Esel, Pony und Ziegen in den Stall. Jeden Abend sitzen wir in unserem Wintergarten und gucken Sterne. Zwack wünscht sich ein Himmelbett.

Es regnet, als wir abfahren. Und weil wir weder Kühe, Kälber, Sterne, Esel, Katzen oder Himmelbetten mitnehmen können, fließen auch ein paar Tränen. Der Bayerische Wald sei schön, seufzt der in dieser Woche unglaublich gewachsene Zwack und ich stimme ihm leise zu.

Es ist so. Ob Oma auch die versprochenen Rohrnudeln mache, wenn sie jetzt hier übernachte. Und die Vanillesauce. Vor allem die Vanillesauce. Es ist drei Uhr morgens, draußen gewittert es den ersten Herbst des Sommers. Der Zwack weiß, dass es Rohrnudeln erst gibt, wenn es wieder kühler wird. Also jetzt. Also spätestens morgen.
Die Sorge rund um die Rohrnudeln treibt ihn um, nicht ganz unberechtigt,  Hefeteig ist nicht ihrs, Vanillesauce auch nicht – aber für die Enkel, natürlich. Irgendwann schläft der Zwack wieder ein, um gleich nach dem Aufwachen seine Oma zu wecken und zu klären, ob sie denn dann heute die Rohrnudeln mache, ja, mit Vanillesauce und in diesem Buch sei das Rezept und jetzt könne man doch Marmeladenbrote frühstücken.
Strizzi frühstückt kaum an diesem seltsamen Morgen, er wirkt besorgt, auch das Mittagessen lässt er ausfallen. Erst als Tim wiederkommt, bekommt er wieder Appetit.

Irgendwann zwischen Gewitter und Vanillesauce und von all dem nichts ahnend schlüpft ein paar Straßen weiter Otto auf die Welt. Die Kleine heißt natürlich nicht Otto, sondern nur hier für Sie und ein bißchen für den Zwack, der gerne wollte, dass sie Otto hieße. Wenn sie schon einen Strich durch seinen „Ich will fünf Jungs sein!“-Wunsch macht. Und irgendwann vielleicht rosa mag. Oder ihm die Vanillesauce wegfuttert. Noch bleibt was übrig. Und es bleibt spannend.
Herzlich willkommen.

Fetzen I

„Weißt Du, Mama, Salif und ich sind Pirat.“
Strizzi (unqualifiziert von der Seite – „unqualifiziert“ merkt man an Zwacks augenrollender Antwort): „Was piraten Piraten?“
„Die können mit ihren Schwertern alles zerstören!“
„Was zerstören die?“
„Nichts.“
„Ist der Bertl auch ein Pirat?“
„Nein, der ist ein Ritter.“
„Und wieso bist Du ein Pirat und kein Ritter?“
„Weil Ritters zerstören den ganzen Tag nur Roboters und das mag ich nicht.“

 

Fetzen II

„Weißt Du, Mama, was ist Barbie?“
„Wer hat Dir von  Barbie erzählt?“
„Keiner.““Barbie ist eine Puppe, ungefähr so groß. Mit der kann man spielen, die kann man anziehen, ausziehen, umziehen, anziehen, ausziehen, umziehen, anziehen, ausziehen, umziehen, bürsten.“
„Mama – Warum gibt es Barbie?“

 

Fetzen III

„Weißt Du, Mama, Strizzi und ich sind Piraten mit einem geheimen Schatz und jetzt spielen wir FußballSterndesSüdens und dann dürfen die Baby-Igel alle in meinem Bett übernachten!“

 

 

Es ist so. Wie erinnern Sie eigentlich Ihre Kindergartenzeit? Geben Sie’s zu: es war eine gute Zeit, alles stimmig verklärt.
In der Tat aber ist Kindergarten erstmal eines: anstrengend. Der Zwack jedenfalls ist jeden Nachmittag völlig fertig, wenn er aus dem Kindergarten kommt. Der Zwack nämlich ist ein Schwamm. Er saugt alles auf, muss alles aufsaugen. Da kommt er nach Hause, den Kopf voller neuer Dinge und Fragen und Ausdrücke und war im Kindergarten zu aufgeregt zu essen und an Schlaf nicht zu denken. SCHLAF?! Nein, zur Entspannung gehe er nicht, die machten da womöglich die Tür zu und dann und überhaupt. Kurz: man könne etwas versäumen.

Am Anfang schlief er also im Bauraum ein oder im Fahrradanhänger, sobald ich ihn abgeholt hatte. Oder spätestens während des Abendessens, das  ich aber in letzter Zeit extra früh veranstaltete. Das hat sich gelegt, er schläft nur noch ab und zu ein, muss aber nach dem Kindergarten essen. ESSEN. UNGLAUBLICH VIEL ESSEN. Wenn wir nach dem Kindergarten auf dem Spielplatz sind oder Freunde besuchen, bin ich mittlerweile ausgestattet. Und abgehärtet gegen die Blicke anderer Mütter. Zum Beispiel den der Mutter, die neulich Pfannkuchen auf dem Spielplatz dabei hatte. Der Zwack hat einfach mal sieben gegessen. Und dann gefragt, ob er noch was zu essen haben könne. Zum Glück kannten wir die.

Jetzt gibt es natürlich auch Nachmittage, an denen ich ihn abhole, er müde ist, der Hunger unsättlich und dann diese Dramen: der Berti habe gesagt, er sei nicht mehr sein Freund. Oder er habe dem Paul gesagt, er sei nicht mehr sein Freund. Er habe nicht mehr mitspielen dürfen, deswegen seien alle nicht mehr seine Freunde oder weil alle nicht mehr seine Freunde waren, aber dann doch der Salif aber dann doch aber dann nicht und dann habe man eine Falle für Nathan gebaut. Tägliche Dramen. DRAMEN! Unauflösbar.

Es wird aber besser. Mittlerweile habe ich mich auf den Hunger eingestellt (Strizzi übrigens zieht einfach mit und isst auch mehr Pfannkuchen als Zwacks Freunde), wir schreiben Nicht-Mehr-Wieder-Freunden Nachrichten mit vielen Autos, der Zwack verfügt über keine einzige Hose mit intakten Knien mehr, hat Lieblingspullis mit eindeutigen Peer-Trend-Motiven und hat sein erstes Freundebuch mit nach Hause bekommen.

Diese Woche habe ich Urlaub. Bis vor Kurzem die zwacksche Forderung kam, man möge ihn doch bitte ganzganzganz früh abholen, am Besten vor dem Mittagessen. Heute habe ich gefragt, ob ich ihn früher abholen solle. Auf keinen Fall! Und auch, dass ich diese Woche mit ihm und den Strizzi STATT Kindergarten in den Zoo wolle, halte er für keine gute Idee. Und ob wir jetzt schnell in den Kindergarten fahren könnten.

Manchmal schafft er es, bis nach dem Abendessen wach zu bleiben. Angekommen. Mitten in der verklärten Kindheit. Wie beneidenswert.

 

(Ich verkläre das jetzt natürlich auch. Im Allgemeinen stellt der Kindergarten natürlich das Ende der Erziehung dar. Aber dazu habe ich ja schon in Ansätzen beschrieben.)

Es ist so. Es wird gefragt.

Zum Beispiel kurz nach Ostern, kurz nach sechs.

Ob Gott eigentlich auch tot sein könne. Und ob Gott, wenn er kein Mensch sei, dann in den Menschen drin sei. Und wie.

Ich frage vorsichtshalber zurück, ob er sich mit anderen Kindern über Gott unterhält und wenn ja, mit wem. Man will ja nicht riskieren, dass eine Fundamentalisten-Elfe sich durch protestantische Lästereien provoziert fühlt. Im Gegensatz zur ersten Frage (ich muss gestehen, Jesus samt der Dreifaltigkeit lasse ich mal außen vor, morgen ist ja auch noch ein Frühstück) vermische ich beim zweiten Fragekomplex altes und neues Testament, 10 Gebote und Bergpredigt, als wir von der Idee von und Glaube an Gott zum Handeln kommen. Es scheint einleuchtend genug. Außerdem klebt der Honig an den Fingern und lenkt von den großen Fragen der Menschheit ab.

Aber. Wie das denn jetzt eigentlich sei mit den Kanonen, weil die Horties und der Paul, die sagen, Kanonen seien gut. Zum Beispiel, wenn sie gar keine Menschen kaputt machten, sondern nur Häuser. Und weil die Ritter die Kanonen haben.  Und wenn wir eine Kanone hätten. Und wer eigentlich die Ritter seien. Und wieso die Mama vom Bertl erzählt habe, sie seien auf einer Kanone gesessen, in England, aber da sei doch gar kein Krieg, habe ich gesagt. Wieso. Und wie man mit den Händen eigentlich eine Pistole mache, weil er mache immer so (mit dem Zeigefinger), aber einer von den Horties, der mache immer so (mit Zeige- und Mittelfinger).

Und überhaupt, wie komme der Osterhase eigentlich in unser Wohnzimmer.

Dann ist Kindergarten und Blumen kaufen und Strizzi abholen und Eis essen und Spielplatz und erster Sonnenbrand und überhaupt viel Frühling. Erschöpfend schön.

Die letzte Frage des Tages, der Zwack schläft fast auf dem Küchenboden: „Mama, was ist eigentlich StarWurst?“

Es bleibt viel zu ergründen.

Es ist so. Der Zwack hat sich nun lange mit Leben, Tod, Wiedergeburt und dem Geheimnis des Lebens in Bäuchen beschäftigt. Dazu gehört natürlich auch die himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass er nie ein Baby im Bauch wird haben können, also weder Mama noch Oma werden kann. Dabei hätten Männer doch viel mehr Platz für Babies im Bauch, schließlich seien sie dicker! Oder, Mama!
(Es gibt ja diese dreijährigen Skinny-Jeans-Jungs. Der Zwack gehört nicht dazu. Er hat einen Freund, der gerade auf Fastenzeit gesetzt wird. Sogar Strizzi verdrückt mehr als dieser Freund – zum Beispiel in Pfannkuchen – , vom Zwack ganz zu schweigen. Aber davon ein ander Mal.)

Jedenfalls, nach diesen großen Themen sitzt der Zwack am Frühstückstisch und sagt: „Mama, Robin Hood.“ Jajaja, endlich leichte Kost, werden sie denken. Helden in Strumpfhosen! Disney! Abenteuerspaß! Und mir fällt auch prompt einer von zwei feststehenden Sätzen aus dem Englischunterricht ein: „He robbed the rich to help the poor“. Was der gemacht habe.
Ich übersetze meinen Satz und veranschauliche das mit einem schlechten Beispiel. Dann fällt mir ein besseres ein, Zwacksche Autos. Dass es doch aber den Robin Hood gar nicht mehr gebe und dass er deswegen auch nicht zehn Zwacksche Autos (also ungefähr die Menge, die er jeden Tag in seinen diversen Jackentaschen rumschleppt) einem Kind geben könne, das gar keine Autos habe. Überhaupt, er kenne nur Kinder, die mehr Autos hätten als er. Zum Beispiel der Paul.
Ich erwidere, dass es Leute gebe, die die Idee von Robin Hood aber durchaus noch für nachahmenswert hielten, auch wenn es Robin Hood selbst nicht mehr gebe. Der Zwack kaut nachdenklich sein Brot.

Pfffff, was soll das, denken Sie. Easy, oder.

Mama, was macht die Polizei zu Robin Hood? Stören Sie sich nicht an der Grammatik. Der Zwack nutzt diese Formulierung für alles. Was machen Astronauten zu Kindern? Was machen Hunde zu Katzen? Und so weiter. Stellen Sie sich vielmehr vor, dass da ein Kind am Frühstückstisch sitzt, das mich seit viertel nach fünf wach hält. Jetzt stellt dieses Kind mich vor die Aufgabe, in dreijährig-gerechtem Happen den Unterschied zwischen „Recht“ (verkürzt Polizei) und „Gerechtigkeit“ (verkürzt Robin Hood) zu erklären. Und der Zwack natürlich selbst im Grunde seines Herzens noch in der Polizisten-Phase.
Seltsamerweise schluckt der Zwack meine Ausführungen zwischen „richtig“ und „gut“ ohne große Widerworte mit nur wenig Nachfragen.

Ein Brot später die Frage: „Mama, gibt es böse Polizei? Und gute?“ Ich bin ja davon überzeugt, dass dem so ist, einfach auch, weil’s menschelt. Vielleicht hätten wir ihm auch Jan Böhmermann vorenthalten sollen – „Polizei macht, was Polizei will“.
Aber statt tiefer in „gut“ und „böse“ zu dringen, möchte der Zwack nur wissen, was böse Polizisten zu Kindern machen. Endlich wirft Strizzi sein Glas um und unterbricht die Litanei. Jedenfalls bis 30 Minuten später, wo ein Zwack aus dem Fahrradanhänger penibel eine Frage nach der anderen zu Recht, Gesetz und Strafe stellt. Alles erst der Anfang. Wenn Sie mir gut Philosophen empfehlen wollen, nur zu. Wenn Sie mir außerdem verraten können, welche Birne Dreijährigen von Robin Hood erzählt – JEDERZEIT!

Gleichwohl, der Nachmittag verläuft unethisch, kindlich-kreativ. Zwack malt Fensterbilder. Aus Schnupfen. Ich freue mich fast darüber, reiche Taschentücher und Kekse.

Es ist so. Es gibt diese Tage, da erklärt man mittags dem Sohn das Rote Kreuz und dann kommt eines zum anderen und am Abend hat er Angst vor Krieg.
Der Zwack findet Kanonen gerade recht super. Und Kampfflugzeuge. Und Raketen.

Wir haben da ein Buch, 1000 Fahrzeuge, das auf dreieinhalb Seiten auch Kampfflugzeuge, militärische Fahrzeuge und Schiffe behandelt. Der Zwack – dank Christkind mittlerweile auch stolzer Besitzer von „kleinem Lego“ – baut gerne, was er sieht, also, Kanonen. Raketen. Fallen. Dinge, die man im Kindergarten – das Ende der Erziehung, übrigens, der Kindergarten! – so braucht.

Dann kommt er freudestrahlend schießend in die Küche und ich kann mal wieder meinen Mund nicht halten, merke an, dass er meinetwegen Kanonen bauen solle, so lange Legokanonen Lego kaputt machen. KAPUTT! Ganz wichtig, schon für den Strizzi. Kaputt! ICH WAR DAS! Aber, dass Kanonen eigentlich nicht so super seien, wenn sie andere Dinge kaputt machten.

Häuser? Häuser. Straßen? Straßen. Menschen? Menschen. Was passiert dann? Dann brennt es und es gibt keine Häuser mehr. Ob unsere Wohnung schonmal von einer Kanone getroffen worden sei. Nein, unser Haus gab es noch nicht, als in München geschossen wurde. Ja, München war dann kaputt. Ob er Bilder sehen könne. Klar. Wo ich da gewesen sei. Oder ob ich jemanden kennte, der da schon gelebt habe. Und ob in München nur zwei Tage Krieg gewesen sei? ZWEIMAL LÄNGER ALS ER ALT SEI?!
Das Mädchen, aus der Sendung mit der Maus (ja, erste Annäherungen über andere Kinder), die wohne jetzt hier in dieser Halle, weil ein Krieg ihre Stadt kaputt gemacht habe.
Sie sehen, es kommt eins zum anderen, am Ende hat der Zwack Angst vor Kanonen und am nächsten Tag ist Silvester. Fragen Sie nicht.

Irgendwann im neuen Jahr sind die Ängste vergessen, wir überlegen, ob Kanonen nicht besser Smarties schießen sollten. Und dann rauscht der Zwack aus dem Kinderzimmer: MAMA, der Strizzi habe ein Kampfflugzeug gebaut. Das mache alles kaputt! Aber er, er werde jetzt auch ein Kampfflugzeug bauen, damit er das vom Strizzi kaputt machen könne. Die Aufrüstung hat begonnen. Früher hieß es Kinderzimmer. Es gibt noch viel zu lernen.