Es ist so. Ich darf mich eigentlich nicht beschweren. Wobei. Es ist Samstag und ich sitze im Taunus, es heißt Arbeit. Aber dieser Samstag hat gute Seiten: ich habe eine Nacht ohne Störung ganz allein in einem Bett verbracht. Luxus. Vor dem Frühstück gehe ich schwimmen. Doppelluxus. Ich muss das Frühstück nicht selbst machen. Unfassbar.

Und dann das. „Kollegiale Beratung“ heißt der Agendapunkt. Wie es uns gehe, fragt der Referent. Als allererstes. Ob es Anliegen aus der Gruppe gebe. Aha, Gewalt, das sei ein interessantes Thema. Finde ich auch und so: passend.
Als erstes müsse man natürlich das Anliegen klären, er bittet die Kollegin mit der Gewalt nach vorne und startet ein Interview. Irgendwann wird die Gruppe wieder einbezogen, dann wieder Wechsel und wieder zurück und so weiter. Ich wache auf, als in der Interviewsituation über einen Brocken gesprochen wird. Ein imaginärer Brocken, von etwa, Ja, wie groß der denn sei, ob die Kollegin das mal zeigen könne. Ahaha, er habe jetzt auch eine Farbe im Kopf – aber: ein eher weicher oder eher harter Brocken? Jaja, das habe er sich gedacht, ein harter Brocken, man sehe ihn förmlich in all seiner Präsenz hier liegen. Man könne ihn hier auch einfach liegen lassen. Ob die Kollegin denke, dass sich der Brocken wohl verändere, wenn man ihn liegen lasse. Und ob sie denke, dass sie einen Bandscheibenvorfall bekäme, wenn sie versuchte, den Brocken zu bewegen.

Dann sind wieder wir als Gruppe dran. Wir werden gebeten, mögliches Verhalten in Bezug auf den imaginären, höchst präsenten Brocken zu beleuchten. Und zwar entweder als Adler oder als Ameise oder als Löwe. Was also würde ein Löwe tun, angesichts des Brockens. Oder eine Ameise. Oder eben der Adler. Kopfstand aber könne man auch machen. Innerlich brülle ich ein bisschen und verkneife mir gleichzeitig die Frage, ob Ameisen eigentlich Bandscheiben haben oder ein Äquivalent zum Vorfall. Und ob sie Kopfstand drauf haben.
Dann hebe ich recht adlermäßig ab und schaue mir das Ganze mal aus der Distanz an. Ich muss leider gestehen, dass die Distanz die Sache nicht besser macht: eine Gruppe mehr oder minder fähiger Menschen beleuchtet Gewalt in Form eines imaginären, höchst präsenten Brockens mit emsiger Begeisterung per Kopfstand. Und das mitten im Taunus.
Der Adler in mir (mein Krafttier, vielleicht?) richtet den Blick nach vorne und überlegt, wo man nun besser hinflöge: Berge. Sonne. Schnee. Ruhe. In diesem Moment unterbricht der Referent meine geistige Thermik und nötigt mich auf den Boden neben den Brocken zurück. Was das mit mir gemacht habe, möchte er wissen. Dass ich ganz adlermäßig meinen Horizont geweitert habe, fort von hier, sage ich und er nickt verständnisvoll.

Jetzt könnte man sagen, ein kleiner Trost vielleicht, immerhin Arbeitszeit, dieser imaginärer Brocken. Das ist richtig. Und das Beste: diesen Samstag werde ich einfach ersetzen durch den nächsten Montag. Und den verbringe ich im Süden. Am Meer. Wo der Brocken dann liegt, ist mir wurscht. Der Adler sitzt auf dem Balkon und putzt seine Federn in der Sonne. Er hat Urlaub.

Advertisements

Onboarding. Und Wölkchen.

August 22, 2014

Es ist so. Ich denke an Wölkchen. Meine neue Kollegin sagt „Teamworkshop“ und ich denke an Wölkchen. An Pinnwände, bunte Karten, Nureingedankeprokartebitte, Teilchen, Stuhlkreis, Blitzlichter, Stimmungsbarometersmileys, Themenspeicher. An Dokumentationen, die darin bestehen, dass irgendeine Praktikantin die Stellwände sowie die Kaffeepause fotografiert und die Fotos in eine Worddatei kopiert. Ich überlege, wer aus unserem neuen Team wohl in Tränen ausbricht, wer es schon immer wusste und wer mit verschränkten Armen seinen Stadtplan auswendig lernt. In der Pause verschwinden alle in ihrem Büro, um irgendwas zu arbeiten. Diese Stimmung zwischen „Keiner mag“, „Alle nörgeln“ und „Irgendwie sind wir doch ein tolles Team“. Meine neue Kollegin sagt „zweiter Teil von drei“ und meint also eine Serie von Teamworkshops, der Termin für den dritten sei der folgende, ich könne mich anhand der Dokumentationen ja auf den Workshop vorbereiten.

Sie öffnet eine Datei. Eine Powerpointpräsentation. Kein Foto, nirgends. Sie klickt auf eine Folie, um mir zu zeigen, wie das Team sich selbst analysiert hat. Bubble Chart nennt sie das und wenn man drauf klickt, erscheint eine Excel-Tabelle. In die kann man eintragen, wie sich die eigene Arbeitszeit prozentual verteilt, ob man – auf einer Skala von 1 bis 10 – diese Dinge gerne macht, ob sie planbar sind oder nicht und wie häufig sie auftreten. Zurück auf der Folie formieren die Zahlen sich zu Blasen. Die Blase „Onboarding“ – so nennt sich das, was die Kollegin gerade mit mir macht – ist mittelklein, blau („mache ich gerne“) und hochgradig planbar. Bis zum nächsten Teamworkshop jedenfalls könne ich wahrscheinlich kein solches Chart ausfüllen, aber vielleicht nächstes Jahr. Was ich aber schaffen könne, sei, folgendes Template auszufüllen. Auch ihm liegt eine Excel-Tabelle zugrunde, die sich in Farben verwandelt.

Im Verlauf meines Onboardings stoße ich auf viele weitere Folien. Bergeweise Charts, Templates, Präsentationen, Kennzahlen, Hyperlinks, Reminder, Dates, Feedback. Es sei ja ganz nett, dass ich diese Datei zu meinem Jobprofil wie besprochen erstellt habe, es sei nur, nun, sie sei in Word. Ob ich das vielleicht auch als Folie erstellen könnte?

Tatsächlich kann ich das nicht. Meine Deutschlehrerin predigte gerne die Form als den höchsten Inhalt. In die Form einer Folie scheinen meine Gedanken gerade nicht zu passen. Und Hintergedanken. Und Nebengedanken.

Ich sitze vor Powerpoint, versuche, meine Word-Gedanken auf die Folie zu meditieren. Stichpunkte unter einer Überschrift? Dann kann ich es auch bleiben lassen. Mindmap? Unlesbar. Am Ende entscheide ich mich für Wölkchen. Und farbige Kästchen. Nureingedankeprokasten, logisch.  Zwei Fotos. Die vorletzte Folie der Themenspeicher, die letzte ein Blitzlicht. Es war eben nicht alles schlecht, früher.

Es ist so. Die zentrale Servicestelle schickt eine Mail, Betreff: Nagerproblematik. Zwar habe man diese in den meisten Teilen der Firma nun in den Griff bekommen, noch immer aber stehe man ihr gegenüber. Um der Nager, bei denen es sich vor allem um Mäuse handelt, Herr zu werden, mögen bitten alle die im Folgenden dargestellten Empfehlungen beherzigen.

Alles, alles, aber auch wirklich ALLES Essbare biete einen Anreiz für die Mäuse, angelutschte Hustenbonbons ebenso wie der kleinste Kekskrümel. Selbiges und anderes möge man bitte noch zu den Arbeitszeiten in den Kaffeeküchen fachgerecht entsorgen, damit das Servicepersonal dies vor Dienstschluss aus dem Haus schaffen könnte. Nur so könnten die Köder in den ausgelegten Fallen ihre Wirkung tun.

Desweiteren möge man privat bevorratete Lebensmittel nur noch in sicher verschließbaren Behältnissen auf für Nager unzugänglichen Sideboards aufbewahren. Zu beachten sei hierbei, dass Rollcontainer keine Sideboards seien und darüberhinaus von ihrer Unterseite her zugänglich. Büros, die nicht über solcherart Sideboards verfügten, würden in den nächsten Tagen damit ausgestattet.

Vor meinem geistigen Auge schaffen Männer in Schutzanzügen bergeweise angelutschte Hustenbonbons und Kekskrümel in gelben, mit Totenköpfen bezeichneten Tüten aus dem Haus, während schreiende Mitarbeiter sich verzweifelt an ihre Vorratsdosen klammern – erfolglos, sie werden gewaltsam getrennt. Außerdem frage ich mich, ob das Nagerproblem vor allem darin besteht, dass die Mäuse sich über private Vorräte hermachen, die aus unerklärlichen Gründen im Büro gelagert werden. Und, ob besonders ausgehungerte Mitarbeiter nun ihrerseits die Köder aus den Fallen fischen.

Ich entwerfe eine Antwortmail an alle, auf Französisch, Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch, Chinesisch, Sorbisch und Latein, frage, ob ich denn demnächst auch mit einem ähnlich hilfreichen Merkblatt gegen die Ameisenproblematik rechnen dürfe. Und ob sicher verschließbare Behältnisse im Sinne der allgemeinen Hygiene künftig über Büromittel abgerechnet werden dürften, als ein Maunzen meine Konzentration unterbricht.

Vor meinem realen Auge fläzen sich die Bürokatzen die Feuertreppe entlang. Sie stehen unter dem persönlichen Schutz von La Directrice, wohnen in ihrem Büro, werden auf ihre Anweisung von Büromitarbeitern gefüttert, deren eigene Kinder nur an Feiertagen ein Mittagessen bekommen. Gleichzeitig ernähren wir so alle Ratten der Nachbarschaft. Vor Kurzem habe ich gelesen, dass man pro entdeckte Ratte mindestens zehn weitere vermuten muss. Ich habe lieber aufgehört zu zählen und zu rechnen. Tierliebe, entgegnet La Directrice. Bemerkungen lokaler Kollegen, man habe durchaus auch Katzenesser im Team, werden strafleidenden Blickes ignoriert.

Flöhe haben die Katzen trotzdem und Junge kriegen sie auch. Ich überlege, ob ich der Servicestelle besser einen Deal anbieten soll. Katzen – Projektkatzen! Die gehören quasi schon zum Team! – gegen Nager. Dafür unterstützt mich die Zentrale Servicestelle beim Start-Up meiner Tischameisenbärenzucht. Diese Mail schicke ich lieber nicht an alle. Beim Rausgehen gurre ich die Katzen freundlich an. Wer weiß, wie oft ich sie noch sehe.

Es ist so. Ich erhalte eine Rechnung. Also nicht ich, sondern ich als Teil von NeueFirma. Die Rechnung kommt im Januar, sie ist aber für Leistungen letzten November. Seit Januar ist auch die Verwaltung fusioniert, was früher Mathieu und dann Frau Skypeverbot erledigten, erledigt nun – ja nun. Ich trage die Rechnung zu Frau Skypeverbot, die mich mitleidig ansieht und stumm mit den Schultern zuckt.

Dann trage ich die Rechnung zur Freundin von Frau Skypeverbot. Die steht der Verwaltung von NeueFirma hier vor, schüttelt den Kopf. Wie sie das tun solle. Ich habe ja keine Projektnummer und würde nicht über das Büro finanziert. Sie sei nicht zuständig. Wie ich überhaupt finanziert sei. Oder meine Stelle. Das frage sie sich ohnehin. Und wie viele wie mich es denn gebe.

Ich frage in der Zentrale nach, wo das Kopfschütteln per Mail zurückkommt. Man appelliert an meine Geduld, ich solle abwarten, bis ich ein Projektbudget habe. Dass ich gerne, der Rechnungssteller aber nicht so gerne bis ultimo warten könne, wird ignoriert.

Tage später kommt Frau Skypeverbot und fragt nach der Rechnung. Ob die immer noch da sei. Ich könne sie ja privat bezahlen, man werde dann vielleicht im Laufe des Jahres eine Lösung finden, man müsse ja, sie wolle mit ihrer Freundin reden. Ich erwidere, dass ich nicht einsehen würde, Dinge privat zu zahlen. Ich solle mich nicht so anstellen, ich könne schließlich keine Dienstleistungen in Anspruch nehmen und sie dann nicht zahlen, das ginge so nicht, man sei ja NeueFirma. Den Einwurf, dass nicht ich die Dienstleistungen in Anspruch genommen habe, sondern die Rechnung im Auftrag von NeueFirma entstanden sei, dass es gewissermaßen mein Job gewesen sei, diese Rechnung zu produzieren, tut sie mit einem weiteren, schulterzuckenden Ich solle mich nicht so anstellen ab. Wofür die Rechnung überhaupt sei, aha, sie halte das ja für völlig überflüssig. Sie jedenfalls könne sich da nicht drum kümmern, am besten sei, ich verursache nun bis auf Weiteres keine Kosten.

Ob ich dann nach Hause gehen könne. Nein, natürlich nicht, ich hätte diesmal ja sogar schon einen Vertrag. Ich frage nach der Büromiete, dem Anteil der Telefonanlage, der Internetverbindung – Ah, Internetverbindung!
Was sie mich schon lange mal fragen wollte, wie das denn sei mit dem, sie wisse jetzt nicht genau, wie man sagte, diesem Widrahtlosinternet, ob sich das in die Telefonanlage einwähle und wo die drahtlosen Kosten denn landeten. Man habe so hohe Telefonkosten, das müsse doch irgendwo herkommen. Ich versuche, ihr den Unterschied zwischen betoniertem und drahtlosem Internet zu erklären, dass das Büro unterschiedliche Telefon- und Internetanbieter habe, auch wenn bei Problemen immer der gleiche Privatunternehmer käme. (Ein sehr sympathischer Malier, der sein Studium als Grillwalker auf dem Kurfürstendamm finanzierte und recht berlinert.)

Frau Skypeverbot nickt, schüttelt den Kopf, nickt, staunt mich stumm an, nimmt die Rechnung und geht. Ich überlege ganz kurz, ob das eben eine private Dienstleistung war oder ob ganz NeueFirma davon profitiert. Dann aber fällt mir ein, dass ich im Trainingsbereich arbeite und das neue Jahr noch ganz jung ist.

Es ist so. Wir bekommen Besuch. Ein Bundestagsausschuss kommt seiner Pflicht nach. Die Bespaßung von Politikern ist eine heikle Sache. Sie wollen und sollen spannende Dinge sehen, die aber trotzdem mit unserer Arbeit zu tun haben. Neben diesen animierten Kaffeefahrten (man konnte ihnen gerade so von der Besichtigung des Uranabbaus in der Zone Rouge abraten) die Notwendigkeit von Sozialprogramm. Hier: die Einweihung des Hauses von NeueFirma (und der Firma, die hier auch noch sitzt).

Man schreibt eine Liste, an oberster Stelle: ein rotes Band. Es soll ein Haus eingeweiht werden (das extra zu diesem Anlass noch einmal neu gestrichen werden wird, ebenfalls rot), also braucht man ein Band, das durchschnitten gehört, ergo braucht man auch eine Schere, ein Scherenkissen, Scherenkissenhaltekinder, HymnenFahnenRedepult, Ansprachen, Essen, Sekt, Gesprächspartner. Leider gibt es für solcherart Hauseinweihungen kein Pendant zum Moderationskoffer, in dem schon alles drin ist. Kommt sofort auf meine geheime Liste genialer Geschäftsideen.
Da ich diese Geschäftsidee noch nicht verwirklichen konnte, steht auf einmal eine Dame aus der Botschaft in meinem Büro und fragt, ob ich zufällig Fahnen habe. Bisher hielt ich diese Art von Dekoration (gerne auch in Form von Lampions, Girlanden oder Wimpeln) für eine diplomatische Kernkompetenz, scheine mich aber geirrt zu haben. Ich schicke die Dame zu meinem Schneider, er färbt auch Stoffe relativ treffend und drei Streifen wird er schon zusammenkriegen.

Am nächsten Tag großes Hallo im Hof. Eine Bande von Pfadfindern baut Zelte auf, ein anderer Stamm hält draußen auf der Straße jedes Auto an, ermuntert den Beifahrer zum Aussteigen und weist das Auto dann in einen imaginären Parkplatz, während ein Dutzend Polizisten argwöhnisch guckt. Das geht so, bis gut hundertfünfzig Leute in unserem Hof stehen, die alle etwas anderes vorhaben. Aber die Pfadfinder mit den Zelten müssen ausprobieren, wie viele Leute unter ein Zeltdach passen und wie diese dann am besten postiert sind, um auch wirklich die Sonne abzuhalten, auch wenn diese hier eigentlich immer genau von oben kommt, Stichwort Äquatornähe. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich nicht um Pfadfinder handelt, sondern Mitarbeiter einer Firma, die den großen Tag der Einweihung dieses Hauses üben. Und die Polizisten üben argwöhnisch gucken.

Essen, Sekt und Gesprächspartner übt leider niemand. Dafür wabert die bekannte Menschentraube samt Katzen aufmerksam und Notizen sammelnd über den Hof, um Zeltdächer noch einmal einen halben Meter nach links zu rutschen, Stühle und deren Aussicht zu testen, sowie einen Sitzplan zu erstellen. Dann wird der Ort für das Band festgelegt, mit großen Schritten und wichtiger Miene dessen notwendige Länge ausgemessen.

Ich sehe von drinnen dem schwitzenden Treiben und Wogen zu und ahne, dass es ein besonders lustiger Abend zu werden verspricht. Noch drei Wochen. Drei Wochen Hymne suchen, Fahnen nähen, Sonnenstand berechnen, Haus streichen, Katzen dressieren, Luft anhalten und argwöhnisch gucken üben. Dann kann der große Auftritt kommen, zu Anlass des hohen Besuches – aller fünf.

Es ist so. Mein Kollege hat gekündigt. Wahrscheinlich hatte er Recht. Er war zuständig für die Administration der Projekte, die ich hier unter diverse Banderolen zaubere. Nun arbeitet er für einen katholischen belgischen Kinderschutzbund.

La Directrice, die eigentlich nicht mehr La Directrice ist, weil in NeueFirma jemand anderes La Directrice wurde, war zu dem Zeitpunkt der Kündigung nicht zugegen, deshalb kam mein Kollege einfach irgendwann nicht mehr ins Büro und alle sind der Meinung, Frau Skypeverbot würde ihn nun ersetzen. Frau Skypeverbot sieht das anders. Immerhin aber, das rechne ich ihr hoch an, hat sie es mit ihrem unvergleichlichen Charme geschafft, ihn zu einer Übergabe zu bewegen. Seither rauft sie sich die Haare und klingelt regelmäßig bei mir im Erdgeschoss an.

Meist, um mir mitzuteilen, dass sie ihn gerne noch im Nachhinein auf den Mond schösse oder dass man meine Abteilung samt meiner Projekte nie hätte zulassen dürfen. Und Geld für meine Projekte habe sie im Übrigen auch keines und Schecks unterschreibe sie ebenfalls keine mehr.

Das ist schlimm, weil ich richtig viel Geld ausgeben muss. Andererseits ist es nicht so schlimm, weil unser Scheckheft zu Ende ist. Alle. Finito. Hat in der ganzen Aufregung wohl keiner gemerkt und deswegen hat niemand ein neues beantragt. Das wiederum ist dann so schlimm auch wieder nicht, weil wir derzeit ohnehin kein Geld mehr auf dem Konto haben, über das wir Schecks ausstellen könnten. Auch meine letzten beiden Gehälter fallen dieser Tragik bisher zum Opfer.

Ich plane sie großzügig in die die Übersicht der Gelder, die ich bis Ende des Jahres noch auszugeben gedenke. Nicht, dass diese Übersicht mein Job wäre, aber diejenigen, die außer mir nicht zuständig sind, sind nicht zugegen, haben gekündigt, sind in Überstundenabbau oder Homeoffice. (Nichts gegen Homeoffice, nur etwas gegen Homeoffice à la „Da kann ich nicht telefonieren oder antworten, da hab ich Homeoffice!“)
Ich beuge mich also dem rein physischen Nachteil meiner Anwesenheit und erstelle die übersicht für eine Abteilung in der Zentrale. Diese Abteilung existiert aufgrund der endgültigen Umstrukturierung von NeueFirma nicht mehr. Aber Dienst ist Dienst und Verfahren ist bei Frau Skypeverbot Verfahren.

Für nächste Woche nehme ich mir zwei Tage frei. Tsss, macht Frau Skypeverbot, wenn sie alle Tage freinähme, die ihr noch zustünden, dann wäre sie sofort für den Rest des Jahres weg, ob ich die neue Generation sei, tsss. Ich erwidere, dass kein Überstundenabbau UND kein Gehalt eine selten motivierende Konstellation seien.

Ah, ich solle mich nicht so anstellen, ich könne ja wohl nicht einfach zu Hause bleiben, nur weil ich Überstunden habe, wenn ich nicht arbeiten wolle, solle ich kündigen. Es sei ja wohl normal, wenn man mal ein Gehalt ein bisschen später kriege. Oder eben zwei. Das sei jetzt in, Insolvenz, ob ich keine Nachrichten lese.
Meine Entgegnung, dass gerade Griechenland noch viele Gehälter zahle, nimmt sie grinsend entgegen. Meinen Hinweis allerdings, dass ihre Abteilung sich im hiesigen Kontext eigentlich aus der Organisationsberatung zurückziehen müsse, schließlich zahle man auch hier regelmäßig die Gehälter, prallt an der zugeworfenen Tür ab.

Ich gehe nach Hause und falte Kraniche für die Geduld. Aus meinem privaten Scheckheft.

Es ist so. Neue Firma ist vor geraumer Zeit umgezogen. Mein Büro im Erdgeschoss befindet sich neben der Rezeption. Mittlerweile kenne ich alle Klingeltöne aller Leute und weiß immer, wer gerade im Haus ist. Ich mag das. Einst hatte ich ein Büro neben der Kaffeeküche. Noch praktischer, weil man dann weiß, wer im Haus ist UND worüber getratscht wird.

Vor Kurzem findet sich vor meinem Büro eine laute Menschentraube. Ein Bild wird aufgehängt. Die Traube diskutiert, wie das zu bewerkstelligen ist. Vraiment, ein veritabler Diskussionsgegenstand, etwas von pertinenter Arbetitsurgence murmelnd verziehe ich mich, höre aber trotzdem, wie die elfköpfige Traube das Bild an der Wand heraufherunterlinksrechtseinbisschenSTOOOP! kommandiert.

Ein Bild, mögen Sie lachen, ausmessen, bohren, dübeln, hängen.

Beim Ausmessen fängt es an. Jenseits des Einflusses des DIN wird es schwierig. Wozu genau soll das rechteckige Bild nun parallel hängen? Einbisschenmehrlinksja!ja!ja!STOOOP!
Und in welcher Höhe? RunterrunterrunterEinbisschennochNein!Zuviel!Hoch!Ja!STOOOOP!
Parallel zum Oberlicht (aus in sich schiefen Glasbausteinen. Glasbausteine!)? LinkslinkslinkslinkslinksSTOOOP!
Zum Türdurchbruch? RechtsrunterJa!STOOOP!
Zum Wandschrank? GeradegeradegeradeGERADE!Herrgott!STOOOP!
Zum Rezeptionstisch? HöherhöherLinkLinks!ANDERESLINKS!STOOOP!
Und in welchem Winkel zur Wand soll dieser dann stehen? Oder einfach der allgemeinen Ästhetik entsprechend?

Ob wa denn – Halten!STOOOP!HALTEN! – keine Wasserwaage hätten, lästert Frau Skypeverbot, tatsächlich aber gibt es eine, deren Ergebnis jedoch gegen das Geradheitsempfinden der Anwesenden verstößt. Nach fünfzehn Minuten ziehen sich die ersten Kollegen rückwärts in mein Büro hinter den Schrank zurück, Augen verdrehend mir bedeutend, ich dürfe sie nicht verraten.

Nach fünfundzwanzig Minuten die Einigung, das Bild sei vielleicht an anderer Stelle im Haus besser aufgehoben. Nach einer Stunde Ortsbegehung die Frage, ob man das Bild denn zurückgeben könne. Schließlich sei es blau. Nach drei weiteren Stunden gehe ich nach Hause.

Am nächsten Morgen hängt das Bild hinter dem Rezeptionstisch. Einfach so. Er habe es jetzt aufgehängt, sagt Mathieu. Sehr gut, erwidere ich, sehr mutig. Zwei Wochen hängt es vor sich hin und stört niemanden.

Dann kommt La Directrice aus dem Urlaub zurück. Was hier passiert sei!, dieses Bild!, so blau, so kalt!, ob es vielleicht sogar schief!!! hänge, wer das bestellt habe, also bitte! und überhaupt, sie könne nicht jeden Morgen von so einem blauen Bild empfangen werden, da kriege sie ja sofort, sofort!, Kopfweh. Und wie es den Katzen ginge.

Entschwebend, trommelt sie die Traube zusammen, versammelt sie vor dem Bild, dem Kopfweh und dem Blau, wer dafür verantwortlich sei, außerdem sei es schief.
Nach fünfzehn Minuten die Einigung, das Bild müsse weg. La Directrice ordert die Traube in die Bar nebenan, zeigt auf die dortigen Bilder. So müsse das aussehen, in dieser Bar bekäme man nie Kopfweh, höchstens am nächsten Tag, aber das liege nicht an den Bildern. Sie würde sich nun persönlich darum kümmern.

Dann geht sie die Katzen füttern.

Es ist so. Ich komme also aus Italien wieder, das gar nicht Italien war und gehe irgendwann wieder ins Büro. Dort mache ich, was man macht, wenn man am ersten Tag nach längerer Abwesenheit im Büro ist. Computer, E-Mails. Das Postfach voll, das behaupten alle, die nach längerer Abwesenheit ihre E-Mails ansehen, schließlich ist man wichtig, allerdings nicht so neumodisch wichtig, dass man im Urlaub seine Mails checken müssen möchte. Wozu auch.

Ich zum Beispiel erhalte die unnütze Mail, dass am Mittwoch, 24. August 2011, die Erste-Hilfe-Stelle am Standort Budenheim schon ab 15.00 Uhr geschlossen sei. Man feiere wohlverdientes Sommerfest. In dringenden Fällen solle man sich an einen diensthabenden Arzt unter der Telefonnummer etc.pp wenden. Ab Donnerstag sei man wieder in gewohnter Weise für das Wohlbefinden aller da.

Sie wissen, ich sitze nicht in Budenheim, wie knapp 10.000 andere Angestellte von NeueFirma ebenfalls nicht. Wir sitzen weltweit. Doch diese Mail geht an alle. Solche Mails gehen immer an alle. Deshalb erhält man in der Folge die Antworten aller an alle.

Der Klassiker in NeueFirma ist die Forderung nach Übersetzung der Mail an alle. Vielleicht wegen des Inhaltes, vielmehr aber wohl, um zu zeigen, dass _die da oben in Deutschland_ _uns hier draußen_ immer vergessen und alle alle wichtigen Mails zwar an alle schicken, nicht aber für alle. Deshalb nun bitte eine Übersetzung ins Englische. Am besten an alle.

Aber nein, die spanischsprachige Welt dürfe nicht vernachlässigt werden, deshalb die vielfache Forderung, die Mail doch bitte auch ins Spanische zu übersetzen.

Inzwischen, Sie kennen das, schreiben mild gereizte, hoch internetkompetente Kollegen belehrende Mails an alle, dass man nicht mehr an alle antworten möge, weil sonst alle ein Postfachproblem wegen aller hätten.
Verzweifelt die Mail eines Kollegen, der liebenswürdigerweise, um dem allem ein Ende zu bereiten, eine englische Übersetzung des Sommerfestes an alle schickt, sogar mit Ländervorwahl des empfohlenen Arztes. Wo aber nun die französische Übersetzung bliebe, fragt eine Dame alle, woraufhin jemand alle warnt, dass es sich bei der besagten Mail vielleicht um einen Virus handeln könne, woraufhin alle hocherschrocken oder – im Falle der hoch internetkompetenten Kollegen – hoch beschwichtigend reagieren.

Es dauert circa zweihundertfünfzig Mails an alle, bis irgendwo in der Zentrale von NeueFirma ein Internetsklave das Ausliefern der Nachrichten über das Sommerfest der Erste-Hilfe-Stelle am Standort Budenheim an alle verhindert.

Mir bleibt der schwache Trost, dass Menschen, die mitten im August Mails an alle schicken von all jenen, die nicht im Büro sind, eine Abwesenheitsmail erhalten. Bei über 10.000 durchaus beachtenswert. Alle Achtung.

(Sollte ein Vorstand im Sommer eine Mail an alle schicken, dann vielleicht, um in seinem nächsten Interview behaupten zu können, dass er, sobald er eine Mail an alle schicke, SOFORT unheimlich viele Antworten erhielte. Meine Theorie. Aber ich fahre ja auch keinen Oldtimer.)

Es ist so. Ich habe ausführlich die Lokalisierung des Internets in der Welt von Frau Skypeverbot beschrieben. Mittlerweile bin ich mit Frau Skypeverbot per Du und auch sonst verstehen wir uns rührend. Und jetzt weiß ich: sie kann nicht anders. In ihrer Welt existiert das Konzept Internationalität nicht, wie soll man sich da Internet vorstellen können. Oder gar virtuelle Räume. Und wer putzt da überhaupt.

In meinem Büro putzt neuerdings auch niemand mehr, schließlich ist es im Erdgeschoss, dafür geht das Internet nur manchmal, wahrscheinlich ist es verstaubt. Vor Kurzem fragte ich nach, ob jemand auch meinen Müll entsorgen könne, obwohl ich im Erdgeschoss säße. Hm, ja, naja, also, wieso nicht, ich solle ihn einfach nach Feierabend zum Müll in den zweiten Stock stellen, dann könne er abgeholt werden. Seither putze ich selbst.

Darum soll es aber hier nun nicht gehen, ansonsten ist mein Büro funktionell, ich arbeite. Heute entwerfe ich einen Vertrag und fülle das zugehörige Formular zur Mittelanforderung aus. Postwendend (auch eines dieser aussterbenden Worte, nicht aber in der Zusammenarbeit mit Frau Skypeverbot) ein Anruf. Kommense mal, Du.

Das ginge so nicht. Ich könne nicht soviel Geld anfordern, wegen der Abwertung.
Die Abwertung, das ewige Schreckgespenst jeder Buchhaltung. Falls die Abwertung komme (wahlweise die Russen) und man habe soviel Geld auf dem Konto: fatal! Wir befinden uns in einer eurogebundenen Währungszone, die letzte Abwertung erfolgte in den 90ern.
Ohnehin gedenke ich, das Geld auszugeben. Jaha, das habe sie schon gesehen, aber, das ginge so nicht, die Dame sitze im Nachbarland. Und wenn hier, in diesem, unserem Lande Geld ausgegeben werde, müsse es auch hier eingenommen werden. Wegen der Steuer.

Ich scheine sehr ungläubig zu gucken, fange mir das obligatorische Ichsollemichnichtsoanstellen ein, Sie, Du, dass sei ja wohl klar, hier könne man ja nicht überprüfen, ob dort die Steuern ordnungsgemäß abgeführt würden. Mein vorsichtiger Einwurf, dass man das auch hier nicht überprüfen könne, sowie, dass es dafür eine Vertragsklausel gebe, wird brüsk abgeschmettert, darum solle sich ja wohl der Staat kümmern. Ob sich nicht auch Nachbarstaat darum kümmern solle, frage ich und ob meiner Naivität rollt Frau Skypeverbot mit den Augen.
Wenn hier ein Vertrag abgeschlossen würde, dann wüsste der Staat das. Aber Nachbarstaat wüsste das nicht, könne das also nicht nachhalten. Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht aus Versehen Vertragsabschlüsse hochzurechnen, die der hiesige Staat bestimmt. alle. einzeln. nachhält. Vielleicht verbirgt sich das ja hinter dem Engagement der Kollegen mit dem Titel „Verwaltungsaufbau“.

Vielleicht aber bräuchten wir hier vielmehr einen Herrn Stoiber, für Bürokratieabbau. Oder aber ich zahle meine Vertragspartner künftig in Naturalien. Die fliege ich dann nach Nachbarland. Vorher aber lasse ich prüfen, ob jeder Reishändler hier seine Steuern ordnungsgemäß abführt.
Geld ist eigentlich eine völlig unsinnige Erfindung, ebenso wie die Internationalität. Braucht kein Mensch. Meins trage ich jetzt in den zweiten Stock zum Müll. Einfach am Staat vorbei.

Es ist so. Auch in Unternehmen ist Sommerloch. Bei uns ist gerade Sommerloch, obwohl wir NeueFirma wurden und circa drei Viertel der Angestellten noch nicht genau wissen, was sie ab September tun werden. Der erste September galt als magisches Datum. Zum ersten September sollten alle voll fusioniert und totalintegriert sein.

Gut, heißt es jetzt, vielleicht auch ein bisschen später oder aber, wer weiß, vielleicht mache es auch Sinn, das alles erst ab Ende des Jahres neu zu regeln. Dann hätten wir ein Jahr lang fusioniert einfach so weitergearbeitet wie bisher und dann kann man den Rest der Fusionsrendite auch noch absitzen. Nun aber sitzen wir erstmal das Sommerloch ab und aus.

In diese Hektik des Sommerloches erhalte ich die Nachricht eines unserer Vorstände. Er habe in den letzten Monaten Außergewöhnliches festgestellt. Während ich darauf tippe, dass er bei „Meet and Greet andere Betriebsteile“ große Einsichten in die Kompetenzen vieler Mitarbeitender zum Wohle NeuerFirma erlangte, bleibe ich dann doch an seinen Zeilen hängen.

Herr Vorstand ruft zur Selbstorganisation auf. Es mögen sich diejenigen versammeln, die nicht nur passives Mitglied sein wollten, sondern sich in ihrer Freizeit (die Mail erreicht mich um 14.32 Uhr) aktiv einbringen möchten, zum Gründungstreffen der Betriebssportgruppe Oldtimer.
Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Standorten in Deutschland und weltweit teilten seine Passion, winters und sommers Ausflüge und Spritztouren zu unternehmen, sich über Schrauben und Ölwannen zu unterhalten oder einfach nur den Wagen zu polieren oder polieren zu lassen. Betriebssport diene vor allem dem gemeinsamen Erleben und um dieses Erleben zu ermöglichen, nun eben die Betriebssportgruppe.

Was finden Sie am lustigsten? Dass Oldtimerpolieren als sportliches Erlebnis gilt, vielleicht. Dass es Unternehmen gibt, in denen diejenigen, die eben keinen Jagdschein besitzen, Oldtimer fahren. Dass man eher eine Betriebssportgruppe Motorrad bräuchte, um die Fusionsrendite im Zeitplan zu erreichen.

Ich finde lustig, dass Herr Vorstand offensichtlich nie bei dem von ihm viel beworbenen „Meet and Greet andere Betriebsteile“ war. Sonst wüsste er vielleicht, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit in den meisten Fällen eher unfreiwillig Oldtimer oder in erster Linie Allrad Pick-Ups fahren. Oder er wüsste, was sein Unternehmen weltweit so macht – Straßen bauen zum Beispiel oder neue Mobilitätskonzepte entwickeln.
Aber gut, ich will nicht so sein. Ich melde unseren Büro-Fahrer zur Betriebssportgruppe an. Niemand kann so gut Autopolieren wie Abaya. Und das sogar im Fusionsloch.