Es ist so. Der Zwack interessiert sich für Nachrichten. Das ist, für die Teile, die er versteht, den Rest muss ich ihm erklären. „Wieso ‚Polizei‘, Mama?“ fragt er also und Strizzi, der sich die Technik abgeschaut hat: „Wieso ‚Menschen getötet‘, Mama?“  – „Und wieso ‚Lastwagen‘?“ Ich stehe also in der Küche und erkläre einem Viereinhalbjährigen und einem Knappdreijährigen, was in Berlin passiert ist.

Zwack interessiert sich erstmal für den Lastwagenfahrer und dann vor allem für den Diebstahl. Strizzi interessiert sich recht schnell wieder für LEGO. Dann die unvermeidliche Frage nach dem Warum. Mein Nichtwissen hilft nicht weiter. Aber warum. Warum. Warum. Ich mutmaße vorsichtig, dass der Fahrer vielleicht Deutschland doof fände. Leuchtet dem Zwack nicht ein, lachend sagt er: „Aber dann wäre er doch nicht hier!“

Oft passt die mühsam erlernte Kinderlogik nicht zur Welt. Wieso man in Syrien nicht einfach streiten könne, wer der Bestimmer sei. Da müsse man doch nicht gleich schießen.
Und dann, als ich ihm – Dank anderer Nachrichten – das Prinzip „Demokratie“ erkläre, fragt er, wieso man das in Syrien nicht auch haben könne. Sei doch einfacher und besser als zu schießen.

Die Nachrichten arbeiten im Zwack. Syrien kommt oft zur Sprache. Einmal sagt er zu einem Freund, dass in Syrien Krieg sei. Der guckt recht desinteressiert und die Mutter ein bisschen vorwurfsvoll. Es seien doch Kinder. Der Zwack spielt jetzt viel mit Lastwagen, baut welche und erfindet Dieb-Geschichten. Zwei Tage später erzählt er Strizzi noch einmal, was passiert ist. Unterbrochen von erbostem „Ich weiß, ICH WEISS, WEISS ICH! ICH WEISS!!!“ In Berlin! Der Lastwagen sollte eigentlich Stahl abladen. Ich bin überrascht, wie viele Details in diesem Kopf stecken und ein wenig besorgt. Aber anders als der Krieg in Syrien flößt ihm Berlin keine Angst ein. (Eher beschäftigt ihn die Frage, ob es in Syrien Weihnachten gäbe und ob jemand, der schießt, Geschenke vom Christkind bekäme.)

Und deswegen gehen wir kurz später auf den Christkindlmarkt. Fahren Karussell, kaufen einen Stern für Otto und gebrannte Mandeln.  Frohe Weihnachten Euch.

 

img_0966

Advertisements

Es ist so. Ich habe schonmal über Wut geschrieben. Und Autonomie, es ist ja Autonomie, nicht Trotz. Ich verstehe Autonomie also als Eigengesetzlichkeit und wenn man diese Eigengesetze annimmt, dann wird es auch ein wenig leichter. Der Strizzi also.

Morgens auf keinen Fall das Wasser in einen anderen Becher schütten als den, den der Zwack gerade hat. Überhaupt, das Wasser auf keinen Fall in einen falschen Becher schütten. Oder in ein Glas. Und Tee nur in die Eulentasse, aber die orange. Das ist ja einfach. Wobei: „falsch“ ist schwierig. Das ändert sich nämlich gerne spontan. Im Zweifelsfall ist alles falsch.

Müsli nur mit genügend Schokostücken, die Beliebtheitsreihenfolge der Schüsseln: erst Rennautos, dann Schafe, dann Schildkröten. Und immer immer immer den gestreiften Löffel. (Er ist von Ikea und wir haben trotzdem noch nur einen einzigen davon.) Und seit letzter Woche auf keinen Fall den Joghurt mit dem Müsli mischen, höchstens auf das Müsli draufsetzen und wenn Milch dran kommt, dann ist das Frühstück gelaufen. Bitte nicht die Serviette vergessen, ja nicht die Stühle verwechseln. Und beim Frühstück lieber nicht hingucken. „Der Swack hat mich anschaut! DAS SOLL ER NICHT!“ Zum Glück scheint derzeit keine Morgensonne in das strizzische Antlitz. DIE SOLL WEGGEHEN!

Bloß nicht versuchen, dem Strizzi das T-Shirt mit den Giraffen anzuziehen oder gar den grauen Pulli. Weil der doof ist. Und gut erspüren, ob man jetzt helfen soll beim Anziehen oder aber nicht. Abends dann andersrum und die Frage Decke oder Schlafsack immer in Richtung Decke auflösen, weil man mit dem Schlafsack nicht Rutschauto fahren kann. Auch wenn man das nachts eigentlich nicht soll.

Jetzt kann es aber vorkommen, dass der Strizzi nachts aufwacht, findet, es könnte jetzt Frühstück und Rutschauto geben und brüllt, weil niemand bereit ist, ihm den gestreiften Löffel und Schokomüsli in die Rennautoschüssel zu platzieren. Auch nicht nachts bin ich manchmal nicht dazu bereit, weil . Bisschen viel Eigengesetzlichkeit für halb sechs Uhr morgens, das alles.

Große böse Wutausbrüche. Weil die Mama nämlich doof ist. (Nur Otto kommt hier immer ganz gut weg.) Manchmal fährt Strizzi richtig große Geschütze auf. Wenn er zum Beispiel keinen weiteren allerletzten Schoko-irgendwas kriegt. Gefangen in den Eigengesetzlichkeiten des Daseins, wirft er wüst um sich: DANN GEHE ICH ALLEINE INS KINDERZIMMER! UND SPIELE NICHT! Auf meinen Hinweis, dass er im Moment ohnehin nicht in der Lage scheine zu spielen, greift er wutentbrannt irgendein herumliegendes Auto und fährt es demonstrativ zwei Zentimeter auf dem Sofakissen. DOCH!!! DOOOOCH!!! SCHOOOKOOOLADEEEE! Und natürlich: PAAAPAAA!

Irgendwann löst sich alles in Wohlgefallen und Käsebrot auf, abends haben auch die Wassergläser weniger Bedeutung. Ich glaube, Eigengesetzlichkeit macht den Strizzi müde. Und morgen ist ja ein neuer Tag, der wieder ganz eigene Gesetze hervorbringt. Aber nennen Sie es auf keinen Fall Trotz, gell!

 

Es ist so. Autofahren mit Kindern ist so eine Sache. Dabei könnte es so schön sein. Man plant die Autofahrt so, dass die Kinder spätestens auf der Autobahn einschlafen und fünf Minuten vor Ankunft wieder gut gelaunt aufwachen.

Als ich das erste Mal mit dem Zwack alleine Auto fuhr, kotzte er sofort, als ich die Rampe aus unserer Tiefgarage hochfuhr. Jetzt kommt was Lustiges: ich hielt an und ich glaube mich zu erinnern, dass ich ihn umzog. Seien Sie nachsichtig, erstes Kind, erste Autofahrt allein. Ach so – Sie finden das gar nicht lustig? Nun denn.
Es ist vieles leichter geworden, man kann mittlerweile mit Zwack und Strizzi kommunizieren. Bisweilen beschäftigen sie sich auch im Auto. Strizzi zum Beispiel baut mit Hingabe Spielzeugautostaus. Die zerfetzt es in jeder Kurve und bei jedem Anfahren, was zu großem, lautstarkem Entsetzen führt. Und dazu, dass ich vom Fahrersitz aus versuche, wenigstens das ein oder andere Auto wieder aus dem Fußraum zu angeln.

Zwack hört beim Autofahren gerne Hörspiele. Gerne öfter hintereinander das gleiche. Jetzt meine Frage: was war Ihr Negativrekord auf der Strecke München – Frankfurt? Meiner liegt bei sechseinhalb Stunden und 35 Grad. Rechnen Sie das selbst in Hörspiele um. Besser: in ein einziges Hörspiel.

Aber das ist jetzt unfair. Denn natürlich schlafen die Kinder auch beim Autofahren. Nur nie alle gleichzeitig. Zwack schläft erst jenseits der 70 km/h, aber nicht verlässlich (aber verlässlich bis zu dem Punkt, an dem er aufs Klo muss. SOFORT.). Natürlich schläft Strizzi im Stau, ist aber auf freier Strecke wach, völlig genervt von der Tatsache Kindersitz und will alle drei Minuten irgendwas, was mich zu waghalsigen Manövern verleitet. Ebenfalls selbstverständlich habe ich immer zu wenig, immer das falsche Essen dabei. Letztens habe ich sogar mein Notfall-Snickers geopfert – Strizzis Laune war ganz eindeutig ein Notfall. Es half. Bis er Snickersreste auf seiner Hand klebend bemerkte und mit dem Feuchttuch nicht abbekam. Der arme Bub.

Das einsetzende „MAMA! ES IST AUF MEINEM FINGER!“ rief Otto auf den Plan, die lautstark fand, sie habe sich jetzt lange genug rückwärts gelangweilt. (Ich stille. Ich wünschte manchmal, man könnte die Evolution ausschalten. Dann könnte ich mich nämlich trotz schreienden Babys auf etwas konzentrieren. Eine Straße zum Beispiel.)
Das wiederum nervte Strizzi, der von einem reizenden „Ruhig, Süßi-Baby“ (das hat er sich selbst ausgedacht) zu „RUUUHIIIG! ODER ICH SCHNALL MICH AB!!!“ überging, was den Zwack alarmiert aufweckte, der sich sodann mit mir über Tiefseelebewesen und Vulkane unterhalten wollte. Gleichzeitig rief die Stimme des Navis mir zu, ich hätte den sich vor mir auftürmenden Stau doch besser umfahren. (NAVIGATIONSGERÄTE! Eine ganze andere Geschichte.) Begleitmusik war nicht das Hörspiel – das hatte ich unbemerkt gekillt – sondern das sanfte *Pling* der Müdigkeitserkennung. Ich solle doch eine Pause machen. Im Stau. Scherzkeks.

Jajaja, das nächste Mal schicke ich dringend benötigtes Spielzeug und Gepäck per Kurier voraus und fahre Zug. Dann laufe ich mit den dreien die ganze Fahrzeit über durch den vollgepackten ICE und muss im Nachhinein nichtmal eine Geschichte schreiben. Das übernehmen dann alle anderen, von uns genervten Fahrgäste. Sie vielleicht. Packen Sie genug zu essen ein.

(Finden Sie es jetzt nicht auch überaus komisch, dass ich den Zwack wegen ein bisschen Kotzen auf der Rampe tatsächlich noch vor dem Mittleren Ring umzog? Nein? Immer noch nicht? Vielleicht wollen Sie mal mitfahren?)

Es ist so. Der Bauernhof ist ein schöner Ort. Einer dieser Bauernhöfe, die ihre Tiere (samt der damit verbundenen Arbeit) halten, obwohl alles ein einziges Verlustgeschäft ist. Aber ohne Tiere kein Bauernhof und ohne Bauernhof kein Bauernhofurlaub und keine Einnahmen. Nun sind unsere Kinder ja weniger tier- als traktoraffin, aber die gibt es immerhin auch. Der Rest ist recht urlaubsorientiert, der erste Hof, bei dem man sich vorstellen kann, auch mal einen Tag dort zu verbringen, nicht nur zum Schlafen nach Hause zu kommen.

Trotzdem machen wir Ausflüge. Es regnet nicht, was mich erstaunt, wahrscheinlich sind wir gar nicht im Bayerischen Wald, sondern zu weit davor. Aber ich sage nichts. Wir besuchen einen Ameisenpfad, eine Art Erlebnisspaziergang zum Thema Ameise durch den Wald. Erstellt von hiesigen Sozialpädagogen, ich denke an die Menschen, die mir hier früher begegnet sind und beiße mir schon wieder auf die Zunge. Zwack, der sonst nicht sonderlich naturverbunden scheint, klettert und springt und sucht Tannenzapfen, bis er sich an einer Station eine blutige Nase holt. Strizzi kaut auf einer harten Breze und findet alles doof. Insgesamt ein gelungener Ausflug, zum Mittagessen wollen wir in den nächsten Ort. Marktplatz, klingt gut, wir müssen schnell was essen, wegen der Stimmung.

Auf dem Marktplatz großes Spektakel, die Wahl der lokalen Weißwurstkönigin. Fangruppierungen finden sich und skandieren den Namen ihrer Favoritin, auf einer großen Bühne turnen die Alleinunterhalter das Programm von BayernPlus, alle umliegenden Wirtshäuser samt Marktplatz an sich platzen aus den Nähten. Das Publikum besteht ausnahmslos aus Rentnern. Alles in allem kein Platz für uns, Otto stellt angesichts der Geräuschkulisse sofort auf Schutzschlaf bzw. Scheintod. Wir finden einen Imbisswagen und kaufen, was es gibt: bayerischen Döner aus Pulled Pork und bayerische Burger aus gegrillter Weißwurst, wahlweise mit Honig-Senf-BBQ-Sauce oder Ketchup. Ich weiß nicht, ob das erlaubt ist. Aber es ist mir auch egal, die Herausforderung bleibt, die Jungs davon zu überzeugen, dass sie genau das jetzt essen wollen. 

Den Nachmittag verbringen wir am hofeigenen Pool, Strizzi fällt ins eiskalte Wasser und straft das Schwimmbecken für den Rest der Woche aus sicherem Abstand mit bösen Blicken. Zwack ringt mit sich und seiner Kindergartenkindehre und plumpst schließlich panisch ins Nass. Zwar ist September, aber heiß, er friert sich noch einige Mal blau im Wasser, es ist eine große Freude.

Überhaupt wirft ihn dieser Urlaub weit nach vorne. Während er vor dem Lagerfeuerabend in fünf Varianten herauszufinden sucht, ob der Rauch eines Lagerfeuers ebenso giftig sei wie der eines Zimmerbrands, grillt er dann froh sein Würschtl am geschnitzten Stock und wirft juchzend Tannenzapfen in die Flammen.

Wir fahren in den Ort meiner Oma, ich bin erstaunt, wie vertraut mir die Kurven sind, der Anblick des Waldes, die Felsen. Überraschenderweise steht das Haus noch, wie immer nordseitig eingepfercht zwischen dunklen Bäumen. Beim Kramer derselbe Geruch wie damals, nur BussiBär gibt es keinen. Alte Postkarten allerdings. Die Kirche, der Friedhof, die Glasbläserei. Wir verbringen den Tag damit, Wölfe zu suchen. Das Tier, das den beiden am Besten gefällt, ist der blinkende Bagger auf dem Spielplatz. Strizzi mampft Salzzöpfe („Fingersemmeln!“), Zwack löchert den Glasbläser mit Fragen, der froh scheint, endlich mal ein Kind in seiner Werkstatt zu haben. Wir schaffen es, nichts kaputt zu schlagen.

Das Tiermuseum, an dessen Eingang ein ausgestopfter Bär vor sich hin modert, jagt mir noch immer Grusel ein. Es scheint weiter die Sonne. Erleichtert fahren wir zurück, raus, zu den Kühen. Strizzi verbietet mir noch immer, in den Stall zu gehen, fängt aber gleichzeitig an, Kälber zu füttern. Am Ende der Woche schaufelt er den Kühen das Futter vor die Nase, Zwack bringt den Kälbern Milch und fällt nicht in Ohnmacht, als sie ihm das Ohr lecken. Er schnürt alleine zu Esel, Pony und Ziegen in den Stall. Jeden Abend sitzen wir in unserem Wintergarten und gucken Sterne. Zwack wünscht sich ein Himmelbett.

Es regnet, als wir abfahren. Und weil wir weder Kühe, Kälber, Sterne, Esel, Katzen oder Himmelbetten mitnehmen können, fließen auch ein paar Tränen. Der Bayerische Wald sei schön, seufzt der in dieser Woche unglaublich gewachsene Zwack und ich stimme ihm leise zu.

Es ist so. Ich mag keine Mittelgebirge. Sie sind dunkel. Sie sind langweilig. Sie sind völlig unstrukturiert. Man fährt durch Mittelgebirge und sieht nichts, immer das gleiche Nichts. In den meisten Fällen regnet es dabei oder es hat Nebel. Immer riecht es nach LKW- Abgasen und altem Auto.

So jedenfalls holen mich die Fahrten zu meiner Oma in jedem Mittelgebirge ein. So ist es, in den Bayerischen Wald zu fahren. Im Bayerischen Wald selbst dann ist es finster, das Glitzerkind hat Mühe, die Leute auf Anhieb zu verstehen und macht einige Fehler im Sinne des Gesellschaftsgefüges. In der Kirche umdrehen, zum Beispiel. Irgendwann darf man nicht mal mehr die Blaubeeren essen, die man im Wald kiloweise für Pfannkuchen brockt, weil es über Nacht den Fuchsbandwurm gibt. Ohnehin aber bin ich davon überzeugt, dass mir sofort nach Betreten des Waldes – des Bayerischen Waldes, der gleich neben dem Haus meiner Oma beginnt – Wölfe auflauern. Auch wenn ich nicht genau weiß, wie sie aussehen.

Die Wohnung meiner Oma, das gesamte Wohnhaus eigentlich, modert, der Holzofen vermag das Klamme nicht zu vertreiben, auch im Sommer ist es kalt. An schönen Tagen finde ich Glassteine in der Zufahrt zum Haus, alle anderen Tage schmecken nach Diätlimo und seelenlosen Salzzöpfeln. Über dem Bett hängt ein furchteinflößendes Marienbild in einem goldenen Plastikrahmen, das Schlafzimmer ist immer dunkel. Nur der Schrank riecht verheißungsvoll nach Schokolade, die ich nie finde. Aber ich suche auch nicht richtig, weil Maria mich schmerzverzerrt beobachtet, wie ich nicht Mittagsschlaf halte, sondern Omas Schrank durchwühle. Überhaupt, viel Maria.
Meistens schleiche ich heimlich in den Kohlenschuppen, in dem auch Werkzeug und andere interessante Dinge vor sich hin modern. Dort fürchte ich mich ein bisschen, bin aber sicher. Wovor auch immer. Vor dem Draußen.

Es gibt keinen Fußgängerweg, deshalb laufen wir an der Straße entlang zum Bäcker, eigentlich ein Kramerladen, um die Salzzöpfel und ab und zu einen BussiBär zu erstehen. Ich rieche abgestandene Verlockungen.

Und jetzt machen wir Urlaub. Im Bayerischen Wald. Weil wir ja diesmal keine richtigen Berge brauchen. Ein Bauernhof sollte es sein, ich bestehe darauf, dass er wenigstens im Internet ein wenig Weite aufweist, nicht zu nah an zu Hause ist und nicht so weit hinten drin liegt wie der Heimatort meiner Oma.
Wir buchen uns in die Nähe eines Ortes, der früher nur aus Stau bestand. Und am Morgen der Abfahrt überlege ich, ob das eine gute Idee war. Ob es schon Gäste- oder nur Fremdenzimmer gibt. Hinter Deggendorf holen mich alle Gerüche und alles Finstere wieder ein. Ich nehme mir fest vor, dem Wald und dem Kinderurlaub im Wald eine Chance zu geben. Klischees gibt es ohnehin genug und wer weiß, vielleicht sind meine Kindheitserinnerungen gar nicht real.

nein,Es ist so. Der Zwack wartet sehnsüchtig auf Weihnachten. Er versucht, über das Sichvorlesenlassen von Weihnachtsbüchern, das lauthalse Singen von Weihnachtsliedern und das Einfordern von Plätzchen das Fest herbeizuzwingen. Wieso? Weil Winter cool sei, weil er auf einmal Schnee gerne habe, Ski fahren lernen wolle, blabla – kurz: er wünsche sich einen Polizeihubschrauber aus kleinem LEGO und an Weihnachten gebe es Geschenke.
Weil es Sonntagmorgen halb sechs ist, schlage ich vor, er solle schonmal anfangen, seinen Wunschzettel an das Christkind zu malen. Er wolle aber keinen Wunschzettel, nein, doof, er wolle einen Polizeihubschrauber. Ich frage, wie das Christkind ohne Wunschzettel wissen solle, was es mitbringen solle. Und dass das Christkind vielleicht der Meinung sei, er brauche unbedingt einen kratzenden Wollpulli oder ein Bibi und Tina-Hörspiel, wenn er keinen Wunschzettel male. Er schaut mich ungläubig an, einen kurzen Moment denke ich, ich habe übertrieben und er hält das Christkind nun für völlig unzurechnungsfähig. Er geht schweigend LEGO spielen und singt „O Tannenbaum“.

Später am Vormittag, Weihnachten noch immer in weiter Ferne, fragt der Zwack mit Blick auf Otto, ob er auch keinen Schnuller gehabt habe. Und wieso. Weil nämlich, der Bertl, der habe einen Schnuller gehabt. Und dann. KAM DIE SCHNULLERFEE! Und habe den Schnuller mitgenommen und dem Bertl ein GESCHENK dagelassen. EIN GESCHENK! Nämlich das große Feuerwehrauto mit den Blinkern, das diese Geräusche macht. Und nur, weil er, Zwack, nie einen Schnuller gehabt habe, habe er, Zwack, auch nie ein Geschenk von der Schnullerfee bekommen. Das sei voll unfair, eigentlich, und ob die Schnullerfee ihm jetzt nicht noch ein Geschenk bringen könne. Müsse. Einen Polizeihubschrauber aus kleinem LEGO zum Beispiel. Ich frage ihn, ob er sich daran erinnere, dass der Bertl am Anfang das Feuerwehrauto ignoriert oder angeschrien habe, weil er lieber seinen Schnuller zurückwollte und die Schnullerfee ziemlich doof fand. Hmpf.

Nachmittag. Mama, wie man sich eigentlich einen Zahn ausschlagen könne. ?! Vielleicht mit dem Skateboard, oder, Mama? Ja, weil der Paul, der habe sich jetzt einen Zahn ausgeschlagen. Mit dem Skateboard. Und der Tom aus der Vorschulgruppe, der habe auch einen Zahn verloren. Ohne Skateboard. Aber dann. KAM DIE ZAHNFEE! Und habe den Zahn mitgenommen und dem Tom ein GESCHENK dagelassen. Deswegen, wenn er sich jetzt einen Zahn ausschlüge, dann könne ihm die Zahnfee ein Geschenk bringen. Er habe ja ziemlich viele Zähne, eigentlich. Oder. Aber er habe keinen Polizeihubschrauber aus kleinem LEGO.
Der Wunsch war ziemlich dringend, an diesem Sonntag.

Am Montag aber will der Zwack auf einmal dringend ein Laserschwert. Ob er eins haben könne. Ein großes, mit so einem Knopf, das dann leuchte und Geräusche machte. Wie StarWars. Zum Kämpfen. Und dann wolle er gerne in einem Verein, in dem man Kämpfen lernt, kämpfen mit dem Laserschwert lernen, ob es einen StarWars-Verein in München gebe. Ich schlage vor, er solle das Laserschwert auf seinen Wunschzettel an das Christkind malen. Wieder ein ungläubiger Blick. Nein, doof, weil das Christkind bringe nur Frieden und er wolle aber so ein Schwert. Dann wünsche er es sich lieber zum Geburtstag. Oh Mann, so spät!

Nun denn. Bis Weihnachten ist ja noch ein bisschen Zeit.

[Epilog Strizzi auf die Kombination: Brav sein – Christkind – Geschenke: „Wenn ich Geschenke kriege, bin ich brav. Sonst mach ich Quatsch.“]

 

Es ist so. Ob Oma auch die versprochenen Rohrnudeln mache, wenn sie jetzt hier übernachte. Und die Vanillesauce. Vor allem die Vanillesauce. Es ist drei Uhr morgens, draußen gewittert es den ersten Herbst des Sommers. Der Zwack weiß, dass es Rohrnudeln erst gibt, wenn es wieder kühler wird. Also jetzt. Also spätestens morgen.
Die Sorge rund um die Rohrnudeln treibt ihn um, nicht ganz unberechtigt,  Hefeteig ist nicht ihrs, Vanillesauce auch nicht – aber für die Enkel, natürlich. Irgendwann schläft der Zwack wieder ein, um gleich nach dem Aufwachen seine Oma zu wecken und zu klären, ob sie denn dann heute die Rohrnudeln mache, ja, mit Vanillesauce und in diesem Buch sei das Rezept und jetzt könne man doch Marmeladenbrote frühstücken.
Strizzi frühstückt kaum an diesem seltsamen Morgen, er wirkt besorgt, auch das Mittagessen lässt er ausfallen. Erst als Tim wiederkommt, bekommt er wieder Appetit.

Irgendwann zwischen Gewitter und Vanillesauce und von all dem nichts ahnend schlüpft ein paar Straßen weiter Otto auf die Welt. Die Kleine heißt natürlich nicht Otto, sondern nur hier für Sie und ein bißchen für den Zwack, der gerne wollte, dass sie Otto hieße. Wenn sie schon einen Strich durch seinen „Ich will fünf Jungs sein!“-Wunsch macht. Und irgendwann vielleicht rosa mag. Oder ihm die Vanillesauce wegfuttert. Noch bleibt was übrig. Und es bleibt spannend.
Herzlich willkommen.

Es ist so. Im Drogeriemarkt gibt es Schaumbäder. Das ist praktisch, denn ich bin auf der Suche nach einem Schaumbad für die Kurzen. Die meisten Schaumbäder allerdings sind für Prinzessinnen. Oder von Elfen. Oder einfach so rosa. Oder voller Glitzer. Nicht, dass ich etwas gegen Glitzer hätte. Aber der Zwack. Der Zwack ist nämlich ein Junge. Und das ist ihm wichtig, spätestens seit dem Kindergarten. Und rosa ist eine Mädchenfarbe. Lila auch. Glitzer sowieso. Und Mädchen sind doof, nein, anders: „Jungs sind cool, Mädchen sind stuhl!“ So jedenfalls bringt es der Zwack aus dem Kindergarten mit, zusammen mit „Jungs gegen Mädchen – Mädchen gegen Jungs“. Das nämlich rappen die Horties.

Mädchen sind also seltsam. Am Spielzeugtag zum Beispiel. Jeden Freitag darf man Spielzeug mit in den Kindergarten bringen. Ein schlimmer Tag. „Mama, der Marcel hatte einen Dinosaurier dabei, der von selbst laufen und brüllen kann! Wann ist wieder Weihnachten?“ Spielzeug aus der Hölle. Der Zwack steckt meistens sein Lieblingsauto in die Tasche oder einen Gespensterschlüsselanhänger. Das Gespenst heißt Gert. Irmela hingegen, berichtet der Zwack, habe nie richtiges Spielzeug dabei. Immer nur eine Puppe. Ob eine Puppe nicht auch Spielzeug sei, frage ich. Zwack guckt mich an, als wäre ich nicht ganz dicht. Eine Puppe? Spielzeug? Nein! Damit könne man doch nicht spielen. Die könne man nur immer so rumtragen.

Und überhaupt, ungerecht sei das mit den Mädchen. Er nämlich wolle auch mal ein Baby im Bauch haben. Und nur, weil er ein Junge sei, ginge das nicht. Er wolle auch mal Mama werden. Oder wenigstens Oma. Schließlich sei das auch viel praktischer, weil Männer nämlich ohnehin schon den größeren Bauch hätten, da passe ein Baby viel besser rein.

Strizzi hingegen versteht die ganze Aufregung nicht. Er ruft angesichts dicker Männer gerne mal „MAMA! Der hat ein Baby im Bauch!!!“ und wahrscheinlich hätte er auch nichts gegen ein rosa Schaumbad mit Glitzer. Er würde wohl hoffen, dass ihm davon endlich auch so „große Haare“ wie der Bella wachsen. Oder Ohrringe. Wünsche, die der Zwack wütend wegschnaubt, wobei er traurig auf seinen Bauch guckt.
Schaumbad habe ich übrigens keins mehr gefunden, schon gar keines, das hier zur Auflösung hätte beitragen können. Aber das Feuerwehrshampoo habe ich auch im Regal gelassen. Vielleicht finde ich ja irgendwo mal ein Kinderschaumbad. In grün. Nicht für Prinzessinnen oder Piraten. Für Kinder.

Es ist so. Fenchelrisotto, sagt der Zwack, ob wir mal Fenchelrisotto kochen könnten. Ich habe wahrscheinlich ähnlich verwirrt geguckt, wie Sie gerade, mit dem Unterschied, dass ich weiß – und nicht nur vermute –, dass der Zwack Fenchel derzeit nicht sonderlich schätzt.

Das Fenchelrisotto stammt aus einem Buch beziehungsweise Hörspiel, in dem ein kleiner Freuerdrache mit seinen Freunden mittels Laserphaser zu den Dinosauriern reist, um einen Tyrannosaurus Rex zu treffen. Seine Freunde sind ein Stachelschwein und ein Fressdrache, der Vegetarier ist, weil Fleischallergie, was seine Eltern nicht wirklich goutieren („Schlimm genug, dass unser Sohn VEGETARIST ist!“). Sie finden einen Tyrannosaurus Rex, der – im Gegensatz zum Fressdrachen – ein nicht-geouteter Vegetarier ist. Deswegen hat er furchtbare Angst vor den anderen T-Rex-Echsen und davor, aufzufliegen. Und – Sie ahnen es – er kocht. Provenzalisch, kulinarisch – vegetarisch. So heißt es jedenfalls in dem Lied, das zu dieser Geschichte gehört. Keine Kinderbuchreihe ohne Musik-CD. Der vegetarische T-Rex kocht auch für das Sommerfest der Tyrannos und Tyrannas (so jedenfalls werden die Dinos vom Ober-Dino begrüßt) und zwar Mettbällchen (auch vegetarisch, aber gut getarnt), Rote-Bete-Salat und: Fenchelrisotto.

Auf dem Sommerfest findet dann das offizielle Outing statt und wenn sie nicht gestorben sind – äh, egal.
Ach so – natürlich auch keine Kinderbuchreihe ohne Kochbuch. Es erscheint logisch, dass die Kuh, deren Kochbuch wir im Schrank haben, vegetarisch kocht. Das Dino-Drachen-Kochbuch ist auch vegetarisch. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag den Drachen und seine Freunde, die Bücher und Geschichten. Aber ich freue mich auch, dass wir langsam in das Pumuckl-Alter kommen. Wo sich jemand über Schokolade und Limo freut. Zwar auch mal Bauchweh davon kriegt, deswegen aber noch lange kein Fenchelrisotto herbeisehnt. (Ich übrigens mag Fenchel. Auch im Risotto. Der Zwack mag als Risotto nix, was er sonst gerne vielleicht gerne äße, das ist zurzeit ohnehin eher spontaner Natur.)

Aber – es gibt auch Lichtblicke beim Feuerdrachen. Die Wetterhexe zum Beispiel, deren Lied sich folgendermaßen singt: „Lebe böse mit Getöse/ im Leben ist nix Gutes drin! Gut sein, das ist völlig öde/ böse ist der Lebenssinn! (…) Ja, Kleiner, so ist das in echt! (…)“ Nicht, dass ich das so unterschreiben würde, aber Strizzi findet das lustig. Ob es der Reim böse – Getöse ist, oder die Tatsache, dass er hier seinen Freifahrtschein fürs Frechsein hört, weiß ich nicht. Aber er hört auch bei den Dinosauriern nicht in erster Linie „Fenchelrisotto“, sondern die T-Rexe, die hungrig „METT!BÄLL!CHEN! METT!BÄLL!CHEN!“ skandieren und gibt das gerne zum Besten, wenn er Hunger hat. Strizzi findet auch Vegetarier lustig. „Der Dino esst kein Fleisch! Hihihi.“ Er hingegen verdrückt gerne mal drei Portionen Rote-Bete-Salat. Wenn es ihm zu mühsam ist, die Erbsen aus den Nudeln zu pulen.

Ich weiß gar nicht genau, wieso ich das schreibe. Jedenfalls habe ich jetzt Lust auf Schokolade. Und: wovon ernähren sich eigentlich Stachelschweine?

Lieber Herr Kärcher,

bisher sind wir nicht zusammengekommen. Mein Tischameisenbären-StartUp wollten Sie seinerzeit nicht unterstützen – Schwamm drüber. Seit vier Jahren versagen Sie zu Muttertag, dabei erwarte ich nichts sehnlicher als ein Gerät aus Ihrem Hause, das Tisch, Kind und Boden gleichzeitig sauber kriegt. Sie bringen lieber einen neuen Werkstattsauger auf den Markt – geschenkt.

Jetzt aber habe ich eine Aufgabe, deren Lösung ich hiermit gerne bestellen möchte. Zwack hat Geburtstag und wünscht sich einen Roboter. Einen Roboter, der Kinderspielzeug aufhebt, sortiert, aufräumt, anschließend saugt und den Boden sauber schießt. (Ich musste erst bei „schießen“ an Sie denken, interessant, nicht wahr? Sowas können Sie doch, vorortweise, erzählt man sich.) Lämpchen soll er haben und piepsen darf er auch. Unbedingt. Anleihen bei Spiderman und Dinosauriern oder Drachen erwünscht.

Gerne darf er auch Retter in höchster kindlicher Not sein und auf „MAMAAAAAAAAAAA! KOMM BITTE! KOMM SCHNELL!!!!“ reagieren. Zum Beispiel nachts um vier, wenn Strizzi lauthals daran verzweifelt, ins elterliche Schlafzimmer umziehen zu wollen. Dann dürfte der Roboter die Gründe der Verzweiflung ausräumen. Also für den Strizzi Fußball, Puppe, Gorilla, Schaf, Lieblingsauto, Gutenachtbuch und Trinkflasche transportieren. Das schafft er alleine nämlich sonst nicht. (Gerne darf er – sobald Strizzi wieder eingeschlafen ist – diese Dinge per Aufräumfunktion auch aus meinem Bett entfernen.)

Und weil ich Sie schon geifernd fragen höre, nein, Fenster putzen muss er nicht und die Zeitung hole ich auch selbst. Über eine grüne-Daumen-Funktion können wir uns unterhalten und: er könnte uns manchmal noch Fragen beantworten. Zum Beispiel, wieso man zwei Nasenlöcher hat. Das ist doch jetzt nicht zuviel verlangt, oder? Na bitte. Der Geburtstag ist bald.  Einpacken kann ich das Ding selber.

Vielen Dank.

Hochachtungsvoll,

glitzer