Es ist so. Ich mag keine Mittelgebirge. Sie sind dunkel. Sie sind langweilig. Sie sind völlig unstrukturiert. Man fährt durch Mittelgebirge und sieht nichts, immer das gleiche Nichts. In den meisten Fällen regnet es dabei oder es hat Nebel. Immer riecht es nach LKW- Abgasen und altem Auto.

So jedenfalls holen mich die Fahrten zu meiner Oma in jedem Mittelgebirge ein. So ist es, in den Bayerischen Wald zu fahren. Im Bayerischen Wald selbst dann ist es finster, das Glitzerkind hat Mühe, die Leute auf Anhieb zu verstehen und macht einige Fehler im Sinne des Gesellschaftsgefüges. In der Kirche umdrehen, zum Beispiel. Irgendwann darf man nicht mal mehr die Blaubeeren essen, die man im Wald kiloweise für Pfannkuchen brockt, weil es über Nacht den Fuchsbandwurm gibt. Ohnehin aber bin ich davon überzeugt, dass mir sofort nach Betreten des Waldes – des Bayerischen Waldes, der gleich neben dem Haus meiner Oma beginnt – Wölfe auflauern. Auch wenn ich nicht genau weiß, wie sie aussehen.

Die Wohnung meiner Oma, das gesamte Wohnhaus eigentlich, modert, der Holzofen vermag das Klamme nicht zu vertreiben, auch im Sommer ist es kalt. An schönen Tagen finde ich Glassteine in der Zufahrt zum Haus, alle anderen Tage schmecken nach Diätlimo und seelenlosen Salzzöpfeln. Über dem Bett hängt ein furchteinflößendes Marienbild in einem goldenen Plastikrahmen, das Schlafzimmer ist immer dunkel. Nur der Schrank riecht verheißungsvoll nach Schokolade, die ich nie finde. Aber ich suche auch nicht richtig, weil Maria mich schmerzverzerrt beobachtet, wie ich nicht Mittagsschlaf halte, sondern Omas Schrank durchwühle. Überhaupt, viel Maria.
Meistens schleiche ich heimlich in den Kohlenschuppen, in dem auch Werkzeug und andere interessante Dinge vor sich hin modern. Dort fürchte ich mich ein bisschen, bin aber sicher. Wovor auch immer. Vor dem Draußen.

Es gibt keinen Fußgängerweg, deshalb laufen wir an der Straße entlang zum Bäcker, eigentlich ein Kramerladen, um die Salzzöpfel und ab und zu einen BussiBär zu erstehen. Ich rieche abgestandene Verlockungen.

Und jetzt machen wir Urlaub. Im Bayerischen Wald. Weil wir ja diesmal keine richtigen Berge brauchen. Ein Bauernhof sollte es sein, ich bestehe darauf, dass er wenigstens im Internet ein wenig Weite aufweist, nicht zu nah an zu Hause ist und nicht so weit hinten drin liegt wie der Heimatort meiner Oma.
Wir buchen uns in die Nähe eines Ortes, der früher nur aus Stau bestand. Und am Morgen der Abfahrt überlege ich, ob das eine gute Idee war. Ob es schon Gäste- oder nur Fremdenzimmer gibt. Hinter Deggendorf holen mich alle Gerüche und alles Finstere wieder ein. Ich nehme mir fest vor, dem Wald und dem Kinderurlaub im Wald eine Chance zu geben. Klischees gibt es ohnehin genug und wer weiß, vielleicht sind meine Kindheitserinnerungen gar nicht real.

nein,Es ist so. Der Zwack wartet sehnsüchtig auf Weihnachten. Er versucht, über das Sichvorlesenlassen von Weihnachtsbüchern, das lauthalse Singen von Weihnachtsliedern und das Einfordern von Plätzchen das Fest herbeizuzwingen. Wieso? Weil Winter cool sei, weil er auf einmal Schnee gerne habe, Ski fahren lernen wolle, blabla – kurz: er wünsche sich einen Polizeihubschrauber aus kleinem LEGO und an Weihnachten gebe es Geschenke.
Weil es Sonntagmorgen halb sechs ist, schlage ich vor, er solle schonmal anfangen, seinen Wunschzettel an das Christkind zu malen. Er wolle aber keinen Wunschzettel, nein, doof, er wolle einen Polizeihubschrauber. Ich frage, wie das Christkind ohne Wunschzettel wissen solle, was es mitbringen solle. Und dass das Christkind vielleicht der Meinung sei, er brauche unbedingt einen kratzenden Wollpulli oder ein Bibi und Tina-Hörspiel, wenn er keinen Wunschzettel male. Er schaut mich ungläubig an, einen kurzen Moment denke ich, ich habe übertrieben und er hält das Christkind nun für völlig unzurechnungsfähig. Er geht schweigend LEGO spielen und singt „O Tannenbaum“.

Später am Vormittag, Weihnachten noch immer in weiter Ferne, fragt der Zwack mit Blick auf Otto, ob er auch keinen Schnuller gehabt habe. Und wieso. Weil nämlich, der Bertl, der habe einen Schnuller gehabt. Und dann. KAM DIE SCHNULLERFEE! Und habe den Schnuller mitgenommen und dem Bertl ein GESCHENK dagelassen. EIN GESCHENK! Nämlich das große Feuerwehrauto mit den Blinkern, das diese Geräusche macht. Und nur, weil er, Zwack, nie einen Schnuller gehabt habe, habe er, Zwack, auch nie ein Geschenk von der Schnullerfee bekommen. Das sei voll unfair, eigentlich, und ob die Schnullerfee ihm jetzt nicht noch ein Geschenk bringen könne. Müsse. Einen Polizeihubschrauber aus kleinem LEGO zum Beispiel. Ich frage ihn, ob er sich daran erinnere, dass der Bertl am Anfang das Feuerwehrauto ignoriert oder angeschrien habe, weil er lieber seinen Schnuller zurückwollte und die Schnullerfee ziemlich doof fand. Hmpf.

Nachmittag. Mama, wie man sich eigentlich einen Zahn ausschlagen könne. ?! Vielleicht mit dem Skateboard, oder, Mama? Ja, weil der Paul, der habe sich jetzt einen Zahn ausgeschlagen. Mit dem Skateboard. Und der Tom aus der Vorschulgruppe, der habe auch einen Zahn verloren. Ohne Skateboard. Aber dann. KAM DIE ZAHNFEE! Und habe den Zahn mitgenommen und dem Tom ein GESCHENK dagelassen. Deswegen, wenn er sich jetzt einen Zahn ausschlüge, dann könne ihm die Zahnfee ein Geschenk bringen. Er habe ja ziemlich viele Zähne, eigentlich. Oder. Aber er habe keinen Polizeihubschrauber aus kleinem LEGO.
Der Wunsch war ziemlich dringend, an diesem Sonntag.

Am Montag aber will der Zwack auf einmal dringend ein Laserschwert. Ob er eins haben könne. Ein großes, mit so einem Knopf, das dann leuchte und Geräusche machte. Wie StarWars. Zum Kämpfen. Und dann wolle er gerne in einem Verein, in dem man Kämpfen lernt, kämpfen mit dem Laserschwert lernen, ob es einen StarWars-Verein in München gebe. Ich schlage vor, er solle das Laserschwert auf seinen Wunschzettel an das Christkind malen. Wieder ein ungläubiger Blick. Nein, doof, weil das Christkind bringe nur Frieden und er wolle aber so ein Schwert. Dann wünsche er es sich lieber zum Geburtstag. Oh Mann, so spät!

Nun denn. Bis Weihnachten ist ja noch ein bisschen Zeit.

[Epilog Strizzi auf die Kombination: Brav sein – Christkind – Geschenke: „Wenn ich Geschenke kriege, bin ich brav. Sonst mach ich Quatsch.“]

 

Es ist so. Ob Oma auch die versprochenen Rohrnudeln mache, wenn sie jetzt hier übernachte. Und die Vanillesauce. Vor allem die Vanillesauce. Es ist drei Uhr morgens, draußen gewittert es den ersten Herbst des Sommers. Der Zwack weiß, dass es Rohrnudeln erst gibt, wenn es wieder kühler wird. Also jetzt. Also spätestens morgen.
Die Sorge rund um die Rohrnudeln treibt ihn um, nicht ganz unberechtigt,  Hefeteig ist nicht ihrs, Vanillesauce auch nicht – aber für die Enkel, natürlich. Irgendwann schläft der Zwack wieder ein, um gleich nach dem Aufwachen seine Oma zu wecken und zu klären, ob sie denn dann heute die Rohrnudeln mache, ja, mit Vanillesauce und in diesem Buch sei das Rezept und jetzt könne man doch Marmeladenbrote frühstücken.
Strizzi frühstückt kaum an diesem seltsamen Morgen, er wirkt besorgt, auch das Mittagessen lässt er ausfallen. Erst als Tim wiederkommt, bekommt er wieder Appetit.

Irgendwann zwischen Gewitter und Vanillesauce und von all dem nichts ahnend schlüpft ein paar Straßen weiter Otto auf die Welt. Die Kleine heißt natürlich nicht Otto, sondern nur hier für Sie und ein bißchen für den Zwack, der gerne wollte, dass sie Otto hieße. Wenn sie schon einen Strich durch seinen „Ich will fünf Jungs sein!“-Wunsch macht. Und irgendwann vielleicht rosa mag. Oder ihm die Vanillesauce wegfuttert. Noch bleibt was übrig. Und es bleibt spannend.
Herzlich willkommen.

Es ist so. Im Drogeriemarkt gibt es Schaumbäder. Das ist praktisch, denn ich bin auf der Suche nach einem Schaumbad für die Kurzen. Die meisten Schaumbäder allerdings sind für Prinzessinnen. Oder von Elfen. Oder einfach so rosa. Oder voller Glitzer. Nicht, dass ich etwas gegen Glitzer hätte. Aber der Zwack. Der Zwack ist nämlich ein Junge. Und das ist ihm wichtig, spätestens seit dem Kindergarten. Und rosa ist eine Mädchenfarbe. Lila auch. Glitzer sowieso. Und Mädchen sind doof, nein, anders: „Jungs sind cool, Mädchen sind stuhl!“ So jedenfalls bringt es der Zwack aus dem Kindergarten mit, zusammen mit „Jungs gegen Mädchen – Mädchen gegen Jungs“. Das nämlich rappen die Horties.

Mädchen sind also seltsam. Am Spielzeugtag zum Beispiel. Jeden Freitag darf man Spielzeug mit in den Kindergarten bringen. Ein schlimmer Tag. „Mama, der Marcel hatte einen Dinosaurier dabei, der von selbst laufen und brüllen kann! Wann ist wieder Weihnachten?“ Spielzeug aus der Hölle. Der Zwack steckt meistens sein Lieblingsauto in die Tasche oder einen Gespensterschlüsselanhänger. Das Gespenst heißt Gert. Irmela hingegen, berichtet der Zwack, habe nie richtiges Spielzeug dabei. Immer nur eine Puppe. Ob eine Puppe nicht auch Spielzeug sei, frage ich. Zwack guckt mich an, als wäre ich nicht ganz dicht. Eine Puppe? Spielzeug? Nein! Damit könne man doch nicht spielen. Die könne man nur immer so rumtragen.

Und überhaupt, ungerecht sei das mit den Mädchen. Er nämlich wolle auch mal ein Baby im Bauch haben. Und nur, weil er ein Junge sei, ginge das nicht. Er wolle auch mal Mama werden. Oder wenigstens Oma. Schließlich sei das auch viel praktischer, weil Männer nämlich ohnehin schon den größeren Bauch hätten, da passe ein Baby viel besser rein.

Strizzi hingegen versteht die ganze Aufregung nicht. Er ruft angesichts dicker Männer gerne mal „MAMA! Der hat ein Baby im Bauch!!!“ und wahrscheinlich hätte er auch nichts gegen ein rosa Schaumbad mit Glitzer. Er würde wohl hoffen, dass ihm davon endlich auch so „große Haare“ wie der Bella wachsen. Oder Ohrringe. Wünsche, die der Zwack wütend wegschnaubt, wobei er traurig auf seinen Bauch guckt.
Schaumbad habe ich übrigens keins mehr gefunden, schon gar keines, das hier zur Auflösung hätte beitragen können. Aber das Feuerwehrshampoo habe ich auch im Regal gelassen. Vielleicht finde ich ja irgendwo mal ein Kinderschaumbad. In grün. Nicht für Prinzessinnen oder Piraten. Für Kinder.

Es ist so. Fenchelrisotto, sagt der Zwack, ob wir mal Fenchelrisotto kochen könnten. Ich habe wahrscheinlich ähnlich verwirrt geguckt, wie Sie gerade, mit dem Unterschied, dass ich weiß – und nicht nur vermute –, dass der Zwack Fenchel derzeit nicht sonderlich schätzt.

Das Fenchelrisotto stammt aus einem Buch beziehungsweise Hörspiel, in dem ein kleiner Freuerdrache mit seinen Freunden mittels Laserphaser zu den Dinosauriern reist, um einen Tyrannosaurus Rex zu treffen. Seine Freunde sind ein Stachelschwein und ein Fressdrache, der Vegetarier ist, weil Fleischallergie, was seine Eltern nicht wirklich goutieren („Schlimm genug, dass unser Sohn VEGETARIST ist!“). Sie finden einen Tyrannosaurus Rex, der – im Gegensatz zum Fressdrachen – ein nicht-geouteter Vegetarier ist. Deswegen hat er furchtbare Angst vor den anderen T-Rex-Echsen und davor, aufzufliegen. Und – Sie ahnen es – er kocht. Provenzalisch, kulinarisch – vegetarisch. So heißt es jedenfalls in dem Lied, das zu dieser Geschichte gehört. Keine Kinderbuchreihe ohne Musik-CD. Der vegetarische T-Rex kocht auch für das Sommerfest der Tyrannos und Tyrannas (so jedenfalls werden die Dinos vom Ober-Dino begrüßt) und zwar Mettbällchen (auch vegetarisch, aber gut getarnt), Rote-Bete-Salat und: Fenchelrisotto.

Auf dem Sommerfest findet dann das offizielle Outing statt und wenn sie nicht gestorben sind – äh, egal.
Ach so – natürlich auch keine Kinderbuchreihe ohne Kochbuch. Es erscheint logisch, dass die Kuh, deren Kochbuch wir im Schrank haben, vegetarisch kocht. Das Dino-Drachen-Kochbuch ist auch vegetarisch. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag den Drachen und seine Freunde, die Bücher und Geschichten. Aber ich freue mich auch, dass wir langsam in das Pumuckl-Alter kommen. Wo sich jemand über Schokolade und Limo freut. Zwar auch mal Bauchweh davon kriegt, deswegen aber noch lange kein Fenchelrisotto herbeisehnt. (Ich übrigens mag Fenchel. Auch im Risotto. Der Zwack mag als Risotto nix, was er sonst gerne vielleicht gerne äße, das ist zurzeit ohnehin eher spontaner Natur.)

Aber – es gibt auch Lichtblicke beim Feuerdrachen. Die Wetterhexe zum Beispiel, deren Lied sich folgendermaßen singt: „Lebe böse mit Getöse/ im Leben ist nix Gutes drin! Gut sein, das ist völlig öde/ böse ist der Lebenssinn! (…) Ja, Kleiner, so ist das in echt! (…)“ Nicht, dass ich das so unterschreiben würde, aber Strizzi findet das lustig. Ob es der Reim böse – Getöse ist, oder die Tatsache, dass er hier seinen Freifahrtschein fürs Frechsein hört, weiß ich nicht. Aber er hört auch bei den Dinosauriern nicht in erster Linie „Fenchelrisotto“, sondern die T-Rexe, die hungrig „METT!BÄLL!CHEN! METT!BÄLL!CHEN!“ skandieren und gibt das gerne zum Besten, wenn er Hunger hat. Strizzi findet auch Vegetarier lustig. „Der Dino esst kein Fleisch! Hihihi.“ Er hingegen verdrückt gerne mal drei Portionen Rote-Bete-Salat. Wenn es ihm zu mühsam ist, die Erbsen aus den Nudeln zu pulen.

Ich weiß gar nicht genau, wieso ich das schreibe. Jedenfalls habe ich jetzt Lust auf Schokolade. Und: wovon ernähren sich eigentlich Stachelschweine?

Lieber Herr Kärcher,

bisher sind wir nicht zusammengekommen. Mein Tischameisenbären-StartUp wollten Sie seinerzeit nicht unterstützen – Schwamm drüber. Seit vier Jahren versagen Sie zu Muttertag, dabei erwarte ich nichts sehnlicher als ein Gerät aus Ihrem Hause, das Tisch, Kind und Boden gleichzeitig sauber kriegt. Sie bringen lieber einen neuen Werkstattsauger auf den Markt – geschenkt.

Jetzt aber habe ich eine Aufgabe, deren Lösung ich hiermit gerne bestellen möchte. Zwack hat Geburtstag und wünscht sich einen Roboter. Einen Roboter, der Kinderspielzeug aufhebt, sortiert, aufräumt, anschließend saugt und den Boden sauber schießt. (Ich musste erst bei „schießen“ an Sie denken, interessant, nicht wahr? Sowas können Sie doch, vorortweise, erzählt man sich.) Lämpchen soll er haben und piepsen darf er auch. Unbedingt. Anleihen bei Spiderman und Dinosauriern oder Drachen erwünscht.

Gerne darf er auch Retter in höchster kindlicher Not sein und auf „MAMAAAAAAAAAAA! KOMM BITTE! KOMM SCHNELL!!!!“ reagieren. Zum Beispiel nachts um vier, wenn Strizzi lauthals daran verzweifelt, ins elterliche Schlafzimmer umziehen zu wollen. Dann dürfte der Roboter die Gründe der Verzweiflung ausräumen. Also für den Strizzi Fußball, Puppe, Gorilla, Schaf, Lieblingsauto, Gutenachtbuch und Trinkflasche transportieren. Das schafft er alleine nämlich sonst nicht. (Gerne darf er – sobald Strizzi wieder eingeschlafen ist – diese Dinge per Aufräumfunktion auch aus meinem Bett entfernen.)

Und weil ich Sie schon geifernd fragen höre, nein, Fenster putzen muss er nicht und die Zeitung hole ich auch selbst. Über eine grüne-Daumen-Funktion können wir uns unterhalten und: er könnte uns manchmal noch Fragen beantworten. Zum Beispiel, wieso man zwei Nasenlöcher hat. Das ist doch jetzt nicht zuviel verlangt, oder? Na bitte. Der Geburtstag ist bald.  Einpacken kann ich das Ding selber.

Vielen Dank.

Hochachtungsvoll,

glitzer

 

Fetzen I

„Weißt Du, Mama, Salif und ich sind Pirat.“
Strizzi (unqualifiziert von der Seite – „unqualifiziert“ merkt man an Zwacks augenrollender Antwort): „Was piraten Piraten?“
„Die können mit ihren Schwertern alles zerstören!“
„Was zerstören die?“
„Nichts.“
„Ist der Bertl auch ein Pirat?“
„Nein, der ist ein Ritter.“
„Und wieso bist Du ein Pirat und kein Ritter?“
„Weil Ritters zerstören den ganzen Tag nur Roboters und das mag ich nicht.“

 

Fetzen II

„Weißt Du, Mama, was ist Barbie?“
„Wer hat Dir von  Barbie erzählt?“
„Keiner.““Barbie ist eine Puppe, ungefähr so groß. Mit der kann man spielen, die kann man anziehen, ausziehen, umziehen, anziehen, ausziehen, umziehen, anziehen, ausziehen, umziehen, bürsten.“
„Mama – Warum gibt es Barbie?“

 

Fetzen III

„Weißt Du, Mama, Strizzi und ich sind Piraten mit einem geheimen Schatz und jetzt spielen wir FußballSterndesSüdens und dann dürfen die Baby-Igel alle in meinem Bett übernachten!“

 

 

Es ist so. Wie erinnern Sie eigentlich Ihre Kindergartenzeit? Geben Sie’s zu: es war eine gute Zeit, alles stimmig verklärt.
In der Tat aber ist Kindergarten erstmal eines: anstrengend. Der Zwack jedenfalls ist jeden Nachmittag völlig fertig, wenn er aus dem Kindergarten kommt. Der Zwack nämlich ist ein Schwamm. Er saugt alles auf, muss alles aufsaugen. Da kommt er nach Hause, den Kopf voller neuer Dinge und Fragen und Ausdrücke und war im Kindergarten zu aufgeregt zu essen und an Schlaf nicht zu denken. SCHLAF?! Nein, zur Entspannung gehe er nicht, die machten da womöglich die Tür zu und dann und überhaupt. Kurz: man könne etwas versäumen.

Am Anfang schlief er also im Bauraum ein oder im Fahrradanhänger, sobald ich ihn abgeholt hatte. Oder spätestens während des Abendessens, das  ich aber in letzter Zeit extra früh veranstaltete. Das hat sich gelegt, er schläft nur noch ab und zu ein, muss aber nach dem Kindergarten essen. ESSEN. UNGLAUBLICH VIEL ESSEN. Wenn wir nach dem Kindergarten auf dem Spielplatz sind oder Freunde besuchen, bin ich mittlerweile ausgestattet. Und abgehärtet gegen die Blicke anderer Mütter. Zum Beispiel den der Mutter, die neulich Pfannkuchen auf dem Spielplatz dabei hatte. Der Zwack hat einfach mal sieben gegessen. Und dann gefragt, ob er noch was zu essen haben könne. Zum Glück kannten wir die.

Jetzt gibt es natürlich auch Nachmittage, an denen ich ihn abhole, er müde ist, der Hunger unsättlich und dann diese Dramen: der Berti habe gesagt, er sei nicht mehr sein Freund. Oder er habe dem Paul gesagt, er sei nicht mehr sein Freund. Er habe nicht mehr mitspielen dürfen, deswegen seien alle nicht mehr seine Freunde oder weil alle nicht mehr seine Freunde waren, aber dann doch der Salif aber dann doch aber dann nicht und dann habe man eine Falle für Nathan gebaut. Tägliche Dramen. DRAMEN! Unauflösbar.

Es wird aber besser. Mittlerweile habe ich mich auf den Hunger eingestellt (Strizzi übrigens zieht einfach mit und isst auch mehr Pfannkuchen als Zwacks Freunde), wir schreiben Nicht-Mehr-Wieder-Freunden Nachrichten mit vielen Autos, der Zwack verfügt über keine einzige Hose mit intakten Knien mehr, hat Lieblingspullis mit eindeutigen Peer-Trend-Motiven und hat sein erstes Freundebuch mit nach Hause bekommen.

Diese Woche habe ich Urlaub. Bis vor Kurzem die zwacksche Forderung kam, man möge ihn doch bitte ganzganzganz früh abholen, am Besten vor dem Mittagessen. Heute habe ich gefragt, ob ich ihn früher abholen solle. Auf keinen Fall! Und auch, dass ich diese Woche mit ihm und den Strizzi STATT Kindergarten in den Zoo wolle, halte er für keine gute Idee. Und ob wir jetzt schnell in den Kindergarten fahren könnten.

Manchmal schafft er es, bis nach dem Abendessen wach zu bleiben. Angekommen. Mitten in der verklärten Kindheit. Wie beneidenswert.

 

(Ich verkläre das jetzt natürlich auch. Im Allgemeinen stellt der Kindergarten natürlich das Ende der Erziehung dar. Aber dazu habe ich ja schon in Ansätzen beschrieben.)

Es ist so. Es wird gefragt.

Zum Beispiel kurz nach Ostern, kurz nach sechs.

Ob Gott eigentlich auch tot sein könne. Und ob Gott, wenn er kein Mensch sei, dann in den Menschen drin sei. Und wie.

Ich frage vorsichtshalber zurück, ob er sich mit anderen Kindern über Gott unterhält und wenn ja, mit wem. Man will ja nicht riskieren, dass eine Fundamentalisten-Elfe sich durch protestantische Lästereien provoziert fühlt. Im Gegensatz zur ersten Frage (ich muss gestehen, Jesus samt der Dreifaltigkeit lasse ich mal außen vor, morgen ist ja auch noch ein Frühstück) vermische ich beim zweiten Fragekomplex altes und neues Testament, 10 Gebote und Bergpredigt, als wir von der Idee von und Glaube an Gott zum Handeln kommen. Es scheint einleuchtend genug. Außerdem klebt der Honig an den Fingern und lenkt von den großen Fragen der Menschheit ab.

Aber. Wie das denn jetzt eigentlich sei mit den Kanonen, weil die Horties und der Paul, die sagen, Kanonen seien gut. Zum Beispiel, wenn sie gar keine Menschen kaputt machten, sondern nur Häuser. Und weil die Ritter die Kanonen haben.  Und wenn wir eine Kanone hätten. Und wer eigentlich die Ritter seien. Und wieso die Mama vom Bertl erzählt habe, sie seien auf einer Kanone gesessen, in England, aber da sei doch gar kein Krieg, habe ich gesagt. Wieso. Und wie man mit den Händen eigentlich eine Pistole mache, weil er mache immer so (mit dem Zeigefinger), aber einer von den Horties, der mache immer so (mit Zeige- und Mittelfinger).

Und überhaupt, wie komme der Osterhase eigentlich in unser Wohnzimmer.

Dann ist Kindergarten und Blumen kaufen und Strizzi abholen und Eis essen und Spielplatz und erster Sonnenbrand und überhaupt viel Frühling. Erschöpfend schön.

Die letzte Frage des Tages, der Zwack schläft fast auf dem Küchenboden: „Mama, was ist eigentlich StarWurst?“

Es bleibt viel zu ergründen.

Es ist so. Der Zwack hat sich nun lange mit Leben, Tod, Wiedergeburt und dem Geheimnis des Lebens in Bäuchen beschäftigt. Dazu gehört natürlich auch die himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass er nie ein Baby im Bauch wird haben können, also weder Mama noch Oma werden kann. Dabei hätten Männer doch viel mehr Platz für Babies im Bauch, schließlich seien sie dicker! Oder, Mama!
(Es gibt ja diese dreijährigen Skinny-Jeans-Jungs. Der Zwack gehört nicht dazu. Er hat einen Freund, der gerade auf Fastenzeit gesetzt wird. Sogar Strizzi verdrückt mehr als dieser Freund – zum Beispiel in Pfannkuchen – , vom Zwack ganz zu schweigen. Aber davon ein ander Mal.)

Jedenfalls, nach diesen großen Themen sitzt der Zwack am Frühstückstisch und sagt: „Mama, Robin Hood.“ Jajaja, endlich leichte Kost, werden sie denken. Helden in Strumpfhosen! Disney! Abenteuerspaß! Und mir fällt auch prompt einer von zwei feststehenden Sätzen aus dem Englischunterricht ein: „He robbed the rich to help the poor“. Was der gemacht habe.
Ich übersetze meinen Satz und veranschauliche das mit einem schlechten Beispiel. Dann fällt mir ein besseres ein, Zwacksche Autos. Dass es doch aber den Robin Hood gar nicht mehr gebe und dass er deswegen auch nicht zehn Zwacksche Autos (also ungefähr die Menge, die er jeden Tag in seinen diversen Jackentaschen rumschleppt) einem Kind geben könne, das gar keine Autos habe. Überhaupt, er kenne nur Kinder, die mehr Autos hätten als er. Zum Beispiel der Paul.
Ich erwidere, dass es Leute gebe, die die Idee von Robin Hood aber durchaus noch für nachahmenswert hielten, auch wenn es Robin Hood selbst nicht mehr gebe. Der Zwack kaut nachdenklich sein Brot.

Pfffff, was soll das, denken Sie. Easy, oder.

Mama, was macht die Polizei zu Robin Hood? Stören Sie sich nicht an der Grammatik. Der Zwack nutzt diese Formulierung für alles. Was machen Astronauten zu Kindern? Was machen Hunde zu Katzen? Und so weiter. Stellen Sie sich vielmehr vor, dass da ein Kind am Frühstückstisch sitzt, das mich seit viertel nach fünf wach hält. Jetzt stellt dieses Kind mich vor die Aufgabe, in dreijährig-gerechtem Happen den Unterschied zwischen „Recht“ (verkürzt Polizei) und „Gerechtigkeit“ (verkürzt Robin Hood) zu erklären. Und der Zwack natürlich selbst im Grunde seines Herzens noch in der Polizisten-Phase.
Seltsamerweise schluckt der Zwack meine Ausführungen zwischen „richtig“ und „gut“ ohne große Widerworte mit nur wenig Nachfragen.

Ein Brot später die Frage: „Mama, gibt es böse Polizei? Und gute?“ Ich bin ja davon überzeugt, dass dem so ist, einfach auch, weil’s menschelt. Vielleicht hätten wir ihm auch Jan Böhmermann vorenthalten sollen – „Polizei macht, was Polizei will“.
Aber statt tiefer in „gut“ und „böse“ zu dringen, möchte der Zwack nur wissen, was böse Polizisten zu Kindern machen. Endlich wirft Strizzi sein Glas um und unterbricht die Litanei. Jedenfalls bis 30 Minuten später, wo ein Zwack aus dem Fahrradanhänger penibel eine Frage nach der anderen zu Recht, Gesetz und Strafe stellt. Alles erst der Anfang. Wenn Sie mir gut Philosophen empfehlen wollen, nur zu. Wenn Sie mir außerdem verraten können, welche Birne Dreijährigen von Robin Hood erzählt – JEDERZEIT!

Gleichwohl, der Nachmittag verläuft unethisch, kindlich-kreativ. Zwack malt Fensterbilder. Aus Schnupfen. Ich freue mich fast darüber, reiche Taschentücher und Kekse.