Es ist so. Seit acht Wochen denke ich an morgen und muss heulen. Rotz und Wasser. Wir wechseln Kinderkrippe. Und ich sehe diesen wundervollen Zwack und habe Angst, dass sie ihn in der neuen Kinderkrippe nicht so wundervoll sein lassen. Das ist wahrscheinlich Quatsch.

Wundervoll derzeit außerdem: Danielle. Zwacks Freundin, Kinderpflegerin in seiner Gruppe, ein sprühendes Herz. Hoch begeistert von Kindern im Allgemeinen und vom Zwack. Seit der Zwack spricht, erzählt er oft von Danielle. Was sie singt, was sie sagt. Oh mei, Frau Meier. Sagt Danielle. Manchmal turnt er sie nach. Danielle so! Fuchtel, fuchtel, törööö. Einmal holte ich einen sehr sehr sehr müden Zwack ab. Kleinlaut schlich Danielle auf mich zu, Zwack habe kaum geschlafen, es sei ihre Schuld. Sie hätten sich verratscht, weil sie sich so lange nicht gesehen hätten und dann sei es so lustig gewesen und  schwupps! sei die Schlafenszeit wieder vorbei gewesen, es täte ihr leid.
Kurz: Zwack liebt Danielle. Und deswegen liebe ich Danielle auch.

Und jetzt wechseln wir Krippe.

Wahrscheinlich ist es so, dass ich heule, der Zwack aber wie immer rausmarschiert, dann eine Woche frei hat und sich anschließend vielleicht wundert, wieso wir morgens irgendwo anders hinfahren. Ich weiß gar nicht, ob sein Zeitgefühl schon lange Abschiede bemerkt oder einordnen kann.

Ich frage ihn, ob er Danielle ein Bild malen möchte. Er malt. Schaufeln. Baggerschaufeln. Viele grüne Baggerschaufeln. Einen lila Berg Erde. Als er anfängt, Geräusche zwischen die Schaufeln zu malen, überlege ich, ob vielleicht nicht das ganze Wunder Zwack von Danielle kommt. Ob er vielleicht von ganz alleine, für sich selbst so wundervoll ist. Und so weiterwächst.

Als ich das Bild einpacke, heule ich trotzdem.

Es ist so. Ich kenne diesen Flughafen. Ich bin hier ein Dutzend Mal abgeflogen, weiß, was mich erwartet, im Prinzip. Über fünf Passkontrollen, drei Security-Checks und diverse Warteschlangen oder –Haufen. Dazwischen stehen überall Leute und packen ihr Gepäck um. Zwei erlaubte Gepäckstücke à 23 Kilo pro Fluggast scheinen schier nicht umzusetzen.

Diesmal sind es viele Leute, sehr viele. Ich stehe kurz nach der ersten Passkontrolle hinter dem Eingang, warte in der Check-In-Schlange eine Stunde während das sofortige Boarding aufgerufen wird, eine knappe weitere, bis ich in der Reihe vor irgendeinem Schalter stehe. Je näher ich an die Schalter komme, umso lauter werden die vertrauten „Cheick!“-Rufe. Cheick ist die Person, die sich mit allen Computern und ihren Fehlern auskennt. Heute ertönt eine Dauer-„Cheick!“-Schleife.

Dafür scheint heute auch ein zweiter Cheick im Einsatz, dessen Namen ich nicht kenne. Cheick Zwo bietet dem Herrn vor mir fünfhundert Euro bar, wenn er heute nicht fliegt oder aber einen Gutschein und eine Übernachtung im Hotel, falls er pokert, auf die Warteliste gesetzt zu werden. Es sind noch fünfundvierzig Minuten bis Abflug, ich habe online einen Sitzplatz gesichert und möchte nur noch mein Gepäck abgeben, bekomme also keine fünfhundert Euro geboten. Und bleibe relativ ruhig. C’est comme ça, chez nous.

Mein erstes Gepäckstück bereitet keine Probleme. Bis Paris, fragt die Dame, als der Koffer schon auf dem Förderband von dannen fährt. Frankfurt, sage ich und denke sofort, es könnte ein Fehler gewesen sein. Voilà, schon kann die Dame mein zweites Gepäckstück nicht mehr registrieren. Zum einen, weil das andere nach Paris geht, zum anderen, weil mein Flug nach Frankfurt annulliert wurde und nicht mehr im System erscheint. Bevor sie „Cheick!“ rufen kann, versichere ich ihr, dass sie auch alles nach Paris schicken könne, das sei mir egal. Nein, jetzt ginge mit meinen Daten im Moment gar nichts mehr. Ich solle warten.
Ich stehe neben meinem zweiten Koffer und warte, frage mehrmals nach, ob sie das Problem schon jemandem signalisiert habe, ernte genervte Blicke. Auch der Flughafenmann neben mir versichert mir, ich würde schon abheben, heute.

Cheick Zwo vertickt weiterhin Gutscheine wegen der Überbuchung. Cheick himself wirft immer nur einen kurzen Blick auf den Bildschirm, der aber in Ordnung ist, während die Dame munter andere Leute eincheckt.
Irgendwann erscheint Cheick Zwo, lässt sich das Problem erklären und findet heraus, was alle wissen: dass mein Flug annulliert wurde. Er würde mal nachsehen, schnappt meinen Pass und huscht weg, während ich noch versuche, ihm die neuen Flugdaten hinterherzurufen.

Zwanzig Minuten vor Abflug kommt er wieder, meint, der Flug sei annulliert, ich sei schon umgebucht, aber das Gepäck, das solle nun doch nur bis Paris gehen. Die Dame versucht, mein zweites Gepäckstück bis Paris zu buchen und erhält einen Gepäckanhänger bis Frankfurt. Den traut sie sich ohne Erlaubnis von Cheick Zwo nicht am Koffer zu befestigen. Ich solle warten. Cheick Zwo diskutiert die Hotelübernachtungen. Irgendwann stellt ein freundlicher Mann mein erstes, schon eingechecktes Gepäckstück neben mir ab, er habe es eben für mich aus dem Flieger herausgesucht.
Ich werde nervös. Fünf Minuten nach Abflug schickt man mich in Richtung Büro, um Cheick Zwo zu suchen, während fünf Leute in gelben Sicherheitsjacken um den Bildschirm und meine Koffer stehen. Beides – in abgeriegeltes Gebiet vorgelassen zu werden und dass so viele Leute sich nun des Problems annehmen – macht mich noch nervöser. Die Wartehalle liegt merklich leer.
Cheick Zwo folgt mir an den Schalter und macht alles noch einmal neu. Da er inzwischen wohl meinen Platz verkauft hat, sitze ich nun irgendwo anders, beide Gepäckstücke sollen nun nach Paris gehen.

Ich bedanke mich, fünfzehn Minuten nach Abflug stehe ich an der dritten Passkontrolle, dann die vierte, erster Security-Check. Dass ich spät sei, man müsse sich schon an die vorgegebenen Zeiten halten, ich sei doch Deutsche, oder?

In der Abflughalle eine Dame des Bodenpersonals, ah Madame, ob ich nun doch flöge, bis eben am Schalter habe ich den Eindruck erweckt, ich wolle meinen Aufenthalt hier verlängern. Trotz allem bin ich scheinbar zu Scherzen aufgelegt und erwidere irgendwas, was uns lachend auseinander gehen lässt. Passkontrolle Nummer fünf, aha, das sei nun aber knapp für den Flug, ob sonst alles in Ordnung sei und die Familie? Jedenfalls freue er sich, wenn er jetzt Feierabend machen könne.

Security Check Nummer zwei, huch, Madame, so knapp vor Abflug, wie es mir gefallen habe in Mali, wie lange ich da gewesen sei, ach, so lange, ob ich gearbeitet habe, ç’est bon ça, und wo der Herr Gemahl sei, guten Flug.

Security Nummer drei, ah, Jolie, so spät, ob es ein Mädchen oder ein Junge werde, so oder so, er wünsche mir einen Jungen und falls ich ihn nach ihm benennen wolle, er hieße Moussa.
Im Flieger angekommen, bleibt das Personal ganz Service. Kurz nachdem ich eingestiegen bin, die Ansage, dass das Boarding nun doch endlich abgeschlossen sei. Mein Sitznachbar sieht mich an und meint, in London würde es ohnehin regnen. Da könne man auch später ankommen. Und die Familie?

Ich fühle mich sehr zu Hause und in den Sessel versinkend vergesse ich für einen kurzen Moment, dass ich dieses Land vielleicht nie wieder betreten werde. Aber dieser Gedanke wird mich ohnehin erst in ein paar Tagen in München mit seiner Wucht einholen. Vielleicht zu dem Zeitpunkt, zu dem mein Gepäck ankommt. Falls.

Alltagewoche 1.

Ich schlafe schlecht, aber dafür zu wenig. Um fünf ist Schluss. Um Tim nicht aufzuwecken, versuche ich, weiter im Steinmodus zu verharren, lausche den Imamen und warte, bis Aufstehzeit ist. Tim schläft aber auch nicht. Seltsam. Nach einer Zeit kann man den Leuten anhören, ob sie schlafen oder nur regelmäßig atmen.

Ansonsten verläuft dieser Montag, wie so ein Montag verlaufen muss. Übergabe, Bericht, Augenringe, immer noch Genesungswünsche, der Versuch, mir ein beeindruckendes Zeugnis zu formulieren, Nachricht über Abfindung im Zuge meiner Vertragserfüllung. Später deshalb eine Diskussion mit Tim über den Club Med und Abfindungspolitiken.

Egal, alles, was an diesem Montag zählt sind: die Nilpferde. Es sind fünfundsiebzig und wir sollen sie abholen. Auf der Fahrt zum Markt berichtet mir Tim neu Grusliges aus dem Norden, nicht mal für die Nachrichten hatte ich heute Zeit.

Wir stolpern über den Markt, finden den Laden wieder, ohne uns vorher schon zu einem Kunsthandwerkkauf nötigen zu lassen. Ca va, klar erinnere er sich, er sei zwar nur der Bruder (und war letzte Woche gar nicht da), aber, kein Problem, er rufe Amadou an, ahahaha, ach, wir seien die, voilà, gut eingepackt, gute Arbeit, fünfzehn Familien Holznilpferde. Man rechnet in Familien. Überhaupt rechnet man Dinge lieber in Fünferschritten, weswegen Rechnen außerhalb der Fünf manchmal lange dauert.

Die Nilpferde sind der Hit. Alle unterschiedlich groß, dick und schief – einfach perfekt. Wir stellen sie auf den eineinhalb Quadratmetern Laden auf, der Verkäufer von gegenüber guckt ein wenig ungläubig. Vor allem später, als wir bei ihm wirklich keine Lederschachtel für unseren neuen Zoo erstehen wollen.

Fünfzehn Familien, ich fische das Post-it heraus, das unsere Anzahlung dokumentiert, zahle den Rest. Dann fragen wir nach noch zwei Nilpferden, grösser, anders, Amadous Bruder bringt gleichmal fünfzehn, pardon, drei Familien. Wir wollen nur zwei, eines hinkt, verhandeln nicht ganz gut, aber egal.

Tim will weg, ich noch eine Sonne für Mama kaufen, verschwinde einfach in einer Verkaufshöhle, das einzige Mittel, ihn aufzuhalten. Wir verhandeln die Sonne, bis der arme Verkäufer nicht mehr genau weiß, welche Zahl jetzt nach achtzehn kommt, wenn er uns einen Schritt entgegen kommen möchte, nein, wir wollen nicht auch noch den Bronzeskorpion, die zweite Maske oder die Bronzefischerstatue. Gute Laune. A la prochaine, les Allemands.

Deutsches Brot gleich gegenüber, wir versuchen, welches zu kaufen, aber die Leute in der Bäckerei sind so in ihre Diskussion vertieft, dass das gar nicht so leicht ist. Aber für hier so untypisch, dass ich lachen muss, bis auch die Diskutanten kichern.

Nach erfolgreichem Geshoppe und Feierabendverkehr bezwingen: Essen. Ich bin viel zu müde, aber letzte Woche, letztes Fonio, letztes Saka Saka, letzter Bissap. Wobei den gibt es jetzt auch als Energy Drink. Aus Deutschland. Bizz’Up. Vielleicht finde ich den ja in München. Die Liste lautet nun nicht mehr InDeutschlandUnbedingtKonsumieren, sondern: InDeutschlandVielleichtFinden.

Es ist so. Während wir in das letzte Jahr rutschten, saßen wir auf einer Dachterrasse in Ségou, unten wurde geböllert, oben wurde geguckt, irgendwann gingen wir früh ins Bett, es war warm. Dieses Jahr stehen wir in Haidhausen, gegenüber wird geböllert, drüben wird getrunken, irgendwann errate ich, dass ich Bugs Bunny bin, es regnet.

In Bamako atme ich zuerst diese Luft, diese fette, rauchige Luft. Wäre man nicht zum Arbeiten hier, röche es nach Frühling, Urlaub. Enge, Lachen, Chaos, Erinnerungen – mir dämmert, was ich in acht Wochen vermissen werde. Bonne heureuse année, Madame, ça va, taxi?

Unser Haus liegt seltsam im Dunkeln. Ca va, bonne heureuse année und die Alten und die Familie und Deutschland und die Gesundheit, es sei lange her, die Reise, die Gesundheit? Ja, selbst alles gut, ça va, jaja, die Familie und ja, das neue Jahr und das Fest und nun ja, es gebe keinen Strom. Sicherlich, alle anderen hätten Strom, aber wir, nun ja.

Während wir unser Vokabular um „Rakete“ erweitern, finden wir heraus, dass „kein Strom“ heißt, es habe gebrannt. Das Dach habe gebrannt, die Nachbarn und die Feuerwehr seien gekommen, jetzt hätten wir keinen Strom. Die Feuerwehr, bemerkenswert. Sie – wie auch die Polizei – kommt erst dann, wenn man ihnen das Benzin dafür zahlt. Diese Verhandlungen können dauern. Überhaupt, Feuerwehr: haben sie unser Dach mit unserem Gartenschlauch gelöscht? Alle Achtung. Ich erinnere mich nur entfernt an so etwas wie Wasserdruck.

Innen sieht man nichts, einerseits ist es dunkel, andererseits hat das Feuer nicht durchgeschlagen und die Stromkabel hingen schon vorher recht belanglos von der Decke. In weihnachtlicher Teelichtatmosphäre wird uns wieder klar, dass Alltag hier immer ein bisschen anstrengender war, das neue Jahr mit dem Elektriker beginnen wird, unsere mitgebrachten Käse- und Schokoladenvorräte bei 30 Grad schneller zu essen sind. Sofort.

Am nächsten Tag beginnen die Verschwörungstheorien. Wieso die Nachbarn so schnell da gewesen seien, ob es wohl ihr Querschläger war, der das Vordach schmolz, bevor sich die Strohauflage entzündete? Egal. Aber! Als man die Kinder das letzte Mal sah, bereiteten sie das Sankt Martins-Feuer vor, das sich in den Mangobaum schlug, während den Freunden mitgeteilt wurde, man sei bei diesem „German thing with the fire“. Auch egal. Sie haben unser Haus gelöscht. Quelle chance, freut sich Oumar, es hätte auch ganz abfackeln können! Wahrscheinlich hat er Recht. Und kein Strom ist ja auch eine alte Bekannte.

Frohes Neues und willkommen daheim. Ab morgen kühlen wir unseren Käse im Bürokühlschrank.

Es ist so. Tim bekommt eine Bestätigung seiner Personalabteilung, seinem Antrag auf Verlängerung seiner Stelle bis SanktNimmerlein oder um ein weiteres Jahr sei hiermit stattgegeben, hocherfreut der Abteilungsleiter. Und Frau Halloooo. Frau Halloooo arbeitet in der Personalabteilung und schreibt Mails mit ebenjener Anrede.

Wir wollten hier nicht bleiben, nicht noch ein Jahr voll Malaria, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, Schimmel, wildgewordenen Hefepilzen, Typhus, Hitze, Staub, falschen Polizisten, Cholera und NeueFirma. Nicht noch ein Jahr ohne Familie, Freunde, Schnee, Berge, Schokolade, Alltag, Strom, Wasser, Schnitzel, Cafés, frischer Luft. München. Europa. Infrastruktur! Freiheit! Essen! Wetter! Öffentlicher Nahverkehr! Klettern! In Seen baden! Fahrradfahren! Biergärten! Strand! Unfreundliche Busfahrer! Allerhöchstens noch die Schweiz, vielleicht Italien. Abgemacht.

Tims Anruf und das Verlesen der ungefragten Bestätigung machen mich irr kichern. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier nun niemals wegkommen. Wie der Mann, der in dem Film den Flughafen nicht mehr verlassen darf.
Tims Firma ist eine deutsche Maschine. Geprüft seit 1948 entkommt dem System so leicht keiner mehr. Die Verträge gehen bis zum exakten Datum des Renteneintrittsalters. Mittagessen und Sozialprogramm sind penibel geplant, die Mitarbeitenden sind ihr eigenes Hochglanzabbild.

Tim schreibt der Frau Halloooo eine Nachricht, es liege wohl ein Irrtum vor. Ein „Halloooo Herr Tim! Schade. : ((( “ später taucht Tims Stelle dann tatsächlich in der Liste der neu zu besetzenden Posten auf. Erleichtert (aber ich noch nicht zu hundert Prozent überzeugt) ein Blick auf die anderen Vakanzen.

Afghanistan, Pakistan, Ruanda, Südsudan. Ägypten. Kongo. Nee. München.
Armenien, ah, zu viele Rohstoffe. Indien, hm. Marokko, war schon mal im Gespräch. Kirgistan – haben wir nicht kürzlich erst darüber gesprochen? Georgien, naja, nun, aber – die Küste! Wollten wir nicht eh noch mit dem Auto nach Tiflis, äh, wenn das Militär wieder weg ist?

Glitzer, strahlt mich Tim auf einmal an, Glitzer – Ulaanbaator. Ich denke an den Kamelfilm und Berge und Schnee. Wir beugen uns über den Atlas, Irkutsk ist quasi ums Eck und Tim lacht mich aus, als ich sage, ich könne dann endlich die Chinesische Mauer sehen.

Später lese ich, dass man Milch zum Trocknen aufhängt und dass beschädigte und kleinere Geldscheine beim Wechseln einen schlechteren Kurs erzielen. Das Land fühlt sich nach tollen Geschichten an, auch wenn dort niemand wohnt, in der Mongolei. Außer ein paar Pestflöhen. Dafür aber gibt es keine Malaria. Wir schmunzeln die Flause ein bisschen durch den Nachmittag.

Dann machen wir uns an unseren kulinarischen Heimwehabend und knödeln dreierlei Knödel, die nach zu Hause schmecken. Der Abschied geht los.

Ich habe Ihnen von neue Firma erzählt, die die alte Firma plus zwei andere Firmen ist. Neue Firma ist ein Fusionsprodukt. Keine Fusion im herkömmlichen Sinn, sondern eine Fusion, die so tut, als dürfte niemand seinen Job verlieren und als müssten alle drei Firmen gleichberechtigt sich in neue Firma wiederfinden können, obwohl eine der alten Firmen siebenmal so groß, wichtig und kompetent ist wie die beiden anderen zusammen.

Im Zuge dieser Fusion voller Widernatürlichkeiten entsteht Fusionssprech, zurzeit en vogue ist es, die totale Integration hin zur Vollfusion auf Augenhöhe bei laufendem Produktionsprozess anzustreben. Laufender Produktionsprozess. Dabei fassen wir kaum mehr was an, wir beraten und produzieren bisweilen in ohnehin heißen Ländern heiße Luft. Meine Stelle natürlich bildet hier eine Ausnahme, ich entstamme einem der beiden Zwergenfusionspartnern der Augenhöhe. Trotzdem habe ich ein grünes Logo an meine Tür geklebt. Überhaupt, überall dorthin, wo vorher ein gelbes war. Seither fühle ich mich total integriert.

Gestern erreichte uns das erste Sammelheft Funktionssprech, die interne Unternehmenszeitschrift. Der Oberbefehlshaber spricht hier gerne von der erwiesenen, ständigen Fusionsbereitschaft seiner neuen Truppe, deren Mission es sei, den Weltmarkt anzuführen. Das Sammelheft heißt „greifbar intern“. „Intern“ hießen die alten Zeitschriften von zwei Vorgängerorganisationen, „greifbar“ die der dritten.

Jetzt frage ich mich, ob neue Firma nach der Fusion auch extern greifbar ist, ob es Dinge gibt und welche Dinge es sind, die weder intern, extern oder sonstwie greifbar, begreifbar oder gar unangreifbar sind. Oder ob es dafür eine extra Zeitschrift gibt, so ähnlich wie „KGB aktuell“. Dort heißt es dann nicht mehr Weltmarkt, sondern Weltherrschaft. Aber vielleicht wittere ich zu sehr die Fusion als ihre Widernatürlichkeiten, selbstverständlich sind wir bei laufendem Produktionsprozess völlig transparent.

Die Zeitschrift schlägt sich von selbst in der Heftmitte auf, eine Weltkarte, in der alle Standorte von neue Firma eingetragen sind. Alle? Nur ein kleines westafrikanisches Büro ist im Nachbarland gelandet. Nachbarland hat nun zwei Standorte, wohingegen mitten im Sahel eine Lücke klafft, nicht schwierig zu erraten, ich arbeite in dieser Lücke. Ich bin zwar laufender Produktionsprozess, aber anscheinend trotz Logotreue nicht totalintegriert oder aber nicht für voll fusioniert.

Verwunderlich, erst gestern hieß es, unser Standort solle den Pilot der Piloten für den Vollfusionsprozess darstellen. Wenn aber die grüne Vollfusion eine Totalintegration in das Nachbarlandbüro heißt, wird wohl auch der laufende Produktionsprozess verlagert. Vielleicht also stellen wir auf fernmündliche Beratung um, die ist besonders teuer, wie man weiß. Dadurch würde der unsichtbare Pilot der Piloten die Geschäftszahlen auf unerklärbare Weise nach oben treiben können.

Durch diese Aktion im Untergrund zur Eroberung des Weltmarktes werden wir bestimmt ein Fall für „KGB aktuell“. Um die Mission nicht zu gefährden, kratze ich vorsichtshalber das neue Logo von der Tür und schlage mich mitten in den Sahel. Von hier operieren auch andere Untergrundgruppen schon recht erfolgreich. Aber psssst. Sonst wird zurückfusioniert.

Ein Mann sieht mir über die Schulter in meinen Visumsantrag. Das sei ja wunderbar, dass ich sie besuchen komme, sogar mehrere Male in den nächsten Monaten. Hoch erfreut, gute Reise, grüßen Sie mein Land und Grüße an die Familie. Mein blasses „Merci Monsieur“ stammele ich erst, als er schon im Treppenhaus verschwunden ist.

Der Botschafter, erklärt die traurige Frau hinter der Glaswand. Ob ich schon einmal in ihrem Land gewesen sei. Sie vermisse ihr Land. Deutsche, aha. Ob ich hier arbeitete. Ob ich Arbeit für ihre Kinder hätte. Die Tochter sei Juristin und ihr Sohn gebe vielleicht einen guten Gärtner ab. Hier sei alles so schwierig. Ebenso wie zu Hause. Dennoch sei man lieber zu Hause. Ja, stimmt, wenigstens sei die Familie zusammen, aber so, ohne Arbeit. Und ohne Zuhause.

Sie beäugt meinen Visumsantrag, streicht darin herum und betrachtet lange die beiden Fotos. Ob ich sie gerade eben hätte machen lassen, hier an der Ecke. Ich bejahe, jede Polaroidpassbildkamera wird hier eine Art Fotostudio. Manchmal mit Bettlaken als Hintergrund, manchmal mit bollywoodreifer Fototapete.
Ob ich noch eines übrig hätte, nein, nein, nicht für den Antrag. Sie würde es gerne für sich nehmen. Sie sammle die Gesichter zu den Anträgen. Und manchmal, wenn das Heimweh zu stark würde, dann stelle sie sich die Straßen ihrer Stadt vor und wie die Gesichter darin herumliefen, alle mit ihrem Stempel im Pass. Das helfe gegen Heimweh, hier, hinter der Glasscheibe, während man auf die Leute wartete, die in ihr Land wollten.

Sie stempelt meinen Pass, schreibt mir ihre Telefonnummer auf, falls ich einen Gärtner oder eine Juristin bräuchte und seufzt mir „Gute Reise“ zu, bevor sie ihr Mikrofon ausschaltet und hinter der Scheibe groß verstummt. Mein übriges Foto klebt sie zu den anderen in ein altes Schulheft.

Ich trete in den Hof und von oben ruft mir der Botschafter ein weiteres Mal Gute Reise! zu und wie auf Kommando echot es aus verschiedenen Ecken „Gute Reise, Madame!“, „Grüßen Sie unser Land, Madame!“
Es ist, als würde ich sie alle mitnehmen. Vielleicht hätte ich sie nach einem Foto fragen sollen, um es in die Straßen ihres Landes zu streuen.

Früher saßen in diesem Büro die Praktikanten. Die gibt es nun nicht mehr, wegen der Sicherheit. Nicht des Büros, des Landes. Dabei ist es nicht unsicher, das Land. Gut, das Nachbarland und die ehemalige Kolonialmacht fliegen Luftangriffe – aber über 1000 Kilometer entfernt und gegen Al Quaida, bitteschön, das ist doch nicht „das Land“. Land ist, durch die Strassen zum Supermarkt zu laufen. Alleine. Als Frau. Und nichts passiert.
Das würde ich auch tun, wenn Polen und Russland Al Quaida aus Görlitz hinausbombardierten, in München zum Supermarkt laufen. Wahrscheinlich.

Wobei. Das würde ich nicht. Erstens hinkt der Vergleich und überhaupt wird es nie eine Ortsgruppe Görlitz geben, von Al Quaida, denn dort gibt es blühende Landschaften und hier gibt es Wüste. Blühende Landschaften. Ich sage das ohne Ironie, schließlich bin ich eingeladen, auslandsdeutsch den Tag der deutschen Einheit zu feiern.

Ja, auslandsdeutsch. Das bin ich seit heute offiziell. Als auslandsdeutsch registriert man sich für den Krisenfall, der hier nicht eintreten wird, aber wenn, dann wird man angerufen. Falls ich möchte, dass mich im französischen Krisenfall auch die Franzosen anrufen, kann ich das ebenfalls angeben. Allerdings bezweifle ich, dass mich überhaupt irgendwann irgendwer anrufen würde, denn in der Rubrik „besondere Fähigkeiten im Krisenfall“ kann ich leider nichts angeben: keine außergewöhnlichen Sprachkenntnisse, das Dasein als Krankenschwestertochter zählt nicht zu Erste Hilfe und ob man schon mal jemanden aus einer Lawine gegraben hat, interessiert in der Wüste nicht. Und selbst das könnte ich nicht vorweisen. Diese umfassende Nichtbefähigung fühlt sich ein bisschen an, als habe man nicht gedient. Aber gut, es wird keinen Krisenfall geben und heute feiern wir sicherheitshalber den Tag der Deutschen Einheit.

Zu diesem Zweck bin ich nicht nur auslandsdeutsch, sondern auch „liebe Landsleute“. Das war ich noch nie. „Liebe Landsleute Auslandsdeutsche“. Das sagt zwar kein Mensch, auch der hauptberuflich auslandsdeutsche Botschafter nicht, aber so fühlt sich das an. Eingeschworen wie ein gallisches Dorf. Was ist die deutsche Entsprechung zu Gallien? Niederbayern?
Als die Hymne erklingt, salutiert die – im Gegensatz zu mir – dienende Bundeswehr. Die Soldaten können bestimmt alle was angeben in der Rubrik besondere Fähigkeiten. Wahrscheinlich aber ruft sie dennoch niemand an, weil sie ja ohnehin schon immer mitten drin sind, im Krisenfall. Den es nicht geben wird. Langsam arbeiten sich beständig Einigkeit und Recht und Freiheit durch die Reihen. Manche Augen der lieben Landsleute Auslandsdeutschen glänzen fast weihnachtlich.

Feierlich werden wir noch einmal begrüßt und ebenso die Honoratioren Kenias. Wir befinden uns überhaupt nicht in Kenia und außer der Frau des Botschafters sind auch keine Kenianer oder Kenianerinnen anwesend. Aber wen interessiert schon, wo genau man weg ist, wenn man nicht zu Hause ist. Ich hole mir noch ein Bier und versuche, mich wohlzufühlen.